Vigil 71

Eine kurze Tour ins Oderbruch mit dramatischem Himmel, frischem Grün, Rapsgelb und prallen, duftenden Fliederbüschen.
Es sieht besser aus als vor 10 oder 20 Jahren. In den Neunzigern gab es viel agrarsubventionierte Grünbrache (eine Schande bei diesen fruchtbaren Böden) und den Dörfern sah man Frustration und Armut an. Vor 10 Jahren rappelte es sich langsam zusammen und jetzt scheint es denen, die übrig geblieben sind, gut zu gehen. Es gibt keinen Gemüseanbau mehr, sondern nur Hochleistungsgetreide und Raps. Warum?, frage ich mich. Diese wunderbare lehmige Erde ist ideal für Tomaten, Bohnen und Kohl jeder Sorte.
Die Gutshäuser und Schlösser, so es sie noch gibt, sehen mittlerweile proper aus. Wer eine ganz skurrile und ohne Subventionen auskommende Location sehen  will, sollte sich das uralte Schloss Gusow ansehen. In Neuhardenberg sah der Graf ein Schild „Geschlossene Gesellschaft“ vor der Orangerie und sagte: „Sparkasse!“. Wie er darauf kam, muss er selbst erzählen.
Wir machte auch einen kurzen Abstecher nach Golzow, wo ich 1982/83 Landarbeiterin war. Der alte Speicher, in dem auch ich wohnte, ist noch immer Lehrlingswohnheim.

Dann fuhren wir nach Küstrin, aber die Supermärkte haben in Polen am Pfingstsonntag selbstverständlich zu. Also gab es weder Wodka noch Krakauer Würstchen. Wir beschlossen, uns die Altstadt anzusehen, die auf der Insel zwischen Oder und Warthe lag und zu der uns ein Verkehrsschild führte. Es gab auch Straßenschilder und Gehwege. Es gab nur keine Altstadt und kein Schloß mehr. Ein paar Eingangstreppen und Kellerfenster waren noch zu sehen und dazu zugewucherte Schuttberge. Eine Geisterstadt. Ich wußte das nicht. Kiez, der Stadtteil auf der anderen Seite der Oder und die Festungsteile von Küstrin waren zu DDR-Zeiten militärisches Sperrgebiet der Sowjetarmee.

Wir fuhren bald auf der völlig leeren Bundesstraße 1 in Rekordzeit zurück nach Berlin.

Vigil 70

Man fragt sich ja schon häufig, was mit diesem Jahr los ist. 6 tote Radfahrer seit dem Jahreswechsel in Berlin, dazu zwei aus Schusseligkeit unter die Straßenbahn gekommen und schwer verletzt, einer im Suff in der Straßenbahnschiene hängengeblieben und unter den LKW gestürzt und ebenfalls schwerst lädiert.

Seit ich kein Auto mehr habe, das sind mittlerweile sechs Jahre, bemerke ich, dass der Radverkehr im Berliner Zentrum immer dichter wird. Und nicht nur ein bisschen, sondern beträchtlich.
Das liegt nicht nur an Stadtführungen per Rad und Touristen auf Leihrädern, die teilweise nicht einmal richtig fahren können. Das liegt auch an Berlinern, die keinen Bock mehr auf Bettler, Musiker und stinkende Mitmenschen in vollen U-Bahnen haben und keine Veranlassung mehr sehen, ein Auto zu unterhalten, mit dem sie nur auf Parkplatzsuche sind. Wer bis 10 km Arbeitsweg hat, kann das gut mit dem Rad bewältigen.

Ich habe das Gefühl, die auf den Straßen eingezeichneten Radwege haben zu dem Dammbruch beigetragen. Es gab Strecken, wie die Mollstraße, die bin ich im normalen Berufsverkehr früher nicht gefahren, weil ich sie lebensgefährlich fand.

Nun wird es eng auf den Radwegen. An manchen Kreuzungen stehen auch am Tag bis zu 10 Radler pro Spur, die darauf warten, dass die Fahrradampel auf Grün schaltet. Manchmal zu viele, um das bei einer Grünphase noch zu schaffen. Da sind die, die an der Kreuzung vor fahren (was ich auch oft mache, denn dann sehen mich die LKW-Fahrer) noch nicht mal dazu gerechnet, ganz zu schweigen von denen, die der Meinung sind, Verkehrsregeln gelten für sie nicht und auch bei Rot fahren und auf Gott vertrauen.

Seit letztem Jahr schaue ich auch auf dem Radweg erst einmal über die Schulter, bevor ich auf die linke Hälfte schwenke, es könnte ja hinter mir jemand wesentlich schnelleres zum Überholen angesetzt haben. Früher war das unnötig, denn es gab alle paar hundert Meter nur mal einen Radler.

Überhaupt versuche ich, die Verkehrsregeln genauso akribisch zu beachten, wie als Autofahrerin. Ich war zwar auch früher keine bei-Rot-Fahrerin, aber irgendwie habe ich mich schon durchgeschlängelt.
Dass das nicht mehr geht, merke ich, wenn ich im Auto sitze. Ein paar Fahrradchaoten, die darauf vertrauen, dass sie noch durchpassen, gesehen werden oder zu zweit nebeneinander fahren können, das funktioniert noch, Dutzende machen einen wahnsinnig und aggressiv. – Zudem die Spuren auf den Straßen durch die eingezeichneten Radwege supereng werden. Das beste Beispiel ist die gerade neu gemachte Invalidenstraße. 4 Jahre war sie wegen Bauarbeiten gesperrt, doch dem Radweg merkt man an, dass die Spuren nicht geplant und wahrscheinlich erst nachträglich eingefügt wurden. Die Spuren der Autofahrer sind zu eng, wahrscheinlich wäre es sinnvoller die Straße einspurig zu machen, aber sie ist Zubringer zum Tiergartentunnel und eine der Hauptverbindungen von Berlin Mitte nach Tiergarten und Charlottenburg.

Da muss dringend was passieren, sonst gibt es nicht nur Hauereien, sondern auch noch weiterhin so üble Unfälle.

Vigil 69

Wahrscheinlich wird es morgen paßgenau zum Pfingstwochenende kalt. Heute gab es ja noch einmal einen Tag Sommergnadenfrist, den der Graf und ich in Charlottenburg verbrachten. Ich hatte einen Arzttermin und wir blieben einfach da. Es ist nun fast sechs Jahre her, daß ich dort weggezogen bin und das Viertel verhipstert gerade auffällig. Auf eine ganz andere Art und Weise als in Mitte oder F-Hain. Gepflegt und ordentlich nämlich. (Überhaupt fällt die Sperrmüllfreiheit der Straßen auf.)
Jede Menge Burgerbuden sind neu eröffnet oder sind in ein paar Wochen fertig und es gibt solche netten Kleinodien wie den Berlin Coffee Club, wo ich außer Kaffee auch noch sehr delikaten Tee trank.
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Das Kissen, das da rechts im Sessel liegt, ist übrigens ein netter kleiner Hund.

Dann gings ab zu dem Ort, an dem ich mich in den C-Burger Jahren jeden Samstag aufhielt.
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Jenau, zu Rogacki. Glaubense nich, daß dit Beef Tartar ist. Dit is Schabefleisch. Is zwar dit gleiche drin, heißt aba nich so vornehm.
Den Rest des Tages musste ich nichts mehr essen.

Vigil 68

Das ist also dieser Herr Böhmermann. Ich kannte den nicht. Ein bisschen größenwahnsinnig ist der schon oder?
Trotzdem fand ich die Idee, in so eine unsägliche Produktion, wie „Schwiegertochter gesucht“ zwei Schauspieler einzuschleusen, sehr gut.

Was jetzt passieren wird, ist klar. Der Sender RTL wird alles auf dem Produzenten schieben, der Produzent schiebt es auf seine Mitarbeiterinnen. Wahrscheinlich wird eine Redakteurin ihren Hut nehmen müssen und auch die eine oder andere Realisatorin wird ihren Job verlieren.

Ich habe überlegt, ob ich das schlimm finde, wenn diese Leute ihre Jobs verlieren. Nein, kein Mitleid. Niemand ist gezwungen, diesen Job auszuüben. Die Arbeit beim Fernsehen ist momentan knapp und auch nicht allzu gut bezahlt. – Aber wenn man sich anhört, wie die Leute mit diesen beiden vermeintlichen Kandidaten sprechen, hat man das Gefühl, sie kramen in einer Schachtel mit Kakerlaken.Das ist so distanziert-angeekelt, das hat mit Respekt nichts zu tun, sondern eher mit der Haltung „mach deinen Job und denk nur an das Geld das du bekommst“.

So muss kein Mensch sein Geld verdienen. Und von Geld verdienen kann für die Kandidaten schon gar nicht  nicht die Rede sein. Wahrscheinlich wird man sich nur darauf hinausreden, dass das Job-Center alle Beträge über 150 € von den Bezügen abzieht. Man ist also vorausschauend, wenn man den Kandidaten für zehn Tage aus denen eventuell 30 Tage Arbeit werden können nur 150 € zahlt.

Da möchte ich mit Marcel Reich-Ranicki immer gern laut schreien „Dreck, es ist nichts als Dreck.“ Wahrscheinlich wird sich nur bei wenigen Konsumenten die positive Haltung zu solchen Verhöhnungssendungen ändern. Aber jede Information, die hilft die Konstruktion hinter den vermeintlich so authentischen Geschichten zu zeigen, ist hilfreich. die wirklichen Kandidaten dürfen darüber nicht reden, die haben per Vertrag einen Maulkorb bekommen. Sie werden mit hohen Strafen bedroht, falls sie Interna verraten.

Ich bin ohnehin immer wieder erstaunt, dass die akademische Elite meiner Twittertimeline solche Sendungen mit großer Lust ansieht. Warum? Um sich besser zu fühlen? Um am nächsten Morgen wieder über die korrekte Inklusion von Behinderten oder schwachen und benachteiligten Menschen  zu moralisieren?