Nochmal Dresden

Wir fuhren nach noch nicht einmal zwei Wochen wiederum nach Dresden. Diesmal, um am Elbeschwimmen teilzunehmen. Was wir dort erlebten, läßt sich demnächst im neuen Gemeinschafts-Blog Freistilstaffel nachlesen. Eine wunderbare, auf Twitter entstandene Idee, die gerade anläuft.

So muss das.

Aber zurück zu Dresden. Wir waren wieder in Loschwitz untergebracht, denn dort ging es auch ins Wasser. Das ist ungefähr so, wie wenn Berlin-Touristen am Kollwitzplatz wohnen und sich nur im Prenzlauer Berg bewegen und das Berlin-Besuch nennen. Aber egal. Es ist disneylandhaft nett dort, denn die beiden Hochwasser 2002 und 2013 haben den elbnah gelegenen Immobilien Vollsanierungen beschert, wenn die Versicherung das ermöglichte. Heißt es zumindest. Glück im Unglück.
Am Freitag reisten wir ganz langsam an, gingen wieder ins Gästehaus Loschwitz und  aßen abends im Zaza. Eine eigenartige Location. Wahrscheinlich mal als alternativer Kulturtreff Anfang der 90er hergerichtet, ist es nun eher bevölkert mit dem Bürgertum vom Weißen Hirsch und man muß auf das – sehr gute und bezahlbare – Essen ewig warten, aber auf jeden Fall bleibt es ein magischer Ort mit einem wunderbaren Blick auf den Fluß.
Am Samstag lümmelten wir in diversen nah gelegenen Biergärten herum. Zuerst zu zweit, ich war mit Stricknadeln zugange (der nah gelegene Woll-Laden war mein Verderben), der Graf mit iPad und Tastatur. Dann kam der Herr Spontiv nachmittags mit analogem Gatten quer durch die Stadt zu uns und wir verplauderten angeregt die Stunden, bis aus dem netten Sommerregen mit Gerumpel am Horizont ein heftiger Gewitterguß wurde und darüber hinaus, als der Regen ebenso schnell wieder aufgehört hatte und wir den Abend im Café Clara beschlossen.

Die Nacht war kurz und unruhig. Obwohl das albern war, zweifelte ich an meiner Belastbarkeit und hatte Horrorszenarien im Kopf vom Herzkasper mitten im Wasser, Panikattacken, die mich gar nicht erst hineingehen ließen oder einem unrühmlichen Abbruch der Schwimmstrecke wegen Erschöpfung. Außer dem imaginierten Herzkasper waren das Dinge, die mir in den letzten Jahren passierten und das lässt mein Ego immer noch leise fiepend in der Ecke hocken.
Aber nichts dergleichen passierte und nach Schwumm, Bier und Bratwurst wanderten wir in einem warmen Sommerregen den Elberadweg zurück nach Loschwitz. (Nebenbei, wenn ich mir so meine Instagram-Fotos beschaue, es ist nicht immer gut, zu glauben, es ginge auch ohne Lesebrille, die sind nämlich samt und sonders unscharf.)

Der Nachmittag war für ein Schläfchen reserviert und am Abend hatte der Graf die nicht so ganz einfache Aufgabe, eine sehr, sehr hungrige Frau und seine Anforderungen an gutes Essen in stilvoller Atmosphäre unter einen Hut zu bringen. Das funktionierte in der Villa Marie sehr gut, sogar mit Entertainment, denn da sind jedesmal die Leute an den Nebentischen eine Schau für sich.
Das letzte Mal beobachtete ich ein erstes Date. Sie blond, jung, stilvoll-bieder herausgeputzt und ununterbrochen redend. Er ein leicht abgelebter, wohlhabend aussehender, zwanzig Jahre älterer „sich viel jünger fühlen“-Typ, der Zuhören simulierte und sichtlich überlegte, wie er die Dame heute noch rum- und zum Schweigen kriegte. Diesmal zwei nach Golfclub aussehende westdeutsche Paare, die dem Personal erklärten, wie das mit der Hochwasserversicherung sei und was zu beachten wäre, um dann nahtlos in eine Tirade zum Thema „keine Ahnung, warum die jungen Leute so viel Geld für Computer ausgeben, die von Apple sollen ja besonders teuer sein“ auszubrechen.
Derweil machte der Himmel eine Sonderaufführung in Abendlicht nach Gewitter und Regenbogen.

Am Montag bestiegen wir in strömendem Regen nacheinander beide Bergbahnen. Genau wie beim Elbeschwimmen, als ich mich an die Erzählungen meine Großvaters erinnerte, der als Teenager des öfteren trotz Verbot durch die Elbe geschwommen war, weil es als besondere Mutprobe galt, unter der großen Eisen-Kette durchzuschwimmen, die die Dampfschlepper kurz aus dem Wasser hoben, dachte ich hier wieder an ihn. Die Bergbahnen waren nicht nur innovative Ingenieursleistungen, sie waren ein innerhalb kürzester Zeit finanziertes und gebautes ein Luxustransportmittel, das teure Grundstücke erschließen sollte, für Immobilien, die bei Inversionswetterlage über dem giftigen Mief des Talkessels lagen. Den Mief erzeugten die Fabriken derjenigen, die dann am Elbhang residierten. Die Urgroßmutter, die ich bewusst nicht mehr erlebte, hatte Hautschäden von der Arbeit in der Chemiefabrik. Projekte wie Hellerau waren nicht massentauglich.
Der Urgroßvater war Sozialdemokrat der radikaleren Sorte und später Kommunist, der Großvater Spartakist, sie wollten eine neue, gerechte Gesellschaft. Wen wundert das?
Es gibt die irrsten Momente, in denen mich die Familienvergangenheit einholt…

Am Nachmittag, der Regen hatte nachgelassen, fuhren wir auf den Rat der Herren Spontiv nach Großsedlitz, in den Barockgarten. Während viele Barockgärten später in Landschaftsparks im englischen Stil umgestaltet wurden, wurde dieses Projekt ob seines Größenwahnsinns und weil Barock bald peinlich wurde, lange Jahre vergessen. Was für ein Glücksfall. Die Frau Indica schrieb darüber und ich kann mich dem nur anschließen: Die hatten damals scheinbar ziemlich wirkungsvolle Drogen. Ein Sandstein-Disneyland aus der Fantasia-Phase für blaublütige Erwachsene.
Es lohnt sich, sich dort einen ganzen Tag Zeit zu lassen und sich in den Heckengängen zu verlustieren. Es ist auch nicht schlecht, sich einen gut gefüllten Picknickkorb mitzubringen, denn das Parkcafé beschert einem ein Sozialismus-deja vu feinster Art. Als wir eine halbe Stunde vor Schluß eine Tasse Kaffee begehrten, sagte man uns freundlich lächelnd, es würde nicht mehr bedient. Ansonsten ist an Wochentagen hier nicht viel los, auch das finde ich fein, es stellt sich ganz schnell ein „alles meins“-Gefühl ein, wenn man durch die Gemarkungen spaziert.

Am Abend rutschten wir flott nach Berlin durch, musten aber vorher dringend in Heidenau noch bei McDonalds probieren, ob wir wenigstens da ordentlichen Kaffee bekommen, damit der Graf nicht mit dem Kopf aufs Lenkrad fällt. Aber auch da gab es nur Bliemchengaffee. Lesen Sie dazu bitte auch die Frau Herzbruch, sie spricht mir aus dem Herzen.

Auch das noch:

  • HilfeHilfe Ich schiebe es seit Monaten vor mir her, von den einen Hilfe zu erbitten und sie von jemandem anderen anzunehmen. Zwei Berge Hilfsgut. […]
  • Is soIs so Als ich gestern Abend Twitter öffnete, hatte ich das Gefühl, dass meine Filterblase und ich (ich mag sie nicht immer, aber ich hab mir die […]
  • ThemenwechselThemenwechsel Auch im Tiergarten läßt es sich prima arbeiten.
  • Das schöneDas schöne am allein zu Hause rumhocken ist, daß man zu Sachen kommt, die man ewig vor sich hergeschoben hat. Ich ersetze jetzt mal "man" durch […]

3 Gedanken zu „Nochmal Dresden

  1. Ja, die Petrusschen Freuden-Tränen waren leider heftig.
    Dennoch,
    gern gebe ich beim nächsten Tal-Besuch eine kleine Führung (in Hochdeutsch!) vorzüglichen Kaffees, damit der verirrte Berliner Geist bspw. wach genug anmerkt, dass sich der Elb-Schwimm-.Einstieg in BLASEWITZ befindet.
    Der Charme vergangener Zeiten (Zaza & Co) wird hierzulande ausschließlich von tourismusverwirrenden ABM-Kräften betrieben, damit sich vor allem der Berliner Tourist nicht zu ansässig verhält, obgleich es die Massen-Wohlfühl-Zuwanderung nicht verhindert.
    Sie dürfen sich einfach wohlfühlen, ohne schlechtem Luxus-Gewissen und ohne Metropolen- Attitüde.
    Dem (mild.beschimpften) ursprünglichen „Kultur-Bürger“ und Tal-Siedler ist das August des Starken-Genuss-Gen eigen…, wird jedoch seit der Wende genetisch erfrischend verjüngt.
    Kotze, Kacke, Gestank, Gebrüll und Besserwisserei sind den Tal-Bewohnern wahrhaft fern.
    Dünkel und kleinbieder-arrogante Bräsigkeit ist hingegen deutschland-allerorten vorhanden.
    Gemeckert wird hier gemütlicher und statt übel zu nehmen, erziehen wir mit liebevoller Gastfreundlichkeit, bis der Tourist diese selbstverständliche Höflichkeit jenseits seiner Klischees nicht mehr misstrauisch genießt.
    Erst wenn sich der Tal-Gast nachweislich in mindestens vier der aneinandergereihten Elb-Dörfer (bsp. Blasewitz, Loschwitz,-witz…traute, erhält er eines der seltenen „Klischeebefreit-Visen“ der humoristischen Tourismus-Behörde.
    Auch die jenseitigen Wohn-Zonen außerhalb des Zentrums werden enttäuschend berlinvergleichende Zustände vermissen lassen.
    Luxus-Getthos und Borg-Viertel pilzen hier allerdings ebenso zunehmend.
    Die Vertriebenen flüchten beschämt gen Brandenbrug oder Meck.-Pomm..
    Prenzelberger-Entnervungs-Symptome sind jedoch ( in entspannterer Form) auch hier ebenso pestialisch.
    Ja, hier und umlandig darf sich nicht nur der weltstädtisch-arme (und einheimische) Pöbel großherzoglich fühlen.
    Und der stets vom Selbst-Glanz geblendete Einheimische wird sich, statt in wachsamer Gegenwehr über die heimische, knallharte Gentrfii…zu üben, erstmal die (übrigen höhöhö, auch von Helge Schneider bevorzugte) Eierschecke besänftigend schmecken/stopfen lassen.
    Danach ist er eh zu faul.
    Das Tal wurde nicht grundlos zur „Roland-Kaiser-Gedächtnis-Hauptstadt“ gekürt. (schüttel und Nägel aufrollend)
    Wohlan!
    Die Stadt und ihr Gemenschel ist vor allem auch anders und ich verrate gern Insider-Tipps.
    Und bade dennoch lieber in Berliner/Brandenburger Gewässern..
    Grüße aus dem „Honig-Tal“=
    wer einmal hier war, bleibt ein bisschen kleben…

    • Ha, als ob der sächsische Berlin-Besucher zwischen Prenzlauer Berg und Pankow zu unterscheiden wüßte!
      Der Führung sehen wir gern entgegen und bitte nicht in Hochdeutsch. Ich habe im Dialekt immer so angenehme deja-ecouté-Erlebnisse.
      Ich habe im Nachhinein lange darüber nachgedacht, ob den übergentrifizierten Orten in Berlin auch noch die Vergangenheit als „das wird als Kulturzentrum für unsere Kunstaktionen erhalten“ ansieht. Kaum noch. Höchstens noch hier. Und da liegen die Nerven blank, weil 300m entfernt im Guggenheim Lab etwas Urban Gardening verkauft wird, was am Teute schlicht und einfach Subotnik heißt.
      Dem Ober im Zaza unterstelle ich tatsächlich die ABM-Kraft. Für einen Gastro-Profi benutzte er zu oft das Wort „Problem“.
      Und der Exkurs über die entspannende Dresdner Bodenständigkeit kommt demnächst. Es fällt auf, dass alle Menschen, die wir trafen, arbeiten und sich nicht heißluftig in Projekten ergehen, wie die Berliner. Mir war das sehr angenehm.

  2. JIPP.
    +
    NU, GUDDI.
    #
    (die Berliner Studienzeit ist wahrlich laaange her, + hach, seitdem der Lieblings-Neurotransmitter aus DD nach Pankow verzog (und es als Ur-Berliner inzwischen bereute), ist er chronisch überlastet = mit Projekten…)
    Umtreibe mich in einigen BigB.-Blogs und der Zündstoff ist oft direkt zu riechen.
    Vergnüglich jedoch vor allem in diesem!
    Und freu mich stets, wieviel Auftrieb mit dem Grafen gelingt!
    #
    (Kontakt-Daten-Mail folgt)

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