Der letzte romantische Anfall

wirklich!
Aber morgens aufwachen, wenn die Sonne über die Hügelkante kommt. Sie haut dir so richtig eins gleißend hell auf die Nase, du drehst dich maulend um und da spiegelt sie sich in der Schranktür. Du suchst dir ein Plätzchen, wo sie noch nicht ist und durch das weit geöffnete Fenster kommt kalte, glasklare Luft, die Vögel singen und du schaust den Stäubchen beim Tanzen zu.

Hach!

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Sehen

Komischerweise gibt es von diesem Urlaub nur 15 Fotos, einen guten Teil hat der Gastgeber von mir gemacht. Das Wetter war nicht danach und ich habe die Insel mit ganz anderen Sinnen aufgenommen. In der Erde wühlend, auf den Knien, die Nase im Lehm, über die Maccia-Hänge streifend, die Arme voll blühendem Rosmarin.

Der Blick von meinem Quartier war traumhaft, wenn auch immer wieder ein strammer, kalter Wind wehte.

Ich ließ es mir natürlich nicht nehmen, einmal ins Wasser zu gehen. 14 Grad. Brrrr! Ich Touri eben. Die Sarden waren noch im Pelzmantel unterwegs.

Und wenn solches Wetter war, dann war ohnehin einkuscheln vorm Kamin angesagt.

Die Fotos vom göttlichen Essen sind noch auf der Kamera meines Gastgebers gespeichert. Junge Artischocken, die man einfach in Scheiben schneidet und mit Zitronensaft und Öl beträufelt. Dazu Bottarga oder ein bißchen Stangensellerie, ein Apfel, Walnüsse und eine Orange.
Das Lamm, aus dem ich Navarin kochte, hatte am Morgen noch gelebt. Ich orderte mit meinem nichtvorhandenen Italienisch „Agnello“, zeigte auf meinen Hintern und nickte alles ab, was mir der Schlachter sonst noch zurief. Und so sah ich mich beim Auspacken nicht nur im Besitz einer Babylammkeule, es lag auch ein halber Kopf dabei. Ich mag es nicht, wenn mich mein Essen ansieht, auch wenn es nur ein Auge hat…
Die Zunge verwendete ich (oh wie zart!), das Gehirn packte ich nach kurzem Überlegen in den Schädel zurück (gab es da nicht mal die Schafsdrehkrankheit?) und machte damit die ewig hungrigen Hunde des Nachbarn glücklich.

Eine Empfehlung muß ich noch loswerden: Sollten Sie jemals in das schöne Städtchen Bosa kommen, gehen Sie in die Trattoria Sa Nassa am Fluß auf der Burgseite. – So sie geöffnet hat, denn die Inhaber arbeiten oft noch auf ihrem Campingplatz, in der benachbarten Bar oder in ihren Gärten und Weinbergen.

Das Speichergewölbe (in den anderen Häusern stehen dort die Weinfässer und die Fischereigeräte) ist wunderschön hergerichtet.
Meistens kocht eine Tante und es kommt auf den Tisch, was da ist. Eine Speisekarte gibt es nicht, sondern nur die Wahl „Erde“ oder „Meer“ (die Fischer landen in 3 Metern Entfernung an). Ich hatte phantastische Fischvorspeisen, eine knusprig gebratene Dorade und das klassische sardische Dessert, ein gebackenes Törtchen, das mit mildem Ziegenkäse gefüllt war und mit Honig übergossen wurde. Dazu selbstgemachter Wein und Marsala…

PS.: Der Jugendliche von Welt isst dortzulande gerade nur Pizza mit Pommes.

Dann stellt sich natürlich die Frage, was ich im kalten Berlin mache. Ich wollte noch zwei Wochen verlängern, aber ein Anruf meines Mobilfunkanbieters, der mich darauf hinwies, daß ich angeblich 2.800 € Kosten für UMTS-Nutzung verursacht hätte (2 1/2 Tage 2x Mails checken), ließ mich den gastlichen Ort pünktlich verlassen. Aber das wird eine andere Geschichte.

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Changes

Es gibt Menschen und Zeiten, da werden Veränderungen mit unglaublichem Energieaufwand betrieben. Da geht einer mit einem Löffel auf einen Hügel und schippt jahrein, jahraus die Erde beiseite und am Ende seines Lebens bemerkt er, daß er den ganzen Dreck nur zehn Meter weiter bewegt hat und außerdem ziehts jetzt kalt das Tal hinauf.
Es gibt Menschen und Zeiten, da wird der Gedanke an den freien Blick auf das Tal nur gedacht. Alles andere tun ein Regenguß, ein Erdrutsch und ein paar Stunden mit der Schaufel. Glück? Zufall? Ja. Vielleicht aber auch die Intuition, sich einen Lehmhügel auszusuchen und keinen Granitfelsen.
Überhaupt das Wort Veränderung. Es beginnt schon mal mit Ver-, was im deutschen Sprachgebrauch eher negatives assoziiert. Änderung kommt von anders. Das Andere ist das Gegenüber, der Gegenpol, das Fremde, das Nicht-Ich. Ver-änderung ist die Bewegung auf den Gegenpol zu, die Verwandlung in den Gegenpol, die Assimilation des Fremden.
Dann gibt es das Wort Wende. Aber auch das meint etwas anderes. Ein von innen nach außen kehren, ein Umstülpen, einen Richtungswechsel. Wo habe ich von den Wendezaubern gelesen? Damit läßt sich ein Fluch zum Verursacher zurückschicken.
Wechsel ist für eine Frau in den Vierzigern einseitig besetzt. Du gibst etwas her und bekommst etwas anderes dafür, ohne zu wissen, ob du das überhaupt willst.
Change assoziiert mehr. Die Mischung vom Gegensätzlichem, gleitende Übergänge, Fließen.
Wandel ist ein gutes deutsches Wort. Ein aktives, das Bewegung beschreibt.

Manchmal kracht es nicht einmal, obwohl ungeheure Energien wirken. Da packt es einen und hebt einen empor und man kann nicht einmal schreien, das habe man jetzt aber nicht gewollt. Denn wenn man es nicht gewollt hätte, hätte man sich nicht zu dieser Zeit an diesem Ort befunden und das Schicksal herausgefordert.

Ach ja, Sardinien. Herb und lieblich zugleich. Stark und zärtlich, voller Ruhe und Kraft. Mit Hitze, Kälte, Wellen, Sturm und süß duftender Luft.
Eine verbrannte Nase und Hände, die zupacken können, bringe ich wieder nach Hause zurück. Ein Beet aus wildem Rosmarin und ein Rot- oder Weißdorn (das wird die Blüte zeigen), klein und bizarr, der nun zwischen Küche und Tor steht, sind mein Werk. Mal sehen, ob sie Wurzeln schlagen.

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Und kurz vor dem Abflug

auf die Insel sind die Gedanken im freien Fall: Alles falsch.
Falsche Reisezeit. Falsche Arbeitsdisziplin. Falsche Sehnsucht. Falsche Wünsche. Falsche Forderungen. Falsche Erwartungen.

Kennen Sie dieses Gefühl, wenn Ihr Leben, ihr Denken, Fühlen und Handeln mit nichts mehr von dem, was um sie herum passiert, zusammenpaßt?

Es ist, als würde man morgens aufstehen und die Zahnpasta schmeckt nach Mayonnaise, aus dem Wasserhahn kommt Blut und wenn sie die Zeitung von der Fußmatte aufheben wollen, grinst die sie an und fragt: „Bist du sicher, daß du mich anfassen darfst?“
Sie machen alles wie immer und nichts gelingt. Die Milch gerinnt, die Kartoffeln verkochen, das Fleisch verkohlt.
Sie starten das Auto, legen den Vorwärtsgang ein und fahren rückwärts los.
Ihr Stuhl, auf dem Sie Jahre gesessen haben, bricht plötzlich unter Ihnen zusammen.
Und sie wissen das Rezept der besonderen Aufmerksamkeit für die Welt, die sie umgibt, nicht mehr. Waren Sie früher anders? Haben Sie die Zukunft anders beschworen? Mehr gelächelt? Mehr zugehört?

Was tun? Es ignorieren? Optimistisch sein, daß das vorübergeht? Es als Zeichen auffassen, daß etwas Neues beginnt?

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