Sohnemann

Der Sohn eines Mannes, der mir vor Jahren in Leben und Arbeit recht nahe stand, war eigentlich auf eine Berliner Jungautonomen-Karriere abbonniert.
Waldorfschule und mit Ach und Krach zum Abitur, alternative und künstlerisch interessierte Mama, die mit ihm zusammen den Haß auf Autoritäten teilte, ihre Unterstützung aber gern annahm (zum Beispiel beim Kauf einer Etage in einem Zweifamlienhaus im Ostberliner Speckgürtel).
Bei unserer letzten Begegnung vor ein paar Jahren hätte er sich fast verplappert, er schien zu wissen, wer die Tiefgarage unter unserem Haus aus Kapitalistenhaß ausgeräuchert hatte. Das Kind berichtete ein Jahr später, er sei im Mauerpark an ihr vorbeigerannt und hinter ihm ein paar Bullen. Der Vater ließ mich von seiner ersten Zeugenaussage in einem Prozeß übr Polizeigewalt wissen.
Vor zwei Tagen rief mich der Vater überraschend an. Als ich im Gespräch nach dem Sohn fragte, meinte er: „Ach, der studiert jetzt europäisches Recht, er ist übrigens gerade bei mir zu Besuch. Er liegt auf dem Sofa und blättert in einem Bildband mit Maschinenpistolen.“
Diese Jugendheutzutage.

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11.8. 10

Huschhusch, ab ins Büro und dort wechselte ich zwischen Papierkrieg Galore und Bastelarbeiten am Nestchen. Die zwei hellen Stuccowände wachsen, den Backofen anschließen, noch ein paar Quadratzentimeter Küche weißeln und dann kam das verschnupfte Kindchen. Mutter hat sich natürlich schon wieder mal viel mehr Sorgen gemacht als nötig.
Das Kind brachte ein paar Einweckgäser mit, die sie mit Muffinteig gefüllt hatte. Die wurden dann gebacken. Ihrem Gasbackofen traut sie nämlich nicht über den Weg. Am Ende kühlten 6 Glaskuchen ab, die sie dem Mann als Dankeschön für Umzugshilfe und Transportarbeiten in ein Kistchen packte.
Apropos Gas. Ich habe derzeit die etwas irre Idee, meine Küche mit Propangas und einem schnieken Kochfeld auszurüsten. Verboten ist es nicht. Einzig bei der Raumgröße müßte man eventl. ein paar Hühneraugen zudrücken, die ist nämlich knapp unter 20 Kubikmeter. (Weiß garnicht, wie das in den Plattenbauten ist, die in 16 Kubikmeter Bad einen Gasdurchlauferhitzer haben.) Ich würde das Kochfeld längs einbauen, nicht quer, wie eigentlich gedacht. Dazu dann meine Induktionsplatte. Mal schauen.
Das Basteln und Papierabheften zog sich bis zum Abend hin. Dann fuhr ich nach Hause und plumpste mit einem Buch aus Sofa.
Ich hatte nicht einmal Mittagsschlaf gebraucht.

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10.8. 10

Kinder, vergeßt alles, was sich Leute vor Jahrzehnten über das Jahr 2010 ausgedacht haben. Raketenpost, Atomautos, Mondurlaub.
Im Jahr 2010 verabschiedet sich ein Paar morgens voneinander, um zum Therapeuten zu gehen. Jeder zu seinem, versteht sich.
Der meinige war recht erfreut, daß ich in den drei Wochen seines Urlaubs scheinbar einige Genesungssprünge gemacht habe. Das merkt man selbst nicht so sehr. Aber im Gespräch wurde es mir dann auch bewußt. Den Entschluß, das alte Geschäft zu schließen, bevor das neue läuft, hatte mir mein Bauchgefühl schon immer diktiert und ich lag damit richtig. Alles andere kommt dazu. Die derzeit weitgehend druckfreie Existenz ohne sozialen Abstieg, die ein Geschenk vieler und eines Einzelnen ist. Die Hilfe der Freunde weil ich weiß, daß sie für mich da sind und die vielen konkreten Anregungen, Impulse, Hilfestellungen und Zuwendungen, die ich mir nie hätte träumen lassen.
Teilweise kommen sie auch von Leuten, die mich vorher garnicht kannten. Der Therapeut, der die von der Kasse bewilligte Stundenzahl schon im Frühjahr ausgeschöpft hatte und trotzdem weitermacht. Der Unternehmensberater, der auf einen Teil seines Honorars verzichtet.
Und der Respekt, den ich von Kollegen und Kunden bekomme, die mich anrufen und fragen, ob ich wirklich aufhöre und was ich jetzt machen will. Die den Kontakt zu mir nicht verlieren wollen.
Das ist der Hammer. Damit hätte ich nie gerechnet.
Die zwei Stunden, in denen ich gestern darüber redete, warfen mich hinterher einfach um. Ich schlottete am ganzen Leib, als ich die Praxis verlies und mußte erst einmal schlafen gehen. (Was sonst?)
Am Nachmittag kümmerte ich mich um die Balkonpflanzen, erntete die erste rote Tomate (genauer gesagt, kullerte sie mir in die Hand) und strich noch ein paar Quadratzentimenter Küchenwand. Das geht immer stückweise, weil vorher der Boden dekontaminiert und mit Wachs versiegelt und die Möbel verrückt werden müssen.
In C-Burg traf ich nach langer Zeit mal wieder den Nachbarn und plauderte mit ihm. Auch er bescheinigte mir, daß ich völlig verändert sei. Er hatte mich im letzten Herbst, in meiner schlimmsten Panik & Hausnichtverlassen-Zeit mal rausgeklingelt und ich muß damals einen schlimmen Eindruck auf ihn hinterlassen haben.
Am Abend machte ich eine längst fällige Horrorabrechnung, die ein erfreuliches Ergebnis hatte. Ich hatte über den Daumen gepeilt mit einigen Tausend Euro mehr gerechnet, die ich zu zahlen hätte.
Nur das KIndchen machte mir Sorgen: pünktlich zu Urlaubsbeginn ist sie erkältet, wie früher.

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9.8. 10

Nach einer fiesen Nacht aus beziehungsinternen Gründen, die hier nicht erörtert werden sollten, fuhr ich eine Stunde eher ins Büro.
Ich holte meinen Black&Decker Sandstorm Multischleifer aus seinem Köfferchen und fiel mit dem Poliervlies über die rote Stuccowand her. Es ist wesentlich schwieriger, mit dem Schleifer senkrecht zu arbeiten, denn er hat sein hohes Eigengewicht unter anderem, um genügend Druck auf den zu bearbeitenden Untergrund auszuüben. Leider läßt sich eine Wand schlecht aus den Angeln heben und hinlegen. Nach einer knappen Stunde (die armen Nachbarn, das Ding macht einen Krach wie ein Presslufthammer) hatte ich die Hälfte der Wand tadellos poliert. Nun ließen meine Kräfte nach, aber auch leider die des Poliervlies, das sich mit Wachs zugesetzt hatte. Null Problemo, sagte ich mir. Machste nachher frühe Mittagspause und fährst zur Nürnberger Straße ins Bauhaus und kannst auf dem Wittenbergplatz Bio-Currywurst essen.
Gesagt, getan. Nur gab es kein Poliervlies, nur jede Menge Sandpapier. Ich tröstete mich mit der Currywurst, die mit Pommes rot/weiß teurer ist als ein Businesslunch auf dem Winterfeldmarkt – wobei die Pommes der Hammer sind, sie sind noch besser geworden.
Zurückgekehrt recherchierte ich erstmal. Nirgendwo Poliervlies für Kletthaftung. Für Black&Decker schon gar nicht, obwohl man sich auch anderes problemlos zurechtschneiden könnte. Die B&D-Homepage ist eine schlecht zu bedienende Katastrophe. So langsam erinnerte ich mich, daß der Laden irgendwann mal gesagt hatte, sie lassen das mit Deutschlnd, weil Bosch und Metabo sowieso stärker sind. Und was mache ich mit meiner halbfertigen Wand?
Der Rest des Tages verging mit Mittagsschlaf -was sonst? und Arbeit am noch bestehenden Kerngeschäft. Dann radelte ich etwas lustlos in Richtung C-Burg. Ich überlegte, ob ich nicht gleich ins Auto steige und zum Hellweg-Baumarkt fahre, die als B&D-Händler gelistet waren. Dann ging ich aber doch nach oben und siehe da, der Haussegen hing wieder etwas gerader. Die Sporttasche stand nicht mehr in der Ecke und im Kühlschrank lag Kaisersülze für mich. Andere bekommen Blumen, ich bekomme Kaisersülze, da die Wohnung ohnehin meist verschwenderisch mit Blumen dekoriert ist.
Ich fuhr zum Baumarkt und wunderte mich nicht, daß B&D längst aus dem Sortiment genommen wurde. Poliervlies gab es überhapt nicht. Gnarf! Dafür kaufte ich Kübel und Erde für die am Sonntag erstandenen Pflanzen.
Der Rest des Abends verging mit der Verkostung einer von mir kürzlich im Russenshop (für Ossis natürlich Magazin) erstandenen Flasche Mukusani, dereinst der Lieblingswein meiner Eltern. Er schmeckt immer noch wie früher. Sehr sehr trocken und streng, fast metallisch. Demnächst mache ich mich mal an einen ordinären Saperavi, der ist nicht noch im Barrique ausgebaut.

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