Urlaubsfreuden

Das ist Premiere. Ich bin zum ersten Mal im Winter nicht auf den Skiern sondern im Süden. Als hätte ich es geahnt, daß der Winter dieses Jahr ausfällt, hat mich schon Wochen vorher die Unlust bei dem Gedanken gepackt, etwas zu buchen, das mit Schnee zu tun hat.
Auf Fuerteventura hat es 22-26 Grad und das Meer ist erträglich zum Schwimmen. Ich freue mich darüber wie ein kleines Kind. Gott sei dank ist es einfach diesem Pauschalurlaubsknast zu entfliehen. Rein ins Autolein, weg und erst wieder aussteigen, wo es schön ist und keine rotgesichtigen Engländer mit ihrer trampeligen Brut unterwegs sind.
Die idyllischen Felsenküsten haben nur einen Makel: Sie sind von deutschen Althippies befallen, die sich die Kleider komplett vom Leibe reissen, sobald sie nur eines Stücks Strand ansichtig geworden sind. So viel gealterte Nacktheit habe ich in den letzten 10 Jahren nicht zu Gesicht bekommen. Hängende lederfarbene Haut über entfleischten Ärschen, ausgemergelte Brüste, dunkelrot gebrannte Plautzen und -oh Graus! – Geschlechtsteile jenseits erotischer Dimension.
Ähnlich grässlich sind die Ostdeutschen, schon immer der Freikörperkultur anhängend, die an Stränden, gesäumt von billigen Bettenburgen, ihr waberndes Fett spazieren tragen. Manchmal bedeckt sie noch ein Röckchen oder ein Shirt, zum Schutz gegen die Sonne aber was hängen lassen, ob oben oder unten, ist ein wichtiges Statement.
Es gab Zeiten, da war ich stolz darauf, daß ich kein Badedress besaß. Nackt sein, das hieß Freiheit. Heute bin ich stolz darauf, mich noch im speedo- oder O’Neill-Bikini sehen lassen zu können. Und ich schwöre, sobald mich die nächste Stufe des Verfalls erreicht, wickele ich mich in wallende weiße Tücher. Oder miete einen Privatstrand.

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Nur weg hier

Das war alles etwas etwas viel in der letzten Zeit. Natürlich sehne ich mich nach HeMan. Er ist eingeschrieben in mich, seit ich mich zum ersten Mal an seine Schulter gelehnt habe.
Und das Geschäft darf mich kreuzweise (mit UMTS-Karte und Handy als Sicherheitspaket).
Und ich will in die Sonne und schwimmen, lange und ausgiebig.
Also Pause bis 21.

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Lethe saufen

Irgendwann in einer Sommernacht 1998. La Primavera – damals noch in Berlin wohnend – ruft mich an. Kannst du helfen? Bei mir im Bett liegt eine Freundin mit einem Nervenzusammenbruch. Ihr geht gerade die Firma kaputt. Dann am anderen Ende der Leitung eine Frau in apokalyptischer Stimmung: Es ist alles vorbei. Ich kann keine Rechnungen mehr zahlen, die nächste Miete ist fällig, hohe, hoffnungslose Außenstände und die Bank grinst nur noch dreckig.
Ich weiß nicht, wie ich damals dazu gekommen bin, mit meinen zweieinhalb Jahren Geschäftspraxis. Ich habe ihr eine Checkliste diktiert, die sie am nächsten Morgen abarbeiten sollte: Die Karten bei den Gläubigern aufdecken, den Vermieter vertrösten, mit der Bank reden. Der Grundtenor war: alles halb so schlimm, das passiert jedem mal, im Grunde ist es eine wichtige Erfahrung.
Ich fühlte mich wie ein Fährmann, der mitten in der Nacht den Kahn über den reißenden Strom setzt. Zwei Gestalten im Boot, eine kraftlos liegend, die andere neben ihr sitzend. Auf der anderen Seite habe ich sie aussteigen lassen und sie gingen ihrer Wege, in ein neues Land. Und das Boot und der Fluß verschwanden wieder hinter mir, über Jahre.
Gestern. Ich stehe vor einer wichtigen geschäftlichen Entscheidung. Niemand da, der mir Rat geben kann. HeMan möchte ich im Grunde nicht bemühen, es ist Endzeit zwischen uns. Er kommt doch, hat gemerkt, daß ich ihn brauche. Das kann er mir geben. Anderes nicht. Die Zeit der Geschenke für die Seele ist vorbei. Der emotionale Reichtum wieder sorgfältig weggeräumt in seinem Schöner-Wohnen-Paradies, das keinen Platz für mich hat. Ich stehe da mit meinem kleinen Marktstand und die Früchte meiner Liebe, die ich ihm anbiete, verwelken und verfallen.
LaPrimavera sammelt mich auf in meiner Verlorenheit. Einmal im Jahr ist sie in Berlin. Ausgerechnet heute. Und spät am Abend treffen wir die Frau von damals. Mittlerweile ist sie in einem gänzlich anderen Leben. Hat noch drei Kinder bekommen von einem Mann, der nicht wunderbar und überirdisch sondern ganz normal da ist. Eines der Kinder ist behindert. Sie hat ihre Firma vergrößert. Sie hat eine umwerfende Energie. Herzenswärme und Lebensklugheit verbinden sich mit Kraft.
Sie erinnert sich sofort, wer ich bin. In dieser Nacht ist sie mein Fährmann. Setzt mich über den Fluß, der mir unüberwindlich schien. Jetzt stehe ich in einem neuen Land. Welchen Weg werde ich gehen? Wer werden meine Gefährten sein? Werde ich mich zurücksehnen?

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Überlegelich

Dieses Wort hat mein kleiner Bruder (klein! inzwischen passe ich zweimal in ihn rein!) dereinst erfunden, um seine pubertäre Melancholie in Worte zu fassen.
Ich weiß nicht, was soll es bedeuten…, Heine eben.
Mein Arbeitsjahr ist kurz vor dem Ende, nach dem Streß der letzten Wochen sacke ich durch und mache eine Rundschau. Blicke zurück: War das ok. so? Zufrieden? Mehr ist immer drin, da mache ich mir keine Illusionen.
Und sonst so? Zufrieden? Ich weiß nicht wäre eine feige Antwort. Ich stehe neben meinem Privatleben wie eine fremde Person und frage mich: ist es das wirklich? Kitty in einer together-apart-Großstadtbeziehung?
Mir ist vor zwei Wochen ein drei Jahre altes Tagebuch in die Hände gefallen. Gebetsmühlenartig wiederholt sich: ich will allein sein, einsam sein, Zeit für mich haben, 0 Input, machen was ich will, auf niemanden Rücksicht nehmen. Damals habe ich fünf Zimmer mit zwei Menschen geteilt, denen meine Nähe sehr wichtig war. Und ich fühlte mich erdrückt, erschlagen, genötigt, unfrei. Stoisch habe ich gegeben, was gebraucht wurde und mir die zwei auf Distanz gehalten.
Nun habe ich, was ich über Jahre erträumt habe. Zeit, Raum, Freiheit. Und bekomme Panik. Kann es nicht füllen. Möchte wieder und wieder umarmt und gehalten werden. Ich, der früher jede Umarmung die Luft nahm. Plötzlich kann ich nicht allein sein, ich wünsche mir einen vertrauten Menschen im Raum. Ich, die ich früher glaubte, daß ich mich in Gesellschaft in eine funktionierende Bioeinheit mit einer familiären Funktion verwandle.
Jedes Treffen mit HeMan – und im Gründe würde mir das mit jedem anderen passieren, auf den ich mich einlasse – spiegelt in meinen Gefühlen die Kinderszenen wieder. Störe ich? Geht der gleich wieder weg? Geht der womöglich weg, wenn ich nicht seinen Erwartungen gemäß handele, rede, bin? Darf ich wiederkommen? Kommt er wieder? Rücke ich zu nahe und werde gleich weggeschoben? Will der mich wirklich richtig oder meint der das garnicht so? (wirklich richtig, diese Worte muß man sich in diesem Zusammenhang auf der Zunge zergehen lassen, als wäre so eine Begegnung Theater, das nur zu meiner Verspottung und Beschämung stattfindet)
Ein Schwimmer, der Angst vorm Ertrinken hat, wird in seiner Panik steif und verkrampft, verschluckt und veratmet sich.
An meinen schlechteren Tagen hocke ich wie ein über Weihnachten geholtes Heimkind auf HeMans Sofa. Wage mich kaum zu rühren, will aber auch um keinen Preis weggehen. Wenn ich versuche, mich ungezwungen zu bewegen, wird es noch schlimmer. Meine Bewegungen werden monströs und unelegant, ich bin wieder das Trampel von früher. Ich habe keine Ideen, sage zu jedem seiner Vorschläge Ja. Kann auf ihn nicht eingehen, weil ich ihn teilweise garnicht richtig wahrnehme, weil ich so mit mir und meinem Richtigseinmüssen beschäftigt bin.
Ich habe in Bewerbungsgesprächen Leute erlebt, die dringend und unbedingt angenommen werde wollten. So ungefähr muß ich mich benehmen. Sofort Recht geben, zu laut lachen über die Witze des anderen, auf jede vermeintliche Anforderung mit Anpassung reagieren: Ja, das kann ich auch… Nein, kein Problem… Natürlich, Chef in spe, für sie würde ich mich auch zu Tartar mit Ei zerhacken lassen.
Wie fühlt sich HeMan, wenn er einem solchen emotionalen schwarzen Loch gegenübersitzt? Ich würde an seiner Stelle auf Umkehrschub schalten und zwar ganz schnell. Was er mitunter auch macht, wenn es allzu arg wird. Oder ich komme dem zuvor und mache mich vom Acker. Oder ich mache mich komplett zu, tue so, als würde er nicht existieren in meinem Leben oder als wären wir Fremde, dann ist das alles auch garnicht so schlimm.
Ich hadere damit, daß so eine in der Kindheit geschlagene Wunde eine Narbe, ein Brandmal im Erwachsenendasein bedeutet.
Hört denn das nie auf?
Es ist nicht so, daß ich mit Wonne jedem ein Attest unter die Nase halte, auf dem steht: Meine Mutter hat mich weggegeben, hatte auch später nicht viel für mich übrig und hat meinen Bruder immer vorgezogen. Das war gaaaanz schlimm und deshalb brauche ich eine Sonderbehandlung. Im Gegenteil. Früher, in unbewußten Zeiten, war ich wie eine Furie in meiner verqueren Liebesbedürftigkeit. War eine verzweifelte Seelenfresserin. Und in festen Beziehungen bin ich sowieso auf Nummer sicher gegangen. Ich habe mich mit Menschen umgeben, die mich brauchten oder wollten und/oder liebten. Ich sie aber nicht. Das habe ich mir nicht erlaubt oder ich stand garnicht auf sie. Aber ich verliebte mich in ihre Verliebtheit in mich und damit konnte ich mich selbst lieben.
Und seit ich m ich dazu durchgerungen habe, zurückzulieben oder gar das Risiko einseitiger Liebe zu übernehmen, bin ich im Dauerstreß.
Lieber Gott, geht es bitte ein bißchen einfacher?

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