21.9. 10

Der Alltag des Landmenschen ist einfach strukturiert. Aufstehen, wenn der Morgen hell über dem Hügel steht. Kaffee trinken, dazu ein Brot und einen Löffel Honig essen. Dann in die Stadt fahren zum Einkaufen. Aus dem Weg dorthin wird Station gemacht, um auf einem nur im Sommer bewohnten Nachbargrundstück die Pflaumen, Äpfel und Birnen vor dem Verfall zu retten. Besonders um die Pflaumen ist es jammerschade. Sie sind riesig, fest und zuckersüß. Wir pflücken einen Korb voll. Dann kommt eine schnelle Runde durch die Supermärkte. Wein, Käse, Brot, Butter, Hefe, Milch und Wasser und schon geht es wieder zurück. Kurz vor der Stichstraße zum Haus wird noch ein Feigenbaum geplündert.
Dann ruft die Arbeit. Es ist bedeckt, ideal um den Zaun zu flicken. Aus den geplanten zwei Stunden werden sieben. Der Weinbauer nebenan hat im Frühjahr mit seiner Raupe allzu großzügig gewendet. Ganze fünfzehn Meter müssen an der Unterkante, genau dort, wo Getier gern durchschlüpft, gedoppelt und wieder eingegraben werden. Ich blieb ein paarmal in stachligem Gestrüpp hängen, einmal klemmte mir unangenehmerweise sogar eine Dornenranke am Ohr.
Aber ich hatte mir eine gute Gelegenheit geschaffen, kleine Pausen zu machen. Ich setzte in der Küche einen Hefeteig für Pflaumenkuchen an, später zauberte ich einen kleinen Imbiß aus geröstetem Ciabatta, Pecorino und Feigen.
Als der Pflaumenkuchen am späten Nachmittag duftend aus dem Ofen kam, war der Zaun wieder heil und die Sonne kam heraus. Es gab Kaffee, Pflaumenkuchen und Sonnenuntergang.

20.9. 10

Der erste Urlaubstag.

Die drei Tage vor der Abreise waren Schreibtischgroßeinsatz. Alles noch einmal in die Hand nehmen: Ist da irgendwo eine Frist? Noch was zu erledigen? Sind noch Mails unbeantwortet? Offene Telefonate?
So sehr a jour war ich seit zwei Jahren nicht. Ok., bis auf 6 Monate halbfertige Buchhaltung, die dann auch gern noch 10 Tage warten kann.
Am Samstag wühlte ich mit dem Kind in alten Fotos. Ich habe nämlich immer noch Schulden bei ihr. Sie hatte sich zum 18. Geburtstag ein Fotoalbum gewünscht. Die Bilder hätte ich dann aber von überall her besorgen müssen, denn ich bin nicht unbedingt eine Fotosammlerin. Ein guter Grund, die Wunscherfüllung zu verschieben bis heute. Aber nun wird es.
Der Sonntag gab Zeit für die letzten Briefe und Rechnungen. Das Kofferpacken ging schnell. Einmal für abends, einmal für Kleinstadt und ansonsten Gartenhosen, Sonnenkleidchen, Blusen und Shirts. Da ich körperlich noch einmal neue Dimensionen erobert habe, konnte ich nichts einfach so in den Koffer werfen. Ich mußte jedes Stück anprobieren und das eine oder andere grummelnd aussortieren. Nach wie vor verweigere ich den Neukauf in Zeltformen.
Die Internistin sagte, ich müsse das 10 Wochen aushalten, daß sie mein Schilddrüsenhormon nochmals reduziert hat. Sie will sehen, daß sich das bequeme Organ wieder ein wenig selbst betätigt. Momentan sieht es aber nicht so aus.

Am Montag vormittag ging es los. Ich bin der Fluggesellschaft immer wieder dankbar, daß es nach Sardinien auch zu christlichen Zeiten geht und ich nicht um 4 Uhr morgens halb schlafend das Haus verlassen muß. Mittlerweile habe ich nicht einmal mehr Easyjet-Panik. Weil es für eine alleinreisende Person schlichtweg idiotisch ist, als erste den Flieger zu stürmen, weil sich dann garantiert die größten Nervbolzen neben einen setzen, trödelte ich noch ausgiebig herum. Ich machte sogar noch ein Foto im Paßbildautomaten für den Vorher-Nachher-Eindruck.
Die Insel empfing mich mit Sonne, Wolken und 25 Grad. In der letzten Woche war es wesentlich wärmer, so langsam fängt auch hier die entspannte Spätsommerzeit an. Aus Berlin anzureisen bedeutet eine anderthalbstündige Fahrt quer über die Insel, der Halt an einem Truckstop brachte Meeresfrüchterisotto wie bei Muttern und Hauswein.
Ich sah die Landschaft zum ersten Mal nach einem Sommer. Alles, was im Frühjahr grün und bunt blühend vor einem liegt, ist gelb gebrannt. Nur die Weinfelder leben noch. Einige Bauern haben schon mit der Weinlese begonnen, andere warten noch auf Regen, der die Trauben wieder anschwellen läßt. – An der Westküste hat es seit zwei Monaten nicht geregnet. Dort, wo ich bin, hat es nicht einmal Sommergewitter gegeben, die blieben alle über dem Meer oder in den Bergen hängen.
Das Wildschweinchen des Nachbarn hat eine Frau bekommen. Eine kleine rosa Haussau. Das – so sagen die Einheimischen – soll die leckersten Spanferkelchen geben. Bisher waren die beiden aber so jung, das sie nichts anderes miteinander anfingen, als sich von der Futterschüssel wegzurempeln.
Nun stand ich zu dritten Mal auf dem Berghang, das Haus im Rücken und sah auf das Meer. Meine Seele schwebte noch irgendwo über den Alpen herum und beeilte sich nachzukommen. Ich gab ihr Zeit und harkte frisch gemähtes Gras. Hier wachsen die Grasrhizome nicht unter der Erde, die ist zu hart. Sie kriechen mit bindfadenzähen Trieben über den steinharten Boden und wenn sie eine feuchte Stelle finden, schlagen sie Wurzeln. BIs sie dann ein Mensch ausreißt, zusammenträgt und den Steilhang hinunterwirft. Die einige wenige Bäume im Garten tragen die ersten Oliven, haben aber noch nicht die Kraft, sie bis zu Reife zu ernähren. Das wird. Oliven brauchen Jahre. Ich sah einen großen Falter, der vor Blüten stand wie ein Kolibri.
Ich genoß die Ruhe. Es ist ein Unterschied, ob Geräusche zu einem gigantischen unterschwelligen Rauschen zusammenfließen oder ob man vor dem Hintergrund von Stille einen Bootsmotor draußen auf dem Meer, einen Hund aus der Siedlung nebenan und den Traktor des Weinbauern im Tal hört. Hier und bei La Primavera läßt sich der Geräuschdreck der Großstadt erst richtig begreifen.
Der Abend kam früh, mit Wolken, die über die Berge zogen. Der Mond ging in einem Dunstschleier auf. Die Zikaden rund ums Haus hatten waren auf eine angenehme Tonlage gestimmt.
Ich fiel nach einem Glas Rotwein früh ins Bett.

up and away

Bis zum 30. September könnte es hier recht ruhig werden.
Ich werde zwar schreiben, aber ob ich zum Upload komme, weiß ich noch nicht, allzuviel Internet gibts dort nicht und wenn, fliegt es durch die Luft und ist teuer.
Tschüß dann und paßt auf, wenn ihr über die Straße geht!

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16.9. 10

Die Tage fließen mal wieder ineinander und ich kann mich kaum erinnern, was sich wann ereignet. Das ist immer der Fall, wenn ich mir zuviel zumute. Insofern ist das Tagebuchbloggen ein guter Indikator. Wenn ich Eindrücke nur noch abwehre wie einen Platzregen, dann habe ich irgendwann ein Problem.
Der gestrige Tag gehörte der Homepage. Ein paar Frickeleien am Code und so langsam kommen die fehlenden Worte eingetrudelt wie verspätete Lieferungen. Je weniger Text, desto länger dauert die Wortfindung.
Ich kochte mir Milchreis zu Mittag. Als ich ihn für ein halbes Stündchen zum Schlafen ins Bett legte, meldete sich LaPrimavera. Sie hat ein großes Projekt zu konzipieren und ich sollte meinen Senf dazu geben. Das schöne am gemeinsamen Arbeiten mit ihr ist, daß wir uns aufs Wort verstehen und uns so einiges um die Ohren hauen können. Das macht solche Gespräche wunderbar effizient.
Der Milchreis war danach butterzart und eher lauwarm und ich fiel bald um vor Hunger. Natürlich aß ich zuviel davon und so war mir erstmal übel. Als Ausrede zum Nichtarbeiten reichte es leider nicht.
Aber ich ließ mich auch gern ablinkenlenken und stellte für das Twitter-80s-mem ein echtes 1983er Kitty-Foto ein. Einfach mal als Gegensatz zu den Baby- und Kleinkindfotos in meiner Timeline.

kitty1983

Natürlich kamen hinterher die erstaunten Kommentare: Das ist 27 Jahre her! Ja, und ich bin noch genauso albern wie damals.

Zumindest schaffte ich es, mich erfolgreich um die Buchhaltung zu drücken, die nun wie ein Riesenberg über mir aufragt.
That’s Life.

Veröffentlicht unter Leben