5. Ein Buch, das du immer und immer wieder lesen könntest

… das ich immer und immer wieder lese, denn es ist mein Lebensseismograph.
Das ist „Eine andere Welt“ (Another Country) von James Baldwin. Eigentlich eine ganz simple New-Yorker Künstlerfreundesgeschichte. Nicht. Eine Geschichte über Rassentrennung, Homosexualität, Künstler-Sein, Armut, Aufstiegswillen, Bürgerlichkeit, Liebe, Nichtanpassung, städtischen Verfall, Erfolg und Jazz, jede Menge Jazz.
Als ich das Buch zum ersten Mal las, war ich 13 oder 14. Da interessierten mich Sex, New York und Jazz daran.
Ich nehme es im 4-5-Jahresabstand immer wieder zur Hand und es blättert sich eine neue Facette auf:
Der Mythos vom armen Künstler.
Die begnadete Sängerin, die alles für ihre Karriere tut, selbstverständlich auch mit dem Manager schläft.
Homosexuelle Liebe als Erlösungsmotiv und Mittel zur Selbsterkenntnis.
Die Geschichte vom Künstler als Diener des Marktes, der plötzlich nicht mehr Künstler genug ist.
Ein Amerikaner in Europa.
Nicht zuletzt Cass. Meine Identifikationsfigur. Die blonde, weiße, bürgerliche, zickige, ewig unzufriedene Cass, die als einzige Revolte in ihrem Leben – übrigens als Reaktion auf den schriftstellerischen Erfolg ihres Mannes – eine Affäre mit einem homosexuellen Freund beginnt.
Vor ein paar Jahren bekam ich einen Schreck, als ich begriff, daß Cass, die mir immer uralt vorkam, mittlerweile 10 Jahre jünger als ich ist. So vergeht die Zeit mit einem Buch.
Der ganze Fragebogen.

4. Dein Hassbuch

Da bleibt es nicht bei einem.
Elf Minuten ist der Favorit der Neuzeit, wie auch die anderen Coelho-Schinken. Ich freu mich für ihn, daß er so gut daran verdient hat, aber ich muß diesen dusseligen Quark nicht lesen. (Der genannte Titel wurde mir zum 40. Geburtstag geschenkt, was ich fast als Affront verstand, denn ich war in meinemLeben nie auf der Suche nach gutem Sex, ich hatte ihn einfach.)

Aus meiner Jugend ist mir Wie der Stahl gehärtet wurde erinnerlich. Da gab es so eine Stelle, über die mußten wir Aufsätze schreiben.
Das Kostbarste, was der Mensch besitzt, ist das Leben. Es wird ihm nur einmal gegeben, und leben soll er so, dass nicht sinnlos vertane Jahre ihn schmerzen, dass nicht die Scham um eine schäbige und kleinliche Vergangenheit ihn brennt und dass er im Sterben sagen kann: Mein ganzes Leben und all meine Kräfte habe ich hingegeben für das Schönste der Welt – den Kampf um die Befreiung der Menschheit.
Bzw. in den Aufsätzen mußten wir immer bei dieser Stelle landen, wenn wir ausführten, warum der Held unser Vorbild ist.
Ich hielt ihn für einen ziemlichen Idioten. Er widmet sein ganzes Leben in tiefer Unterwürfigkeit und Hörigkeit dem Staatswesen, daß der experimenteirende Intellektuelle Lenin schuf und das der Despot Stalin pervertierte. Na schönen Dank. Als ich im Literaturunterricht die Bemerkungs machte, daß mir der Roman vrkommt wie eine frühchristliche Märtyrergeschichte, wechselte die Lehrerein schnell das Thema und meine Klasse mußte den verhaßten Aufsatz nicht schreiben. Ha!
Der ganze Fragebogen.

3. Dein Lieblingsbuch

Gibts nicht. Ich habe auch kein Lieblingsgericht und keine Lieblingsfarbe. Es gibt nur saisonale Tendenzen.
Wenn ich ein Buch nenne, auf das ich immer wieder zurückkomme, ohne es je wieder ganz zu lesen, dann ist es Hamlet, hier die Schlegel-Übersetzung.
Ich lese Teile des Dramas immer wieder, in verschiedenen Übersetzungen und Bearbeitungen (am liebsten ist mir die von Heiner Müller) und mittlerweile auch im Ur-Original.
Ich weiß, ich bin ein Nerd.
Der ganze Fragebogen.