Schwierig

Wenn ich in meiner allernächsten Nähe nichts darüber erzähle wie es mir beruflich geht und was mir aktuell so passiert, wird das natürlich ein wenig erstaunt zur Kenntnis genommen. Meine lalala-Gemeinplätze tragen ein wenig zur Tagesatmosphäre bei, mehr nicht.
Erzähle ich etwas aus dem Nähkästchen, Dinge, die mich sehr bewegen, die ich im Kopf wälze und die mir Magenschmerzen bereiten, dann wird es hochemotional. Sage ich einen Satz, bekomme ich sofort einen Rat oder Kommentar.
Sage ich: „ja, aber ich habe doch das und das geleistet, das war doch gut!“
Höre ich: „Das ist dein Job!“
Sage ich: „Das und das ist läuft schief!“
Höre ich: „Du sitzt doch den ganzen Tag nur rum.“ oder „Dann mußt du mehr tun.“
Sage ich: „Ich denke über Veränderungen nach.“
Höre ich: „Diesen Luxus mußt du dir erstmal leisten können.“
Ich habe nicht das Gefühl, daß mir zugehört wird. Auch nicht, daß jemand versucht mich zu verstehen und – wenn ich mich verrenne – mich behutsam in eine andere Richtung stupst.
Es endet immer damit, daß ich mir sage: „Ok., ich bin allein mit meinem Problem. Hätte ich lieber die Schnauze gehalten.“

Komischerweise kenne ich diese Form von Kommunikation. Ich rede mitunter mit dem Kind so. – Natürlich unter umgekehrtem Vorzeichen.
Verdammt noch mal, ich bin 45 Jahre alt und habe in meinem Leben eine ganze Menge geschafft. Kann ich mir nicht einfach in nächster Nähe einen Rat holen, ohne wie eine 8jährige behandelt zu werden?

Um es klarzustellen, es handelt sich dabei nicht um bösartige Ablehnung, auch nicht im Tonfall, sondern um eine komische Form distanziert-emotionalen Engagements. Irgendwie scheint es unmöglich zu sein, sich in mich hineinzuversetzen. (In mein Kind möchte/kann ich mich auch oft nicht hineinversetzen.)

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Im Jahre 20 der deutschen Einheit


Das hiesige Schlaraffenlatein erfreut sich erstaunlicher Vokabeln. Ein besonders beliebtes Wort ist „Fördermittel“, gern auch in Kombination mit „EU-„, „Bundes-“ oder „Landes-„. Die profane Übersetzung lautet hierfür „Ich stelle einen Antrag für ein Projekt ohne Ziel, Strategie und Konzept, denn es ist Geld da, und das ist hier schon irgendwie unterzubringen“. Ein weiteres Wort ist „Investor“, das bei den Schlaraffen vordergründig als Synonym für „Hoffnung“ gilt, aber in einer bestimmten Betonung für „Kuh, die es zu melken gilt“ steht. Die profane Übersetzung für Frankfurt (Oder) Schlaraffia lautet übrigens: Weg hier.

(bei Frau Wortschnittchen komplett zu lesen)

Was mich erschreckt, ist, daß alles noch so zu sein scheint, wie vor 18 Jahren, als ich noch öfter dort war. Daß es immer noch keine neue Identität gibt, sondern diese sonderbare Eingeborenenmentalität in mittlerweile komfortablen Reservaten.
(Am besten der Scheich aus dem Morgenland kommt mit dem Koffer voller Geld, packt es aus und baut genauso eine Chipfabrik, wie es sie einstmals dort gab, als die Mauer noch stand.)
Der Investor, der mißtrauisch beäugt und unterwürfig hofiert wird: denn wenn er sein Geld hier läßt, dann muß er doch einen Betrugsvorsatz haben oder Geld wie Heu und dumm sein. Der gute Onkel, der was mitbringt. Das Erstauen, wenn der gute Onkel die beschenkten Kinder als erwachsen ansieht und eine Gegenleistung sehen will.
Ich frage mich, wann sich das ändert. Vielleicht ist es wirklich so wie mit den Indianern. Die Stammesangehörigen, die dableiben, verwalten den Niedergang oder trinken sich tot. Die, die weggehen, assimilieren sich in die moderne Gesellschaft.

Heute morgen

als sich aufwachte, tat mit alles weh. Scheinbar war ich des Nachts vor Angst erstarrt. Mein Herz raste, mein Magen schmerzte – „Nichts geht heute“, sagte ich mir. Ich phantasierte von zusammenbrechen, krank werden, wünschte mir nur irgendwie die Erlaubnis zu haben, schwach zu sein.
Dann zwang ich mich zu kleinen Schritten. Holte mir einen Text heran, den ich sehr liebe (Internet sei dank, denn meine Bibliothek ist eingelagert), drehte ihn in den Händen, betrachtete ihn, sprach ihn, lange und laut. Ich war Hamlet, saß da, sah Rosenkranz und Güldenstern gehen, haderte mit mir und meinem Zögern (oder besser meiner Machtlosigkeit und meinem Kontrollverlust) und beschloß, die Schauspieler aufs Schloß zu holen und ein spezielles Stück zu schreiben.*
Dann tat ich etwas, was ich gut kann, ich führte ein hervorragendes Verhandlungsgespräch.
Es ging aufwärts. Ich erledigte einige Besorgungen, führte meine normalen Tagesgeschäfte und bekam dann in einem lagen Gespräch Hilfe von La Primavera. Die sagte; „Fürchte dich nicht. Sprich mit allen.“
Ja. Das habe ich getan.

*Es gibt einen entscheidenen Unterschied. H. ist Söldner seines Bluts und wehrt sich dagegen. Ich bin Sklave meines Willens. Wehre ich mich, treffe ich mich selbst.

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Wie eine Hure mir mit Worten Luft mach‘

(Nicht kleckern, sondern klotzen:)

HAMLET, HEKUBA-MONOLOG:

O, what a rogue and peasant slave am I!
Is it not monstrous that this player here,
But in a fiction, in a dream of passion,
Could force his soul so to his own conceit
That from her working all his visage wanned,
Tears in his eyes, distraction in his aspect,
A broken voice, and his whole function suiting
With forms to his conceit? And all for nothing,
For Hecuba!
What’s Hecuba to him, or he to Hecuba,
That he should weep for her? What would he do
Had he the motive and the cue for passion
That I have? He would drown the stage with tears
And cleave the general ear with horrid speech,
Make mad the guilty and appal the free,
Confound the ignorant, and amaze indeed
The very faculties of eyes and ears.
Yet I,
A dull and muddy-mettled rascal, peak
Like John-a-dreams, unpregnant for my cause,
And can say nothing. No, not for a king,
Upon whose property and most dear life
A damned defeat was made. Am I a coward?
Who calls me villain? breaks my pate across?
Plucks off my beard and blows it in my face?
Tweaks me by the nose? gives me the lie i‘ the throat
As deep as to the lungs? Who does me this?
Ha, ’swounds, I should take it, for it cannot be
But I am pigeon-livered and lack gall
To make oppression bitter, or ere this
I should ha‘ fatted all the region kites
With this slave’s offal. Bloody, bawdy villain!
Remorseless, treacherous, lecherous, kindless villain!
O, vengeance!
Why, what an ass am I! This is most brave,
That I, the son of a dear father murdered,
Prompted to my revenge by heaven and hell,
Must like a whore unpack my heart with words
And fall a-cursing like a very drab,
A stallion! Fie upon’t, foh! About, my brains.
Hum —
I have heard that guilty creatures sitting at a play
Have by the very cunning of the scene
Been struck so to the soul that presently
They have proclaimed their malefactions.
For murder, though it have no tongue, will speak
With most miraculous organ. I’ll have these players
Play something like the murder of my father
Before mine uncle. I’ll observe his looks.
I’ll tent him to the quick. If ‚a do blench,
I know my course. The spirit that I have seen
May be a devil, and the devil hath power
T‘ assume a pleasing shape, yea, and perhaps
Out of my weakness and my melancholy,
As he is very potent with such spirits,
Abuses me to damn me. I’ll have grounds
More relative than this. The play’s the thing
Wherein I’ll catch the conscience of the king.

(Quelle)

Übersetzung Müller/Langhoff (konnte ich wirklich mal auswendig)

O welch ein Lump und Bauernknecht bin ich !
Ist nicht unglaublich, daß der Mime hier
Bei bloßer Dichtung, Traum von Leidenschaft
So seine Seele zwingt in eine Rolle
Daß seine Arbeit sein Gesicht entfärbt
In seinen Augen Tränen, verstört sein Blick
Gebrochne Stimme, und seine Haltung ganz
Zu seiner Rolle passend und alles um nichts
Um Hekuba!
Was ist Hekuba ihm, was er für Hekuba
Daß er um sie weinen soll? Was täte er
Hätt er zur Leidenschaft Motiv und Stichwort
Wie ich? Die Bühne mit Tränen ertränken und
Mit Greuelreden das Ohr der Menge löchern
Toll machen die Schuldigen, die Unschuld bleich.
Und ich
Ein stumpfer, schlammherziger Schurke, trotte
Wie John-im-Traum, der eignen Sache fremd
Und sage nichts, nein, nichts für einen König
An dessen Eigentum und hohem Leben
Verfluchter Raub geschah: Bin ich ein Feigling?
Wer nennt mich Schuft, schlägt mir den Schädel ein
Rupft mir den Bart, bläst ihn mir ins Gesicht
Zwickt mir die Nase, stopft mir „du lügst“ in den Hals
Bis zu den Lungen – wer tut mir das?
Ha!
Bei Gott, ich steck es ein: es ist nicht anders
Ich hab ne Taubenleber, mir fehlt Galle
Den Druck zu bittern, denn sonst hätt ich längst
All unsre heimischen Geier fett gemacht
Mit dem Aas dieses Schurken. Geiler Bluthund!
Fühlloser, falscher, wüster, entarteter Bluthund.
O Rache!
Was für ein Esel bin ich. Es ist sehr tapfer
Daß ich, Sohn eines Vaters, der durch Mord starb
Zu meiner Rache von Himmel und Hölle gespornt.
Wie eine Hure mir mit Worten Luft mach
Und fall ins Fluchen wie die letzte Schlampe
Ein Waschweib!
Fie drauf, Foh! Setz dich in Gang, Gehirn! Hum, man erzählt
Daß schuldige Kreaturen im Theater
Durch bloße Kunst der Szene im Gemüt
So tief getroffen wurden, daß sogleich
Sie eingestanden ihre Missetaten.
Denn Mord, hat er auch keine Zunge, spricht
Mit wunderbarer Stimme. Sie solln mir was
Wie die Ermordung meines Vaters spielen
Vor meinem Onkel, ich will seinen Blick sehn
Treib ihm ins Fleisch die Sonde, und wenn er zuckt
Weiß ich meinen Weg. Der Geist, den ich gesehn hab
Kann ein Teufel sein, der Teufel hat die Macht
Zu lockender Verkleidung, ja, und vielleicht
Bei meiner Schwäche und Melancholie
Mißbraucht mich zur Verdammnis. Ich will Gründe
Die greifbar sind. Das Schauspiel sei die Schlinge
In die den König sein Gewissen bringe.

(Quelle)

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