Hitze und die vorletzten Woche bevor wieder so etwas wie der Ernst des Lebens beginnt. Mein Leben hält den Atem an. Flaute? Zeit zum Kabel spleißen und Deck putzen!
Positionsbestimmung. Ok. Du da, dort ich und was jetzt?
Ich bin einmal durchgetaucht unter dem Kiel meiner kleinen Lebensjolle. Bin spuckend und wimmernd an Land geschwommen, hab das angeschwemmte Boot flottgemacht, mich in der Sonne getrocknet, die Angst vor den Wellen verloren und nun segele ich bis auf weiteres nicht mehr allein weiter.
Was kommt? Stracker Wind in meiner Richtung? Riesenwellen von Stürmen irgendwoher? Strömungsgekabbel?
So viel Kraft habe ich noch nicht, ich muß an der Küste bleiben.
Und nun???? – Gute Frage!
Das mit dem Bloggen ist tatsächlich so eine Sache geworden. Über Probleme schreibt es sich wesentlich besser, als im eitel Honigmond zu schwelgen und Abenteuer passieren grade nicht.
Ich falle zwar mal in Mitte inmitten des Berufsverkehrs vom Fahrrad, weil ich ohne Kaffee und Frühstück aus dem Bett gekommen bin, aber das bleibt eine einmalige Tat, danach hab ichs gelernt.
Meine hausfraulichen Qualifikationen werden plötzlich wichtig, weil es da eine Wohnung in Berlin Mitte gibt, in der ziemlich ganz doll sehr die Frau fehlt. Die dann Schränke mit Geschirr und Töpfen füllen und Vorhänge aufhängen darf.
Was dann natürlich kommt, ist die Sofasuche.
Das Briefing an den Verkäufer klänge ungefähr so:
Also es soll hell sein, gute Proportionen und filigrane Chrombeine haben. Es darf um die Ecke gehen, damit wir den Fernsehturm sehen können dort auf der Prenzlauerbergkante und muß sich gut anfühlen, wie Haut, bloß nicht dieser blöde graue Tweed, der grade modern ist. Die Lümmel- und Liegefläche sollte nicht zu weich sein und zwei normalgewichtigen Personen, zwei iPads, zwei MacBooks und zwei iPhones Platz bieten. Die Personen schon auch mal verschränkt ineinander, sie wissen schon. Des weiteren sollte Rotweinfleckentfernung einfach sein.
Bitte bezahlbare Angebote an Graf Typo und Miz Kitty.
Und dann das mit dem Job. Nachdem es mich im Dezember rausgehauen hatte, weil ich einfach zu früh wieder dabei war, mich unter Druck zu setzen.
Dann kam das eine Angebot aus der säggsschen Brovindz, an dem ich grade werkele. Wo der Weg von: Wir schaffens weg! zu: Das ist doch noch gut! (oder so) geht.
Wo alles dabei ist. Bagger und Abrißbirnen und riesige LKWs genauso wie eine grade entstehende Seenlandschaft, auf deren Grund das Dorf liegt, in dem ich mein erstes Lebensjahr verbrachte.
Gutes Karma und mit Frau Hühnerschreck eine wunderbare Auftraggeberin.
Manchmal hab ich Angst, daß ein Abgesandter vom lieben Gott reinkommt und alles, was in der letzten Zeit passiert ist, wieder mitnimmt, weil es falsch adressiert oder eine Nummer zu groß geliefert wurde.
Das kann doch nicht alles für mich sein. Der Mann, die Liebe, der Sex, die Vertrautheit, das Vertrauen, die Zukunft und die Wertschätzung.
In dieses Gefühl paßt auch das Telefonat, das vor ein paar Wochen ankam.
Bzw. das war so: Mich rief eine Bekannte immer wieder an, weil sie sich um mich sorgte und bekümmerte. Das mochte ich sehr und ich mag sie sehr, aber sie ist spirituell und ich nicht und unsere Gespräche liefen schnell aneinander vorbei, obwohl wir im Grunde dasselbe meinten. Deshalb zögerte ich manchmal mit dem Rückruf, wenn ich ihre Nummer sah, wußte aber dann, sie hat an mich gedacht und mir gute Wünsche geschickt. Dann rief La Primavera, die auch mit ihr befreundet ist bei mir an: Ich solle mich doch mal melden und nur Ja oder Nein sagen. Wie? Nicht OOOMMMM?
Ich meldete mich und erfuhr, daß es da einen Job gäbe und eine Frau mit einer Firma, die mich bezüglich des Jobs gern kennenlernen würde.
Was dann kam, ist filmreif, denn ich erzählte dieser Frau mit dem Job ein Telefonat und einen Abend im Restaurant lang, warum ich den Job nicht annehmen kann. Ich bin ja noch garnicht richtig gesund und 9to5 ginge auch noch nicht und Zeit hätte ich auch keine und teuer wäre ich und ich würde immer bis mittags schlafen und nachts arbeiten und die Branche würde ich auch nicht kennen, etc. pp. Und die Frau schickte mich nicht zum Teufel, sondern sagte, sie wolle mit mir immer noch arbeiten.
Ähm. Ja. Und so trage ich nun den schönen Titel Senior Marketing Managerin und wenn ich mit „Das ist doch noch gut!“ in Sachsen fertig bin, steige ich bei einem Berliner Mittelständler ein. Zwei Tage die Woche, mit Zeit für noch andere Sachen (vielleicht einen Tag in der Woche nun endlich den Krimi schreiben?) und einer sehr interessanten Aufgabe, die dann doch paßt wie A… auf Eimer, weil sie mit Markendarstellung, Ästhetik, Geschäft und Internet zu tun hat.
Noch denke ich: Das kann sich alles ganz schnell in Luft auflösen. Aber dabei ist es schon sehr real, denn übermorgen führe ich schon Personalgespräche für die Junioresse, die u.a. mir zuarbeiten soll.
Ja, so isses. Danke für die Nachfrage, Frau Rosmarin!
Miz Kitty reist mit dem Grafen IV
Tag 9, Montag
Nachdem der Graf noch nachtsüber mit dem Hotelzimmer gehadert hatte, weil sich an das LAN-Kabel kein zweites Gerät anschließen ließ (physisch schon, es kam nur nicht ins Netz, weil die IP angeblich schon an ein anderes Gerät vergeben war), gab es am Morgen ein Frühstück unter unwirtlichem Tellergeklapper, denn die andere Tische wurden schon abgeräumt. Es ging so weit, daß die Dame begann, uns abgegessene Teller vom Tisch zu ziehen. Deutlicher kann man nicht sagen: Verpißt euch!
Das war überhaupt die Atmosphäre in diesem Hotel. Gestreßtes Personal, das mit angestrengtem Lächeln freundliche Worthülsen rüberschob, aber im Grunde signalisierte, daß man gefälligst sein Geld dazulassen und weiter nichts zu melden hätte. Nicht gut. Vor allem für knapp 150 € die Nacht.
Wir fuhren über liebliche Landwege weiter in Richtung Nyborg, dort wo die Brücke über den großen Belt beginnt. Im Bed&Breakfast-Katalog hatten wir ein Schloß mit bezahlbaren Zimmern entdeckt, das nicht ausgebucht war. Keine düster-feuchte Renaissance, kein helles Barock und Rokkoko, sondern strikter Klassizismus. Es sah aus wie eines dieser großen englischen Herrenhäuser. Die Herrschaften blieben zu zweit im Haupthaus unter sich. Die Gäste brachte man im ehemaligen Dienstbotenflügel unter, aber selbst das war schon sehr gediegen mit seinem leicht morbiden Charme und der sehr sensibel zu bedienenden Originalklospülung.
Da der Graf in der Nacht vorher die Direktive gerausgegeben hatte: Nur noch französisches Bett und funktionierendes WLAN, waren wir glücklich mit dem zwar etwas kleinen, aber kuscheligen Veilchenzimmer. (Miz Kitty hatte mit dem Orchideenzimmer geliebäugelt, in dem ein riesiges weißes Himmelbett stand, aber das wollte die leicht versoffen wirkende Madame, die schier unverständliches Englisch sprach, partout nicht rausgeben.)
Mit uns waren zwei ältere Ehepaare untergebracht, die Männer jeweils klein, drahtig und irgendwie unterbeschäftigt wirkend, wie sie vor dem Haus herumsaßen und auf ihre postklimatierisch auseinandergegangenen Damen warteten, die endlos Zeit brauchten zum Zurechtmachen und sich scheinbar fühlten wie im Adels-Roman.
Wir fuhren eine kleine Runde an die Ostsee, der Graf badete, ich bewachte derweil den Steg. Das Wasser und ich sind immer noch keine Freunde. Dann kauften wir für ein Picknick im Schloßpark ein, das wir dann auch gebührlich im riesigen Landschaftspark zelebrierten. Wir lagerten noch etwas auf der Decke und sahen der Sonne zu, wie sie zwischen riesigen Baumstämmen rotgolden unterging, als ein Rehbock bellte.
(Es gibt Wissen im hintersten Winkel meines Kopfes, das sich in solchen Augenblicken aktiviert. Nach Hund klang es nicht, Fuchs klingt auch anders, also konnte es nur ein schröckender Rehbock sein.) Danach war es mir da draußen zu gruselig und wir zogen uns ins Veilchen-Zimmer zurück.
Tag 10, Dienstag:
Morgens gab es noch ein nettes Frühstück in der Gesindeküche, dann machten wir uns auf den direkten Weg nach Hamburg. Dachten wir. Der Graf wollte nämlich noch einen ganz kurzen Abstecker an die Flensburger Förde machen, der sich dann als länger erwies. Die Sonne war mild, das Wasser strahlte weißblau, als hätte jemand am Photoshop-Regler gespielt und war so klar, daß sogar ich schwimmen wollte.
Deshalb ritten wir erst im Dunkeln in Hamburg ein und machten nachts noch einen kleinen Romantik-Stop an der Alster.
Tag 11, Mittwoch:
Hier offenbart sich mein Denkfehler. Ich hatte allen gesagt, ich wäre 10 Tage unterwegs. Mittwoch war aber schon Tag 11.
Ausschlafen war angesagt. Da ich auf meinem Frühstück bestehe, wenn ich es bezahlt habe, denn ich brauche für den Start in den Tag etwas im Magen, waren wir immer recht früh aufgestanden. Nun schliefen wir bis 11 Uhr und trödelten in der Wohnung der Freunde rum. (Man erinnere sich, die mit dem Klodeckel.)
Es war zu merken, daß wir schon lange keine Herausforderung mehr zu bewältigen hatten. Schönes problemloses Dasein, dem das einzige Problem immanent war, daß es grade zuende ging.
Wir schnürten durch die Hamburger Innerenstadt. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, mit den Norddeutschen warm zu werden. Die Stadt ist sauberer, die Leute besser angezogen als Berlin und die Berliner.
Wir machten mir den Freunden am Abend ein kleines Fischessen an der Alster (wenn der Urlaub war gebracht hatte, dann, daß wir zu Picknickern geworden sind) und fuhren auf der leeren Autobahn zurück nach Berlin.
Und nun? Alltag. Arbeit. Leben.
Miz Kitty reist mit dem Grafen III
Tag6, Freitag:
Die Sonne kam heraus. Zwar nicht ganztätig, aber doch sichtlich.
Allerdings verschliefen und verdallerten wir die Sonnenstunden, um dann angesichts eines kleinen Regenschauers zu beschließen, lieber drin zu bleiben.
Das Zimmer war nun absolut nicht mehr zu verlängern, am Wochenende war das ganze Hotel wegen einer Vernissage in der Galerie nebenan ausgebucht.
Mittlerweile war es voll, vor allem paarweise reisende mittelalterliche Damen und Ehepaare, bei denen die Gattin kulturbeflissen dreinschaute, waren eingetroffen. Eine der Damen brachte in der Nacht eine Solonummer. Sie stand auf dem Gang und motzte laut ob des Umstands, daß sie den Bewegungsmelder für die Flurbeleuchtung nicht auslöste. Ihre Worte bestanden aus so undamenhaften Ausdrücken wie: „Halts Maul“ und „Was ist denn das für eine Scheiße?“. Sie war auch nicht mehr ganz artikulationsgenau. War wohl ordentlich Küstennebel unterwegs.
Am Abend liefen wir lange über den Strand irgend wann kam der Mond und der Horizont blieb hell. Ich redete und lief und hörte zu und alles um mich herum bewegte sich im diffusen Licht. Das Meer, der Sand, die Wolken… und da zog wohl einer in meinem Kopf die Reißleine. Data overload. Mit der Assistenz des Grafen, dem in Ohnmacht fallende Damen nichts Neues zu sein schienen, wurde ich in den Sand gelegt und durfte etwas rekonvaleszieren. Danach ging es langsam heimwärts, auf einen galanten Arm gestützt.
O-o. Daß ich immer noch nicht merke, wann Schluß ist.
Tag7, Samstag:
Am nächsten Morgen ritten wir noch weit vor der normalen Aufstehzeit vom Hof. Natürlich nicht ohne eine Herausforderung zu produzieren. Ich hatte mein Make up-Beutelchen vergessen, wie wir einen halben Tag später telefonisch informiert wurde. Das reist nun getrennt von uns per Post nach Berlin.
Wir fuhren von der Nordsee nach Fünen an die Ostsee. Der Graf hatte dort schon einiges erlebt und wollte mir die Insel und seine alte Plätze zeigen.
Wir fanden ein Bed&Breakfast bei Faaborg. Wobei der Name für das Domizil schwer untertrieben war. Ein Grundstück mit Meerblick in der Ferne, davor Wiesen, eine Schafweide und ein Acker. Darauf ein modernes schwarzes Holzhaus und das Nebengelaß mit den Gästezimmern im englischen Landhaustil eingerichtet. Als Gastgeber ein lässiges älteres Paar mit Stil. So in etwa könnte ich mir meinen Lebensabend auch vorstellen. Ein bißchen Garten, ein bißchen Inneneinrichtung, ein bißchen kochen und mit den Gästen plaudern, die mir interessant erscheinen.
Wir machten die Runde durch Faaborg und verspürten ein kleines Hüngerchen. Die Gastgeberin hattte uns gewarnt: Hier wären die Restaurants abends sehr voll und würden früh schließen. Also bestellten wir den Burger nach Art des Hauses mit Country Potatoes. Was kam war ein Riesenmonster. Von der Idee her delikat, vom Koch her allerdings völlig verdorben. Versalzen und verbrannt. Ich weiß nicht, was mich geritten hatte, das Ding so zu akzeptieren, statt es zurückgehen zu lassen.
Der Graf war hinterher kurz vorm Amoklaufen vor Ärger, das er das Ding gegessen hatte, ich nur pappesatt und kaloriengelähmt.
Wir fuhren an einen Sandstrand oder besser an einen, der einer sein sollte. War er aber nicht. Zwischendurch fragten wir hier und da nach einem Quartier, aber es war alles ausgebucht, bis auf ein Redneck-Anglerheim mit Triebtäteratmosphäre, bei dem wir Bettwäsche und Frühstück hätten separat bezahlen müssen und der Preis hätte dann dem des Hotels an der Nordsee entsprochen. Wir ignorierten das Angebot und riskierten eine Suche am nächsten Tag, denn im schwarzen Haus konnten wir nicht bleiben, auch hier war alles vergeben.
Wir saßen am Abend mit Blick auf das Meer. Nebenan sang ein Ehepaar gemeinsam Wanderlieder. (wtf???) Einige Zeit später hatten wir noch Baumaßnahmen zu erledigen. Die Betten waren wunderschön, aber separat und federleicht. Mit zwei zu Seilen geknoteten Hunde-Netto-Tüten banden wir sie aneinander. Was definitiv die geringere Herausforderung war, als eine Verletzung vom Absturz in die Besuchsritze zu bandagieren.
Die Frage ist, ob die Leute, die Hotelzimmer einrichten, womöglich alle keinen Sex haben (oder diesen bei ihren Gästen vermeiden wollen?), daß sie sich so was einfallen lassen.
Tag8, Sonntag:
Nach einem sehr delikaten englischen Frühstück, serviert von der Hausherrin, mit der ich – obwohl ich der Sprache kaum mächtig bin – heftig auf Englisch scherzte, verließen wir mit großem Bedauern das schwarze Haus. (Natürlich hatten wir unsere baulichen Veränderungen rückgängig gemacht.)
Wir nahmen ein nettes Hotelzimmer in Svendborg direkt am Hafen und fuhren eine Insel weiter, um uns Schlösser anzusehen.
Erst eines, das auch vermietete, ein uralter Renaissance-Bau. In den Räumen(die auch im Sommer heftig geheizt werden mußten) umherzugehen, wo abends wahrscheinlich der Inhaber auf dem Sofa saß, war schon etwas sonderbar. Aber laut dem Grafen ist das hierzulande üblich.
Dann fuhren wir durch eine liebliche Landschaft nach Waldemars Slot. Das hatte schon etwas sehr Royales. Mit gefiel der kleine barocke Teepavillion am Meer am meisten. Da ließe es sich leben. Das Gesinde könnte mir Tee und gebratenen Fasan bringen, abends würde ich die obligatorische Flasche Champagner köpfen und nachts im weißen Nachthemd durchs Haupthaus geistern…
(Notiz an mich: Mal sehen, ob Jobs als Schloßgeist ausgeschrieben sind. Weiße Dame könnte ich ganz gut.)
Noch eine Insel weiter, auf Langeland, stieg ich auf einem Parkplatz dann glücklich in Wanderschuhe und kurze Hosen. Wir suchten uns an der Steilküste ein lauschiges Plätzchen und machten ein Picknick, um endlich wieder einmal die vollen Kontrolle über die Kalorienzufuhr zu bekommen. Die Sonne spiegelte sich im Wasser, Schiffe fuhren vorbei und wir schlummerten etwas auf den rundgespülten Steinen.
Danach waren wir in einem Zustand, in dem wir endlich entspannt einen mindestens dreiwöchgen Urlaub beginnen konnten, um dann noch eine Woche Urlaub abgewöhnen dranzuhängen.
Abends am Svendborger Hafen aßen wir noch eine Kleinigkeit auf die Hand und genossen das die alten Boote im Abendlicht. Ich hatte einen Karton Pommes vor mir und der Graf eine Pizza Calzone. (Solange man die Essensration noch tragen kann, ist es nicht zu viel.)
Und nun? Drei Tage aufschreiben im Hotelzimmer, vor einer Fake-Tiffany-Lampe, deren eine Glühbirne immer mal streikt. Willkommen im Hier und Jetzt.