11 – Tagesgeschäft

Irgendwie wird das grade nichts mit Tagebuchbloggen. Da sind immer Lücken dazwischen. Und auch der Herr Lucky stellte fest Smells Like Burn-Out. Also jetzt nicht, dass ich mal wieder dramatisch die Grätsche zu machen gedenke. Aber die Tage werden länger, wir verharren durch den Schnee noch im Winterquartierradius. Es entsteht eine blöde Disharmonie zwischen dem, was der Geist durch die Lichtprogrammierung will und der Körper gerade noch nicht kann.
Vielleicht ist das ja auch der Grund, warum die alten Leute immer im Frühjahr sterben. Sie kommen nicht mehr in den Neubeginn-Modus.
Das Jahr ist mit vielen spannenden Dingen losgegangen. Stories & Places, geschäftliche Überlegungen, Planungen zu einem neuen Seminar, Berufungskommission für eine Kunstprofessur, normale Jobs. Aber der Arbeitstag hat für mich eben 3 Stunden kompakt oder 8 Stunden mit vielen Pausen und einem Schläfchen. Dann gibt es noch die ungeklärten Sachen, die mir auf der Seele liegen. Denn ich muss mir den Arbeitsmodus, mit dem ich leben kann (im wahrsten Sinne des Wortes), immer noch offiziell bescheinigen lassen.
Der Grad der Behinderung war schnell festgestellt. Der EU-Rentenantrag bei der BfA wurde schon im Frühstadium abgelehnt. Die Anwartschaften sind da, wurden aber in den letzten Jahren durch meine Selbständigkeit nicht aufgefrischt. Also gab es dort keine Begutachtung. Die Berufsunfähigkeitsversicherung lässt sich Zeit. Da habe ich kein gutes Gefühl, ich schätze mal, die wollen aus der Sache raus. Im Ganzen sintert sich mal wieder das Gefühl zusammen, auf sich gestellt zu sein, um niemandem zur Last zu fallen. Dumme Sache, ich weiß. Das wiederholt sich zyklisch und gerade in den Momenten, in denen ich Unterstützung eigentlich erbitten sollte und auch kann.
Es fällt mir schwer, meine Interessen in dieser Hinsicht zu vertreten, denn das Schuldgefühl, mich einfach nur gehen zu lassen, lauert an jeder Ecke. Vor dem totalen Breakdown ist alles andere Theater oder nicht so schlimm.

Ich weiß nicht, ob ich das in diesem Leben noch mal hinkriege.

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10 – Große Jungs

Gestern Abend war ich mit S. bei Spree vom Weizen, einfach um zu schauen, wie ihr das gefällt.
Wir amüsierten uns, aber taumelten nach zwei Stunden wegen akuten Sauerstoffmangels ganz schnell raus aus der Jägerklause. Zuviel Schnaps- und Zigarettengewaber.
Ihr Urteil war hart, aber schon ziemlich treffend:

in der Jägerklause hab ich immer gedacht, dass die Bühne eigentlich das verqualmte Wohnzimmer dieser mehr oder weniger pubertierenden Wort-Bubis ist. Kaum sind die Eltern aus’m Haus, kaum is mal sturmfreie Bude ist, wird literweise Allohol gekauft, Groupies und Girlies eingeladen, noch ne handvoll Freunde dazu – und schon ist er fertig der „Club der coolen Dichter“.

Hm, da hat sie schon etwas recht, wenn ich der auf er Bühne verfrühstückten Flasche Whisky gedenke und er jungen Dame, zwei Reihen vor mir, die den Pullover übe die Schulter runterrutschen ließ und den BH-Träger zeigte.

S. möchte übrigens ein Lesebühne mit Stil und Abendkleidern, kriegen wir so was hin?

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9 – Nestchenbau

Der Nachbar hat seit letztem Sommer eine neue Freundin. Im Dezember zog sie bei ihm ein, jetzt macht er einige Umbauten in der Wohnung. Die beiden haben exakt das gleiche Timing wie wir, nur um ein Jahr verschoben. Sehr witzig! Mal schauen, was nächstes Jahr um die Zeit passiert. Die beiden sind ja noch im zeugungsfähigen Alter, da könnte es eigentlich Nachwuchs geben.

Dann ist das in Bits und Bytes gemeißelte Großwerk weitestgehend fertig: dichterGarten, die Homepage von LaPrimavera. Das ist aber etwas wie der Kölner Dom, da wird wohl noch ewig dran gearbeitet. Das eine oder andere Detail stimmt noch nicht (warum ist nach dem Umzug auf die Domain der Text-Container rechts und nicht mittig z.B.), die Bildbeschriftungen sind Kraut und Rüben, aber wird noch.

Mein Lieblingsbild ist übrigens dieses.

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Von Lolitas und Lektoren

Wir hatten die Leipziger Autorenrunde auf der Buchmesse schon länger zugesagt, waren aber unsicher, ob wir dort wirklich richtig sind. Aber der Graf buchte am Freitag abend kurz entschlossen zwei Zugtickets, um den Sprung hinüber zu machen und wir sagten dafür eine 1001 Nacht Kostümparty ab, um wiederum auf einem Kostümfest zu landen, aber darüber später.
Der morgendliche ICE hatte die handelsübliche Stunde Verspätung, dafür konnten wir mit dem nächsten ICE, der auf unser Zugpersonal wartete, gleich zur Messe durchfahren. Wir, das war ab dem Bahnhof eine Parade von mehreren tausend Leuten, darunter Rotkäppchen, Samurais und Lolitas. Gut, Nabokovs Buch ist schließlich auch Weltliteratur.
GlashausIn den Messehallen waren wir zunächst komplett verloren. Mehrzweckfläche 3 hieß es und ich war so optimistisch, das gleich zu finden, dass ich auf die Leitsysteme vor Ort vertraute und den Plan nicht ausgedruckt hatte. Wir orteten sie auf der Karte am anderen Ende unserer Position und machten uns auf den Weg. Zwischendurch machten wir noch kleine Guerilla-Werbeaktionen für Stories & Places. Der Graf hatte am Abend zuvor noch kleine Visitenkarten-Lesezeichen gemacht, die wir großzügig in Bücher verteilten, so sie nicht an einem Verlagsstand bewacht wurden.
Als wir am vermuteten Platz der Autorenrunde angekommen waren, erzählte dort eine junge Verlagsangestellte einem Haufen Selftpublishern, was Twitter und Blogs sind. Zum Beispiel, dass man den Blog unbedingt mit Fotos aufhübschen solle, sonst wäre er nicht interessant. Außerdem könne man bei Twitter Gruppen beitreten (wtf!). Tweet schrieb sie in ihrer Powerpoint-Präsentation übrigens mit d, wie den englischen Wollstoff. Kein Kommentar. Wir tauschten einen Blick und suchten das Weite. Kopfschüttelnd waren wir uns einig: Das kann es nicht gewesen sein.
Wir stürzten uns wieder in die Menge. Noch mehr Menschen in Kostümen oder neudeutsch Cosplayer, mittlerweile auch Mädchen mit Krinolinen und Jungs mit blaugemalten Gesichtern. Es fand ein Wettbewerb des besten Mangakostüms statt und sie kamen dafür sogar aus Berlin. Ich finde es übrigens eine super Idee, auf diese Art junge Menschen dazu zu bringen, auf die Buchmesse zu gehen. Wer hätte früher mit 17 gesagt: Ich fahr am Wochenende nach Leipzig auf die Buchmesse? Das ist Klassen besser, als diese Kampagne, die mir eher Angst macht.
Mit den bunt gekleideten Kiddies walzten die anderen Messebesucher mit uns durch die Gänge: Die üblichen Schrifstellergroupies, die sich seit Generationen aus postklimakterischen Studienrätinnen rekrutieren, waren dabei und natürlich Leipziger Ureinwohner, allesamt Tragetaschen des Eulenspiegel mit einem ostalgischen Ulbricht-Witz-Cartoon in der Hand. Sie belagerten auch die Lesung eines blonden Mannes, der den unperfekten Charme von DDR-Produkten beschwor. „Elasan Babypuder!“, sagte er. Die Menge lachte. Wir machten, dass wir weiter kamen.

Dann, die Menschenmenge hatte sich inzwischen in einen undurchdringlichen Strom verwandelt, fragte der Graf besser mal nach dem Weg. Ok., unser Ziel lag ganz am Anfang unserer Tour, also zurück.
So stiegen wir nach kurzer Orientierungspause in die Rundtischgespräche ein. Eine klasse Idee, nicht die dröge „Einer redet seinen Stiefel, alle gähnen“-Sache, sondern wechselnde kleine Auditorien. Das ermöglichte an die Anliegen und Intentionen der Teilnehmer angepaßte Vorträge und eine intensive Diskussion, außerdem noch gute Synergieeffekte, weil sich die Teilnehmer noch gegenseitig etwas beibringen konnten.
Ich habe selten so viele Anregungen zu so mannigfachen Themenkreisen bekommen, konnte dazu meine Schwerpunkte aus einer umfassenden Liste aussuchen und habe dazu interessante Menschen getroffen. Bitte mehr von solchen Veranstaltungen! Und ein großer Dank an Leander Wattig, den Organisator, der das ganze unaufgeregt und souverän leitete, für tolle Sprecher und differenzierte Inhalte gesorgt hatte und eine konzentrierte, aufgeschlossene Atmosphäre schuf.
Ich interessierte mich für Poetry Slam und Lesebühnen, es gab ein Wiedersehen mit Andy Strauß, der vor einer reichlichen Woche um ein Haar den Best of Poetry Slam in der Berliner Volksbühne gewonnen hatte. Da kam so ein Typ auf die Bühne, eine Mischung aus Jonathan Meese und Helge Schneider und was er las, war der absolute Burner. Ich war in der Jury und von seinen Texten sehr angetan. Und nun, im Gespräch in Leipzig merkte ich: der Typ ist intelligent, kompromisslos und kreativ. Gute Mischung. Meine Fragen zu Slam Poetry waren nach der Dreiviertelstunde geklärt. Gut so, denn am Montag werde ich mit jemandem zusammen sitzen, die in dieser Richtung arbeiten will und die um Vorbereitungshilfe für die Auftritte gebeten hat.
Danach ging es mit Johannes M. Ackner um Hörbücher. Auch das war erhellend. Ich hatte ja eine ganze Weile mit einer Schauspielerin in dieser Richtung inhaltlich gearbeitet, aber auch keinen Hehl daraus gemacht, daß ich vom Vertrieb der Hörbücher wenig bis keine Ahnung habe. Die Infos waren eher dämpfend. So das Hörbuch nicht Anhang eines Bestsellers ist (und da sind dann die üblichen Big Player am Werk), sollte man es wie einen Podcast behandeln, den man aus Spass oder Promotiongründen macht.
Letzte Station waren Oliver Schütte im Auftrag der Bastei-Lübbe-Academy (nettes Spin-Off-Unternehmen zur bezahlten Nachwuchsbeobachtung, das sich hier gleich noch selbst darstellte). Schütte kenne ich ja schon aus meinen Fernsehzeiten und habe viel von ihm gelesen und gehört. Er erzählte für mich nichts bahnbrechend Neues, ich bin ja schließlich selbst Dramaturgin. Aber der Versuch, Genre-Erzählstrukturen auch im Trivialroman zu professionalisieren (beim Fernsehen in Deutschland passierte das ja schon vor 15 Jahren), finde ich gut. Vielleicht mach ich doch irgendwann den Schritt zur Barbara-Cartland-Karriere. Mein erklärtes Ziel war es immer, für Bahnhofsbuchhandlungen zu schreiben. Nur blöd, dass es bald keine Bahnhofsbuchhandlungen mehr geben wird…
Danach gab es noch einen kleinen Umtrunk, wir trafen einen Berliner Bekannten und plauderten etwas, bis dieser seine Freundin im Presszentrum abholte und auf dem Weg nach draussen: Cosplayer.
Nicht vom Rand springen! Heidi
Himmel und Hölle Karrieretag Buch + Medien

Ganz ehrlich: Die einzigen Bücher, die ich gesehen habe, waren gestalterische Preisträger. Alle anderen Titel, überhaupt das physische Buch, hat mich nicht sonderlich interessiert. Der Literaturbetrieb hat für mich zur Zeit etwas morbid-überhitztes und die Papierpakete kann ich auch als Textdatei aus dem Netz laden. (Ausnahmen: Herzensbücher)
Es wird interessant, wie Verlage in Zeiten des etablierten eBooks (also t+3Jahre) ihre Produkte präsentieren werden. Was Verlage überhaupt noch tun werden. (Btw. Der einzige Mensch, der im Auditorium der Autorenrunde das eBook laut sinnierend für eine vorübergehende Erscheinung hielt, war ein Lektor kurz vor der Rente. Der darf das.)
Vielleicht feiern wir ein Fest der Geschichtenerzähler. Gestern habe ich beim Gang über die Messe noch eine Linotype-Maschine bewundert. Ein wunderbares, mechanisches Gerät, präzise wie ein Uhrwerk. Doch es könnte sein, dass wir aus der Gutenberg-Galaxis in einen neues orales Kulturuniversum eintreten.

Ende

Ende

PS: Hier schreibt der Graf über den Tag.