Das war so eine Sache. Ich las wahnsinnig gern, aber ich ließ mir auch hier nichts vorschreiben.
Mal abgesehen davon, daß ich längst haufenweise Erwachsenenbücher las, als auf dem Lehrplan noch Kinder- und Jugendliteratur stand.
Die nächste Sache war die schematische Interpretation der Literatur. Das ist halt Schule. So wie heute bei jedem Buch und jeder Geschichtsepoche über die Rolle der Frau gesprochen wird, mußten wir das Augenmerk legen auf den Proletarier, Underdog oder aufgeklärten Bürgerlichen (der dann doch in den Fesseln seiner Zeit etc.). Laaangweilig!
Wir lasen Thomas Mann Mario und der Zauberer und es ging hartnäckig immer nur um das eine: da ist einer, der Menschen verführt und einer, der ihm widersteht. Was meint das? Ja, antifaschistischer Widerstand…, bla…
Ich interessierte mich in dieser Zeit eher für Dr. Faustus und hatte Wälsungenblut und Der Tod in Venedig gelesen.
Als ich dann Lehrer hatte, die sich ein wenig mehr Freiheiten trauten, über Stilistik sprachen und auch freies Schreiben über die Texte zuließen, hatte ich längst mein Interesse ans Theater verloren. Ich pinselte nebenbei in der Theaterkantine noch ein paar Gedichtinterpretationen, über die sich dann die Deutschlehrerin fast überschlug vor Lob, aber mich interessierte es nicht mehr richtig. Trotzdem bin ich ihr dankbar dafür, daß sie mein freies Denken zugelassen hat.
Viel vom der Schulliteratur habe ich Jahre später dann gern ode überhaupt erst einmal gelesen. Die Kunst bestand schließlich darin, einen Aufsatz über Faust zu schreiben und ihn nicht gelesen zu haben.
Und der Faust, der treibt mich noch immer um, das ist eines der wichtigsten Bücher.
Der ganze Fragebogen.