Vigil 66

Als die Amerikaner vor ein paar Jahren mit der „True Love Waits“-Kampagne gegen Teenagerschwangerschaften vorgingen, habe ich hämisch die Backen aufgeblasen. Moral gegen Hormonrausch! Vergiss es! Wie wenig selbstbestimmt erschien mir der Umgang mit der eigenen Lust. Die Direktive „Beine zusammenklemmen“ klemmt bei vielen lebenslang etwas ab.
Aber es scheint – zusammen mit Langzeit-Verhütungsmitteln – zu funktionieren.
Ich könnte mir vorstellen, dass auch eine Art von Ermächtigung einsetzt: Ich bestimme, wann es so weit ist und nicht du halbes Hähnchen mit deinem Gefasel vom Samenstau.

Wenn früher Sex nicht mit positiver Aufmerksamkeit und Anerkennung gleichgesetzt wird, sondern die Leistungen Selbstkontrolle und Grenzen setzen Anerkennung erfahren, ist das schon ein gewaltiger Paradigmenwechsel.

(Ich falle aus der TLW-Philosophie ganz raus, ich gehörte zur Generation der wüsten Mädchen. Aber zumindest war ich mit so viel Selbstkontrolle begabt, dass ich keine unerwünschte oder zufällige Schwangerschaft erlebt habe.)

Vigil 65

Das Schöne an diesem kalte Frühlingsanfang war, dass die Birkenpollen für mich nicht zum Problem wurden. Ee wurde erst wärmer, als die durch waren und ich habe nur noch etwas Eiche beniest.
Mit 20 bin ich tief atmend durch den Frühling gelaufen, weil es überall blühte und duftete, ab Mitte 30 wurde die Pollenallergie immer schlimmer.
Da sich diese komischen Autoimmunkriege jetzt lieber auf die Haut verlegen und mir das Gesicht sprenkeln und flecken, bleibt mir vielleicht von Jahr zu Jahr etwas Nieserei erspart. Hoffentlich.

WMDEDGT Mai 2016

Heute war alles einfach, denn heute ist Feiertag.
Ich stand trotzdem um 9 Uhr auf (ich wollte eigentlich bis 10 schlafen), ich war wach.
Dann pusselte ich vor mich hin: Buchweizenbrei zum Frühstück kochen, Spülmaschine und Waschmaschine anmachen, dem Grafen Kaffee bringen, frühstücken, ein bisschen lesen…
Der Graf zog sich derweil in sein Büro zurück und schraubte an einem Buch.
Gegen halb 11 hatte ich kalte Füße und versuchte, schnell meine neusten Socken fertigzustricken, um sie anzuziehen. Es waren nur noch ein paar Reihen, aber wie das so ist, genau dann zieht sich das hin.
Ich zog mir dann lieber andere Socken an und setzte mich an die Nähmaschine.
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Der mit eigenem Muster bedruckte Seidenstoff wollte endlich verarbeitet sein. Nachdem alle anderen Vorarbeiten so lange gedauert hatten, ging das aber ganz schnell, denn der Schnitt des Rockes ist sehr einfach. (Zum Stoff bedrucken gibt es noch einen ausführlichen Artikel.)

Gegen 14:30 Uhr war der Rock bis auf den Handsaum fertig, den ich am offenen Fenster in der Sonne sitzend, nähte. Zwischendurch machte ich mir einen Linsenpuffer mit Salat und Blumenkohl.

Danach machte ich mich an die Endfertigung des schwarzen Sweat-Jerseyjacketts. – Letztes Paßformfeintuning und das dünne hellgraue Jersey-Futter an der Overlock zusammentackern.
Durch zu viel Bequemlichkeitszugabe musste ich ihn schnittweise viel enger machen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass der doch recht feste Stoff so nachgibt. Um 19:30 Uhr fehlten nur noch ein paar Schulterpolster, die wollte ich aber nicht mehr machen, denn ich hatte Hunger.

Der Graf hörte auch auf zu arbeiten und wir gingen etwas essen, danach drehten wir eine Runde um den Block. Es war angenehm, wenn auch frisch und die Straßen waren voller Menschen. Er zog noch etwas weiter und ich ging nach oben. Ich war ganz optimistisch, nun die letzten 7 Reihen an der Socke fertig zu bekommen, aber nach kurzer Zeit trennte ich das Stück zum dritten Mal auf. Inzwischen war es auf kurz vor 12, ich schreibe also noch kurz diese Aufzeichnung und gehe jetzt ins Bett.

Eine Erinnerung habe ich noch. Der langjährige Lebensgefährte, in Bayern aufgewachsen, kannte ostdeutsches Herrentagsbrauchtum nicht und machte mit einem aus England kommenden Freund an diesem für ihn kirchlichen Feiertag eine Dampferfahrt auf dem Müggelsee. Als sie heimkamen, waren sie völlig entnervt. Kein EC-Automat war zugänglich, damit niemand in die Banken pinkelte, alles war hackestrackezu und der Dampferkapitän holte zweimal wegen Schlägereien der betrunkenen Passagiere die Wasserpolizei.

Die anderen Aufzeichnungen sind wie immer bei Frau Brüllen zu lesen.

Vigil 64

Die Erkenntnisse der letzten Tage sind: Ich habe die Phase Chatkommunikation, Pinboards und Mailinglisten völlig verpasst. Ich bin erst auf die Blogs aufgesprungen, obwohl ich damals schon intensiv im Netz unterwegs war – die erste Firmenseite schrieb ich 1997.
In den Zeiten vorher habe ich am Arbeitstag so viel telefoniert (man telefonierte ja damals noch), dass ich abends gar nicht mehr kommunizieren wollte. Erst als man sich in der Filmbranche ebenfalls vor allem Mails schickte, wuchs mein Kommunikationsbedürfnis wieder, mein Bedürfnis nach menschlicher Gesellschaft aber nicht.

Videospiele. Interessante, anziehende Sache. Aber ich habe keine Zeit dafür.

Inspirierende Gespräche geführt, lange und ausgiebig.

Völlig verpeilt, dass sich die Liefertermine für die Biokiste durch die Feiertage verschoben haben. Keine richtige Bestellung losgeschickt. Also gibt es weder Joghurt noch Brötchen. Meh.
Und warum es in diesem Shop keine Möglichkeit gibt, Standardeinkaufslisten zu speichern, verstehe ich auch nicht.