Als ich gestern mein Lieblingskleidchen, ein Ladyskater-Modell, auseinanderschnitt, um den Schnitt abzunehmen, bemerkte ich sehr erstaunt, wie schief Konfektion aus Jersey zusammengenäht sein kann, ohne dass man es merkt. Hier und da fehlte ein Zentimeter in der Symmetrie. Entweder hat sich der Stoff schon beim Zuschneiden so verzogen oder aber beim Nähen, was ja keiner merkt, weil die Overlock-Maschine alles, was übersteht, sofort wegschneidet.
Aus mir wird im Leben keine Jersey-Näherin, aber der Zuhausekleidfundus muss wieder aufgestockt werden. Dehnbare schwarze Kleider kann frau nicht genug im Schrank haben.
Was mir dann noch fehlt, ist ein Morgenmantel. Also kein Bademantel, sondern ein bodenlanges, langärmeliges Gewand, tailliert, hochgeschlossen (kein Gürtel, den mag mein Bauch morgens nicht) und unten weit, damit die Beine auch beim Sitzen nicht frieren und mit engen Ärmeln an den Handgelenken, damit nix in den Kaffee titscht.

So wie das linke Modell in etwa. Meine Mutter hatte so etwas aus aus Vollsynthetik, gesteppt und innen mit Schaumgummi gefüttert. Wunderschön anzusehen, aber wenn sie sich dann noch mit Gummisohlen auf dem PVC-Spannboden bewegte, sprühte jede Bewegung Funken.
Vielleicht nehme ich einen Schnitt für einen Uniformmantel und vereinfache ihn etwas.
Dann brauche ich noch Seide, am besten solche oder dünnen Satin aus mercerisierter Baumwolle und vielleicht auch seidenes Zwischenfutter? o-o, das wird teuer.
Vigil 13
Heute im Gespräch kreise ich wieder um die Dinge, die mich im Zusammenhang mit Angst und Ressentiments vor Flüchtlingen beschäftigen. Dass ich nicht zur euphorisch-euphemistischen Fraktion gehöre, sollte bekannt sein. Zur katastrophistischen gehöre ich auch nicht. Ich stehe eher da und denke: Hilfsbereit und anständig sein ist wichtig. Kontrolle bewahren ebenfalls. Das sind sehr bürgerliche Bedürfnisse.
Es sind komische verhakelte Assoziationen, eher Dissoziationen, die mich begleiten. Flashbacks aus den 90ern, Ereignisse und Erlebnisse, die nicht einmal unbedingt meine sind, die aber zum kollektiven Gedächtnis gehören: Zur Population der Anderen zu gehören. Mit ebenso hohen Erwartungen wie Ängsten. Die neue Gesellschaft begreifen, die vorher nur aus dem Fernsehen bekannt war. Plötzlich ist das, was man war oder konnte, nichts mehr wert. Nicht gebraucht, aber supportet werden. Von den Steuergeldern anderer zu leben, sehr großzügige Hilfe zu erhalten. Das immer wieder gesagt bekommen, hinter vorgehaltener Hand oder ins Gesicht.
Sich zu tarnen, so gut wie es geht. Über blöde Sprüche mitlachen, die einen selbst betreffen. Für bisher selbstverständliche Werte/Worte/Handlungen verspottet/verachtet zu werden. Sich nach der Vergangenheit sehnen, die noch vor ein paar Jahren ein inakzeptabler Zustand war. Von wohlwollenden Menschen vereinnahmt werden, die nicht merken, dass man andere Bedürfnisse/Erinnerungen/Werte hat. Über diese Kluft nicht reden können, außer mit den eigenen Leuten, die man schon an der kleinsten Geste erkennt.
Kulturelle Umcodierung.
Vigil 12
Letzte Woche erzählte eine Bekannte, dass aus der Schule ihres Sohnes Probleme signalisiert wurden. Es gäbe einen Punkt, da würde er einfach aus dem Geschehen aussteigen und sich zurückziehen und das ginge nicht. Sie meinte, zu wissen, wann – immer dann, wenn ihm die Umgebung zu viel, zu unruhig und zu laut wurde.
Auch wenn es unpopulär ist, ich habe dem Gebot von Stillsitzen und Ruhe im Frontalunterricht viel zu verdanken. Ich brauchte im Unterricht Ruhe, Konzentration, Vereinzelung und so wenig wie möglich Ablenkung. Dann schaffte ich in der Grundschule gut das doppelte Pensum der anderen.
Interaktion und Kommunikation mit anderen? – Aaanstrengend!
Beim Lärm- und Aktivitätspegel in heutigen Schulklassen hätte ich es wahrscheinlich nicht weit geschafft, das hätte mich ausgesogen. Die große Stunde der Anderen war in der Pause und im Sportunterricht, beides Ereignisse, die ich lieber in der Besenkammer abgesessen hätte.
Was machen introvertierte, die Stille liebende Kinder eigentlich heute? Gibt es einen Platz für ihre Bedürfnisse? Oder ist vor allem Platz für die Extrovertierten?
Vigil 11
Ich liebe Bambus. ich mag sein Grün, die federnden Stiele und sein Rauschen im Wind. Aber er ist auch ein ernst zu nehmender Gegner.
Wenn er erst einen Kübel mit zähen, drahtigen Wurzeln gefüllt hat, dann ist an Umtopfen nicht mehr zu denken, egal, ob das Gefäß oben weiter ist oder nicht. Die Rhizome drehen am Kübelrand Runde um Runde auf der Suche nach dem Weg nach draußen.
Das alles ist so mit Spannung und Kraft geladen, dass es ein Zufall zu sein scheint, dass das Gefäß nicht gesprengt wurde.
Vor fünf Jahren habe ich mal eine Woche lang wütend mit einem Meißel und einem Gummihammer viele Wurzeln und etwas Erde aus einem teuren Terrakottakübel geschlagen. Offiziell war die Pflanze erfroren, unter der Erde war sie um so zäher.
Gestern nun habe ich ein billiges langes Küchenmesser geopfert und steche auf den in der Heizungsluft vertrockneten Nachfolger ein. Mit viel Mühe kratze ich dann mit einem Löffel etwas Sand und viele Steine aus dem Topf (ich wußte gar nicht, dass der Rauputz auf dem Balkon im Nestchen so sehr bröckelte), es folgen holzige Rhizome und Wurzelgekröse. Das wird wohl noch ein paar Tage dauern.