Rosen

Das Kind der Nachbarn ist da. Der Termin war irgendwann im August, in der Hitze Ende Juli war alles still und ich hörte nur noch ihn den Hund ausführen, dann, als es kühler wurde, gab es einen Tag hektisches „Tür auf, Tür zu“, am nächsten Tag hing ein winziges Babymützchen am Türknauf.
Gestern morgen ging ich dann quer durch den Weinbergspark, der so früh bevölkert ist von trainierenden Menschen und Menschen mit zu trainierenden Hunden. Ein Paralleluniversum. Zwei Stunden später sitzen hier die ersten in der Sonne und pflegen den Müßiggang.
Ich kaufte Blumen. 20 winzige stachlige Rosen, eine pinkfarbene Gladiole, zwei Bambustriebe und eine magentafarbene Lilie.
Die Rosen wurden vom Grafen mit einer handgeschriebenen Karte versehen und den Nachbarn vor die Tür gestellt. Was für ein Duft!
Rosenstrauß
Das andere Gemüse kam in die große Glasvase.
Büten magenta
und ein übriggebliebenes Röschen beduftet meinen Schreibtisch.
Rose einzeln
Ich setze grade die Website des Freundes, der unsere Hochzeitsfotos machte, neu auf. Da die Projekt-Arbeit mit Dreamweaver immer umständlicher und schwieriger wurde, sind wir auch hier zu WordPress gewechselt. Mit ein paar Anpassungsarbeiten ist das Ergebnis effizienter zu erreichen als mit stundenlangem Zu-Fuß-HTML-Schreiben und Fotos umrechnen.
Dann schlug das Wetter um. Eine missgelaunte Migräne bemächtigte sich meines Kopfes und dreht ihn durch die Mangel. Gott sei Dank hält das nie lange an und so konnte ich spätabends noch aus Kohl und Roter Bete Suppe kochen (der Kühlschrank enthält grade nur Eier, Joghurt und Gemüse, ein Zustand, den der Graf mit „es ist nichts zu essen da“ assoziiert).
Dann setzte ich mich noch für eine Weile an den Quilt. Mit der Regulierung der Unterfadenspannung war das Problem gelöst, es gibt keine Fadenfresser mehr. Stippling ist wirklich eine Arbeit für Leute, die Vater und Mutter umgebracht haben. Aber ich lerne noch. Nach allem, was ich mir in Foren zusammengelesen habe, war es wohl der größte Wahnsinn, als erstes Projekt einen 140×200-Quilt anzugehen. Nun habe ich die Chance, alle Anfängerfehler auf einmal zu machen.
(Es ist im übrigen sehr interessant, dass diese Handarbeitsforen fast troll- und spinnerfrei und im Ton extrem höflich sind – mal abgesehen davon, dass sie sich alle ständig umarmen und bepuscheln, was mich etwas befremdet. Wenn man da etwas sucht, wird man wirklich fündig und muss sich nicht durch Seiten voller Mimimi und Aggro lesen.)
Bei der abendlichen Meditation an der Nähmaschine, allerdings gestern nicht so entspannend war wie sonst sondern mit Migränenachwehen, sprich Schweißausbrüchen und Schwindelanfällen garniert, sind langsam Fortschritte sichtbar.
Quilt Stippling
Mit dem Abstand von zwei Jahren frage ich mich, was mich geritten hat, diese Leberwurstfarbe als Grundton zu wählen. Aber ich erinnere mich, das hatte mit der pompejanisch roten Wand in der Bettnische des Nestchens zu tun und damit, dass LaPrimavera meinte, starke orientalische Farben, die ich eigentlich angedacht hatte, würden in der winzigen Wohnung zu beunruhigend wirken. Nun nähe ich also Hirnwindungen, auf denen Quadrate schwimmen. Weiters frage ich mich, wie ich auf de Idee gekommen bin, diesen arktisblauen Streifen einzusetzen, die einzige ungebrochene Farbe, ich erinnere mich schwach, dass ich mich irgendwo vermessen hatte und mir 10 cm fehlten und dieser Stoff grade reichte. Da muss ich noch mal ran. Wahrscheinlich werde ich die Handstiche der Quadrate durch artktisblaue Maschinen-Nähte ersetzen. Design ist echt nicht meine Stärke.
Sollte ich jemals ein klassisches Nähblog machen, dann wäre es ein Pendant dazu. Meine nachträglichen Ausbesserungen von Mess- und Planungsfehlern sind wirklich beachtlich.

Nachts recherchierte ich mich noch durch diverse Klamottenseiten. Mein Körper ist neuerdings der Meinung, dass Hosen (sprich: Jeans) doof sind, nachdem ich den ganzen Sommer Kleider trug. Ein Kleid für den Winter, das bequem ist, warm hält und nicht überall hängenbleibt, Staub wischt oder sich zur Küchenkatastrophe entwickelt, ist so eine Sache. Winterkleider sind heute vor allem Très Habilié-Garderobe (schöner französischer Begriff für den Repräsentativitätsgrad von Kleidung) oder diese irren ärmellosen Kleidchenfummel, die ein Model unterm Pelz trägt. (Oder die ganzganz furchtbare Variante Kleid-über-Jeans, das die Berliner Mädchen vor 10 Jahren trugen, bevor sie Kinder bekamen.) Nächstes Problem ist, dass ich diese Wurstpellen-Strumpfhosen hasse und Leggings möglichst nicht zu sehen sein sollten.
Ich glaube, die Lösung sind Schichten und back to the roots. Wenn man sich Trachten und ländliche Kleidung von vor 150 Jahren ansieht, sieht man die Lösungen für weiblich gekleidet sein, sich trotzdem bewegen können und es warm haben.
Den Anfang werde ich mit einem Prairie-Dress aus Baumwollflanell machen. Das ist die Klamotte, die Frauen in Western tragen, wenn sie nicht aufgetufft und mit Korsett versehen als Halbweltdame in Saloon sitzen. Also das was Caudia Cardinale trug, als sie die Arbeiter von Sweetwater versorgte, nur etwas züchtiger.
Wenn man sich in das Thema versenkt, begreift man, welche Funktionen Chemisen, Cache-Coeurs, Fichus und Rüschen-Unterröcke neben Halbtransparenzen und Frou-Frou haben: Sie wärmen. Und für schmutzigere Arbeiten gibts dann eine Schürze drüber, damit man sich nicht bekleckert.
Das heißt, für das Flanellkleid wird es zwei Unterkleider geben. Die Schürzen habe ich noch in meiner Sammlung, da hab ich alles gehörtet, was vorbeikam, weil es die nicht mehr gibt. (Wobei ich schöne Schürzenschnitte gefunden habe.)
Coco Chanel wird sich zwar im Grabe umdrehen, aber die hat für Frauen entworfen, die nur noch zum Schlafen nach Hause kamen und folgerichtig zu Hause einen Morgenrock trugen.
Dem weiblichen Homeofficer bliebe heute übrig, den ganzen Tag im Bademantel rumzuhocken, zur üblichen Jeanskluft zu greifen oder schlimmer noch – zur Jogginghose. Ein One Piece finde ich zwar ganz lustig, aber der Gedanke, mich auf dem Klo halb auszuziehen ist unwitzig.
Also, Pläne sind vorhanden.

Fast eine Woche

Die große Ungerechtigkeit des Lebens ist, dass es, je älter man wird, um so schneller verläuft. Zumindest gefühlt. Warteten wir als Kinder unendliche Stunden auf das versprochene Eis am Nachmittag oder sich wie Jahre ziehende Tage auf den in zwei Wochen avisierten Geburtstag, ist heute in einem Wimpernschlag ein Tag herum und in zwei Atemzügen eine Woche.
Wenn ich dann meine Eltern sehe und merke, dass ich noch 20, 25 gute Jahre habe, wird mir etwas anders. Gerade mit dem Kraft- und Ressourcenproblem, mit dem ich mich herumschlage wird das schon immer in meinem Leben existente Gefühl, dass ich noch so viel schaffen und erfahren will, noch prekärer. Ich würde mir sehr wünschen, dass das mit der Wiedergeburt wahr wäre. Dann könnte ich all die Leben führen, die in dieses nicht hineinpassten. Und vielleicht ist das ein Thema für ein paar weitere Blogposts.

Der Post, in dem ich meinen 5. August beschrieb, hat mir eine Trafficexplosion beschert. Da haben sich zwei Leute zwei Tage lang sogar durchs ganze Blog gelesen. Das ist sehr berührend, danke! Überhaupt finde ich die Aktion sehr schön, weil ich wieder einmal in Blogs jenseits meiner Filterbubble lese. Junge Mütter, Familienarbeiterinnen, Frauen mit Kind im Beruf – aber zu größten Teil nicht in Berlin, was noch einmal eine ganz andere Lebensrealität bedeutet. Von der typischen Vorstadthausfrau, über die Landfrau bis zur cabriofahrenden Yuppiedame ist alles dabei. Das ist superspannend zu lesen.

Aber noch mal zurück zur Lebenszeit. Ich baue gerade an einem stabilen Tagesablauf. Mein jahrelanges Selbständigendasein in einem Beruf, bei dem ich ständig Feuerwehr spielen durfte, hat mir eine vorindustrielle Existenzweise beschert, bei der nichts einem Zeitregime unterworfen war, alles am Schluss aber geschafft sein musste. Das klingt zwar paradiesisch, hat aber den blöden Nebeneffekt, dass ich mich ganz gern mal bei bestimmten Sachen verspiele und so gar kein Gefühl mehr dafür habe, wann es reicht bzw. wie viel Aufwand ich in was stecke und mich nur wundern muss, warum ich mal wieder erschöpft auf den Schlafplatz krieche.
Die zwei bis drei Stunden klarer Konzentration muss ich in den ungestörten Vormittag platzieren. Hier kann ich dann Sachen erledigen, die einen Termin oder eine Frist bzw. Verantwortung gegenüber anderen haben.
Alles, was nach dem Mittagsschlaf passiert, ist nice to have und muss nicht zu einem bestimmten Termin fertig sein oder fordert nicht meine verabredete Anwesenheit mit klaren Sinnen.
Das ist natürlich nicht in Stein gemeißelt, aber verdammt, ich muss es langsam mal lernen mit meiner knapp gewordenen Ressource Leistungsfähigkeit umzugehen. Das heißt, der 2-3-Stunden-Kern ist ein schützenswertes Gut. Wenn ich abends oder nachmittags einen Termin habe, darf ich vormittags eben rumdallern und meine Kräfte schonen. (Diese Scham, das aufzuschreiben.)
Was nun noch fehlt, ist der Timeslot, anderthalb Stunden für einen Dauerlauf mit Erholung oder noch mehr für einen Schwimmbadbesuch unterzubringen. Laufen stinkt immer noch, zu anstrengend und deprimierend. Schwimmbad hat den Nachteil von Hinfahren, Klamottenwechsel und vielen anderen Leuten mit der gleichen Idee. Aber ich muss da ran. Es tut mir gut, das weiß ich.
(Manchmal gibt es einen Klick und es klappt. Ich war diejenige, die früher immer eine Korona von benutzten und fallengelassenen Sachen um sich herum hatte. Obwohl mir meine Unordnung so widerlich war wie Ungewaschenheit. Jetzt räume ich auf. So etwas ändert sich, wenn man merkt, dass das Leben davon leichter wird.)
Letzte Woche hatte ich diese Zeiteinteilung gut durchgehalten und vormittags den wichtigsten Papierkrieg erledigt. Jemand, der an der Fähigkeit krankt, am Schreibtisch zu sitzen, muss sich an den Schreibtisch setzen, um sich das anerkennen zu lassen. Nun gut.

Nachmittags war Zeit zum Denken und Planen und für den Hausfrauen-Teil meiner Existenz. Das blaue Schleifenkleid ist fertig. Ich habe die Fertigung von vorn bis hinten fotografiert, das gibt noch mal eine kleine Galerie mit Kommentaren, das „und so sehe ich damit aus“-Foto fehlt noch.
Kohlrouladen oder wie Holgi meinte „Tarnmett“:


Kohlrouladen, wie so viele andere Gerichte, brauchen volle Zuwendung und Aufmerksamkeit. Das ist Slow Cooking. Ich erinnere mich gern daran, die Oma Charlotte oder die Großtante Lisbet mit Hingabe und Zeit kochten. Zeit, die sie hatten, weil u.a. Kochen ihr Job war. Also nix huschhusch zusammenrühren und ab in den Ofen wie bei meiner Mutter, für die das nebenbei und obendrauf war, sondern stundenlanges Vorbereiten von marinierten Heringen oder Wickelklössen (bei uns gab es die Ergebirgsvariante). Gebunden ist das Tarnmett übrigens mit Leinenfaden aus dem Kurzwarenladen der Urgroßeltern, der mittlerweile 80 Jahre alt sein muss.

Was die Näherei betrifft, so hole ich gerade die letzten 20 Jahre nach, in denen ich aus Zeitmangel nur noch sporadisch tätig war. Im Moment habe ich einen Output wie 1986. Ich bin wieder im Training.
Um die neue Maschine kennenzulernen, habe ich hier


ein Übungsstück gemacht, dass den alten Stickmustertüchern gleichkommt. Heute erledigt die Arbeit das Maschinchen, aber es ist immer noch genug zu lernen. Ich habe Stickmuster mit ähnlichem Stil getestet, die als Quiltstiche angegeben sind (warum auch immer). Beim Nähen ist es wichtig zu testen, ob die voreingestellte Stichgröße ggf. angepasst werden muss und was dann mit der Fadenspannung passiert bzw., wie man mit den den Mustern rapportgemäß um die Ecken kommt. (Was, wie man an den Sternchen in den Ecken sieht, nicht immer klappte.) Dazu dann noch eine Fingerübung in Knopflochnähen und Knöpfe annähen. Das Ergebnis ist ein Kissen. Die Anfertigung von Kissen schiebe ich schon seit zwei Jahren vor mir her.
kissen_6 Kissen Hotelverschluss
Ok., drei kleine Kissenbezüge mit Hotelverschluß hatte ich abends auch noch gemacht. Mit einer Applikationsfingerübung. Das geht schnell. Zumindest mittlerweile wieder.
Dann habe ich mir den Quilt vorgenommen, der mich schon seit zwei Jahren anklagend aus der Truhe anseufzt. Es macht Fortschritte.
quilt_1 Quilt
Was das Maschinchen aber geritten hat, nachdem ich einer guten Runde Freihandquilten (der Graf sagt Hirnwindungen dazu) plötzlich auf stur zu schalten und den Oberfaden zu fressen, weiß ich nicht. Nachdem ich drüber geschlafen habe, ahne ich zumindest, dass es mit der Unterfadenspannung zu tun hat. Das Spulchen ist nun leerer, muss sich öfter drehen und kommt scheinbar nicht mehr hinterher. Also muss ich an das Unterfadenspannungseinstellungsschräubchen, die Heilige Kuh der Nähmaschinen, ran. Aber vorher mache ich ein Foto, wie die Werkseinstellung war. (Kann man ja nicht so einfach mit Knopfdruck zurücksetzen, da geht es um zehntel Millimeter.)

Am Samstag trafen wir uns mit der Blog ’n Burger-Runde diesmal bei Burger de Ville. Die Location ist geil, ein Airstream-Hänger, der Standort ist gewöhnungsbedürftig, neben der Baustelle des Bikini-Hauses, vor der Baustelle des Zoo-Plastes an der stark befahrenen Budapester Straße. Aber so ist es möglich, den Kundenstamm auf die wirklichen harten Fans zu begrenzen, denn auch gut Burger will Weile haben. Alle anderen können zu McDoof nebenan gehen. Der Oberbulettenverticker hat sich darauf spezialisiert, die Leute im Stil Berliner Taxi-Fahrer freundlich zu beschimpfen. Wenn man das überstanden hat weiß man, dass die Ergebnisse der Küche sind hervorragend sind.
In meinem inneren Ranking ist der Laden gleichauf ganz oben mit Zsa Zsa Burger.
Aber rechnen Sie damit, eine Menge Geld loszuwerden, ohne sich hinterher überfressen zu fühlen. Es geht ein fettglänzendes, strahlendes Lächeln an Chris Lietze: Scheen wars! Danke!

Wir wollten danach noch an den Schlachtensee zum Schwimmen fahren, aber ein Gewitter kam uns zuvor, das uns die Hardenbergstraße entlang ins Manufactum blies.
Mir ging seit einigen Jahren dieses Butterfahrt-Deutsch für Zeit-Leser, das den Katalog dominiert, ziemlich auf den Geist, weshalb ich den Katalog nicht mehr ansah.
Im Kaufhaus sprechen die Produkte für sich. Das kann gut sein, wenn sie aus ordentlichem Holz und/oder Kernleder gemacht sind. Das kann weniger gut sein, wenn Leinen, dem Zeitgeschmack folgend, dünn ist um weich zu wirken und das kann nach hinten losgehen, wenn ich einen Ostblock-Emaille-Mülleimer oder eine Lausitzer Pressglasvase für ein Schweinegeld sehe und in lautes Lachen ausbreche.
Eines ist abgespeichert: Für mein in der Phantasie bereits gebautes Haus auf dem Land hätte ich gern einen Firetube.

Nachdem der Nachmittagschwumm ob des Wetters und eines Schwächeanfalles von mir (der Graf wollte noch lange bei Gravis stehen und Websites testen und ich merkte nicht rechtzeitig, dass mein Kreislauf das blöd fand) in einen Spätnachmittagsschlaf verwandelte, hörte ich Musik aus dem Rosengarten und hatte ein inneres Bild vor mir: Miz Kitty mit einem hübschen Kleid am Leibe und einem Drink in der Hand an der Seite ihres Mannes diese Musik, die sonst immer nur die Barminkante hochweht, von nahem hörend. So verbrachten wir den ersten Teil des Abends mit Soulmusik zwischen Rosenbeeten.
Dann fiel dem Graf ein, dass in der Choriner Straße Strassenfest ist. Wir liegen in Richtung Schönhauser und siehe da, es war noch in vollem Gange. Diese Straßenfest hat tatsächlich noch etwas mit den Anwohnern zu tun und verzichtet auf Kommerzkackebuden. Sehr angenehm. Ein paar Partytouris stolperten durch die Zone, aber verloren sich auch schnell wieder. Ansonsten Leute in unserem Alter, nicht allzu Lohas. Ich starrte gefühlte Minuten einen Mann an, den ich kannte. Ich wußte ums Verrecken nicht, woher. Bis es dann Klick machte: Kinoregisseur. Altes Leben.
Auf dem Platz, der zum Stadtbad führt, spielten die 17 Hippies KlezmerBalkanNewOrleansBrass. Wobei mir der New Orleans-Jazz dabei das Liebste ist. Das ist Aristocats. Bei KlezmerBalkan rasteten die Zuhörer aber richtig aus und hüpften und zappelten komisch rum. Für mich ist diese Musik falsch assoziiert. Ich verbinde sie mit Filmmusik beim Auftritt von Deppen und Räubern in russischen Märchenfilmen und nervendem werktätigtümelndem Staatsradio der sozialistischen Volksrepubliken.
Kitty grübelt noch immer. Sie rümpfen die Nase über zur Blasmusik schunkelnde Eltern und tun agitierte Dinge bei Blasmusik von 2500 km weiter. Komische Menschen.

Sonstiges? Zum Thema Überwachung muss ich nichts sagen. Dem, was die Kadda im Wostkinderblog schrieb, ist nur eines hinzuzufügen: Der, der jetzt unser oberster Grüßaugust ist, ist verdammt eitel. Dafür verrätgißt man gern mal Ideale.
Doch, ja, es gibt Sonstiges. Mich erschüttert es sehr, immer wieder einen kommunikativen Gap zu Frauen zu spüren, die ich sehr schätze. Das wäre kein Problem, wenn wir uns damit in Ruhe lassen und den Unterschied aushalten würden. Warum ich aber von Menschen, die gefühlt mit mir am gleichen Strang ziehen, belehrt und zu Gesprächen über meine Äußerungen animiert werde, versteh ich nicht. Das hatte ich alles schon mal. Dieses Bohei, wenn eine Sprachregelung verletzt wurde.
In der Vergangenheit versuchten die rigiden Sprach- und Sprechregeln (wie rede ich über etwas, rede ich überhaupt darüber und welche Worte sind derzeit dazu erwünscht) den krassen Gegensatz zwischen Lebensrealität und ideologischem Wunschtraum zu kaschieren. Da kann ich sehr allergisch reagieren. Oder eben wütend und traurig.
Ich fühle mich manchmal wie ein Kriegsveteran, der von einem Politoffizier oder Feldprediger gesagt bekommt, wie er den Krieg zu sehen und darüber zu sprechen hat.
Fickt euch, ihr Feldpredigerinnen des Feminismus. Ich war die, die vorn stand und das, worüber ihr ständig redet, getan hat.
Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden. Für dieses Luxemburg-Zitat sind Leute, die ich kannte, in den Knast gegangen. Denkt mal drüber nach.
Und ich will jetzt kein Blabla von „viele Lebensentwürfe“ „Kontext“ etc. hören. Ich will bitte überhaupt nichts dazu hören. Das war mein ganz eigener privater Rant über eine über von StockimArsch-Korrektheitsgeboten immer mehr vergiftete Kommunikation.*
Ich habe als Theaterwissenschaftlerin die Sklavensprache der Intellektuellen studiert und mit dem Mauerfall abgelegt. Zu nach dem Maul reden habe ich nie getaugt. Ich brauche das alles nicht.

*edit
Diese Sprachwichsereien lassen keine Frau genauso viel verdienen wie ein Mann, sie machen keine Ängstliche mutig, kein finanziell abhängige Ehefrau&Mutter unabhängig, bringt keine Alleinerziehende zurück in den Beruf und befördern keine Frau in den Vorstand eines Konzerns. Sie sind realitätsvernebelnde Ersatzhandlungen, wo der Mumm für das Leben fehlt, das hart sein kann und ungerecht. Das aber tiefe Befriedigung gibt, wenn man es probiert und nicht vermieden hat.

Veröffentlicht unter Leben

Reinigung

Gestern saß ich mit dem Grafen vor einem Restaurant in der Kastanienallee. Als wir losgingen, zogen sich schon die Wolken zusammen, als wir unseren Burger aßen, wetterleuchteten ferne Blitze und als die zweite Runde Getränke auf dem Tisch stand, begann der Sturm. Eine haushohe Staubwolke raste die Kastanienallee entlang. Zunächst fühlt ich mich hinter der Hecke der zurückgesetzten Restaurantterasse sicher. Beim zweiten Windstoß kam der Dreck von überall. Es schien als würde etwas aus Richtung Danziger Straße die Luft mit einem riesigen Staubsauger aus Mitte raussaugen.
Dann kam der Wolkenbruch und wir schauten erstmal vorsichtig von innen zu. Der Innenraum war heiß und stickig, deshalb setzten wir uns bald unter die Markise und genossen die Frische. Das Nachhausekommen war etwas schwierig. Der Regenradar zeigt noch mindestens eine Stunde starken Regen an (was haben wir eigentlich früher ohne diese Spielereien gemacht?) und wir haben, wie ich bemerken konnte, unterschiedliche Auffassungen von „Ich finde es total toll, durch den Regen zu laufen.“ Der Graf wie immer moderat, ich wie immer exzessiv.
Wir nahmen dann für eine Station die Straßenbahn, der wir noch mit anderen Menschen ob Verschiebung der Haltestelle durch den Matsch einer Baustelle nachrennen durften. (Berlin, ick liebe dir!) Überhaupt. Rennen mit nassen Zehensandalen. Das fühlt sich an wie barfuß rennen und dabei eine Nudel zwischen den Zehen und ein Brett unter dem Fuß nicht verlieren dürfen.

Das Last-Year-Plugin zeigt mir einen denkwürdigen Abend an. Gestern nacht vor vier Jahren begann meine radikale Lebensveränderung, die auch der letzte Blogpost dokumentiert.
Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich die Hintergründe wirklich schon erzählen kann. Über bestimmte Sachen schweige ich hier im Blog und nur enge Freunde wissen davon. Ich bin eher nicht der Typ, emotionale Dinge mit allen Fakten auf den Tisch zu werfen. Weil das auch Fakten über andere sind und ich als Betroffene nicht unbedingt gerecht in meinem Urteil über sie bin. Zumindest bindet mich jetzt keine Schweigepflicht mehr.
Nächstes Jahr.

Bilderbuchsonntag

An Abend bevor wir zum Helenesee fuhren, gabs Bratkartoffeln, Matjes und grüne Bohnen und ich zauberte aus zwei Hand voll roter Johannisbeeren, die mir roh gegessen zu sauer waren, eine Tarte:
Johannisbeertarte
Der Nachbar schräg über uns feierte, auf dem Balkon stand eine Herde Menschen, die alberte und witzelte und ich wunderte mich, dass dieser ältere Herr so junge Menschen zu sich einlädt (also was heißt jung, das klang so wie bei uns). Als ich diskret rüberlinste, wer da so stand, sah ich: Die waren alle zwischen 40 und 50, unser Alter, etwas jünger vielleicht. Und als ich am nächsten Morgen den Nachbar mal genau ansah – der ist so alt wie ich, Ende 40. Ja, das ist so eine Sache, mit Selbst- und Fremdwahrnehmung…

Der Graf und ich starteten am Sonntag morgens gaaanz langsam, stiegen um 14 Uhr ins Auto und quälten uns über Biesdorf (Dauerstau wegen Straßenbauarbeiten) aus der Stadt raus in Richtung Osten. In Müllrose verließen wir die Autobahn und fuhren in Richtung Schlaubetal, denn da gibt es einen Einstieg in den Wald in Richtung Helenesee. Gab es. Es liegen wieder ordnungsgemäß riesige Feldsteine davor, damit nicht Krethi und Plethi durch den Wald bis ans Wasser fahren.
Nebenbei, es ist als sporadische Besucherin wohl zu merken, dass der Betreiber des Badevergnügens, die Helenesee AG, mittlerweile zu spüren bekommt, dass es mittlerweile in Sachsen ähnliche Seen gibt. Der Hauptstrand ist selbst zu Ferienzeiten nur moderat gefüllt. Klar, wenn Onz-Onz-Techno-Wochende ist, treten sich die Leute tot. Aber nicht wegen des Sees. Die Anwohner haben denen (das heißt, ihren von ihnen gewählten Volksvertretern) diese Verpachtungsaktion, die in den 90ern begann, sehr übelgenommen. Der erste, der hier am Werke war, hat fast den ganzen See mit einem Riesenzaun umgeben und überall Kassenhäuschen aufgestellt. Drinnen war wohl mal einer der größten Campingplätze Deutschlands. Aber s.o., die Sachsen, die früher nur Kiesgruben, dreckige Flüsse und Tonstiche hatten, blieben weg. Und so ist der Freizeitkommerz nicht sehr profitabel, dadurch aber erträglich und die Ureinwohner ignorieren scheinbar das Urlauber-Reservat und weichen an die lauschigen Stellen im Wald aus.

Wir fanden einen Parkplatz (Einzelheiten gibts hier nicht, sorry, das soll hier keine öffentliche Empfehlung sein, wie man in mein persönliches kleines Paradies kommt) und eine sandige Kuhle zum Ablegen der Sachen und begannen zu schwimmen.
Ich kenne den See seit seinem 10. Lebensjahr. Als er noch aussah wie ein gefluteter Tagebau, Braunkohlenstückchen im Sand lagen, seine Ränder wegbrachen, der Wasserspiegel stetig stieg und junge Kiefern überschwemmte, denen man beim Schwimmen ausweichen musste. Dieses klare Wasser hatte ich erst bei kanadischen Bergseen wiedergesehen, durch Sand gefiltertes Grundwasser, dazu Regenwasser, keine weiteren Zuflüsse und lediglich magerer Kiefernwald und keine Intensiv-Landwirtschaft in unmittelbarer Nähe.. Wenn die Mittagsonne schien und der helle Sandboden das Licht reflektierte, hatte es Sichttiefen über 10 Meter. Der See war voller Barsche, Hechte und Plötzen und ab und zu gab es lange Wasserpflanzen. (die hat natürlich mal jemand ausgesetzt)
Mittlerweile hat sich das Biotop belebt und es gibt Faulschlamm und Schilf. Aber das Wasser ist noch immer wunderbar klar.

Wir schwammen drauflos und im Gegensatz zum letzten Schlachtenseeschwumm fiel es mir leicht. Das Wasser war wie Seide, es war weder zu kalt, noch zu warm und mir war die fehlende Sonne sehr angenehm. (der Graf vermisste sie, ihm war zu kalt) Was die Distanz betrifft, war ich eher vorsichtig. Der See und das Umland haben wenig Orientierungspunkte, man verschätzt sich so schnell wie in den Bergen mit den Entfernungen. Wir schwammen eine geschätzte Dreiviertelstunde und drehten dann wieder um. Den Rückweg blieben wir am Ufer, denn die Wolken türmten sich etwas gewittrig auf, fand der Graf.
Ich bekam beim Anblick der Badenden einen meiner seltenen heftigen Ostalgieanfälle. Einfach nur nackte, badende Leute, die Spaß hatten. Kein „Boah, die Titten springen beim Rennen, was ne Schlampe!“, kein „Oh Gott! Sind meine Bauchmuskeln definiert genug?“, kein „Ich bin mit Kleidergröße 40 zu fett, um am Leben teilzunehmen!“, kein „Ein männliches Geschlechtsteil! Wi-der-lich!!“
Verklemmte Geilheit ist ein Westimport.

Nach dem Schwimmen ging es mir immer noch sehr gut. Diesmal blieben Erschöpfung, Angst und Frieren aus. Das „Ich fühle mich einfach gut!“-Gefühl früherer Zeiten kam zu Besuch.
Wir machten auf der Rückfahrt noch eine Stunde Zwischenstop bei meinen Eltern. Ich rief erst kurz vorher an, um einen Riesenbohei und zu große Erwartungen zu vermeiden. (Ist das in anderen Familien auch so? Bei uns ist es üblich, wenn die Verwandten älter werden, sie oft spontan zu besuchen, um zu vermeiden, dass sie Tage vorher Vorbereitungen treffen, einen Stunden vorher erwarten und eine halbe Stunde Verspätung oder ein „Du, ich kann jetzt nicht so viel essen!“ eine Katastrophe darstellen.)
Ich hatte die Johannisbeertarte eingepackt, aber bei den alten Herrschaften war das Abendbrot schon abgeschlossen, um 18:30 Uhr, das war früher bei den beiden nienienie so.
Beim Anruf hatte ich erstmal die Stimmung gescannt. War meine Mutter wieder mal krank? Grantelte mein Vater wieder mal im Keller rum? Die Aura lebensfrohen Optimismus‘ haute ich fast um. Der Graf und ich aßen den Kuchen, wir plauderten und ich war wirklich völlig von den Socken. Da saßen zwei entspannte alte Leute, die ein moderates Abendbrot eingenommen hatten und beteuerten, sie wären völlig satt (in unsrer Familie ist man Streßfresser und -trinker, muss man wissen). Im Garten, wo ich vier Wochen vorher eine kleine Initialzündung gegeben hatte, waren die Arbeiten weiter gediehen. Die Dauerbaustelle war weg. Das Hüttchen war sauber und aufgeräumt (muss man auch wissen: meine Mutter sieht ihr Heil nicht in Housekeeping, dafür hat sie nicht studiert).
Wenn das nicht Zufall war, dann hat sich mit Lottes Heimgang viel zum Guten gewendet. Was Wunder. Ist doch mein Vater nicht mehr dem Dauervorwurf ausgesetzt, der störende Vollpfosten zu sein, egal, was er tut, und meine Mutter ist die Bürde der bedürftig-kranken, besondere und im Maß unerfüllbare Aufmerksamkeit beanspruchenden Mutter los, die sie seit ihren Kinderjahren begleitete.
Wir haben alle lange Ehen und familiären Zusammenhalt als Ideal. Aber zu begreifen, wie viel Energie manche dieser Konstellationen kosten, wie viel verlorene, verdorbene Lebenszeit sie bedeuten, das ist bitter.

Auf der Rückfahrt nach Berlin griff der Liebe Gott mal in die Kiste  für visuelle Spezialeffekte. Gewitterwolken, Schönwetterwolken, einfach-so-Wolken, blauer Himmel und Sonnenuntergang machten dieses Bild:
Augustabend
Der Abend war kurz, ich fiel sehr schnell todmüde ins Bett und auch dem Grafen ging es nicht anders. Er sah sich nicht einmal mehr in der Lage zum Burger- oder Falafel essen das Haus zu verlassen, zu anstrengend.