23.3.

Bringen wir doch mal mit Tagebuchbloggen wieder ein bißchen Schwung in den ollen Laden.

Also.

Seehr früh aufgestanden, weil im Nestchen noch zu putzen war vor der endgültigen Übergabe.
Die Einbauten der letzten 5 Vormieter (!) hatten wir schon am Tag vorher rausgenommen, eine Angelegenheit, die schwer über meine Kräfte ging. Die Dübel waren auch draußen, mit dem Ergebnis, daß die Knäckebrot-Wände fette Krater hatten.
Die Verwalterin, ehemalige Schwiegercousine, kam Gott sei Dank ein paar Minuten zu spät und so wurde ich tatsächlich fertig. Sie hatte den Malermeister mitgebracht für die Begutachtung der Arbeiten.
O-o. Man erinnere sich. Meine Stucco- und Putz-Übungen. Der Maler musterte die Wände und meinte: „Hm, was ist denn da los, da sind überall Absätze.“ Ich hyperventilierte, klimperte aber dann mit den Wimpern: „Ja verstehe ich auch nicht, das sah so aus, als ich die Tapete runterriß!“ Die Schwiegercousine: „Ja, das macht man doch auch nicht!“ und zum Malermeister: „Da kommt dann Raufaser drauf!“
Janeeisklar. Wir hatten schon immer beträchtliche Geschmacksunterschiede.
Aber keine halbe Stunde später hatte ich den Ablaßschein in der Hand und schaukelte dann mit dem vollgepackten gräflichen Auto in Richtung Osten, wo mir der beste Freund dankenswerter Weise seit Jahren einen Lagerraum zur Verfügung stellt.
Wir luden die Sachen aus und gingen hinterher in die auf seinen Gemarkungen ansässige Mehrzweckgaststätte, in der Menschen zu Küchenhilfen und Köchen umgeschult werden. Es gab Weißkohlauflauf. Das klingt vegetarisch, ist es aber nicht, schließlich befinden wir uns im tiefsten konservativen Osten. Das Verhältnis Kohl-Hackfleisch betrug ca, 1:1 und dann kam noch fett Käse drauf.
Immer wieder frappierend, daß 30 km von Berlin, an der S-Bahn-Endhaltestelle, eine völlig andere Welt existiert. Die junge  Frauen sehen entweder aus wie Cindy aus Marzahn oder billige Daniela-Katzenberger-Klone (das will was heißen!) und schieben meistens einen Kinderwagen. Ansonsten ist eine Armada von Rollatorsurfern beiderlei Geschlechts unterwegs. Man wird ausschließlich mit Jungefrau! angesprochen und der Umgangston zwischen Kunden und Verkäufern im Supermarkt ist beherzt-ruppig. (BTW. Es gibt noch ein Pfandflaschenhäuschen, in dem am Freitag nachmittag 4 Leute beschäftigt waren. Die sind scheinbar billiger als zwei Pfandautomaten. Dazu empfehle ich den liebenswürdigen tschechischen Film Pfandflaschen.)
Wenn man mag, daß die Menschen einem im öffentlichen Raum sehr nahe rücken, in der Kassenschlange meist so, daß man ihren Atem im Nacken spüren kann und es immer mal zufälligen Körperkontakt gibt und sich auf die rau-aber herzliche Art einläßt, dann sie sie sehr hilfsbereit, ohne darüber nachzudenken, was es ihnen für einen Vorteil bringen könnte. Manchmal brauche ich dieses Kontrastprogramm.

Nach Mitte zurückgekehrt, spielte eine Jazzband auf der Straße und im Café an der Ecke wurde Englisch, Französisch, Italienisch und manchmal auch Deutsch gesprochen. (Und immer häufiger auch ein Idiom, das scheinbar Hebräisch mit jiddischen Vokabeln ist, das ich garnicht kenne.)

Der Abend verging mit einem wissenschaftlich-technischen Disput, ob meine Waschmaschine, die bei leichter Unwucht in der Beladung mitunter die Dielen recht zum Schwingen bringt, damit langfristig Zerstörungen  am Haus auslösen würde. Und das, obwohl austariert auf einer Gummimatte steht. Weiß da jemand Bescheid?

Veröffentlicht unter Leben

Immer wieder

kommt das Frühjahr mit einem Knall. Gleißend hell und gänzlich ungefiltert, weil ohne Baumdächer, bricht plötzlich die Sonne über die Stadt hinein. Uff.
Alles ist noch etwas grau und schuppig. Die Menschen, die Gehsteige, der Rasen. Aber gestern wurde  tatsächlich schon eine Schwalbe über Kreuzberg gesichtet und ein – wie könnte es auch anders sein, auf dem Glämmerdickschen Balkon – Marylinenkäfer. Der Roséwein, den wir tranken, hatte den netten Namen La Pomponette.
Am Samstag abend verließen wir übrigens die Stadt in Richtung jwd (für die Nicht-Berliner: janz weit draußen). In Stahnsdorf wurde ein Geburtstag gefeiert und wegen des besseren Unterhaltungswertes unter dem Motto „Karibik“. Dit war schon sehr schön, It-Nerds, Lehrerinnen und Patentanwälte mit Blumen im Haar und Seeräuberpistolen zu sehen. Im übrigen hatte der, der ansonsten der Steifste in der Runde ist, das coolste Outfit an: Leggings in Hawaiifarbtönen, Badelatschen und ein weites Hemd. Irgendwie fehlten die Neoprenanzüge und die Surfboards, aber das hätte in dem kleinen Wohnzimmer nur zu Kollisionen geführt. Das Essen hatte großen Zuspruch. Pizza Hawaii (suchterregend gut), Toast Hawaii, Kartoffelsalat mit Erbschen und  Möhrchen fein etwas aufgepeppt mit Mandarinen, exotisch gewürzter Kaßlerbraten und Kittys Curry-Reissalat mit Kokosdressing, marinierter Hähnchenbrust, Gemüse und Exotic-Fruchtcocktail. (BTW, wer einmal Curry selbst macht, nimmt nie wieder das nach Maggi schmeckende gelbe Pulver.)
Die Freunde haben aus praktischen Gründen Stahnsdorf gewählt, arbeitet er doch noch weiter draußen im Brandenburgischen und sie in Wannseenähe. Aber so richtig kann ich es nicht verstehen, warum man sich ohne Kinder in ein Doppelhaus mit handtuchgroßem Rasen zwängt, links und rechts belagert von den Spielanlagen der Nachbarskinder. Aber andere wiederum verstehen nicht, warum man in einer 35 qm-Aufbauprogrammwohnung eine Stuckwand macht (icke) oder eine Wohnung bevorzugt, bei der der Zigarettenrauch der Nachbarn durch die Dielen dringt (der Graf).

Veröffentlicht unter Leben

Ashby House

Nein, ich habe nicht vergessen, daß ich die Entdeckerin und vormalig betreuende Agentin des Autors V. K. Ludewig mal mokant und despektierlich in der Art böser alter Frauen unter „Literaturmädchen“ einsortierte. Ich nehme das hiermit zurück und bitte um Vergebung!
Also nun „Ashby House“ . Ein Debüt, das keines ist, hat der Autor doch schon mehrere von ihm geschriebene Bücher gedruckt in den Händen gehabt, auch wenn nicht immer sein Name auf dem Titelblatt stand. Ein Buch, das ich unbedingt und dringend lesen mußte, hat es doch der scharfzüngige und warmherzige Freund geschrieben.
Schauerliteratur las ich ungefähr von von zehn bis dreizehn, als ich mich schuleschwänzend am Bücherschrank meiner Eltern vergriff. Edgar Allan Poe, Mary Shelley, Ambrose Bierce, E.T.A. Hoffmann. Als mentaler Gegentwurf zum wissenschaftlichen Materialismus, der Landesreligion in der größten DDR der Welt und den naturwissenschaftlichen Dogmen meines Vaters, der alles andere als Spinnerei abtat und nur manchmal zugab, daß Heisenberg … naja …  aber das ist eine andere Geschichte.

Also Ashby House. Der Waschzettel sagt es: zwei amerikanische Schwestern, eine davon sehr prominent, ziehen sich, von Hollywood kommend, auf ein Anwesen in Cornwall zurück. Das Haus ist verwünscht und beginnt, kaum bewohnt, sein Eigenleben. Ja, nee, ist klar. Das ist dann so eine Geschichte, wo Leute zu Mitternacht mit einer Kerze in der Hand allein auf den Boden oder in den Keller gehen, weil sie dort sonderbare Geräusche gehört haben. Dieses Klischee unterläuft der Autor sofort, indem er sich schon auf den ersten Seiten darüber lustig macht.
Das Setting ist das Übliche: Ein altes Haus, verstaubt, jahrelang nicht bewohnt und wunderbar vintage in der Ausstattung. Die Landschaft ist breathtaking english und das Ambiente erwählt und einsam. Die Protagonisten sind schön und es wäre nicht Glämmy, der das Buch geschrieben hat, wenn die Männer nicht hothothot wären.
Ich war sehr schnell drin in der Geschichte und wollte nicht wieder raus. Die Sprache hat es mir angetan. Brilliant. Wenige Worte und jedes sitzt, sofort habe ich ein Bild im Kopf. Nur ein paar Sätze, um eine Figur zu beschreiben, ein paar weitere, um eine Figurenverhältnis klarzumachen, jedes Wort sprüht Funken. Ich bin entzückt!
Die Handlung eskaliert vorbildlich, unter Einsatz von homosexuellem Anals*x, Dolmen und Hubschraubern. Überhaupt, das ist es, was ich mag. Stringenz. Kein waschlappiges Abbiegen, weil man sich zu weit in den hyperprägnanten Stil oder ins Genre hinausgewagt hat, Weiterentwicklung mit Tempo und Rhytmus. Und selbst der Umstand, den ich wiederholt als dramaturgische Schwäche notierte (Warum vergißt der denn grade ne Figur? Wo ist die denn hin?), hatte einen Grund.
Diese Art von Schreibe ist nicht deutsch, der einzige Deutsche, der das vorher konnte, war vielleicht E.T.A. Hoffmann, der zwergenhafte, häßliche Trinker. Sie ist global, weil medial, die Hollywoodzitate unterhalten ungemein. Keine bräsigen Frauenbefindlichkeiten, garniert mit Esoquatsch, ausgewalzt auf 500 Seiten, sondern Witz, Schärfe, Ironie und rasende Handung bis zum Finale und hinein in den hintergründigen Epilog, verbunden mit Treue zum Genre.
Hach! Ich muß mich erstmal verpusten…
Herrschaften, lesen Sie dieses Buch.
Es ist zu vernehmen, daß die Fortsetzung in Arbeit ist. Ich freue mich drauf!

Und: Warten Sie mal drauf, wenn der Ludewig aus dem Genre rausgeht. Paul Auster ist nämlich leider völlig humorlos.

Kitty ist genervt

über die zunehmende SEO-Vermüllung von G**gle.
Als alte Zipperlein-Sucherin schätze ich die Hypochonder-Foren, doch die sind irgendwo ganz hinten auf Seite 3 oder 4 verschwunden. Die obere Range der Suchergebnisse sind Seiten, die aufeinander verweisen, oft noch mit gleichen Texten zum Suchwort, versehen mit Links zu rezeptfreien Medikamenten und Naturheilmitteln.
Bei der Suche nach einem Girokonto mit bestimmten Konditionen passiert das gleiche: Seiten, die redaktionell wirken wollen und mit geringfügig anderen Texten ständig die gleichen drei Banken anpreisen. Wird die Suche modifiziert mit dem Stichwort „Test“ tauchen die gleichen Seiten, mit ahnlichem Layout und ähnlichen Formuierungen auf und suggerieren, sie demonstrieren Ergebnisse eines Tests.
We ist denn bitte so blöd, auf so etwas reinzufallen?

Veröffentlicht unter Exkurs