Sonntagsmäander unter Helikoptern

Es ist Berlin-Marathon und der Graf ist nach dem Erwachen schnell den Weinberg herunter gestürzt, um zuzusehen, wie sie laufen. Schließlich war er selbst acht Mal dabei. (Und die zehn Mal zur Aufnahme in den Jubilee-Club, die schafft er sicher demnächst.)
Ich sitze neben der Heizung, die zum ersten Mal wieder läuft – nachdem ich die Nacht fröstelnd unter der Sommerdecke verbracht hatte, aber zu müde war, um mir noch eine Decke zu holen – und schaue den Wolkenschiffchen zu.

Der Tag gestern war doch etwas anstrengend. Erst das Kind beim Bestellen eines Kleides begleitet. Dann abends mit Kind und Männern zum Essen gegangen. Das reichte dann für diesen Tag. Ich bin zwar immer wieder der Meinung, mir geht es schon gut und in einer Welt, in der ich noch nach dem Motto lebte „alles, was und nicht tötet, härtet uns ab“, würde ich sicher am Montag wieder zur Arbeit gehen, aber das geht nicht mehr. Ich bin noch eine Woche krankgeschrieben.
Meine Innereien hatten sich auch in der letzten Woche einiges einfallen lassen, um mich ruhigzustellen. Nach der Mandelentzündung kamen fiese kleine Entzündungen im Mund, die sich hinter den Mandeln ins innere Ohr zogen. Dazu schmerzten alle Gesichtsnerven höllisch. Viren, die einmal quer durch den Kopf ziehen.
Das war der Moment, in dem sich der innere Hypochonder zu Wort meldete. Erinnerte er sich doch, dass eine Schauspielerin, für die ich arbeitete, bei so einer Sache lange brauchte, bis ihr rechtes Augenlid nicht mehr hing.
Also auskurieren, aber nicht rumhängen. Wir fuhren zu einem Spaziergang an den Straussee, von dem Creezy neulich schrieb. Was für ein schöner See! Wenn ihm auch derzeit mal wieder gut ein halber Meter Wasser fehlt. Für mich ist das immer eine volle Welle Kindheitserinnerungen, schließlich habe ich von 1965 bis 1969 am Seeufer gewohnt.

Themawechsel, das ist der Chrevron-Quilt, an dem ich seit Februar immer mal wieder gearbeitet hatte.
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Ich bin Coolcat für ihr Tutorial sehr dankbar, Zacken kann man auf mannigfache Art und Weise zusammenstellen, das ist die Einfachste. Und einfache Lösungen, die nach was aussehen, sind bei diesem Fummelarbeiten viel wert.

Ich komme wieder beim mit den Händen arbeiten an. Wo ich genau weiß, dass das für das industrialisierte Europa nur ein Hobby sein kann und nur für sehr wenige ein Erwerb. Oder die Konsequenz Verzicht, Selbstausbeutung, Subventionierung oder Querfinanzierung sind. Kaum jemand wird bereit sein, für Zacken, an denen nicht Missoni oder so steht, den Mindestlohn zu zahlen. Dafür sind wir durch indische oder pakistanische Arbeit viel zu verwöhnt, wo auch die Kleinserie nur wenig kostet und für alle, die an so einem Projekt beteiligt sind, mehr oder auch weniger abwirft. (Da gerade viele Pakistani auf der Suche nach einem besseren Leben in Europa vor der Tür stehen, zeigt, dass wie dringend über unsere Lebensführung nachdenken sollten.)
Was ist das für eine Zeit, in der man Socken stopfen nicht mehr lernt, weil Socken mit einem Loch weggeworfen werden? (Über die Unfälle mit motorisch unbeherrschten Kindern, wenn es heute Handarbeitsunterricht gäbe, möchte ich gar nicht nachdenken…)

Auch wenn es jetzt etwas herbstlich-melancholisch wird – zu den Socken mit dem Loch passt ein Artikel, der sich mit den persönlichen Folgen schwerer Krankheiten beschäftigt. Diesen Zustand, nicht unbedingt schwer und sichtbar eingeschränkt zu sein, aber trotzdem keine konstante Arbeitsleitung garantieren zu können, kenne ich sehr gut.
An der Stelle kann ich zum Thema Arbeitszeitregelung abschwenken. Man optimiert Arbeitsprozesse auf mannigfache Art und Weise. Warum ist es so schwer, sie so zu optimieren, dass der Wunsch nach Teilzeit nicht allein als persönlicher Wunsch des Arbeitnehmers gesehen wird? Wäre ein Arbeitnehmer eine Maschine, die nur 4 Stunden am Tag laufen kann und dann abkühlen muss, hätten Unternehmen wahrscheinlich weniger Probleme damit. (Bis einer kommt und die Maschine erfindet, die konstant durchlaufen kann, ich weiß…)
Ich grantel grade ein bisschen über meine Minderleisterkarriere, tut mir leid!.

Sonntagsmäander mit Wolkenschiffen

Ich sitze im Wohnzimmer auf dem Sofa, schaue übers Spreetal und über den Fernsehturm ziehen dicke Wolken, Bauch neben Bauch. Wenn man im vierten Stock wohnt, merkt man früh, dass es Herbst wird. Ganz oben in den Wipfeln der Bäume gibt es die ersten bunten Blätter.

Nachdem der Hörsturz langsam auf dem Rückzug war, kam die Erkältung. Ich habe die halbe Woche mit Halsschmerzen und Fieber im Bett verbracht. Signal erkannt – „komm bloß nicht auf die Idee, schon wieder arbeiten zu gehen!“ und trotzdem heftigste Kämpfe mit der inneren Konditionierung ausgefochten.
„Die Kolleginnen hassen mich jetzt schon!“ – Hallo? Es ist Nebensaison, du hast die Hauptsaison durchgehalten?
„Bei einem kleinen Betrieb so viele Krankentage bezahlt bekommen wollen, das macht man nicht!“ – Ich habe mich Gott sei dank an die U1 erinnert, die ich mit meiner Firma ja auch lange Jahre gezahlt habe. (Die teilweise Erstattung der Lohnkosten im Krankheitsfall in den ersten 6 Wochen für kleine Firmen.)
Ich bin noch eine weitere Woche krank geschrieben, alles andere hätte nur bedeutet, demnächst noch mehr auf die Fresse zu fallen.
Was ich immer noch als Thema sehe ist, warum ich zulassen konnte, dass es so weit kam. Als würde man mit einem Auto auf der Autobahn fahren und glauben, das ginge nur Vollgas.
Ich weiß nicht, was das ist. Die Erinnerung an alte Zeiten, als anderes möglich war – wo ich um 6 Uhr aufstand, das Kind für die Schule fertigmachte, einen Dreivierteltag im Büro saß, dann 250 Kilometer mit dem Auto fuhr, um eine Theateraufführung zu sehen, hinterher noch mit den Künstlern zusammensaß, nach Mitternacht wieder ins Auto stieg und zurückfuhr, ein paar Stunden schlief und wieder um 6 Uhr aufstand…
Ist es Überkompensation? Der Zwang, immer wieder die Herausforderung annehmen zu wollen, statt abzuwinken und zu sagen „Danke, das hatte ich schon, ich kann nur das und das bieten!“
Da muss ich ran.

Gestern sprach ich auch mit dem Kind über Signale von Krankheiten. Sie erzählte mir, dass sie im FSJ, als sie allein im Nestchen lebte, in Eile auf der Treppe umgeknickt sei. Sie erinnerte sich an den Sportunterrricht und dass es da immer den Spruch „Hab dich nicht so!“ gab und lief den ganzen Tag mit einem Bänderriss herum, bis eine Freundin sie mit Nachdruck zum Arzt schickte.
Wir leben heute lange, sind selten in Lebensgefahr und selbst das geht immer öfter glimpflich aus. Wir liegen nicht mehr mit Scharlach 4 Wochen im Krankenhaus, OPs sind minimalinvasiv und auf eine schnelle Aktivierung danach wird geachtet. Wir haben viel mehr Freizeit als die Generationen vor uns und kommen doch nie zur Ruhe. Ich glaube, niemand in meiner Umgebung hat sich seit vielen Jahren mal so richtig gelangweilt.
Aber wir werden depressiv, antriebslos, müde, schwindelig, unkonzentriert oder allergisch. – Da, wo unsere körperlich hart arbeitenden Vorfahren das Reißen bekamen oder schmerzhaft krumm und steif wurden und unbehandelte Gebärmuttervorfälle oder Leistenbrüche wie auch heftige Infektionskrankheiten normal waren.
Die Spuren, die moderne Arbeit und Lebensführung in uns hinterlässt, sind andere. Die Fragekataloge der Versicherungen – ob staatlich oder privat – sind aber immer noch (trotz massiv gesunkenem Anteil der körperlichen Arbeit) auf körperliche Ausfälle ausgerichtet. Wo unsere Krankheiten doch längst einen massiven Anteil von mentalen Ausfällen und Verschleiß haben. *
Nur, wie geht man so etwas an? Mit „mir gehts nicht so“ komm man da nicht raus. Selbst „ich will/kann nicht“ ist in dem Zeitalter, in dem man angeblich alles erreichen kann, wenn man nur hart genug dafür arbeitet, nicht systemkonform. Erst eine erkennbare Erkrankung bringt die Legitimation zur Schonung. Es geht auch nicht darum, bei jedem Wölkchen über dem Gemüt die Arbeit einzustellen. Wer blutige Füße hat, kann nicht mehr laufen und sollte in Zukunft dafür sorgen, dass er sich die Füße nicht mehr blutig läuft. Zum Beispiel durch passende Schuhe.
Es gab früher mal den Begriff Psychohygiene. Einfach heruntergebrochen bedeutet das – genau wie man sich regelmäßig wäscht, Wunden nicht aufkratzt und Krankheiten verschleppt, sondern in der Heilung befördert, keine Infektions- und Giftherde in seiner Nähe dulden sollte und sich körperlich wohltuenden Elementen (Licht, Luft, Sonne, moderates Klima) aussetzen sollte – sich nicht Einflüssen auszusetzen, die einen über Gebühr erschöpfen, mental aussaugen, verstören oder traumatisieren. Und dafür fehlt die Systematik. Keine Ratten in Wohnhäusern zu wollen, das leuchtet ein. Aber mental leben wir mit Läusen, Flöhen und Wanzen in trauter Gemeinschaft in einer riesigen Bahnhofshalle. So scheint es mir. Ich sollte mal länger darüber nachdenken, was psychische Hygiene für mich bedeutet.

(Edit: Es geht nicht um das Vermeiden. Da wären wir ja bei Safe Spaces, in denen wir als Angsthasen zähneklappernd hocken und uns schon beim Wort „Verletzung“ verletzt fühlen. Ich meine Zeit und Raum oder Techniken, um Belastungen zu verarbeiten, sich mental zu reinigen.)

Einen Punkt habe ich schon länger realisiert. Ich ignoriere die Hysterie- und Empörungswellen in sozialen Netzwerken bis auf kleinere Rückfälle weitgehend. Aus dem gleichen Grund, warum ich noch nie Talkshows mochte. Ich hasse es, wenn sich Leute vor Publikum theatralisch rumstreiten und Holzschnitt-Argumentationen benutzen. Es hat allerdings eine Weile gebraucht, zu kapieren, dass es mich genauso ungesund aufregt wie streitende Talkshowhanseln.

Ein paar Links gibt es heute.
Twitter funktioniert in Sachen Politik ein bisschen wie die tausenden Fußballtrainer vor dem Fernseher während der Sportschau. – Hier nun ein längerer und differenzierter Text über Being Angela Merkel.
Über den eigentlich unlesbaren und unverständlichen Text der Fachschaft Gender Studies haben sich ja schon eine Menge amüsiert, einigen blieb aber auch das Lachen im Hals stecken.
25 Jahre nachdem von der Humboldt-Uni Leute verjagt wurden, die aus ideologischen Gründen darüber bestimmen durften, wer an einer Uni mitmachen durfte und wer nicht, spielen ein paar Studentx Stalinismus. Pro-Tipp von Kämpferx für eine bessere Welt: Erst wenn R. öffentlich bekennt, dass es sich geirrt hat und verspricht, in Zukunft die aktuellen Direktiven genau zu beachten, wird die Aktion nachhaltig wirksam.
Aber sehen wir das positiv. Sie dürfen es. Genauso wie Burschenschaftler sich Schmisse hacken dürfen.
Mit dem Blick von außen schätzen viele Deutsche ihre demokratischen Errungenschaften zu gering, meint die deutsch-türkische Feministin Seyran Ateş.

verlangt Anpassung und Respekt vor unserer Kultur von allen Neuankömmlingen. Sonst werden sie euch nicht ernst nehmen.

So einen Satz sagte auch vor Monaten alte eine leicht durchgedrehte Türkin in der U-Bahn zu mir. Neben vielen anderen Sätzen, die im Groben und Ganzen Klagen darüber waren, dass Deutschland die jungen Männer ihres Volkes zu lasch anfasst und keine für sie spürbarem Korrektive hat. Ich kann das nicht beurteilen, ich stecke da nicht drin.

(Edit: Ich glaube, es sind unterschiedliche Sachen gemeint. Das eine ist, dass man im wohlhabenden Sehnsuchtsland auch nur das ganze Paket bekommt. Deutschland ist so attraktiv für die vor ihren Verhältnissen Flüchtenden, weil es eben anders ist als ihre Gesellschaft und Kultur. Man nimmt sich und seine Kultur aber bei solchen Veränderungen immer mit. Der Glaube, man könne so weiter leben wie bisher, ist ein Irrtum auf allen Seiten.
Die alte Frau meinte aber sicher, dass der deutsche Staat dafür sorgen sollte, dass die jungen Männer innerhalb ihrer kulturellen Erwartungen funktionieren. Heiraten, Kinder machen und versorgen, sich um die Alten kümmern, wie es der Brauch ist.)

Jetzt fällt mir der Sprung leicht zu einem kleinen Exkurs über einen Film. Ich schaue ja nur noch 2-3 Filme im Jahr, weil ich im Leben vorher viel zu viele gesehen habe. Ich war irgendwo über die Ankündigung von Der Liebling des Himmels gestolpert. Dani Levy als Regisseur eines Fernsehfilms, Axel Milberg als Hauptdarsteller, das interessierte mich.
Es ist die Geschichte eines Psychotherapeuten, wie er deutscher nicht sein könnte – pünktlich, organisiert, genau, detail- und ordnungsliebend – der mit Schriften über die Integration von Migranten zur bekannten Koryphäe geworden ist. Die ihn umgebenden Menschen, allesamt anders als er – internationale Einwanderer, lachend Todkranke, Schwule, Hippies, Transen – kollidieren immer wieder mit ihm, der ein ungeouteter Zwangsneurotiker ist, und der jegliche unkontrollierte Emotion nur seinen Tagebüchern anvertrauen kann, bis ihm dann endlich der Stock aus dem A… fällt.
Was mich freute: Großartige Schauspielkunst bis in die kleinste Rolle. Kein amerikanisches Overacting, kein Rumtheatern, es machte Lust, das anzusehen.
Aber das Drehbuch… eieieiei… In den 90ern warf man dem deutschen Fernsehen vor zu langsam zu sein:

Derrick und Harry stehen vor einer Tür, an deren Klingelschild „Müller“ steht.
Derrick: Hier wohnt also Herr Müller!
Harry: Der Verdächtige?
Derrick: Ja, der blonde Mann, der von Frau Krause gestern nacht am Tatort gesehen wurde.
Harry: Wir wollen ihn befragen?
Derrick: Ja. Klingele bitte und wir stellen ihm ein paar Fragen.
Harry klingelt. Ein blonder Mann macht auf.
Derrick: Guten Tag Herr Müller, wir haben ein paar Fragen an Sie!

In „Der Liebling des Himmels“ rast der Plot, werden in sich sehr komplexe Episoden nur angekratzt, kaum exponiert und sind schon wieder vorbei. Der Liebhaber des Sohnes plant ein Erpressungskomplott, um am Vater Rache zu üben, der Sohn kommt dahinter, der Vater schickt die Russenmafia dagegen, ohne zu wissen, dass sein Sohn darin verwickelt ist, Rumsbums, schon sind wir in der Klimax des Handlungsstranges und gleich kommt die Versöhnungsszene, an die dann auch noch die Botschaft angehangen wird, dass die Transe hinterm Bartresen, mit der er letztens versehentlich schlief, in wahren Leben Ärztin ist. – das war ein Handlungsstrang von ungefähr 5 oder 6, die ebenso rasant abgehandelt werden. Klar kann man mit aberwitzigem Tempo erzählen, wie ein verharrender Charakter aus dem Gleichgewicht gebracht wird. Aber ich als Zuschauerin bekomme davon nur die Hälfte mit. Die Dramaturgie ist in Details zu schlampig.
Da lesen die Kollegen aus seinen Tagebüchern, aber man bekommt nicht mit, warum ein auf dem Tisch herumliegendes Buch interessant wird oder wie es in die Bowlingbahn gekommen ist. Da beschließt der Held, seine todkranke Frau zu sich nach Hause zu nehmen, urplötzlich, eine Viertelstunde, nachdem er erfahren hat, dass sie seit drei Monaten Krebs hat. Und so fort.
Was in „Alles auf Zucker“ funktionierte, der unvermittelte Blick in die Welt von eigentlich wahnsinnigen Menschen, ist hier zu schnell und zu plakativ.
Und dann die öffentlich-rechtliche Jugendlichen-Figur. Diesmal ein aufbegehrender Sohn, meist sind es pampige Teenager-Töchter, die die Filmhelden in Frage stellen. Seit Mitte der 90er funktionieren diese unangepaßten Girls und Boys als moralisches dramaturgisches Prinzip, als die einzigen, die schon sehr früh in der Handlung Klartext über die Fehler des Protagonisten reden dürfen und natürlich nicht ernst genommen werden. – Bis der Held dann Dinge erlebt, die ihn in seinen Werten wandeln. Es lohnt sich, darauf mal zu achten.

Fazit: Sehenswert, aber ich wünsche mir endlich mal wieder richtige, detailgenaue Drehbuchentwicklung. Das funktioniert auch in Deutschland. Siehe Dominik Graf/Rolf Basedow.

 

*Ich schaue mir die Stoffwechsel- und Herzerkrankungen mal nicht an. Das sind die Cash-Kühe der Gesundheitsindustrie. Ich halte diese modernen Epidemien zu einem großen Teil für herbeigeredet. Sobald ein patentierbares Medikament für bestimmte Stoffwechseleinstellungen oder Körperkonditionierungen gefunden ist, werden Normwerte korrigiert und so ganze Populationen als behandlungswürdig definiert – siehe Blutdruck- und -fettsenker.

 

 

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Sonntagsmäander im sterbenden Sommer

Hier ist nur unterschwellig gerade etwas Endzeitstimmung, das Wetter ist zu goldig.
Aber.
Was draußen gerade passiert könnte das erdrutschartige Ende einer geschichtlichen Phase in Europa sein. Es fühlt sich ein bisschen an wie der Mauerfall. Da ging es um abgeschottete politische Systeme. Jetzt gehen noch mehr Schotten auf. Irgendwo las ich, Sozialstaat funktioniere nur in nationaler (ich würde eher sagen regionaler) Abschottung. Wir werden sehen, ob das stimmt.
Genau wie 1989 ist die Bundesrepublik Deutschland für viele Sehnsuchtsland und genau wie 1989, in der „Wahnsinn!“-Besoffenheit, wird sich die bald die Nüchternheit der Realität langsam wieder ausbreiten. Ich rede nicht unbedingt von syrischen Kriegsflüchtlingen. Zumindest die Syrer, die ich im Job kennenlerne, ticken ähnlich wie viele Deutsche, nur mit wesentlich mehr Sinn für große Familie. Die sind wahrscheinlich der leichteste Teil der Aufgabe, weil sie sich bald selbst zurechtfinden und ihr Leben gestalten.
Für die anderen kann man auch die schon etwas ältere Auswandererliteratur lesen. Die Geschichte von dem Samuraisohn, der im Auftrag des Vaters mit einer Kiste voller Kimonos und Schwerter in Amerika davon künden sollte, wie wichtig seine Familie ist und der als Obstpflücker-Wanderarbeiter sein Auskommen fand. Oder die Amerika-Erinnerungen von Wolf Durian, dem Autor von „Kai aus der Kiste“, die es manchmal noch in Antiquariaten gibt.
Aber genug politisiert.

Es geht noch etwas zu Ende oder verändert sich. Es ist erst knapp 14 Tage her, dass ich mit der Unterchefin redete, dass ich aus gesundheitlichen Gründen absehbar nicht mehr Vollzeit arbeiten kann und gern über alternative Arbeitszeitmodelle mit 2/3 Arbeitspensum reden würde. Mit dem Oberchef wollte ich erst nach seinem Urlaub reden, so was wollte ich ihm nicht mitgeben.
Es war einfach an der Zeit, denn ich merkte im Urlaub, dass ich ein halbes Jahr ausschließlich für die Arbeit gelebt hatte, wie eine Solotänzerin auf Tournee. Aufstehen, arbeiten, essen, eine Stunde stricken, bloß nicht reden und denken, Bett und hoffentlich durchschlafen. Am Wochenende ergänzt mit Wäsche waschen und Zusatzschlaf. Jede soziale Unternehmung riss mich tagelang ins Defizit.
Es mag sein, dass viele Menschen so leben. Nur, ich habe nie so gelebt. Ich mag meine Kollegen, ich mag den Job, aber das geht so nicht. Ich weiß nicht, woran es liegt. Vielleicht, weil es nicht meine Firma ist, weil ich kein Typ für Fremdbestimmung bin oder ganz simpel und technisch (und außerhalb der üblichen Konstruktion „ich bin schuld“) weil die extrem hohe Arbeitsdichte in der Hauptsaison zumindest für mich nicht mehr durch normale Arbeitsdichte in der Nebensaison kompensiert werden kann und Geld für mich kein Stimulans mehr ist.
Deshalb das von langer Hand vorbereitete Gespräch um Reduzierung des Arbeitspensums.
Super Planung, die wie immer vom Kopf ausgeht, der alles andere stramm stehen lässt. Klar wunderte ich mich, dass ich nach zwei Wochen Urlaub so wenig erholt war, dass ich mich schon in der ersten Arbeitswoche sehr angestrengt fühlte. Der Montag nach dem letzten Wochenende war die Hölle und die Nacht danach erst recht. Das Rest-Ich bemühte alles an Signalen, damit das Disziplin-Ego mitbekommt, dass es die gesamte Person schon wieder gefährlich auf der Grenze rumturnen läßt: Produzierte jegliche Form von Schwindelanfällen, drehte den Tinnitus-Regler bis zum Anschlag und als das Pfeifen und Jaulen auch nichts nutzte, wurde das Hörvermögen vom rechten Ohr runtergefahren. Und mitten in diese Taubheit klang der Satz: Na, hast du es jetzt mitbekommen?
In der Hoffnung, dass das alles nur Blutdruck/Kreislauf/Zudickundzuwaschlappig ist, ging ich zur Arbeit und beschloss, dann doch am nächsten Tag zum Arzt zu gehen. Es war tatsächlich ein Hörsturz. Nun bin ich noch die ganze nächste Woche aus dem Verkehr gezogen. Entweder die Tabletten oder die Ruhe helfen einigermaßen, keine Ahnung, was davon es ist.
Und ich fühle mich Sch…, schuldig, der ganze Salat. Bis dahin, dass ich allen vorgemacht habe, ich könnte den Job bewältigen und versagt habe. Was dann kommt, keine Ahnung. Offizieller Konsens ist, man könne diesen Job nur Vollzeit machen.

(Nein, bitte kein Mitgefühl und Verständnis. Ich ärgere mich über meine Blödheit und den Reflex, alle von mir und anderen an mich gestellten Leistungs-Erwartungen erfüllen zu wollen. Sich krank arbeiten, ist keine Lösung und nur Idioten nehmen wiederholt diesen Ausweg. Ein klares Nein zur rechten Zeit wäre besser gewesen.)

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WMDEDGT September 2015

Frau Brüllen fragt wieder, was wir den ganzen Tag gemacht haben.
Nun, gestern war Samstag. Zeit zum Ausschlafen, aber ich war um kurz nach 6 Uhr wach und konnte nicht mehr einschlafen.
In meinem Kopf war nämlich ein Satz aus der Konversation, die ich am Tag vorher mit meinem Chef auf Geschäftsreise gemacht hatte, noch mal rot und blinkend aufgetaucht.
Die Mitbewerber wären lame, weil bei denen im Vertrieb 55jährige Frauen halbtags arbeiten würden.* Er hatte schon mitten im Satz gemerkt, was er gesagt sagte – saß neben ihm im Zugabteil doch eine Frau über 50, die am liebsten Teilzeit arbeiten würde.
Ich weiß das einzuordnen. Schließlich hatte ich auch mal seine Flughöhe. Da waren alle, die nicht ausschließlich mit viel Erfolg hart arbeiten wollten, ebenfalls Menschen, auf die ich von da oben verständnislos bis wütend („ich reiße mir hier den A… auf!) herabgeschaut habe. In meinem Universum kam es gar nicht vor, dass das vielleicht mit Lebensqualität zu tun haben könnte. Ich konnte nur Vollpower und bin genauso wie er kein Mensch für Zwischentöne.
Die Geschichte, dass ich irgendwann mangels Benzin mit stotterndem Motor weiterflog und nach Komplettausfall eine Bruchlandung hingelegt habe und seitdem nicht mehr fliege, fliegen kann, ist bekannt.
Was mich gestern Morgen weckte, war die Erkenntnis, dass wahrscheinlich jegliche Verhandlung um ein geringeres Arbeitspensum, wie ich sie vorige Woche mit der Unterchefin schon begonnen hatte, wenig erfolgreich sein wird. Weil ich mich automatisch in die Verliererposition begebe, das verkörpere, was man nie sein möchte. Mal schauen, wie ich das angehe.

Mich fordern Schwierigkeiten heraus und solche Sätze haben bei mir die Wirkung, das sie mich in Bewegung setzen. (Einer dieser Sätze kam Mitte der 90er von meiner damaligen Chefin. Sie arbeite sehr gern mit einer, die froh und dankbar ist, überhaupt einen Job zu haben. Gemeint war ich. Das war der letzte Auslöser, sich ein Dreivierteljahr später erfolgreich selbständig zu machen.) Das am Freitag war der richtige Impuls, für den bin ich sehr dankbar.

Ich las ein Stündchen und schlief doch noch bis 10 Uhr, frühstückte dann wie immer Joghurt mit Obst. Ich las Zeitungen und die Twitter-Timeline, was im Moment eine aufwühlende und aufregende Sache ist. Das, was im Moment in Europa und den Staaten herum geschieht, wird genauso ein geschichtlicher Markstein sein wie der Fall der Mauer. Die starken Emotionen sind wichtig, der Winter wird die Realität und die Mühen der Ebene bringen. Das wird nicht easy. Aber das ist der Lauf der Welt.

Wir hatten bis in den frühen Nachmittag ein Gespräch zu einer Plan-B-Idee, die ich seit Jahren mit mir herumtrage. Der Graf hat dann ganz am Schluss die entscheidende Frage gestellt – er wollte Zahlen aus dem Erlösmodell hören. Danach war klar, das kann man zu den Akten legen oder modifizieren. Es hat einen Sinn, warum es das so in Deutschland nicht gibt, es ist zu teuer.

Also wendete ich mich praktischen Dingen zu. Ich schrieb die Verkäuferin auf Etsy an, die mir diese Seidengarne gesendet hatte:
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Es war noch ein drittes dabei, dessen Farbe auf dem Foto nach einer Mischung aus Karamel und Himmelblau aussah, in Wirklichkeit aber ein orangestichiges Rostbraun und ein dumpfes Petrolblau war, das ist was für dunkelhaarige Frauen, nicht für mich. Als ich versuchte, es zu fotografieren, sah ich, dass es ohne Farbbearbeitung nicht richtig darzustellen ist. Meiner Bitte auf Tausch wurde trotzdem entsprochen, ich bekomme dafür ein Garn in Pink- und Rottönen.
Ich freue mich aufs Stricken, auch wenn es Monate dauern wird, ein Tuch aus 1500 Metern Garn zu fertigen.

Ich schaute immer mal mit Freude aus dem Fenster. Statt eines Dauerregentages fand vor dem Fenster ein wunderbares Wolkentheater statt.

Beim Warten auf die Antwort aus England machte ich endlich an dem Zickzackquilt weiter, klebte die Unterseite auf den Boden, legte mit Hilfe des Grafen den Füllstoff und das Top darauf und ließ den Stoff erst einmal entspannen. Ich schlief inzwischen ein Stündchen und der Graf badete.
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Nach dem Aufwachen machte ich mich ans Stecken. Eine üble Arbeit auf Knien (und Knie werden mit den Jahren nicht besser), nach einem Viertel hörte ich auf und wir gingen erst einmal einkaufen. In der Biokiste waren Champignons und ich wollte Hühnerfrikassee mit Süßkartoffelpürree kochen.
Der REWE in der Ackerstraße sah aus, wie eine DDR-Kaufhalle Samstag um 10 Uhr 30 – vorwiegend leer an Waren und voll an kaufwilligen Leuten. Süßkartoffeln waren alle, also kauften wir mehlig kochende Kartoffeln und noch einiges anderes mehr, denn wir waren hungrig.
Auf dem Rückweg fotografierte der Graf noch einen Regenbogen über der Veteranenstraße

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und wir legten wir einen Zwischenstopp im Weinladen für Trink- und Kochwein ein.

Ich stellte mich in die Köche und schälte, schnipselte und schmorte, die Garzeit der Kartoffeln nutze ich zum Ziehenlassen des Frikassees und steckte weiter an dem Quilt.
Natürlich – so will es das Gesetz – zwei Stunden vorher waren wir bei Frau Tulpe vorbeigegangen,  ich hatte kurz überlegt und mich dagegen entschieden, noch weitere Sicherheitsnadeln zu kaufen, nun wurden sie knapp, ich würde umstecken müssen. Leise fluchend ging ich wieder in die Küche und machte das Essen fertig.

Wir aßen, tranken Wein und rissen uns furchtbar zusammen, nicht die Töpfe komplett leer zu machen, es schmeckte zu gut.
Nach dem Essen steckte ich noch etwas weiter, verschob den Rest aber auf den nächsten Tag und begann dann, es war inzwischen 21 Uhr, noch an einer Musterprobe arbeiten, um eine ordentliche Kante an das Tuch, das ich gerade mache, zu bekommen. Meine erste Spitzenstrickarbeit, die ich ohne Vorlage gemacht habe.
Der Graf schlief inzwischen vor einem Tatort aus den 80ern im Hinterzimmer ein und ich hörte auf der Tonspur, dass Method Acting im Deutschen Fernsehen tatsächlich erst in den späten 90ern Einzug hielt. Es wurde furchtbar theatralisch geschrien, getönt und gedröhnt und sm Schluss auch geschossen.

Als die Musterprobe fertig war und ich sah, dass ich noch eine würde machen müssen, ging ich auch ins Bett, um davon zu lesen, wie in Westdeutschland die Züge voller Flüchtlinge aus Wien erwartet wurden. Es geht uns sehr sehr gut. Ohne Frage.

Lassen Sie mich mit der Kaltmamsell schließen:

Selbst wenn Behörden versagen wie in den ersten Wochen mit einer anscheinend unerwartet großen Anzahl von Ankömmlingen, helfen Bürger. Weil sie frei sind, weil sie gewohnt sind, dass sie eigenständig handeln dürfen, weil sie nicht in Gewalt und Unterdrückung leben.

Die anderen WMDEGT-Posts stehen hier.

*Reine Projektion von irgendwas, vielleicht der eigenen Angst vorm Alter und dem Schwinden der Leistungsfähigkeit. Bei den Mitbewerbern arbeitet vorwiegend der Typ Endzwanziger bis Mittdreißiger Marketing-Girl.