Das Kind und ich hatten eine Plätzchenfertigungsstrecke gebaut.




Die Endergebnisse habe ich noch nicht fotografiert (da muß ich mich beeilen, sonst sind die aufgefuttert!). Meine Vanillekipferl sind aus unerfindlichen Gründen komplett zerlaufen. Die einzige Änderung an dem Rezept war unraffinierter Rohrzucker. Dann dienen sie als nächstes als Boden für New York Cheesecake.
Aber das Schwarzweiß-Gebäck vom Kind, ihre Vanillekipferl und meine Linzer Plätzchen sind seeehr knusperknusperknusper….
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ÖPNV oder wir werden niemals Freunde
150m von meiner Haustür hält der M46, ein Metrobus, der in den Hauptverkehrszeiten mindestens alle 10 Minuten fährt.
Da er aber vorwiegend von Rentnern benutzt wird, die vom KaDeWe in die Steglitzer Schloßstraße fahren, fällt des öfteren einer aus.
Dann stehe ich mir an der reifensprühluftgesättigten Martin-Luther-Straße die Beine in den Bauch.
Kommt er, dann fahren die Rentner die Krücken aus, um als erste einsteigen zu können. Das gönne ich ihnen von Herzen, würden sie nicht sofort drei Schritte nach dem Eingang stehen bleiben und sich irgendwo festklammern. Sitzplätze gibt es ohnehin nicht mehr, denn es rückt niemand ans Fenster auf, alle bleiben am Gang sitzen und durchdrängeln auf den zweiten Sitzplatz mag sich keiner.
Außerdem – man korrigiere mich – habe ich den Eindruck, daß der Anteil stark adipöser Menschen in den letzten 15 Jahren zugenommen hat. Kein öffentliches Verkehrsmittel, in dem in Sichtweite nicht zwei bs drei Leute sitzen, die anderthalb Plätze brauchen oder im Stehen den engen Gang unpassierbar machen.
U-Bahnfahren ist für mich schon immer so eine Sache für sich gewesen. Mir wird übel davon und diese Mischung von Eingeschlossensein, sichtbar schneller Bewegung und Menschenmengen erzeigt in mir nachhaltige Panik. Ich werde so konfus davon, daß ich in den nächsten kommenden Zug einsteige und oft zurückfahren muß.
Die S-Bahn ist ok., brilliert aber mit unvorhergesehenen technischen Störungen und Genickschußstrecken bis zum Erreichen des Bahnstiegs, bei deren Bewältigung man von Straßenzeitungsverkäufern und aggro Rollstuhlbettlern aufgehalten wird.
Meine letzte Busfahrt, heute um 18 Uhr war die Krönung. Es stank nachhaltig nach Scheiße, obwohl kein windeltragendes Baby in der Nähe war (btw. der Bus in Richtung Schloßpark-Klinik riecht immer nach Urin) und neben mir unterhielten sich zwei junge Frauen, wer als nächstes die im Büro grassierende Magen-Darm-Grippe aufgeschnappt hat.
Bevor das Fahrradwetter zurückkehrt werde ich Reisen in weit entfernte Stadtteile auf das notwendigste beschränken, denke ich.
Wiedersehen mit warmer Schokolade
Gestern machte ich mich noch auf die weite, gefährlich kalte Reise in den Prenzlauer Berg. Eine meiner ältesten Freundinnen hatte zum Geburtstag eingeladen. Wir hatten uns über ein Jahr nicht gesehen, meine Kommunikationsfähigkeit läßt doch immer wieder zu wünschen übrig.
Ich kenne sie, seit sie Anfang 20 ist. Da war sie selbstständig mit einer wahnsinnigen Verantwortung und Arbeit rund um die Uhr. Diese ganze Rumhäng-, Ausprobier-, Orientierungsphase hat sie dann mit Anfang 30 begonnen. Gepaart mit einer handfesten Krise, denn je älter man wird, desto schwieriger werden solche Sachen.
Sie war als kleine Business-Soldatin unglaublich verkleidet, mit Plateauschuhen, schwarzrotem Lippenstift und Anzügen, Privatleben gab es so gut wie keines, bis auf etwas Zeit mit den Eltern und meistens den falschen Männern. Als sie dann einer aus der alten Bahn trug, sich natürlich auch bald verpißte und sie merkte, daß es noch andere Sachen als Arbeiten gibt, war sie jahrelang ängstlich und orientierungslos, fast kindlich, mit Babyspeck, Jeans, Holzfällerhemden und strähnigen Haaren. Dann studierte sie, schwamm sich im Job frei und nun stand eine zierliche, schöne Frau im schwarzen Kleid vor mir, die ein Sparschweinchen auf den Tisch gestellt hatte, um Kollekte für neue Laufschuhe zu machen. Schließlich trainiert sie für den Berlin-Marathon.
Uff. Die Kleene. Die mich allen Freundinnen aus dem neuen Leben als ihre langjährige Mentorin vorstellte. Nochmal uff.
Alles im Möbiusschen Band gedreht, gespiegelt. Der größte Teil der Frauen, die dort saßen, studieren an der Hochschule, an der auch meiner Tochter im zweiten Semester ist. Und ich? Coach, berate unter anderem Studenten. Bin aber in einer ähnlichen Wandlung, wie sie die Freundin in den letzten 7 Jahren gemacht hat. Da hat sie Vorsprung und wesentlich mehr Erfahrung als ich.
Ich trank Martinis, futterte Bananenscheiben, die ich in den Schokobrunnen auf dem Tisch tauchte, kleckerte wie ein Wetmeister, versuchte in Kontakt zu kommen und fühlte mich ein bißchen wie die extravagante Tante.
Dann erdete ich mich im Gespräch mit ihrer schwangeren Nachbarin. Interessanter Job, grade geheiratet, es steht noch ein feierlicher Umtrunk mit Freuden aus und ich versuchte mit ein paar Witzchen meine Schangerschaftserfahrungen weiterzugeben.
Ickeso: Champagner geht schon, vor allem, wenn es langsam Zeit für das Kind ist und es nicht rauskommen will.
Sieso: Muß es denn Champagner sein?
Ickeso: Sag deinem Mann, es muß auf jeden Fall guter Champagner sein. (zwinkere ihr zu) Und dann gibt es noch ein anderes Mittel, aber das erfährt du früh genug.
(ich hatte zwei Martini intus)
Sieso: Na da bin ich gespannt. Das muß ja ein großes Geheimnis sein.
Ickeso: Kann ich dir auch gleich sagen. Sex. Dein Mann wird sich sicher freuen.
(dabei hatte ich die grundsätzliche provinzielle Spießigkeit der Prenzlauer-Berg-Bewohner im Kopf und war, ich gebe es zu, ein bissel ironisch)
Sie holte Luft: Äh, ich hab keinen Mann, auch wenn ich grade geheiratet habe.
In meinem Kopf arbeitete es. Hm. Spezialisiert auf Ausländerrecht und Aufenthaltsgenehmigungen…
Sieso: Wir sind eine WG. Ein schwules Paar, meine Freundin und ich.
Ickso: drechselte einen Satz über die niedrige statistische Wahrscheinlichkeit, daß es sich in diesem Viertel bei einer Heirat um sich bei einer Heirat um eine homosexuelle handelte und rettete mich damit, daß ich ihr versicherte, daß Sex mit ihrer Freundin sicher die selbe Wirkung hätte.
(Glaube ich alledings nicht. Das hatte auch was mit Hormonen zu tun, aber egal.)
Sie nahm ihre Jacke. Ich geh dann mal. Ich lächelte wie der japanische Premierminister. Sex mit ihrer Freundin schien noch ein Fettnäpfchen zu sein. Warum kann man sich mit Lesben nicht unverkrampft über solche Sachen unterhalten? Ich habe immer das Gefühl, gerade freundlich über den Tisch gekotzt zu haben.
Als sie dann weg war, redete ich noch lange mit der Freundin. Ich konnte die große Klappe nicht halten und verpflichtete mich zur Teilnahme am Avon-Frauenlauf im Frühjahr. In pinkfarbenem Tütü sozusagen. Das ist doch mal ein Ziel.
Dann erzählte sie mir, daß ein gemeinsamer Bekannter gestorben war. Da wir sowieso schon minutenlang händchenhaltend saßen und ich bei Körperkontakt immer schrecklich emotional werde, hatte ich furchtbar nah am Wasser gebaut.
Deshalb veranschiedete ich mich recht schnell und mit großer Wärme im Herzen.
Am Grund der Dinge
Der beste Freund war gestern da. Wir sind ein sehr ungleiches Paar (das nie ein Paar geworden ist), trotz ähnlicher Wurzeln. Unsere Eltern sind dicke, aufs Äußere völlig unbedachte ostdeutsche Akademiker im frühen Rentenalter mit sächsischen Wurzeln und wir sind beide während des Studiums in den Mauerfall geschlittert, haben Kinder und sind jeder auf seine Art in der neuen Gesellschaft erfolgreich angekommen.
Ich manchmal hastig und brachial, mit allerlei Maskierungen und Adaptionen. Er langsamer, sehr authentisch und bekennend „bäurisch“. (Obwohl ich aus dem Oderkaff stamme und er aus dem Berliner Speckgürtel.) Er ist Geologe geworden und nicht Orchestermusiker wie seine Brüder und ich Theaterwissenschaftlerin und nicht Gartenbauingenieurin. Den einen zog es zur Erde, die andere wollte abheben.
Als ich in den letzten zwei Jahren ins Taumeln kam, war seine Hilfe konkret und handfest. – Obwohl er mir schon Monate zuvor angekündigt hatte, daß ich demnächst auf die Fresse fliege, wenn ich so weitermache.
Gestern abend war dann der Moment, bei Tramezzini und Glühwein ein Fazit zu ziehen:
Du bist jetzt auf der Basis angekommen. Für europäische Verhältnisse ganz unten. Was heißt, du hast es warm, ein Dach über dem Kopf, zu essen und du bist in engem Maße mobil und in Kontakt mit anderen Menschen. (Ich füge hinzu: Ich habe Zeit zu freien Verfügung, das ist sehr viel mehr als ein gewisser Wohlstand.) Jetzt kann es nur noch aufwärts gehen. Du kannst dir jetzt ein anderes Leben bauen. Wenn nicht noch irgendwas dazwischen kommt, über das du nicht bestimmen kannst, wenn du ernsthaft krank wirst zum Beispiel.
Wie so oft hat er recht. Und wie immer in solche Momenten zuckt mir Rilke durch den Kopf. Aber das läßt sich ohnehin nicht beeinflussen. Das Leben ist zu leben.
Ich erzähle ihm von den Sesselplänen. Er hat sich auch gerade einen gekauft. IKEA, für 300 €. Witzig, vor über 10 Jahren hatte er mich rund gemacht, weil meine Besprechungsmöbel im Büro so unrepräsentativ und vom Möbelschweden waren. Auch hier haben wir uns auseinanderentwickelt. Schöne Möbel waren mir nie wichtig, jetzt schon und er verzichtet von Jahr zu Jahr auf den repräsentativen (ich sage: ästhetischen) Faktor, weil es ihm egal ist, was andere dazu sagen.
Zu meinem fokussierten Stück hat er nur einen Kommentar: Sieht aus wie ein Autoscooter. Und trifft damit leider auf eine fiese Weise den Nagel auf den Kopf. Ich habs überschlafen, konservativere Modelle erwogen und bin wieder an diesem Modell dran.
Dann unser altes Thema, die Spiele zwischen Männern und Frauen, meine Trennnung und seine seit 4 Jahren Nicht-Beziehung.
Über die 4 1/2 Jahren „ich brauche niemanden, aber du brauchst jemanden“, die ich hinter mr gebracht habe.
Wie zufrieden er damit sei, daß sie scheinbar keinerlei Ansprüche an ihn habe oder aber nicht stelle. (Daß sie im vierten Jahr darauf bestand, auf seiner Geburtstagsparty dabei zu sein und endlich seine zahlreich erscheinenden Freunde kennenzulernen und dies mit einer vorübergehenden Trennung bekräftigte, hat er längst vergessen.) Er verabredet sich mit ihr per sms, sie telefonieren so gut wie nie, die Initiative geht immer von ihm aus und in 80% der Fälle ist sie da und verbringt meistens das Wochenende mit ihm. Der Alltag und vor allem ihr Leben mit ihrem Sohn bleiben weitestgehend draußen.
Er faßte es in wunderbare Worte: Am Sonntag abend reicht es dann auch. Ich finde überhaupt, Frauen sollten so eine Vorrichtung haben, wo man sie rufen und wieder wegschicken kann.
Ah, so einen Standby-Knopf?, frage ich. Ja, genau! Das Modell Standby-Frau scheint nicht nur eine bösartige Projektion von mir zu sein.
Ich frage mich, was passiert, wenn ihr 20jähriger Sohn das Hotel Mama verläßt. Denn er scheint der Stablisator zu sein, ohne daß es jemand merkt. Aber das ist nicht mein Problem.
Wir planen. Wenn die Seen am Stadtrand zugefroren sind, könnten wir Schlittschuh laufen oder wenn Schnee auf den Eis liegt, nehmen wir die Langlaufski. Dann geht er: Danke für die Stullen!
Ich mag ihn sehr.
Ach ja, der Rilke, als Bestandteil meines Bildungsauftrages lt. JMStV:
Imaginärer Lebenslauf
Erst eine Kindheit, grenzenlos und ohne
Verzicht und Ziel. O unbewußte Lust.
Auf einmal Schrecken, Schranke, Schule, Frohne
und Absturz in Versuchung und Verlust.
Trotz. Der Gebogene wird selber Bieger
und rächt an anderen, daß er erlag.
Geliebt, gefürchtet, Retter, Ringer, Sieger
und Überwinder, Schlag auf Schlag.
Und dann allein im Weiten, Leichten, Kalten.
Doch tief in der errichteten Gestalt
ein Atemholen nach dem Ersten, Alten…
Da stürzte Gott aus seinem Hinterhalt.