Taube Nuss – Alexander Görsdorf

Alexander Görsdorf, der leider aus Berlin entschwunden ist, hat mit „Taube Nuss“ ein kurzweiliges und lehrreiches Buch darüber geschrieben, wie es ist, nichts zu hören und trotzdem ein gutes Leben leben zu wollen.
Taube Nuss Alexander GörsdorfKann ein Buch über den Ausfall eines Sinnes und alle damit verbundene große Ungemach amüsant sein? Ja. Zumindest fragte mich der Graf beim Lesen ständig, warum ich lächele. Wie geht das denn?
Aber ich hole zuvor etwas weiter aus. Ich bin mit mit Beethovens Musik aufgewachsen. Das erste große Konzert, in das mich meine Eltern mitnahmen, war die Neunte Sinfonie und mein Vater sagte uns: Die hat er geschrieben, als er schon taub war. Selbst als Zehnjährige war mir klar, dass ich der Innenwelt eines Menschen zuhöre.
Mein Großvater hörte die letzten 20 Jahre seines Lebens fast nichts mehr, was schmerzlich für uns war, denn er und ich hatten zuvor eine sehr enge Verbindung, die damit langsam auffaserte. Was mich betrifft, so bin ich völlig intakt, aber in bestimmten Situationen – viele Leute, Anspannung, Müdigkeit – kann man mit mir reden, der Schall erreicht mich zwar, aber ich höre nichts, absolut nichts. Ich nenne es soziale Taubheit. Deshalb kannte ich viele der beschriebenen Situationen nur zu gut.

Einem Blinden sieht man das Nichtsehen an, schon, weil er sich anders orientiert, wer nicht laufen kann, sitzt meist im Rollstuhl. Aber ein Tauber trägt kein Schild um den Hals „Ich bin nicht begriffsstutzig oder hackebreit, ich höre Sie nicht!“
Hochdifferenzierte Sprache (und das Vermögen der Hände) machte den Menschen zum Menschen. Wer aber nur einen ungestörten Empfangs-Kanal für Sprache hat, nämlich die Schrift, muss doppeltes und dreifaches leisten, um das zu kompensieren.
Alexander Görsdorf beschreibt in „Taube Nuss“ in kleinen, ganz persönlichen Episoden typische Situationen aus dem Leben eines Nichthörenden. Was passiert, wenn ein blitzgescheiter Mensch nicht mehr mitkommt, sobald Kommunikation auditiv wird, wenn Missverständnisse sich hochschaukeln und Nichtgehörtes kleine Katastrophen auslöst.
Nicht umsonst hat Görsdorf als Kommunikationsberater gearbeitet. Wer wenn nicht er weiß, wie Kommunikation funktioniert?
Wie rettet sich so ein Mensch, wie bleibt er im Leben, arbeitet, liebt? Er kann abtauchen und aufgeben oder die Waage finden zwischen Kompensation und Anpassung, die Skurrilität der Situation und sein Anderssein akzeptieren und damit zu einer einzigartigen Persönlichkeit werden.

Davon lese ich in „Taube Nuss“. Von der harten Arbeit, auditiv-kommunikative Situationen vorwegzuplanen, der noch härteren Arbeit in der Situation selbst am Ball zu bleiben und von Gaben, die andere wenig nutzen: scharfe visuelle Beobachtung, hoher Sensus für Schwingungen und Körpersprache, Konzentration auf eine Person / ein Gespräch und ich bekomme unser alltägliches, beziehungs- und identitätsstiftendes Reden von einer anderen Seite gezeigt.

Ein weiterer Teil des Buches sind die Teile von Alexander Görsdorfs Blognotizen, die sich mit der Wiederherstellung des Hörens durch Technik beschäftigen. Nach fünfjährigem Zögern beschließt er, sich ein Cochlea-Implantat einsetzen zu lassen. Das ist ein Sprung ins Ungewisse, denn selbst Restgehör ist dann auf der Seite dieses Ohres getilgt, hin zum Ufer technisch hochpräzisen Hörens – wenn es denn funktioniert.
Wenn man es genau nimmt, ist er nun ein Cyborg.

Ich habe beim Lesen der Geschichte und Erlebnisse nicht nur mitgefühlt und mitgelitten, ich habe vieles begriffen, was zwischen meinem Großvater und mir passiert ist.* Er ist seit 18 Jahren tot. Was hätten wir nicht alles anders machen können, um uns zu verstehen!
Ich habe begriffen, wie ich mit tauben und schwerhörigen Menschen umgehen kann und ich habe ganz nebenbei gelernt, wie sich auch Kommunikation zwischen Hörenden  erleichtern lässt. Stichwort: Meetings des Todes, bei denen spätestens nach einer Stunde meine soziale Taubheit die Reißleine ziehen will.

tl;dnr Taube Nuss von Alexander Görsdorf ist sehr lesenswert.

 

*Ich schiebe es seit zwei Jahren vor mir her, diese Geschichte aufzuschreiben.

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MMM 11.9. Das graue Kleidchen

Das kleine Kleid ist noch Teil der Sommerproduktion. Mal schnell vor dem Urlaub genäht und die Katastrophen die es dabei gab, sind hier beschrieben.

Der Schnitt ist eine verlängerte Tunika, bei der ich die Ärmel wegließ, ein Gratis-Download, den es in Burda 7/2008 gab. Am mageren Model sieht das so aus. Bei mir dann so:
Graues Kleid Detail

Das Material ist dünner weißer Baumwollsatin vom Markt am Maybachufer, der seit Jahren in der Kiste lag. Ich habe das Kleid nach dem Nähen mit Simplicol Grau gefärbt, ein sehr schöner, leicht bläulicher Farbton.

An den Armlöchern habe ich Besätze angearbeitet und die Größe 44 an den Seiten je einen Zentimenter verbreitert. Den Formstreifen unter der Brust habe ich gedoppelt, mir gefiel nicht, dass die angereihten Nähte laut Anleitung innen frei lagen. Ansonsten habe ich wie immer französische Nähte gemacht.
Graues Kleid Detail

Der Rücken war mit einem Gummizug versehen und saß für meine breiten Hüften nicht gut. Ich habe daher noch 10cm Stoff in die hintere Rockbahn eingesetzt und ein Bindeband in der Breite des Formstreifens angearbeitet. Ein paar Rückenabnäher im Oberteil wären nicht schlecht gewesen, aber da wäre ich nicht mehr reingekommen, denn zunächst hatte das Kleid keinen Reißverschluß an der Seite, den habe ich erst im Urlaub mit der Hand eingenäht, weil es allzu beschwerlich war, sich reinzuwinden.
Graues Kleid Detail
Wenn man das Flickwerk vorn und hinten als Style ansieht, mag es gehen, so viel verschnitten wie hier hatte ich noch nie.
Graues Kleid
Aber ich trage das Kleid wirklich sehr gern wenn es warm ist und komplettiere es abends mit einer langen, zartrosa Kuschelstrickjacke. Ein bisschen prall sitzt es, aber das darf es, ich mag große Ausschnitte und mein ständiger Begleiter auch.
Den Schnitt werde ich auf jeden Fall noch einmal für ein Wintermodell verwenden, diesmal aber etwas bequemer.

Und hier geht es zu den anderen Damen.

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Sterntaler

Mit dem schwindenden Sommer, der so groß war, läuft nun auch wieder das Getriebe des Jahres an.
Ein Seminar, das ich schon vor zwei Jahren entwickelt hatte, wird nun stattfinden. Es heißt „Sterntaler – vom Wert meiner Arbeit“ und genau darum gehts.
Ich saß vor zwei Jahren als Personalberaterin in Einstellungsgesprächen und wenn es um Gehaltsverhandlungen ging, war ich kurz davor die Seiten zu wechseln, die Bewerberinnen hart zu schütteln und ihnen zu sagen, dass das doch wohl alles nicht wahr sein könne.
In einem Fall kann ich aus dem Nähkästchen plaudern.
Über 200 Bewerbungen, davon 2 Männer, die aber beide indiskutabel unpassend auf die Stelle waren. (Einer, der sich auf eine Marketingstelle als Geschäftsretter und Messias anpries und einer, der eine animierte Show als Supergrafiker abzog. Die hatten beide nicht genau hingeschaut und sich standardmäßig überschätzt.)
2 Frauen fielen raus, obwohl sie gut passten, weil ein Unterton nicht stimmte. Beide kamen aus Höllenjobs, die eine von einer Luxusmarke in London, die andere von einer Frankfurter Werbeagentur und wollten es nun langsamer angehen. Das ist völlig ok., wer die Erfahrung hat muss nicht mehr wie verrückt rotieren. Aber die eine hatte viel zu hohe Gehaltsvorstellungen für einen mittelständischen Berliner Betrieb und bei der anderen hätte man Wetten darüber abschließen können, in wie kurzer Zeit sie schwanger ist, sich krankschreiben lässt und dann doch nicht mehr wiederkommt. Westdeutsch, bürgerliches Umfeld, verheiratet, gutverdienender etablierter Mann (den sie schon in der Bewerbung erwähnte), altersmäßig fürs Kinderkriegen allerhöchste Zeit – die klassische „ich gebe meine Kinder besser doch nicht ab!“-Frau. Ich war da neutral und hätte sie zumindest sprechen wollen, aber das wollte die Chefin nach zwei solchen Erlebnissen auf keinen Fall mehr.

Die knapp 20 Frauen, die wir einluden, hatten genau hingeschaut und waren super vorbereitet, bestens qualifiziert und arbeitserfahren. Als es an den Gehalts-Teil des Bewerbungsgespräches ging, wurde es wunderlich.
„Naja, ich hab schon vorher wenig verdient, ich möchte mich auf keinen Fall verschlechtern.“
„Nicht weniger als vorher, da bekam ich (nennt einen Hungerlohn.)“
„Ich weiß ja auch nicht, aber vielleicht (nennt einen Betrag 20% unter der schon unterirdisch niedrigen Kalkulation der Firmenchefin).“
„Mein Papa hat gesagt, ich soll (keine Ahnung woher der Papa diese astronomische Zahl hatte) verlangen.“
„Ich hab mit meinem Freund geredet. Wenn ich das hier mache, dann nicht unter (ebenfalls astronomische Zahl), sonst lohnt sich das Arbeitengehen nicht.“
„Geld ist mir egal, ich will Spaß haben.“ (Mutter von drei Kindern, die sich zehn Sätze vorher darüber beklagt hatte, dass als Freiberuflerin das Geld so knapp ist.)
Zwei, drei lagen ganz richtig, gaben aber bei der Feilscherei zu früh auf, so dass sich die Chefin nicht sicher war, ob sie auch für Verhandlungen mit Lieferanten den richtigen Biss hätten.
Die Favoritin hatte klarsichtig verhandelt, noch einiges an Sonderkonditionen rausgeschlagen und sagte nach einer Woche Überlegen ab. Eigentlich hatte sie nur ihre Marktwert überprüfen und in ihrer Firma eine Handhabe für eine Beförderung schaffen wollen.
Die Nachrückerin war in der Gehaltsverhandlung sehr defensiv und kartete nach der Zusage noch zwei Wochen nach. Erst wollte sie die Konditionen ganz neu verhandeln (unbefristeter Vertrag, 30% mehr), dann wollte sie wenigstens eine BVG-Umweltkarte. Was die Sache fast in die Grütze ritt und die Skepsis ihr gegenüber hoch steigen ließ.
Sie blieb auch nicht lange, so weit ich weiß.

Ich brauchte eine Weile, um das zu verarbeiten. Nicht, dass mir das nicht auch schon passiert war. In meinem ersten Job nach dem Studium saß ich mit Kulleraugen da und meinte „aber bitte nicht unter xxx Mark!“. Ich kannte nämlich nur die Konditionen der Theater und  der Offkunst-Szene und nicht die der Filmbranche. Irgendwann bekam ich hintenrum mit, dass meine Vorgängerin 30% mehr verdient hatte und ich zunächst unter „übergangsweise mag das mit der gehen, die ist doch froh, dass sie einen Job hat“ gehandelt wurde. Ich konnte meinen Kopf gar nicht so oft auf die Tischplatte schlagen, wie es nötig gewesen wäre. Dass ich das kurze Zeit später kompensierte, indem  ich der Chefin den A… rettete, als sie 8 Wochen schwer krank war und ich von jetzt auf gleich die gesamte Arbeit, auch ihre, ohne Einarbeitung übernahm und sie mir dahin schon aus Dankbarkeit das Gehalt wesentlich erhöhte, steht auf einem anderen Blatt. Aber was wäre gewesen, wenn es diese anstrengende „Heldentat“ nicht gegeben hätte?
In den Jahren danach habe ich schon berufshalber, indem ich für viele andere Verträge verhandelte, das ganze Geflecht von finanzieller Schätzung, Wertschätzung und Überschätzung kennengelernt. Inklusive des Standardspruches „Frauengagen sind ohnehin 30-50% niedriger“ – für Karrieren, die oft nur 10 Jahre dauern und überproportional hohe Investitionen in das Kapital Attraktivität erfordern. Selten, dass der Geder Gap so in Erz gegossen schien.

Deshalb gibt es jetzt einen Tag Recherche- und Kalkulations- und Verhandlungstraining nicht nur, aber vor allem für Frauen.

Edit: Da es auf Twitter und hier in den Kommentaren nachgefragt wurde: Ich mache das Seminar Mitte November in einer Hochschule, könnte es aber danach auch noch offen anbieten, wenn sich genug Leute finden, so dass sich ein Raum lohnt