Mosaiksteine des Lebens

Ich liebe es, mit dem inneren Zoom zu spielen. Das analytische Hirn fordert Distanz und Betrachtung aus verschiedenen Perspektiven, es liebt Landkarten genauso wie Panoramen. Die näheliebende Seele lässt mich so lange fokussieren, bis aus dem Dreck Kristalle aufscheinen und die perfekte Fassade tiefe Risse hat.

Das soll das Credo sein für mehrere Links und ein Erlebnis.

Zuerst – Happy Birthday #609060!

Erfinderin Journelle schreibt eine Laudatio auf mein liebstes Graswurzelmem. Es ist unkaputtbar, ein Rinnsal an Bildern, das sich mal groß und glänzend aufstaut, mal fast unter dem Bilderdschungel verschwindet, aber immer wieder auftaucht.
Es hat die Diskussion, ob man das Wort „normale Frau“ in diesem Zusammenhang verwenden darf ebenso überstanden, wie die Anmerkung, dass man doch nicht einfach so mitmachen und andere dazu animieren könne, ohne sich der damit verbundenen vielfältigen Probleme bewusst zu sein. Es hat die „Facebook kauft Instagramm und serviert uns haarsträubende AGBs“-Irritation überlebt, einige Teilnehmerinnen sind auf andere Tools ausgewichen.
Es ist da, weil es vielfältig, dezentral, undiktierbar, fröhlich, witzig, liebevoll, respektvoll, offen und einfach das Leben ist. Mosaiksteine aus Frauenleben. Das Setting der Fotos, was steht in den Wohnungen, wo ist der Spiegel, und die immer entspannter werdenden Posen mag ich genauso wie die Outfits. Es ist schön und bereichernd, am Leben von anderen Frauen teilzuhaben.

#609060 hat bei mir viel bewegt. Ich habe mir überhaupt erst mal einen Instagramm-Account eingerichtet, denn vorher konnte ich mit den Essensfotos im Farbdesign von 70er-Jahre-Kochbüchern und alten Polaroids so gar nichts anfangen. Das war für mich „entsättigte-Farben“-Autorenfilm-Klischee, dass ich in endlosen Anfängerkinofilmpremieren ertragen musste.
Es ist für mich zwar immer noch nicht easy zu nutzen, das alte iPhone hat einen Schleier auf der Kamera und die App läuft nur noch auf dem iPad, das wiederum keine Kamera hat und so fotografiere ich mich, maile mir das Bild zu, um es dann vom iPad aus zu veröffentlichen, aber ich habe den visuellen Sog von Instagram begriffen. Mosaiksteine. Hyperrealität.

Ich bin zwar im Gegensatz zu Journelle schon vorher nicht auf die Wage gegangen und Diäten habe ich sowieso fristlos gekündigt, aber mir habe die Bestätigung erteilt, dass ich ok. bin. Und zwar nicht im Vergleich mit anderen, sondern durch die Konfrontation mit der Vielfalt von Körpern. Groß, klein, dünn, dick, an den ulkigsten Stellen knubbelig oder flach, jede Frau ist anders, sie ist eine Persönlichkeit, kein Schema. Ich habe erfahren, dass das, was ich über Schauspielerinnen schon längst wußte – dass Attraktivität keine Frage von Körperlichkeit, sondern von Ausstrahlung ist – auch für mich gilt.
Ich selbst habe den Winter ausgelassen, in dem ich depressiv, schrundig vor Neurodermitis, mit statisch geladenen Haaren und Hoodie-Jeans-Einheitslook jeden Spiegel mied und unter dem Juckreiz und den schwarzen Schatten litt wie ein Tier, aber ich habe Kraft von anderen getankt. Ich konnte mich mit dieser Hilfe aus tiefer Verunsicherung über mein Älterwerden und die körperlichen Veränderungen der Wechseljahre holen.
Außerdem hat es mich auf den Weg zu einem neuen Kleidungsstil gebracht. Ich sah meine „T-Shirtbekleidete Speckrolle über Jeansbund“-Fotos und fragte mich, ob ich jetzt den Rest meines Lebens den Bauch einziehen möchte oder vielleicht mal etwas anziehe, in das mein Körper besser reinpasst.
Ich nähe meine Kleidung wieder selbst, so wie ich es in jungen Jahren getan habe, wo ich einen sehr eigenen Stil pflegte, mit Elementen aus Trachten und den 40ern und 50ern. (Schade, es gibt so gar keine Fotos aus der Zeit. Ich saß in meinem Theaterjob immer im Dunkeln.) Noch bin ich auf der Suche nach den Kleidungsstücken, die in mein heutiges Leben passen, in dem ich selten zur Arbeit nach draussen gehe. Aber selbst diese Suche macht Spaß. Ich trage wieder Kleider und Röcke. Ich habe schöne Stoffe wieder entdeckt. Ich mag es wieder, meinem Körper eine Hülle zu kreieren, die ihm passt und ihn schmückt.
Danke dafür!

Zigeunersauce

Im Zuge des Diskurses zur Neubenennung eines Produktes, mit dem man mich sowieso jagen kann, empfehle ich, dieses FAZ-Interview mit dem Literaturwissenschaftler Klaus-Michael Bogdal zu lesen und zwar bis zum letzten Abschnitt.
Es war eine der großen Bereicherungen aus meinem Studium (es trug nicht umsonst den Beinamen Kulturelle Kommunikation), dass ich in einem Land, das seine Energie sehr gern rigide Sprachregelungen investierte und diese bei Bedarf auch wieder umschmiss, lernen durfte, was hinter abgrenzender und etikettierender Sprache steckt, egal ob sie von allein oder per Ordre de Mufti entstand. Wir haben uns ein ganzes Semester ausschließlich damit beschäftigt, wieso, wann und wie Menschen „das Andere, das Fremde“ definieren und damit indirekt sich selbst. Das war in einer Gesellschaft, in deren Leit-Sätze religiöses Gewicht hatten, ein großes Privileg. Denn eigentlich war dieser Bereich mit einem großen Denk- und Redeverbot belegt. Man hatte Worte und Sätze folgsam nachzusprechen und nicht darüber nachzudenken.
Das Interview zeigt, wie komplex das Thema der Konfrontation von schriftbasierten, schichtenstrukturierten europäischen Kulturen mit einer clanstrukturierten, nichteuropäischen oralen Kultur, die die Umgangssprache unter „Zigeuner“ subsummiert, ist.
Eine Menschengruppe als Parias zu etikettieren, sagt viel über den, der es tut. Über seine Angst seinen Besitz, seine Ordnung, sein Erspartes, seine Präsentabilität und seine Sauberkeit zu verlieren – allesamt basierend auf hart antrainierten Fähigkeiten – über seine Unfähigkeit, sich mit einem Volk zu arrangieren, das nicht mit anderen reden will, kein offenes Buch ist, das Geheimnisse pflegt, seins macht und dabei nicht kontrolliert werden will. Dieses Volk ist eine hervorragende Projektionsfläche für diese Ängste, aber auch, zumindest in Vor-Globalisierungszeiten, für Sehnsüchte nach Freiheit, Ungebundenheit, Sinnlichkeit und Exotik.
Für mich ist die Konsequenz aus diesem Interview die Bestätigung meines Gedankens das nichts dümmer ist, als das alte, anstößig gewordene Etikett (wovon auch immer) abzureißen und ein neues, notfalls auch mit viel Druck draufzukleben. Denn die Nebenwirkung einer solchen Aktion ist nur eine neue Form von Verdrängung. Anders Verdrängtes, Abgespaltenes, neu Bemänteltes füttert ebenfalls den Schatten und harrt dort weiterhin aus.
Solche Handlungen sind viel Lärm um nichts. Für reflektierte Menschen ist der Satz „Du darfst jetzt nicht mehr Zigeunersauce sagen!“ eine Missachtung ihrer Intelligenz, anderen ist er egal. Wer diesen Satz sagt, kommt damit bei den Handlungen seiner verhassten Elterninstanzen – Müttern, Vätern Lehrern, Pfarrern – und deren „das sagt man nicht!“- Maßgaben an und hat sich keinen Schritt weiter entwickelt. Wobei ich ahne, dass es sich hier um einen relativ normalen Prozess handelt.
Bogdal wiederum näherte sich über 20 Jahre Forschungsarbeit einem Jahrhunderte und Landstriche umfassenden Menschenhass, bis er wußte, was die Ursachen waren. Für sich ganz persönlich kam er bei der Erkenntnis an: Wenn man die Leute kennt, hat sich das aufgelöst, dann existieren „die Zigeuner“ ohnehin nicht mehr. Dann versteht man ihr Handeln und kann zwischen dem Verhalten religiöser Gruppen und reinem Armutsverhalten differenzieren. Er kennt nun die Steine des Mosaiks.
Fazit? Weniger reden und andere maßregeln, selbst als Vorbild vorangehen, sich konfrontieren, erkennen, handeln, Leben wagen. Ich weiß, ich wiederhole mich.

Sommernacht an der Panke

Die hochgeschätzte Barb Nerdy fragte zwei Tage vorher noch mal nach, ob ich denn am Donnerstag zu Jim Avignon käme. Diesmal konnte sogar ich altes Mütterchen zusagen, fing der Abend doch diesmal schon um 20 Uhr an, statt mitten in der Nacht. Der Graf und ich radelten zur Panke. Im Hof angekommen, schlossen wir uns einem Menschenknäuel an. Ich wunderte mich noch etwas über deren Alter und gute Kleidung und dass wir nicht overdressed waren und las am Eingang „Klavierduo“. Da hatten wir aber auch schon einen Begrüßungscocktail in der Hand und der Graf eine Bekannte im Areal entdeckt. Aus früheren Zeiten beherrsche ich noch die Technik „dreinschauen, als ob man dazugehört und vorbei am Gästecounter“, denn ich hatte zu wichtigen Veranstaltungen nicht immer eine Einladung. Drin angekommen plauderten wir mit der Designerkollegin des Grafen, ein etwas desorientierter Kellner fand keine Abnehmer für seine Häppchen, was wiederum mich glücklich machte und etwas später vollführten wir einen Wildwechsel in den nächsten Hof, sahen Kunst, ich trank mit lauten Lobgesängen die wirklich hervorragenden Cocktails und später saßen wir musikhörend im lauschigen Garten. Alle Mosaiksteinchen waren an ihrem Platz.

Auch das noch:

6 Gedanken zu „Mosaiksteine des Lebens

  1. Du hast selbst in der DDR erlebt, dass Wörter ersetzt werden sollten. Beweist das nicht die Macht von Sprache? Ist denn nicht nachvollziehbar, dass Menschen sich diese macht immer wieder ins Bewusstsein rufen?
    Und wenn mich jemand bittet, ihn nicht mit einem bestimmten Wort zu bezeichnen: Ist es dann nicht schlichte Höflichkeit, dem nachzukommen?

    • Außerdem ab ich auf die ganze Scheiße keinen
      Bock mehr. Ich möchte Flausch, Einhörner und Kochrezepte auf Twitter. Für alles andere gabs mal die Piraten.

    • Wenn jemand das wünscht, warum nicht? Das Umbenennen in wasauchimmer schafft nur nicht die kulturelle Reibungsfläche ab, um die es im Interview eigentlich geht.
      Die Macht von Sprache wird überschätzt, bzw. Eingriffe in die lebendige Sprache haben nicht zu unterschätzende Nebenwirkungen.
      Die Sprachrestriktionen in der DDR hatten in meiner Erinnerung nur eine Spaltung der Kommunikation zur Folge. Es gab die offiziellen Sprachregelungen, also das kommunistische Bullshutbingo, das „draußen“ gesprochen wurde, wenn Fremde anwesend waren. Da könntest du das Hirn abschalten und hast die entsprechenden, gerade gut ankommenden Begriffe runtergeleiert.
      War man unter sich, fiel das weg und die Sprache veränderte sich je nach Schicht und Millieu, selbst unter Parteifunktionären. Sie wurde wieder authentisch. Also auch saftig und mitunter speziell. Oder vorkriegsmäßig, bei den Alten, die noch „der Umsturz‘ sagten und so.
      Ich habe in einer Blase gelebt. Vor mir sagte man höchstens mal „Russen“ statt „die Freunde“, „Presskohle“ und ‚Fidschi“ für afrikanische und vietnamesische Gastarbeiter hörte ich selten. Dass man mich wie eine offizielle Person behandelte, habe ich erst Jahre später verstanden.
      Das mit den Russen und den Freunden ist in klarer Euphemismus. Wie kannst du jemanden gezwungenermaßen als Freund bezeichnen, gegen den dein Großvater noch Krieg geführt hat? Ohne, dass es irgendeine spontane Verständigung gegeben hätte, jenseits von offiziell verordneten Anlässen? Wenig, was nach dem verlorenen Krieg passierte, würde zu dieser Bezeichnung führen. Für meine Familie sah das zwar anders aus, aber wir gehörten zu einer ganz kleinen Minderheit.
      Diese kommunikative Spaltung führt zu einem Double Bind, als müsstest du ständig versalzenes essen und Loblieder singen, wie süß das ist. Von so etwas gehen Köpfe kaputt.
      Oder es gibt Spätwirkungen. Der Neonazismus in der In den neuen Bundesländern wurzelt auch auf solchen Spracheuphemismen.

  2. Komm doch rüber zum Me Made Mittwoch, wenn du wieder selbst nähst!!
    Trachtiges ist gerade hoch im Kurs bei den DIYs und Retro sowieso.

  3. Pingback: Results for week beginning 2013-08-12 | Iron Blogger Berlin

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