Vigil 83

Ich bin mittlerweile darauf eingestellt, dass das so weitergeht. 6 Jahre älter als ich, vor einem Monat gesehen, gehört und geplaudert, eine leuchtende Frau.
Zack. Schlaganfall.
Der erste Schuss, der kein Warnschuss mehr war, aber sie Gott sei dank nur streifte.
Ich möchte das nicht.

Vigil 82

Was für ein schöner Tag!
Wie verließen aus Gründen das Haus recht früh, stiegen in Wannsee in einen Dampfer und waren die nächsten dreieinhalb Stunden Richtung Potsdam unterwegs, um vom Wasser aus Schlösser anzusehen, die Könige namens Friedrich und/oder Wilhelm hatten bauen lassen.
Erst war es feucht, leicht trübe und noch kühl auf dem Wasser, das Schiff war fast leer und der See glatt. Später kam die Sonne und ich klappte den Regenschirm auf, um ihn zum Sonnenschirm zu machen. Trotzdem habe ich mächtig rote Schultern.
Der Graf klemmte das iPhone mit einem Gorillapod an die Reling und filmte die Fahrt, um den entspannten Tag zu archivieren.
Als wir wieder im Wannsee ankamen, kauften wir gerade angelieferte Werder-Erdbeeren und fuhren wir zum Seehasen unterm Löwen und aßen Fleisch und Salat (seit der deutsche Wirt in Pension ist und ein Türke übernommen hat, gibt es auch sehr leckere Köfte). Wir plauderten noch etwas mit einer Achtzigjährigen Dame, die die Orte ihrer Jugend wieder aufsucht und bis zu ihrer Hochzeit 1953 in Wannsee gelebt hatte.
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Dann kam das lange erwartete Gewitter und wir waren einmal vom Sommerregen nass.
Der Stau auf dem Rückweg war nicht so lustig, aber es war die Zeit, wo alles dringend von A nach B musste.
Dann kam zu Hause das verschobene Dessert: Vanilleeis mit Erdbeeren. Und ein Glas Champagner dazu, weil es so gut passt.

So muss das, wenn Zwillinge Geburtstag haben.

Vigil 81

Twitter auf: *kreisch* *häm* *empör* *moralisier* „Deutsche Männer sollten wieder zuschlagen lernen“ „Deutsche Männer können ihre Frauen nicht mehr verteidigen“

Die Printmedien kamen im Schlepptau hinterher. Oder war es umgekehrt? Man wees et nich, irgendwer hat angefangen.

Die Zwischentöne bleiben, wie so oft in den letzten Jahren, auf der Strecke. Alle politischen Seiten ranten rum, dass etwas so ist, wie es ist, schmeißen ihre kurzschlüssige Bewertung in die Runde (wie immer schon, wenn Buzzwords schwierige, komplexe und langwierige Betrachtungen ersetzen sollen). Kaum jemand schaut genau hin, fragt, warum etwas so ist und Uneindeutiges und in der Bewertung noch ungeklärtes wird noch weniger ausgehalten. Logisch, das geht nicht in 140 Zeichen. Da funktioniert nur Agit Prop.

Um so dankbarer war ich für dieses Interview mit dem Gewaltforscher Baberowski, dessen Äußerungen wohl der Auslöser für die immer mal wieder durchs Dorf getriebene Sau waren.

Was er ausführt, passt eben nicht in 140 Zeichen. Es geht um Zivilisationsgeschichte. Darum, dass die weitgehend gewaltfreie Zivilgesellschaft eine junge Errungenschaft ist, die auf einem stabilen Staat mit geteilten Gewalten und deren wenig korrumpierbaren Vertretern basiert.
Wir halten das für selbstverständlich. Das ist es nicht.

Den Rest des Textes, dem ich geschrieben hatte, habe ich gelöscht. Als Elias-Fangirl denke ich, es reicht das Interview.

 

Vigil 80

Da habe ich diese Woche wohl zu viel über Scooter gelesen.
Heute nachmittag holte ich die Ministry of Sound-Compilation des Jahres 2000 aus dem Regal und hörte sie durch. Inklusive  „Wie hieß der Song? – Sandstorm von Darude“. (Witzig sinnbefreites Video, seit „Lola rennt“ waren rennende rothaarige Frauen in.)

Wrumm! Es funktioniert immer noch. Es geht sofort von den Ohren in den Körper und ins limbische System.

Wobei vor Zeiten die Ministry of Sound-Auswahl zu populär gewesen wäre. Ich habe eher Laurent Garnier gehört.

Oder Minimal von Mille Plateaux, das kickte mir die Schädeldecke hoch.
Vielleicht noch die van Dyk-Remixes, später dann Dub Step.
Ich war nie Kennerin, sondern schlicht Konsumentin. Musik und Literatur waren, was ich ohne Denken konsumieren konnte, Film, Theater oder Malerei gingen ja nicht mehr.
Ich mochte diese cleane konzeptionelle Musik mit den unterkühlten, in der Emotion kontrollierten oder in die Reduktion gefilterten Gesangsstimmen. Das komplette Gegenentwurf gegen den Ego-Emotions-Overkill der bisherigen Popmusik – schwitzende, schreiende langhaarige Männer in engen Hosen. Für mich war eine logische Fortsetzung der Pink-Floyd-Studioalben, die ich als Teenager hörte.
In den 90ern hatte ich nie Zeit, zwei Tage durchzutanzen. Ich hatte ein Kind, arbeitete hart, zwei durchtanzte Nächte im Jahr, dort wo es sich gerade ergab, waren viel.

Was im Kopf geblieben ist, sind komischerweise die populäreren Titel. Und ähm, ja, auch Scooter. Das hätte ich vor 15 Jahren absolut krank gefunden.