Alles im Eimer

Heute haut mir die Schüchternheit mal wieder die Beine weg.
Ich habe kein Problem, ein größeres Auditorium zu entertainen und/oder zu belehren, ich liebe Lesungen und Vorträge, auch meines eigenen Krams.
Aber sobald es um ein zwangsloses berufliches Treffen von bisher weitgehend unbekannten Leuten zwecks Kontaktaufnahme und Smalltalk geht, herrscht bei mir der innere Ausnahmezustand.
Als würde mir einer sagen: Jetzt aber los, wir dachten schon, Sie kommen nicht mehr!, mich auf die Bühne schieben und dann stehe ich da und – Was hatten die gesagt? Die Arie der Königin der Nacht? Ich??? Aber ich kann doch den Text garnicht! Und singen kann ich auch nicht!!! Jedenfalls nicht so hoch und nicht so laut…
Und dann wache ich schweißgebadet auf.

Ich glaube, das werde ich im Leben nicht los.

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21.10. 10

Es herbstelt so vor sich hin. Die Nacht war unruhig, weil es stürmte. Ich schloß Wetten drarauf ab, wann endlich dieses riesige Stück Plastikfolie, das ich auf dem Balkon bunkerte, fliegen lernte.
Entsprechend mühselig war das Aufstehen. Ich konnte mich nicht darum drücken, um 11 Uhr hatte ich einen Muckibuden-Trainingstermin in C-Burg und vorher mußte ich noch meine Sportsachen bei HeMan abholen.
Der Trainer hat mir ein nettes Post-Burnout-Programm zusammengestellt. Nichts mehr nach dem Motto „Was uns nicht tötet, härtet uns ab.“, sondern nur 4 Geräte und den Rest Crosstrainer nach Tagesform. Dazu Anfängeryoga.
Der Rest des Tages war Büroroutine. Am Abend kochte ich mir eine Kürbissuppe, räumte die Belegestapel rechtwinklig auf meinen Schreibtisch, um Ordung zu imitieren und dinierte mit mir selbst.
Der Rest des Abends verging mit Internetrecherche zum Thema Transmedia und digitales Storytelling (schön, daß ich endich ein Etikett für das gefunden habe, was ich seit zweieinhab Jahren verfolge). Nebenbei vernichtete ich einen Gin-Rest per Martini-Cocktail. Der dann doch größer war als die Flasche suggerierte. Heidewitzka!

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20.10. 10

Ich grub mich weiter durch Steuerbelege und verließ um die Mittagszeit das Haus, um meine frierende Seele mit indischem Essen aufzuwärmen. Außerdem brauchte ich noch ein paar Sachen aus dem Biomarkt. Buchweizenmehl, Öl und Reiswaffeln. Natürlich packte ich bei dieser Runde prompt noch einen Kürbis ein und dies und jenes, um am Donnerstag abend Kürbissuppe kochen zu können.
Die Pinnwand am Einpacktisch war der Horror. Im Gegensatz zu Biomärkten im Prenzlauer Berg, wo Yoga, Kurse für gesunde Ernährung und Geburtsvorbereitung angeboten werden, geht es in Schöneberg bei der vorwiegend weiblichen und postklimakterischen Klientel nur um Esoterik. Beziehungsarbeit per Gedankenlesen, auch Fernheilungen möglich. Kartenlegen. Tarot. Edelsteinheilen. Wiedergeburten. Man hat das Gefühl, ins Mittelalter versetzt zu sein. Ich packte mein Fahrrad voll und verließ diesen Ort, bevor jemand auf die Idee kam, im Eingangsbereich eine Teufelsaustreibung vorzunehmen und radelte durch den Regen Richtung Heimat.
Dort schlug auch bald wieder der Hausmeister auf, der eine weitere Stunde schraubte. Das Ergebnis: Die Flexschläuche sind wieder dicht, ich habe jetzt sogar einen Waschmaschinenanschluß, aber der Einhebelmischer tropft abwechselnd oder ist verstopft und der Durchlauferhitzer produziert neuerdings in der Warm-Einstellung kaltes und in der Heiß-Einstellung warmes Wasser. Aha. Scheinbar handelt es sich bei dem Problem eher um wandernes schlechtes Karma.
Auch den Abend verbrachte ich mit Steuerbelegen. Dann las ich viel zu lange im Bett, einen Martini an der Seite, um ein ungutes Telefongespräch zu vergessen.

Bemerkung am Rande: Es gibt komische Menschen. Vorgestern klickte ich jemanden auf Xing an, weil mir sein Name bekannt vorkam und am nächsten Tag hatte ich eine Kontaktanfrage im Postfach mit der Formulierung: „Was kann ich Schönes für Sie tun?“.
„Äh… Nichts! Tun sie so, als hätte mein Besuch auf Ihrem Kontakt nie stattgefunden!“, hätte ich ihm schreiben sollen. Ich beschränkte mich aufs Ignorieren.
Bei so viel Distanzlosigkeit kann ich mich nur schütteln. Als würde man einen Menschen in der U-Bahn ansehen und hätte sofort seine Telefonnummer in der Hand.
Urgs.

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