Schatten und Licht

Achtung,das wird ein Mäandertext, ich hatte einiges zu prokrastinieren.

Dirndlalarm

Die Woche über begleitete mich der Anfang eines Nähprojektes. Das Dirndl nimmt Gestalt an und hat in der ersten Ausführung nichts mehr mit einem Dirndl zu tun.
Aber dafür muss ich etwas ausholen. Seit langen Jahren liegt in meiner Stoffkiste ein fester schwarzer Seidenrips, Überbleibsel einer Gianfranco-Ferré-Kollektion. Da er 2002 aufhörte und 2007 starb, kann man ungefähr ermessen, wie lange mich der Stoff schon begleitet. Ich wollte schon immer einen langen, schmalen Rock mit Godets daraus machen, eine Art Reitrock. Dann kaufte ich in üppigeren Zeiten in meinen 30ern dieses Complet von Anna Scholz.
Anna Scholz
Schwarzer Seiden-Jaquard mit Leomuster, dazu gehört noch eine Jacke, die ein rotes Seidenfutter hat. (Passt mir heute leider nicht mehr, liegt aber noch im Schrank.)
Das Interessante daran ist der Schnitt. Anna Scholz näht für Frauen mit viel Busen, Bauch und Po. Deshalb hat dieses Kleid ein separates Körbchen für den Busen, damit das Oberteil nicht verrutscht, Schlitze an der Hüfte und quere Abnäher unter dem Hintern, damit der Rock kein Sack ist. Vor allem ist es ein Zweiteiler. Frau kann sich in der Taille bewegen und in Gegensatz zum Etuikleid, das dann entweder zerrt, zu eng ist oder aber ein bequemer Sack sein muss, bleibt die Bewegungsfreiheit erhalten. Das Schößchen mit den Schlitzen rutscht beim Drehen und Beugen einfach über den Rock und schlägt keine Falten.
Der Plan für den Seidenrips änderte sich, es sollte ein Zweiteiler werden. Unter anderem, weil ich mich an diese Szene aus Boccaccio ’70 erinnerte:
http://youtu.be/j1_JgJGXz0M
Was das mit Dirndl zu tun hat? Ganz einfach, das enge Leibchen, das die Figur formt, bleibt erhalten, man könnte sogar, wenn es nicht ganz hauteng ist, und Madame es züchtiger und bedeckter mag, eine Bluse darunter ziehen oder ein großes Tuch oder Cache-Coeur darüber nehmen. Nur der Rock hat sich geändert. Er ist eng und kurz geworden und damit ist er das Zugeständnis an die Moderne und die Stadt. Nächste Ausbaustufe ist dann ein kurzes Spenzer-Jäckchen, das braucht noch etwas. – Und ein klassischer weiter Rock, der wahlweise dazu getragen werden kann.

Ich nahm einen Nadelstreifenstoff und passend gekauftes Futter, die beide teurer aussehen als sie sind und begann auf der Basis meiner Grundschnitte für Rock und Oberteil zu arbeiten. (Ich hatte kurz die Idee, ein ganz klassisches Trachten-Dirndl aus Nadelstreifenstoff zu machen, dazu reichte der Stoff leider nicht.) Einziger Makel ist, dass meine Grundschnitte hinten unperfekt ausgearbeitet sind. Ich variiiere ja bisher noch Kaufschnitte, die sind oft so gemacht, dass die Alleinnäherin damit zurecht kommt und hinten nicht anpassen muss bzw. sich von hinten eh nicht sieht. Während ich vorn Teilungsnähte habe, habe ich hinten nur Abnäher, das muss ich noch perfektionieren.
n-dirndl
Vorn bin ich bei dem Ausschnitt geblieben, der mir am besten steht und den ich aber auch mit Bluse tragen kann. Hinten hatte ich einen Patzer zugeschnitten, über der Hüfte war es zu eng. Also wird dort mittig ein Keil eingesetzt, das ist dann auch die Stelle, wo Stickerei hinkommt.
Lily Embroidery
Osterlilien oder wie der Graf zutreffend bemerkte: „Oh, ein A…geweih!“ Vielleicht mache ich das noch mal in Schwarz, Silber ist schon sehr indezent. Ich bin gerade im Innenausbau, der mir sehr wichtig ist, ich soll ja in der Klamotte wohnen, das ist ja nicht nur Fassade. Der Rock braucht dringend eine Mischung aus Formbund hinten wegen Hohlkreuz und Gummizug vorn, wegen wechseljahresbedingter irrsinniger Bauchweitenschwankungen.
Das ist erstmal der Stand der Dinge. Zum Spenzerjäckchen könnte ich mir noch eine kleine drapierte Schürze aus Nadelstreifen vorstellen. Nächste Ausbau- bzw. Variationsstufe sind der klassische Trachtenmiederschnitt mit Trägern und Geschnür, dafür habe ich schon schwarzes Leinen und Futter und den Stoff für den Rock habe ich auch hier. Und wenn mir irgendwann langweilig ist, mache ich noch mal was aus Moleskin, das hat mich nämlich enorm beeindruckt, dass Heike von rothedinge eine Bezugsquelle für gutes Englisch Leder, wie der Stoff auch heißt, aufgetan hat.
Dann habe ich hoffentlich genug Übung und auch einen richtigen Rückseitenschnitt, um an den Seidenrips zu gehen, wenn mir den bis dahin nicht irgendein blödes Viehzeug aufgefressen hat.

Oh, und gerade ruft der Mann an, der mich seit langen Jahren fotografiert, wir haben seit Mai eine angefangene Fotosession liegen und Sitzung zwei folgt am Mittwoch. Bis dahin muss ich also fertig sein…

Archimedes und Gruppendynamik

„Wo ein Körper ist, kann kein zweiter sein.“ hat der gute Mann gesagt und wer noch richtigen Schulunterricht hatte, hat das in Physik gelernt. Die Erkenntnis soll ihm gekommen sein, als er in die Badewanne stieg und er Wasser verdrängte. Wäre er vor eine solide Steinwand gelaufen, hätte er wahrscheinlich nur geflucht. Es kommt auf die Konsistenz des Körpers an bei der Entscheidung, wer wen verdrängt. Aber fest steht, es kann oft nur einen geben, wenn der Raum begrenzt ist.
Mir lief gestern dieser Artikel über den Weg und ich hing mich etwas daran fest und der Graf und ich lieferten uns einen heftigen Disput dazu.
Einschub – ich trenne die ersten beiden geschilderten Fälle, in denen ein Mann ganz selbstverständlich meint, die Distanzschwelle einer Frau unterschreiten zu können, mal ab. Eine scharfe Zurechtweisung wie geschehen ist da das Mindeste, ich habe in solchen Situationen früher auch ganz gern mal reflexartig Backpfeifen verteilt. Das war sehr wirksam. Mag sein, dass Deutsche eine größere Distanzschwelle haben als Amerikaner, aber man fällt auch keinem Japaner laut schreiend, Rotz und Wasser heulend um den Hals, ohne größere kulturelle Verwerfungen auszulösen (mögen die auch ganz stumm sein).
Der letzte Fall von dem Mann, der gar nicht merkt, wie er immer mehr Raum nimmt und eine Szene dominiert, in die er freundlich integriert wurde, löste das Streitgespräch beim Grafen und mir aus. Sitzen wir doch auf zwei verschiedenen Polen. Ich bin die Frau, der Hang zur Dominanz unterstellt wird, die bei Männern (mitunter auch schwere) Irritationen auslöst, weil ich mir einfach völlig selbstverständlich meinen Raum nahm. Nun bin ich keine kleine zarte, dünne Frau, aber auch nicht überdurchschnittlich körperlich präsent. Ich bin Durchschnitt in Größe und Gewicht – in der natürlichen Verdrängung also, mein Verhalten scheint das Anstößige zu sein. Die Kommentare waren nicht nett, aber sehr vielredend. „Trampel, Maschine, Bulldozer, Mannweib, Hexe… etc. pp.“
Ich war eine Bedrohung, weil ich nur da war und ich habe es trainieren müssen, mich, wenn ich es denn brauchte, kleiner und unauffälliger zu machen, ohne mein Ego zu verletzen. Meine Strategie ist entweder Distanz (so interessant sind diese Bläher nicht) oder aber nicht ausweichen, Blickkontakt und immer mal einen gezielten Ellenbogenhieb verteilen bzw. kommunikativ gnadenlos in die Luftholpausen gehen. Manchmal gebe ich halt auch die Uschi und baue darauf, unterschätzt zu werden. Das ist ein gutes Manipulativ, auf Dauer widerspricht mir das aber.
Der Graf wiederum als sanfter, zurückhaltender Mann, hatte ein halbes Leben unter solchen Männern zu leiden und seine eigenen Strategien entwickelt, um aus ihnen die Luft rauszulassen oder sie wirkungsvoll in die Schranken zu weisen.
Ich greife, um einer solchen Situation beizukommen gern zu der alten Theaterweisheit „Den König spielen immer die anderen“. Es wäre zu kurz gegriffen und wirkungslos, einfach zu verlangen, das Leute das nicht tun sollen und Mimimi nutzt schon garnichts.
Wer erzieht Männer zu Männern? Zuerst die Mütter. Es sind ihre bewundernden Blicke auf den kleinen Mann. „Er ist so wild! … Er braucht so viel Platz, um sich auszutoben!“ (Es wäre interessant, mal zu schauen, ob das nicht die natürlichere Form der Existenz ist, natürlicher jedenfalls, als Mädchen auf Diät zu setzen und ihre Wildheit zu kontrollieren. Aber Affektkontrolle und gezieltes Ausagieren von Affekten in Gesellschaften, in denen Menschen eng zusammenleben, ist ein weites Feld, siehe Japan.)
Dann gibt es die Vorbilder. Papa (so es den überhaupt gibt), Anführer, Helden, Superhelden. Und dann gibt es Herden von Frauen, die aggressive Körperlichkeit und dominantes Verhalten billigen und bestätigen. „Unter 1,85 sehe ich mir beim Daten gar keinen Mann an.“ – „Er muss mir körperlich überlegen sein, sonst rührt sich bei  mir nichts.“ – „Er muss wissen, was er will und spüren, was ich will!“ – „Er muss mir zeigen, dass er ein Held ist.“ „Ich will einen Alpha!“ – „Ich ergreife auf gar keinen Fall die Initiative.“
Ich glaube, was nötiger ist, ist mit der eigenen Präsenz ein Korrektiv darzustellen und kein dankbares Publikum abzugeben (wenn auch aus Konvention und mit Zähneknirschen). Den König spielen immer die anderen und diese kleinen Könige suchen sich schon den Hofstaat, mit dem sie sich wohl fühlen. Aber mitunter sind sogar sie lernfähig.

Schlechtes Karma oder was?

Wir reisten gestern wieder ins Brandenburgische, um Sommerhäuschen anzusehen. Ein schönes Hobby, viel besser als Windowshopping. Diese Landschaften, die ich immer schlammig, staubig, übernutzt und frustrierend in ihrer Kargheit in der Kindheitserinnerung abgespeichert hatte, sind wunderschön geworden und ich weiß nicht, welchen Anteil daran mein Zustand und welchen der Zusammenbruch der ostdeutschen Industrie mit ihren Dreckschleudern hatte. An die entlegenen schönen Ecken kam ich nur mit den Eltern oder der Schulklasse, das war für mich selten entspannend. Als ich älter war, beschränkte sich mein Aktionsradius, weil ich kein Auto besaß.

Wir fuhren an einen größeren See, der zur Hälfte mit Seerosen bewuchert war. Er war von Wäldern und Sümpfen umgeben, ich fand gerade erst gewachsene Schirmpilze, ein wunderschöner Fleck Erde. Die Häuschen, die wir sahen, waren ok., aber nicht für diesen hohen Preis, der der Schwierigkeit, dort bauen oder besser erhalten zu können, nicht Rechnung trug. Die Verkäufer, die seit über zehn Jahren in diesem kleinen Paradies wohnten, sahen vollkommen fertig aus. Gesundheitlich und auch mental. Nach dem, was sie uns erzählten, hatte es wohl keine Zeit gegeben, die frei von harter Arbeit, Katastrophen, Streit und Schwierigkeiten war. Das geplante Konzept, mit dem sie angetreten waren, ist nie verwirklicht worden. Als wir nach Hause zurückgekehrt waren, recherchierten wir etwas tiefer zu dem Ort.
Eigentlich wirklich ein gesegneter Fleck Erde, der See und seine Umgebung. Seit Urzeiten besiedelt, was meist ein Zeichen ist, dass es sich in einer Landschaft gut leben lässt. Aber der Hof, den wir uns ansahen, der über hundert Jahre besteht, sitzt scheinbar über einem unguten Knoten Weltenergie. Hier lebte ein Serienmörder und begrub zwei seiner Opfer und hier wurden Terrorpläne gemacht, die jüngere deutsche Geschichte schrieben. Ungut. Was macht man mit so etwas? Ausräuchern und Gras drüber wachsen lassen? Mit einem Ritual umwidmen? Neu und mit anderem Leben beschreiben? Ich habe keine Ahnung. Ich bin gespannt, wer sich dem stellt.

Zumindest gibt es heute Pilze.
parasol

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WMDEDGT September 2014

So, wieder ein Monatsfünfter, der beschrieben und bei Frau Brüllen verlinkt wird.

Der Graf stand um sieben Uhr auf und ich wand mich auch hoch. Ich hatte keinen Wecker gehört, was für mich ungewöhnlich ist, ich bin sonst beim ersten Klingeln wach. Ich machte ihm die Kaffeebombe fertig (so ein Emsa-Teil, aus dem man direkt trinken kann, das aber irgendwie aussieht wie ein Sprengkörper) und verbot mir, mich noch mal ein Viertelstündchen hinzulegen. Ich wäre unter Garantie erst nach zehn Uhr wieder aufgewacht.

Dann machte ich mir Frühstück. Joghurt mit Pflaumen, Pfirsich und Datteln und zwei Tassen Kaffee, sichtete Twitter, Ello, Facebook und die Zeitungen und begann danach mein Tagwerk. Was heißt, ich schrieb und textete. Derzeit für und über mich und das ist immer sehr unangenehm. Ich kann ja wunderbar die große Schnauze haben, aber wenn ich ganz nah rangehe an das, was ich mache, sehe ich ganz fix den Wald vor Bäumen nicht mehr und es kommen nur noch matte Worte raus.
Ich rette mich an den Kühlschrank, zu Käsebroten und Tomaten, aß aber nicht so viel, denn am Abend war ein Empfang mit Futter und Cocktails eingeplant.

Am frühen Nachmittag schrieb ich den Blogartikel über #rosahellblau und das war eine ganze Menge Denkarbeit und ein längeres Gespräch mit dem Grafen, der von der Arbeit zurückgekehrt war, zum Thema Entwicklung von Farben in Designs. Außerdem suchte ich mir einen Wolf nach den alten Kinderfotos und entdeckte, dass iPhoto ganz gern Bilder verschluckt bzw. Fotos, die ich schon mindestens dreimal gelöscht hatte, behält.
Mit dem Artikel gestern bin ich noch nicht ganz zufrieden, weil das Thema nur angeschrammt ist. Das ist der Nachteil vom Bloggen, es ist, wenn man in einer Materie nicht komplett drinsteht, zu schnell.
Ich würde die Thesen heute noch ergänzen um die Überlegungen, dass heute Kindern sehr viel mehr Anteil an der Entscheidung über Kleidung und Spielzeug zusteht. Das wissen die Hersteller ziemlich gut, deshalb benutzen sie genau die Aufmerksamkeits-Signale, die Kinder lieben: bunt, laut, blinkend, schrill und mit ihnen, ihren Freunden und ihren Lieblingsgeschichten verknüpft. Distinktion durch weniger auffälliges oder verfremdendes Design liegt Kindern total fern, meine ich, das ist Elterneinfluss.
Ich habe gestern auch nicht nach der Elternbotschaft gefragt, der hinter dem Wunsch steht, Kinderdinge und -kleidung mögen nicht gegendert sein. Die Kinder-Unisex-Dinge der in den 70ern und 80ern Aufgewachsenen öffnet meiner Meinung nach zwar die Welt der Jungen für die Mädchen, umgekehrt aber – außer langen Haaren – sind die Jungen nicht unbedingt in der Mädchenwelt unterwegs gewesen.
Dann las ich noch ein paar Tweets dazu – eine schrieb, sie habe ihre burschikose Kleidung überhaupt nicht gemocht, die andere fand sie ok., fand aber nicht gut, dass sie für einen Jungen gehalten wurde. Ging mir ja nicht anders, als Jungsmädchen unterwegs zu sein, gab mir viel Freiraum, verwehrte mir aber auch viel, das ich interessant gefunden hätte.

Am Abend hübschten wir uns dann und radelten zur Eröffnung von Analog Mensch Digital im Direktorenhaus. Vor dem Eingang standen gut zweihundert Studenten, Bohemiens und Adlati und ich dachte, prima, wir stehen auf der Gästeliste und wollte vorbei, bekam aber vom Türsteher (der Deutsch verstand, aber ausschließlich Englisch antwortete, auch wenn er auf Deutsch angesprochen wurde, eine ganz besondere Form von kulturkolonialistischer Schnöseligkeit, ich fühle mich da immer ins Berlin des Alten Fritz zurückversetzt, wo wer dazugehören wollte, französisch sprach) gesagt, die stünden alle auf der Gästeliste.
Joa und so wars dann auch. Menschenmassen in den Räumen, es hingen irgendwo Dinge, einige waren auch ganz nett, waren aber verstellt von bärtigen Männern in Karohemden und dünnen Frauen mit sehr rotem Lippenstift. Aus allen Ecken kam elektronische Musik, ich sah dann auch die Quelle (eine Frau übrigens, da ich neulich über Parität in Tech las), aber da war ich schon voll damit beschäftigt, in den engen dunklen Räumen langsam zu atmen, damit ich in dem Gedränge keine Panikattacke bekam.
Wir gingen dann bald, am Eingang begegneten uns die letzten Menschen, die mit uns im Pulk gestanden hatten und wir wurden wiederholt gefragt, warum wir denn schon gingen. Ja, was soll man da sagen außer „zu voll“ und das „haut mich nicht vom Hocker“ kann man sich sparen.
Letzten Endes sind das Networkingveranstaltungen, da stellt sich jemand als bedeutend dar, in dem er mit einer riesigen Einladung an alle Design- und Grafikschulen Gedränge produziert und lässt sich das Ganze von einem Stockbildproduzenten sponsern. Daß die Leute mehr oder weniger Komparsen sind happy sind, dazugehören zu dürfen, danach fragt doch kein Mensch.
Nette und sicher wirksame Idee, aber solche Massenauftriebsinszenierungen waren schon in der Filmbranche nicht meins.*

Wir fuhren rüber zur Fischerinsel und setzten uns am Ufer in ein Café, das Berliner Kontrastprogramm bot. Buletten mit Kartoffelsalat, Bier und am Nebentisch eine leicht angesoffene Nachfahrin von Edith Hancke.
Dann radelte wir quer durch Mitte zurück auf unseren Berg und ich war vor zwölf im Bett.

Und hier sind die anderen Einträge.

 

* Ich erinnere mich da an einen Abend im Cookies, wo ein Castingbüro sein fünfjähriges Bestehen feierte und die Agenten auf der Gästeliste standen. Ab 22 Uhr wurde dann eine Riesenherde zahlender Gäste eingelassen, alles Leute, die entdeckt werden wollten. Da brauchte es nicht mal einen Sponsor.
Irgendein bekokstes, dürres Hübsch-Mädchen bot mir Prügel an, weil ich sie an der Bar nicht vordrängeln ließ. Das war dann der Moment, wo ich sie darauf hinweisen musste, da sie zu Leuten wie mir besser freundlich sein sollte, wenn sie auf der Suche nach einem Agenten ist.

Hoppelwoche

Irgendwie hoppelte diese Woche so rum. Da gibt es Texte, die gern ins Blog wollen, die sind aber für mein Zeitlimit derzeit zu umfänglich. Die Tage sind straff durchgeplant, die nächste Stufe beim vorsichtigen Gang ins ernster zu nehmende Arbeitsleben steht vor mir. Bisher habe ich das gemacht, was mir über den Weg lief, ohne zu werben, um die druckfreie Zone zu bewahren. Nun wird es Zeit, Kontinuität reinzubringen.
Wobei ich mir immer wieder vor Augen führen muss, dass nichts mehr so wird wie früher. Ich muss nicht wieder in das alte Muster zurückfallen, der Arbeit viel zu viel Raum und Bedeutung im Leben einzuräumen, keiner zwingt mich. Und ich muß  nicht mit alten Maßstäben messen, jenseits vom alten Pensum liegt der normale Weg und ich muss das erst mal begreifen. Wirklich be-greifen und in den Körper und die Seele bekommen, denn sobald ich da allzu zackzack rangehe, schlackern mir die Knie und der Magen rotiert. Ich habe es doch selbst in der Hand und auch noch Unterstützung und Wohlwollen dafür im Hintergrund.
Dann gibt es wieder die Tage, da will ich zu Mutti, sprich Arbeitgeber, aufn Arm und träume davon in einem Office die Stellung und breite Rücken freizuhalten, während ein paar fleißige Spezialisten in der Weltgeschichte rumdüsen und ihren Job machen. Aber das ist halt ein Traum, nicht die Realität, wie man andernorts deutlich mitbekommt.
Wird schon, ich wurschtel mich grade so durch. Ich brauche diese scheinbar sinnlosen Wurschtelphasen.

Zu Ello hat der Graf schon eine Menge geschrieben, das brauche ich nicht mehr tun, denn im Gespräch, dem dieser Artikel folgte, waren wir d’accord. Schönes Sache, geiles Design, da habe ich Spaß dran und ein paar invites habe ich auch noch übrig.

Diesen Artikel lege ich allen ans Herz, die diese Empfehlung von mir auf Twitter noch nicht bekommen haben. Was mich an Mary Bauermeister fasziniert, sind ihre Kraft und ihre Willensstärke. Es ist ein willkommener anderer Ton in einem öffentlichen Konzert, in dem Klagen über Leiden gern alles übertönen.
Es gibt sie, die starken Frauen, die unbeirrbar ihren Weg gingen, die ihren Kelch austrinken bis zur Neige. Es gab sie auch schon vor fünfzig Jahren, ohne dass sie von jemandem erlöst werden mussten.
Was sie über den Tod sagt und über das Leben:

Das, was ich nicht verdient habe, kann ich sowieso nicht herbeisehnen. Und das, was mir zusteht, kommt von selber in mein Leben. Als Lernprozess, nicht als Belohnung. 

Ja und noch mal ja. Der sensationsheischende Aufhänger des Artikels, die menage à trois mit Stockhausen und seiner Frau, das ist nichts, was mir jemals im Leben passiert ist und wofür ich mich eignen würde. She loves the hard way, würde ich sagen. – Geschenkt, das Interessante steht jenseits davon. Schaffen, eigene Konzepte umsetzen, aufbauen, mit allem, mit Erfolg, Misserfolg, Verkennung und Erkenntnis, das ist es, das liebe ich.

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Nochmal Dresden

Wir fuhren nach noch nicht einmal zwei Wochen wiederum nach Dresden. Diesmal, um am Elbeschwimmen teilzunehmen. Was wir dort erlebten, läßt sich demnächst im neuen Gemeinschafts-Blog Freistilstaffel nachlesen. Eine wunderbare, auf Twitter entstandene Idee, die gerade anläuft.

So muss das.

Aber zurück zu Dresden. Wir waren wieder in Loschwitz untergebracht, denn dort ging es auch ins Wasser. Das ist ungefähr so, wie wenn Berlin-Touristen am Kollwitzplatz wohnen und sich nur im Prenzlauer Berg bewegen und das Berlin-Besuch nennen. Aber egal. Es ist disneylandhaft nett dort, denn die beiden Hochwasser 2002 und 2013 haben den elbnah gelegenen Immobilien Vollsanierungen beschert, wenn die Versicherung das ermöglichte. Heißt es zumindest. Glück im Unglück.
Am Freitag reisten wir ganz langsam an, gingen wieder ins Gästehaus Loschwitz und  aßen abends im Zaza. Eine eigenartige Location. Wahrscheinlich mal als alternativer Kulturtreff Anfang der 90er hergerichtet, ist es nun eher bevölkert mit dem Bürgertum vom Weißen Hirsch und man muß auf das – sehr gute und bezahlbare – Essen ewig warten, aber auf jeden Fall bleibt es ein magischer Ort mit einem wunderbaren Blick auf den Fluß.
Am Samstag lümmelten wir in diversen nah gelegenen Biergärten herum. Zuerst zu zweit, ich war mit Stricknadeln zugange (der nah gelegene Woll-Laden war mein Verderben), der Graf mit iPad und Tastatur. Dann kam der Herr Spontiv nachmittags mit analogem Gatten quer durch die Stadt zu uns und wir verplauderten angeregt die Stunden, bis aus dem netten Sommerregen mit Gerumpel am Horizont ein heftiger Gewitterguß wurde und darüber hinaus, als der Regen ebenso schnell wieder aufgehört hatte und wir den Abend im Café Clara beschlossen.

Die Nacht war kurz und unruhig. Obwohl das albern war, zweifelte ich an meiner Belastbarkeit und hatte Horrorszenarien im Kopf vom Herzkasper mitten im Wasser, Panikattacken, die mich gar nicht erst hineingehen ließen oder einem unrühmlichen Abbruch der Schwimmstrecke wegen Erschöpfung. Außer dem imaginierten Herzkasper waren das Dinge, die mir in den letzten Jahren passierten und das lässt mein Ego immer noch leise fiepend in der Ecke hocken.
Aber nichts dergleichen passierte und nach Schwumm, Bier und Bratwurst wanderten wir in einem warmen Sommerregen den Elberadweg zurück nach Loschwitz. (Nebenbei, wenn ich mir so meine Instagram-Fotos beschaue, es ist nicht immer gut, zu glauben, es ginge auch ohne Lesebrille, die sind nämlich samt und sonders unscharf.)

Der Nachmittag war für ein Schläfchen reserviert und am Abend hatte der Graf die nicht so ganz einfache Aufgabe, eine sehr, sehr hungrige Frau und seine Anforderungen an gutes Essen in stilvoller Atmosphäre unter einen Hut zu bringen. Das funktionierte in der Villa Marie sehr gut, sogar mit Entertainment, denn da sind jedesmal die Leute an den Nebentischen eine Schau für sich.
Das letzte Mal beobachtete ich ein erstes Date. Sie blond, jung, stilvoll-bieder herausgeputzt und ununterbrochen redend. Er ein leicht abgelebter, wohlhabend aussehender, zwanzig Jahre älterer „sich viel jünger fühlen“-Typ, der Zuhören simulierte und sichtlich überlegte, wie er die Dame heute noch rum- und zum Schweigen kriegte. Diesmal zwei nach Golfclub aussehende westdeutsche Paare, die dem Personal erklärten, wie das mit der Hochwasserversicherung sei und was zu beachten wäre, um dann nahtlos in eine Tirade zum Thema „keine Ahnung, warum die jungen Leute so viel Geld für Computer ausgeben, die von Apple sollen ja besonders teuer sein“ auszubrechen.
Derweil machte der Himmel eine Sonderaufführung in Abendlicht nach Gewitter und Regenbogen.

Am Montag bestiegen wir in strömendem Regen nacheinander beide Bergbahnen. Genau wie beim Elbeschwimmen, als ich mich an die Erzählungen meine Großvaters erinnerte, der als Teenager des öfteren trotz Verbot durch die Elbe geschwommen war, weil es als besondere Mutprobe galt, unter der großen Eisen-Kette durchzuschwimmen, die die Dampfschlepper kurz aus dem Wasser hoben, dachte ich hier wieder an ihn. Die Bergbahnen waren nicht nur innovative Ingenieursleistungen, sie waren ein innerhalb kürzester Zeit finanziertes und gebautes ein Luxustransportmittel, das teure Grundstücke erschließen sollte, für Immobilien, die bei Inversionswetterlage über dem giftigen Mief des Talkessels lagen. Den Mief erzeugten die Fabriken derjenigen, die dann am Elbhang residierten. Die Urgroßmutter, die ich bewusst nicht mehr erlebte, hatte Hautschäden von der Arbeit in der Chemiefabrik. Projekte wie Hellerau waren nicht massentauglich.
Der Urgroßvater war Sozialdemokrat der radikaleren Sorte und später Kommunist, der Großvater Spartakist, sie wollten eine neue, gerechte Gesellschaft. Wen wundert das?
Es gibt die irrsten Momente, in denen mich die Familienvergangenheit einholt…

Am Nachmittag, der Regen hatte nachgelassen, fuhren wir auf den Rat der Herren Spontiv nach Großsedlitz, in den Barockgarten. Während viele Barockgärten später in Landschaftsparks im englischen Stil umgestaltet wurden, wurde dieses Projekt ob seines Größenwahnsinns und weil Barock bald peinlich wurde, lange Jahre vergessen. Was für ein Glücksfall. Die Frau Indica schrieb darüber und ich kann mich dem nur anschließen: Die hatten damals scheinbar ziemlich wirkungsvolle Drogen. Ein Sandstein-Disneyland aus der Fantasia-Phase für blaublütige Erwachsene.
Es lohnt sich, sich dort einen ganzen Tag Zeit zu lassen und sich in den Heckengängen zu verlustieren. Es ist auch nicht schlecht, sich einen gut gefüllten Picknickkorb mitzubringen, denn das Parkcafé beschert einem ein Sozialismus-deja vu feinster Art. Als wir eine halbe Stunde vor Schluß eine Tasse Kaffee begehrten, sagte man uns freundlich lächelnd, es würde nicht mehr bedient. Ansonsten ist an Wochentagen hier nicht viel los, auch das finde ich fein, es stellt sich ganz schnell ein „alles meins“-Gefühl ein, wenn man durch die Gemarkungen spaziert.

Am Abend rutschten wir flott nach Berlin durch, musten aber vorher dringend in Heidenau noch bei McDonalds probieren, ob wir wenigstens da ordentlichen Kaffee bekommen, damit der Graf nicht mit dem Kopf aufs Lenkrad fällt. Aber auch da gab es nur Bliemchengaffee. Lesen Sie dazu bitte auch die Frau Herzbruch, sie spricht mir aus dem Herzen.

Veröffentlicht unter Leben