Am Anfang war da eher ein flotter Spruch. Der Graf und ich wollten zum Kaisers am Kotti fahren, genau ein Jahr, nachdem wir uns dort kennengelernt hatten.
„Mach doch eine Einladung zu einem Flashmob“, meinte er und entschwand zu seinem Technikerseminar. „Hm“, dachte ich mir. Vor meinem Auge entstand das Bild eines Liebes-Happenings. Menschen mit bunten Luftballons und Bumen und wer Single ist, hat die Gelegenheit, sich kennenzulernen (also gegenseitig). – Zwischen Schokolade und Tiefkühlpizza fallen sich Menschen in die Arme oder lächeln sich wenigstens schüchtern an.
Die Einladungsfrist war dann doch ein bißchen knapp für den großen Menschenauflauf, aber der Kuß vorm Schokiregal war *schniefhach* und ich bin ganz entsetzt, weil ich lonesome Cowgirl allmählich zur Romantikerin mutiere. Die Frau Antischokke ging mit uns anschließend noch ein Weinchen trinken und der Fotograf des Unsichtbaren kam leider zu spät.
Und um keinen Zuckerschock zu bekommen, haben wir uns zwei Stunden später gestritten wie ein sizillianisches Ehepaar.
So musset sein, sonst merkt man ja keinen Unterschied.
Vertigo oder Neues aus Hypochondrien
Das hat in irgendeiner Art und Weise mit Hitchcock zu tun. Zumindest vom Effekt her.
Stellen Sie sich vor, Sie wachen morgens auf, drehen den Kopf in Richtung Wecker und plötzlich sitzen Sie in einem Düsenjet, der antriebslos herumtrudelt.
Oben, unten, vorne, hinten, links, rechts gibts nicht mehr. Sehen geht auch nicht mehr. Entweder das Bild dreht sich oder wabert im rasenden Herzschlagtempo. Hören geht auch nicht mehr, in den Ohren ist nur noch Pfeifen, Knattern und Brausen. Übelkeit gibt es gratis.
Nach 20 Sekunden, die sich nach 2 Studen anfühlen, ist der Spuk vorbei. Bis zur nächsten Kopfbewegung.
Nicht schön, aber läßt nach drei Tagen und beharrlichen, von Kotzanfällen begleiteten Kopfdrehübungen wieder nach.
Gnaaa!
Blasentee oder Nagelstudio 2.0
Im letzten Sommer wurde Berlin Mitte von Franchisekonzept-Drückern überfallen, die unterbeschäftigten Hipstern, die noch ein westdeutsches Erbe zu vertun hatten, anboten, entweder ein Geschäft für Bubble Tea oder für Frozen Joghurt zu eröffnen.
Schöne Idee, vor allem, wenn es bunt und eigentlich für Kinder gedacht ist. Der gemeine Hipster, mit Ed v. Schleck sozialisiert, mag alles, was ihn nicht erwachsen werden läßt.
Bubble Tea, ein Mixgetränk, das in Hongkong und China für Schulkinder interessant war, wird nun via Aufwertungskette zum „Kultgetränk aus Kalifornien“.
Frozen Joghurt habe ich schon vor 20 Jahren in Florida gesehen. Die dicken Kinder von Fort Lauderdale und ihre fetten Mütter standen danach Schlange, auf das ach so fettarme Eis kam ein knietschbuntes, süßes Topping, fertig war das Nahrungsmittel.
Mit billigsten Rohstoffen, ein bißchen Wasser, Stärke, Joghurt, Marshmallows und Kekskrümeln läßt sich richtig viel Kohle verdienen, vor allem wenn man als Franchisegeber die Maschinen und Rohstoffe vertreibt.
Eine kleine Portion Frozen Joghurt (die erstmal nach nichts schmeckt) kostet 2,30 €, die Toppings jeweils 0,30 € (Zum Vergleich: ein Kugel Häägen Dasz 2,50 €, eine Kugel Bandy Brooks 1,80 €, über den Qualitäts- und Geschmacksunterschied wollen wir mal garnicht reden).
Zum Geschmack von Bubble Tea kann ich nichts sagen, scheinbar bringt das Zeug einen zum Spucken. (Fotografiert am Henriette-Herz-Platz am S-Bahnhof Hackescher Markt)


Damit es nicht so auffällt, wie billig die Rohstoffe für die Kultnahrung sind, wird ordentlich in den stylishen Laden und anderes Design investiert. Bunt muß es sein:
Hier, hier und hier.
Und? In Berlin Mitte scheint der Hype durch zu sein. Die Karawane zieht weiter nach Köpenick, Spandau, Frankfurt(Oder) und Stralsund. Dort, wo sie hingehört, in die Unterschicht-Shopping-Malls, neben Mandy’s Nagelstudio, damit Cindy’s dickes Kind etwas Unterhaltung hat, wenn sie sich neue Glitzersteinchen auf die bunten Pornospaten kleben läßt.
Auf die Hand in der Veteranenstraße rührt sich nicht mehr. Seit der Zettel mit der Ankündigung, man sei am 12. Januar (oder war es Februar?) wieder für die Kundschaft da, aus dem Fenster verschwunden ist, ward niemand mehr im Laden gesehen. Scheinbar reichte es nicht einmal mehr für das völlig überforderte Schüler-Aushilfen-Personal, das ich bei meinen 2 oder 3 Versuchen dort antraf. Be Bubble am Weinbergsweg hat schon im Dezember die stylishen Möbel zu Geld gemacht, unter anderem stand ein Murano-Leuchter für 980 € zum Verkauf.
Joli Frozen Joghurt am Weinbergsweg macht noch Pause, am 6. März geht es wieder los. Und wenn Süße Sünde drei Läden weiter ein paar Tage später wieder mit richtigem Eis aufmacht, steht hier eine Schlange und dort gähnt leer ein stylischer Laden. Wobei leere hohe Räume einfach besser aussehen.
Frühlingsversprechen
Ob nun Regen oder der gleißende Sonnenschein von gestern, bis jetzt ist es nur Etikettenschwindel, denn es ist bitter kalt. Da mögen die Amselhähne noch so laute Statements von den Dachfirsten flöten.
BTW. Amseln. Ich habe mich ja schon öfter beklagt, daß es in der Innenstandt jede Menge stressig-laute Krähen und Elstern* gibt und im Gegenzug immer weniger Amseln. Das eine hat aber mit dem anderen nicht unbedingt war zu tun. Ich unterstellte, daß die Elstern die Amselnester plündern, das ist aber nicht die Ursache für immer weniger Amseln. Die sind krank, seit ein paar Jahren scheinbar.
Am Samstag kochte ich des Grafen Wunschessen. Dazu nehme man 1 Dose Mais, 2 Dosen Kidneybohnen, 2 Dosen Pizzatomaten, 1 Dose Tomatenmark, zwei Zwiebeln, 1 kleingeschnittene mehlig kochende Kartoffel, 3-4 Chilischoten und einen ordentlichen Klumpen Hack.
Zwiebeln, Tomatenmark und Hack anbraten, den Rest drüberkippen. Ggf. mit etwas Wasser auffüllen, gut durchrühren, etwas köcheln und vor dem Essen mindestens 2 Stunden ziehen lassen.
Wie das aussieht, kennen Sie ja noch von Studentenparties und von Kochbuchfotos der 70er. Was für ein herrlich unstressiges Essen, das sich das ganze Wochenende bei Ankunft des kleinen Hüngerchens aufwärmen läßt und jedes Mal besser schmeckt.
Der Graf mußte am Samstag arbeiten, danach saßen und lagen wir den Regen aus, da es Frühling wird, sehr intensiv. Am Sonntag mittag hatte ich den Gesichtsausdruck einer ausgeschlafen und satt vor sich hinschnurrenden Katze. Also nichts wie raus, dachte ich und schaute dann glücklicherweise noch mal auf die Wetter-App.** Die Sonne, die die Zimmer formidabel aufheizte, brachte es im Freien nur auf 6 Grad. Gott sei Dank hatte ich nicht nach dem dünnen Mäntelchen gegriffen.
Kaum waren wir den Weinberg runtergekullert, bekamen wir Hunger. Ich hatte irgendwo auf Twitter mal den Tipp mit den Reismehlbaguettes im Banh Mi Deli bekommen. Nicht weit von uns, aber ich war noch nicht da. Die sind geschmacklich wirklich der Hammer. (Ich habe noch nie erlebt, daß marinierter Kohlrabi so lecker sein kann und das war ja nur ein Bestandteil.)
Wahrscheinlich ist an den Baguettes neben Reismehl auch Weizenmehl, meine Augen sahen heute morgen jedenfalls danach aus, aber das war mir egal. Auffällig, daß der Laden von vielen Asiaten besucht war. Das ist meist ein Zeichen für authentische Qualiät.
Dann trabten wir weiter durch das Viertel. Wir hatten uns vorgenommen, es mindestens bis zum Victoria-Café in der Auguststraße für das große Hüngerchen zu schaffen. Das gibt es erst seit einem knappen halben Jahr und es ist hoffentlich noch in keinem Stadtführer verzeichnet. Da haben sich drei Leute zusammengetan, um ihre Lieblingstortenrezepte in die Welt zu bringen. Hammer! Vor allem, weil immer mindestens eine glutenfreie Baisertorte dabei ist. Das muß man einfach probiert haben. Sie sehen göttlich aus, riechen und schmecken umwerfend. Selbst beim Weg aufs Klo kann man ein Minütchen im Flur stehenbleiben und die Gerüche nach Butter, Orangenschale und Gebackenem aus der hinten gelegenen Küche inhalieren.
Dann flanierten wir weiter, der Graf mittlerweile sehr frierend, weil die Sonne nur noch die oberen Stockwerke wärmte, weigert er sich doch konstant, Wintersachen zu tragen, und ich in einen Daunenmantel gewickelt, aber im kurzen Röckchen. Wir machten noch Station im Kunstbuchladen in den Hackeschen Höfen und blätterten hier und da und dann ging es flott nach Hause.
Ich bastelte einen kleinen Lachsflammkuchen aus glutenfreiem Blätterteig (gibts im Kaufland) mit Räucherlachs, Avocado, Zucchinischeibchen und Honig-Senf-Zwiebelwürfel-Sauce und dann versackte ich vor dem Fernseher.
Nein, ich sah weder Tatort noch „Slumdog Millionaire“. Die Tatorte nerven mich ehrlich gesagt zur Zeit sehr. Da ansonsten so gut wie nichts Fiktionales fürs Fernsehen und noch weniger Kino produziert wird und die Hochschulen in den letzten 15 Jahren aber jede Menge begabte Absoventen ausgespuckt haben, scharren alle überambitioniert mit den Hufen und jeder Tatort ist so überfrachtet wie ein Debüfilm, an dem jemand 10 Jahre herumgeträumt hat. Wenn dann auch noch die Readaktion daran bastelt, ist das Ganze oft schwer verdauliche Kost.
Und ich schätze Thomas Stiller sehr…
„Slumdog Millionaire“ war mir einfach zu mainstream-menschelnd, da stehen andere drauf. Ich sah mir lieber zum wiederholten Mal Miami Vice an. Ich hatte ihn zum Filmstart im Kino gesehen, machte aber den Fehler, die Originalversion sehen zu wollen. Ich dachte so bei mir: Kennick doch allet! Drogendealer, verdeckte Emittler, dit verstehste schon! Und dann redeten die Leute die übelsten amerikanischen und nichtamerikanischen Dialekte und Akzente und ich verstand nichts von der Story. Die Dramaturgie habe ich dann in der Klinik nachgeholt, da hatten wir Premiere und einen riesigen Fernseher, nur habe ich da nicht viel davon behalten. Nun also der dritte Anlauf.
Über die Serie brauchen wir garnicht reden. Was hab ich in den 80ern mit riesigen Augen vor dem Fernseher gesessen. Es stellte einfach alles in Sachen Coolness, Optik und Sound in den Schatten, was es vorher an Polizeiserien gab. Und ich war nicht allein begeistert. Ich traf mal jemanden, der erzählte, sie hätten sich die wöchentliche Folge in New York mit Kumpels und ordentlich Koks reingezogen. (Das das jetzt alles grauslich lächerlich wirkt, steht auf einem andere Blatt.)
Im Grunde ist es Michael Manns ureigenstes Thema. Männer und ihre Kämpfe in vollkommen verwischten Grenzen zwischen Gut, Böse, Gerecht, Ungerecht, Liebe und Haß. Eigentlich ist es egal, wer der Bulle und wer der Gangster ist, sie nehmen sich nicht viel. Nah mit der Kamera an die Gesichter ran, rein in die Emotionen und dann wieder riesige Cinemascope-Perspektiven auf amerikanische Großstädte. Heat mochte ich deshalb sehr. Und wenn die Frauen dann auch noch dabei und mehr als dekoratives Opfer sein dürfen, freut mich das, wenn das auch seine Grenzen hat, denn jede Frauenfigur ist in diesem Film an einen Mann angedockt. Ich schwelgte in dieser irrsinnigen Liebesgeschichte. Hey Mädels, das wollt ihr doch auch? In Costa Rica ins Speedboat steigen, mal kurz nach Havanna brettern, einen Abend Mojito trinken und tanzen, dann mit diesem scharfen Gangster/Bullen vögeln, mitnehmen, daß der harte Junge sich grade richtig verknallt hat und ab gehts wieder zurück ins Geschäftsleben. Und dazu Florida. Wo ich mal vor 20 Jahren war und viel zu wenig Geld hatte, diese Gegend zu genießen. Besonders anrührend finde ich die Parallelmontage am Schluß des Films: Der eine Polizist verhilft der Gangsterbraut, in die er sich verliebt hat zu Flucht und je weiter sie sich auf dem Meer entfernt, kehrt die verletzte Polizistin, die Frau des anderen Polizsten, ins Leben zurück. Der Fluch auf dem Einsatz weicht. Großes Kino.
So sind manchmal die Abende im gräflichen Wolkenkuckucksheim: Der Graf in der Zimmerecke an der Heizung im Sessel, einen Laptop auf den Knien, irgendwas frickelnd und Miz Kitty schaut sich einen Hau-, Schieß- und Vergewaltigungsfilm an.
Und dann war Montag. Der Graf hat einen Schnupfen und mir dröhnt auch der Kopf. Man muß halt einen Preis für so viel Dolce Vita zahlen.
*Schon gemerkt? Wenn man Elstern mit Flüchtigkeitsfehler schreibt, kommt Eltern raus… Hihi.
**Wie konnten wir eigentlich früher rausgehen, ohne auf den Regenradar zu schauen?