15.9. 10

Mittlerweile bin ich glücklich über meine wieder produktiven Zeiten.
Finanzen sortiert, komplizierten Antrag ans Amt geschrieben und abgeschickt und an der Homepage weitergefrickelt steht in meinem „Erledigt“-Heftchen.
Das Telefon wird von Tag zu Tag ruhiger. Meine Schützlinge sind nun anderswo untergekommen. Ich habe zu ersten Mal seit Jahren die Chance und die Aufgabe, mir den Tag selbst einzuteilen. Das fühlt sich verdammt gut an und ich kann damit auch in ruhigeren Zeiten meine Buchpläne wieder ausgraben.

Vormittags war Randale im grünen Innenhof. Das Areal wird – komischerweise immer zu bestimmten Zeiten – von Elstern heimgesucht. Diesmal beschränkten sie sich nicht darauf, sich gegenseitig auf die Mütze zu hauen und das Futter abzujagen, sondern es gab eine Massenkeilerei.
Sie jagten eine Herde Stare im Kreis. Die sich erstaunlicherweise wehrten. Danach war das Eichhörnchen dran, das hier lebt. Sie umzingelten es und versuchten, es zu hacken. Das Eichhörnchen fauchte und spuckte und durchbrach den Kreis. Danach hielt es sich nur noch an Stellen auf, zu denen die Elstern keinen Zugang hatten, weil sie entweder keinen Platz hatten, die Flügel auszubreiten oder nicht so hoch springen konnten. Immer wenn sich eine Elster doch durchzwängte, wurde sie angefaucht.
Ich habe mir sehr das Knicker-Luftgewehr der Kinderzeit zurückgewünscht, um diesen blöden schwarzweißen Mistviechern eins auf die Federn zu brennen.

Um die Mittagszeit flattere dieser Tweet der geschätzten Kaltmamsell ins Haus:

Ist doch als Kompliment gemeint? Ist doch nur Spaß? Cartoon Street Harassment http://bit.ly/cE4VIQ via http://maedchenmannschaft.net/

Ich weiß, das jetzt einige die Augen verderhen, aber ich beiße mich an feministischen Themen bekannterweise ganz gern fest.

1. Ich finds mittlerweile ganz nett, wenn mir jemand hinterherpfeift. Mit Mitte 40 passiert das nicht mehr oft. Ich bin raus aus der gebärfähigen Zielgruppe, die diesen Balz-Reflex auslöst.
2. Ich bin sehr sehr selten so dämlich angemacht worden, wie dort beschrieben. Und wenn haben die Jungs von mir ein Echo bekommen, das sie schleunigst den Sch… einklemmten und sich trollten. Respekt bekommt, wer Respektgebietend auftritt.
3. Anmache als Form von Machtausübung ist mir öfter passiert. Entweder weil mir in diesem Fall die die Rolle des dominierten Weibchens gefiel (ggf. spielte ich das Spiel mit, um ein Ziel zu erreichen) oder weil ich nicht in der Lage war, gegenzuhalten. Wie in diesem Fall.
4. Männer sind Männer. Wir lassen und schließlich auch nicht unsere weiblichen Marotten verbieten, die auf Männer ähnlich nervend wirken.
5. Ich kann zwar nicht laut genug pfeifen, aber Sahneschnittchen haben immer meine laut geäußerte Aufmerksamkeit. Ich habe noch nie einen gutgebauten Oben-Ohne-Jogger kommentarlos seines Weges ziehen lassen.

Abends war dann sogar noch Zeit für Kino. Bal stand auf dem Programm. Allein für die Tonspur hat sich der Film gelohnt.

Vollidioten

Es ist mir in den letzten Jahrzehnten immer wieder passiert, daß Leute, die eine Idee hatten, mich um Hilfe oder Zusammenarbeit baten.
Was mir ja grundsätzlich schmeichelt und so manche gute Kooperation ist daraus entstanden.
Dann gibt es aber die Vollpfosten, die null Gefühl dafür haben, was man tun will (auch wenn es gerade finanziell nicht zum Besten steht) und was einen weiterbringt.
Mir hat in diesen Zeiten zwar niemand angeoten, für ihn auf den Strich zu gehen, aber ich habe einige sehr sonderbare Akquise- und Verkaufsangebote aus dem engsten Freundeskreis bekommen.
Ich sollte zum Beispiel selbst hergestellte gekochte Maiskolben vor der TU verkaufen. – In Zeiten, wo das mit dem vegetarischen Essen noch nicht aktuell war.
Oder von einer Telefon-DVD Listen von potentiellen (nicht technikaffinen) Kunden erstellen und per Kaltakquise und mit selbsterstellten Verkaufsargumenten durchtelefonieren, ob jemand ein völlig abstruses Netzwerk-Gadget will. – Auf Erfolgsbasis wohlgemerkt.
Oder jemand, der eine recht gute Idee fürs Personalmarketing hatte, dem ich ebenfalls die Leute vor die Flinte treiben sollte.

Steht auf meiner Stirn: Ich bin eine Drückerkolonne?
Wenn die Idee gut wäre, würde ich sie selbst realisieren. Wer einen Akquisefredi braucht, um seine Ideen zu verkaufen, der vertraut ihnen nicht.

Veröffentlicht unter Exkurs

14.9. 10

Selbstmordwetter.
Ich stand über Gebühr früh auf und fuhr zu einem Termin, in dem über meine weitere existenzielle Zukunft entschieden würde. Meine Vorahnungen waren so düster wie das Wetter, aber Gott sei Dank können Vorahnungen täuschen. Die Sachbearbeiterin hatte bessere Laune als vor einem halben Jahr. Ich habe jetzt noch ein Jahr Luft und Zeit, die neue Existenz tragfähig zu machen, ohne am Monatsanfang Panik vor der Mietüberweisung zu bekommen. Bis auf eine unangenehme Sache, das Stopfen einer Gesetzeslücke per einstweiliger Verfügung, kann ich recht optimistisch sein.
Da der Termin ohne lange Warterei stattfand, konnte ich mich danach in Ruhe auf die letzte Stunde beim Unternehmensberater vorbereiten.
Wir machten eine gute Schlußrunde: es ist alles so auf dem Weg wie es sein soll und die verfahrene Kiste, mit der ich vor fast genau einem Jahr zu ihm gekommen war steht wieder ordentlich und ist nicht mehr mit lauwarmer, abgestandener Luft, sondern mit dem frischen Wind realistischer Zukunftspläne gefüllt.
Es ist jetzt alles eine Nummer kleiner, aber paßt zu mir.
Ich lud mich zur Feier des Tages zum Lunch beim Vietnamesen ein.

Nachdem ich mir zum zweiten Mal nasse Füße geholt hatte – Merke! Wer kein Auto mehr hat, braucht bequeme, wasserfeste Schuhe mit strapazierfähigen Sohlen! – gönnte ich mir gleich noch einen Mittagsschlaf. Ich bin schließlich ab dem 1. Oktober Freiberuflerin, da kann ich arbeiten, wann ich will.
Dann haute ich noch ein paar Schneisen ins Papier und telefonierte endlich mal wieder mit La Primavera. Immer schön zu merken, daß es einem Gold geht. Sie erzähte von einer gemeinsamen Bekannten, der innerhalb einer Woche die Lieblingstante gestorben war, die Tochter mit dem zweijährigen Kind wegen häuslicher Gewalt wieder bei ihr vor der Tür stand, ihr Sohn mit einem Magendurchbruch ins Krankenhaus kam und zu allem Überfluss lag noch eine Kündigung im Briefkasten. Also: es geht mir verdammt gut. Der größte Teil meiner Probleme ist mit meinem Mist gedüngt.

Dann kam noch ein langes Gespräch mit meiner Mutter. Ihre Mutter, meine „andere Oma“ hat wieder Krebs. Da sie 89 und ziemlich hinfällig ist, rät der Arzt vernünftigerweise von einer Operation ab. Bisher ist nur eine Geschwulst in der übriggebliebenen Brust zu sehen, scheinbar hat sie noch nicht gestreut. Das ist das eine. Das andere ist, daß die arme alte Frau nun wie ein Kaninchen im Autoscheinwerferstrahl hockt und die Metastasen auf sich zurasen sieht. Die Sprachlosigkeit in dieser Familie tut das ihre dazu. Hier wird nur reagiert, wenn der Druck nicht mehr auszuhalten ist.
Meine Oma redet zwar seit 39 Jahren vom Sterben, seit ihr Mann an zu spät erkanntem Darmkrebs mit nur 52 Jahren starb, und führte ein Leben auf Abruf, aber jetzt, wo der Tod vor der Tür steht, scheint es, als sei ihr ständiges Reden darüber, das Erbe aufteilen, den Countdown zählen, nur die permanente Bewältigung einer lähmenden Angst gewesen. Bei ihr hätte ich damit gerechnet, da sie auf das, was kommt, eingestellt ist. Aber das scheint nicht so. Wie auch in den vorhergehenden 39 Jahren räsonniert sie, badet in Negativität und erklärt ihre Tochter zur einzigen Bezugsperson und ködert sie mit finanzieller Unterstützung. Schon schwierig, da einen Zugang zu finden.
(Für mich ist es noch schwieriger, je älter und reflektierter ich wurde, desto mehr wandlte sich mein Mitleid in Abneigung bzw. Distanz.)
Ich weiß nicht, inwieweit ich meiner Mutter mit dem Rat, so viel wie möglich vorher mit Oma zu besprechen, solange sie noch klar im Kopf ist, Blödsinn erzählt habe. Aber jemand, der sich so intensiv mit dem Tod beschäftigt, hat vielelicht doch einen Plan oder eine Vorstellung vom Sterben.
Oh Mann.

Am Abend hatte ich dann zum dritten Mal nasse Füße, als ich eine Viertelstunde auf den überfälligen Bus wartete. Das blöde an öffentlichen Verkehrsmitteln ist, daß immer die anderen schuld sind, wenn man so wie bestellt und nicht abholt im Regen steht. Die Unmöglichkeit der Einflußnahme erhöht den Aggressionspegel enorm – und man kann nicht so die Sau rauslassen wie bei wilden Überholmanövern im eigenen Auto.

Veröffentlicht unter Leben

13.9. 10

Mir zuckte kurz der Gedanke durch den Kopf, daß Montag, der 13. eigentlich viel schlimmer als Freitag, der 13. sein müßte, weil sich das unheilvolle Potential der bösen Zahl mit dem fürchterlichen Montag addiert.
Aber ich kann seit einigen Wochen vermelden, daß ich meine alten Montage zurück habe, an denen ich – ausgeruht vom Wochenende und voller neuer Ideen – bis in den Abend arbeite und mich bremsen muß, um nicht zu lange am Schreibtisch zu sitzen. Der Montagshorror ist weg, inklusive dem Gefühl, das es irgendwann mal einer merken könnte, daß ich die Hauptrolle im falschen Film spiele.
Am Mittag hing mir der Mann ein Regalbrett in die Kombüse, damit ich meine Vasen unterbringen kann. Ich habe wahnsinnig viele Vasen. Genauer gesagt 20. Kristall, Ton, Hüttenglas und zarte Porzellanteilchen aus den Zeiten, als ich den Tanten noch eine handvoll Gänseblümchen brachte. Immer wenn ich beschließe, mich von einer zu trennen, bekomme ich garantiert hinterher einen Blumenstrauß geschenkt, für den ich sie gebraucht hätte. Also bleiben sie allesamt beieinander.
Das Nestchen wird kuschelig. Es stehen zwar immer noch ein paar Kisten herum, weil die Bauarbeiten noch nicht beendet sind, aber das Baustellenfeeling ist weg.
Am Abend hatte die Küche ihre erste logistische Belastungsprobe. Ich machte helle und dunkle Rührkuchen im Glas und testete dabei gleich meinen neuen 500W-Mixer, der die alte, außer Dienst gestellte Küchenmaschine ersetzen sollte. Nun weiß ich, daß ich alle Zutaten und Geräte wie Operationsbesteck um mich herum ausrichten muß, denn ich kann nicht mal eben Mehltüte, Waage und Schüssel beiseite schieben, um das Backblech vor dem Vorheizen aus dem Ofen zu holen. Aber es funktionierte und zumindest die Schokoladenkuchen sahen verdammt eßbar aus.
Das Dauerthema Homepage kommt so langsam zum Schluß. Die meisten Texte stehen und jetzt darf ich Layout basteln. Das war wie heiteres Beruferaten. Wer bin ich? Personalentwicklerin? (Gähn!) Persönlichkeitscoach? (Esoverdacht!) Social Media Beraterin? (Oh Gott, noch eine!) PR-Beraterin? (ist doch nur für Stars!) So richtig hab ich das noch nicht gelöst. Ich hänge das erstmal an mir auf, dann muß ich nicht mit so einem Schildchen durch die Gegend laufen. Letztlich bin ich den Selbstdarstellern entflohen, um Menschen zu zeigen, wie sie sich und ihre Projekte überzeugend und authentisch darstellen. Schaun mer mal.

Veröffentlicht unter Leben