Komische Zeiten

Nun kann das Leben nicht immer eitel Sonnenschein sein. Aber ich wäre ganz froh, wenn ich hier mal wieder kleine nette oder lustige Lebensgeschichten aufschreiben könnte. Aber irgendwie…
Ich bin beim nächsten Lebensschritt ins Straucheln gekommen und habe zwei Monate verloren, die dafür draufgingen, mich von diesem Mist zu erholen. Hier passierte nur das Notwendigste und den Rest der Zeit verbrachte ich mit Weltflucht in Bücher auf dem Sofa.
Mein einsamer Sonntagmorgenrant über einen haarsträubenden Kneipenbesuch, den ich mir einfach nur von der Seele schreiben wollte, wurde durchs Internet gejagt, dass es mir unheimlich wurde. Schon am Sonntag, da hatte der Beitrag 4.000 Klicks. Am Montag waren es 18.000 und am Dienstag noch mal 5.000. Parallel rauschte er auch durch Facebook und hatte 450 Kommentare, von denen ich gar nichts mitbekam.
Ich habe davon gelernt. Das ist wirklich eine Lawine. Erst bröckelt und rutscht was, dann donnert eine Menge unaufhaltbar ins Tal und zum Schluss kommt noch was hinterhergerieselt. Der größte Multiplikator ist übrigens nicht Twitter sondern Facebook. Ich bin  ganz froh, dass die Diskussion hier sehr zivil lief.

Dann ärgern wir uns seit Tagen über einen Möbelkauf, weniger über das Möbel selbst, als über die Umstände. Der Graf als Käufer und Verhandlungsführer schreibt sicher noch etwas ausführlicheres dazu. Wir kauften ein Original und erkannten sehr schnell einen Nachbau. Die Reaktion der Verkäuferin war Ohren zuhalten, mit den Füßen stampfen und Lalala singen. Oder wahlweise „ich bin Mutter von zweijährigen Zwillingen und mein Mann ist Anwalt“ von sich geben. Das verrückte in so einer Situation ist ja, dass man sich selbst immer wieder bekräftigen muss, dass man das Recht darauf hat, für die Gegenseite unbequeme Forderungen zu stellen. Wer unwissentlich eine Fälschung in den Markt wirft, muss die Konsequenzen tragen, selbst wenn es kurz vor Weihnachten ist und wir gern einen für uns kommoden Zustand in der Angelegenheit herstellen wollen, auch wenn damit alles komplizierter wird. Wählen gehen darf die Dame schließlich auch.

So, jetzt aber noch was schönes. Ich bin seit ein paar Tagen stolze Doppelnamenträgerin. Das ist der beste Kompromiß in der Namensfrage, den wir fanden. Mit dem kann ich jetzt auch Gewerkschafterin und Gleichstellungsbeauftragte werden, da scheint der Doppelname zur Qualifikation zu gehören.

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Streit um Fernbedienung war gestern

Sven Dietrich schreibt über das Bedienen von Heizungen, schön zu wissen, dass es nicht nur bei uns Gezänk Meinungsverschiedenheiten zum Thema Heizen gibt. Ich bin diejenige, die auch in eine Decke gewickelt dasitzen würde, um Gas zu sparen (aber nicht vom Kühlschrank in der Größe eines Wandschranks lassen kann), der Graf hat es lieber kuscheliger (und braucht keinen Kühlschrank).

Nun wohne ich zum ersten Mal mit Gasetagenheizung, sonst drehte ich einfach eine Zentralheizung auf oder zu und der Graf hielt sich vor meiner Zeit eher in Kaffeehäusern mit WLAN und auf Lauf- und Fahrradstrecken als in seiner Wohnung auf. Um einer Kostenexplosion vorzubeugen und um uns von den Gesellen der Heizungsfirma nicht einen vom Pferd erzählen zu lassen („Ach, dit is wahscheinlich die interne Steuerung/der Ausdehnbehälter/die Pumpe, tauschn wa aus und schaun mal, wat passiert. Kostet 300 Euro.“), habe ich mich irgendwann auch in die Bedienungsanleitung für Handwerker eingelesen, um die Heizung zu beflüstern.
Irgendein Held aus der vorher hier wohnenden WG hat nämlich den laut tickenden Thermostat aus dem Zimmer verbannt und im Flur (ungeheizt, Obergeschoß, ungedämmte, 140 Jahre alte Wohnungstür) montiert (Heizungsfredi: „Nö, dit jeht schon so.“).
Das Ergebnis war, daß die Heizung, so sie von außen thermostatgesteuert wurde (eine Einstellung, die sich „Energiesparen“ nennt), volle Pulle lief, bis in den Zimmern die Heizkörperthermostate schlossen, was meist sehr schnell ging, denn das umlaufende Wasser war so um die 80 Grad heiß. Im Flur und am Thermostat blieb es kalt, die Heizung lief weiter volle Pulle, pumpte heißes Wasser durch die Rohre, das keiner abnimmt und spuckte laut knallend das mittlerweile kochende Wasser durchs Überdruckventil in die Abwasserleitung. Deshalb füllten wir alle drei Tage Wasser nach, ich bekam Hautprobleme ob der zu trockenen Luft aus den überhitzten Heizungen, das Geknalle nervte und vom Verbrauch wollen wir mal nicht reden. Die „Energiespar“-Einstellung schaltet einfach den Thermostat für die Wassertemperatur aus und überträgt die Aufgabe an den Thermostat im Zimmer (oder eben im Flur). Den Themostat zweckdienlich zu verlegen, hieße, das Geticke im Wohnzimmer zu ertragen, eine tragende Wand zu durchbohren ist auch blöd. Einen nicht tickenden Thermostat für eine mehr als 15 Jahre alte Heizung zu kaufen, auch.
Dann erinnerte ich mich daran, daß meine Oma morgens, am Nachmittag und abends in den Keller ging und an der Heizung die Wassertemperatur des Kessels etwas umstellte, Heizkörperthermostate gab es gar nicht, nur simple Sperrventile. Also tat ich das, denn das kann die Heizung aus Mitte der 90er auch noch.
Ich drehte morgens die Heizung auf mittlere Temperatur, sie wurde zwar etwas langsamer warm, kochte aber nicht mehr. Die Heizkörperthermostate blieben auf Stufe 4, denn 20 Grad an an der Heizung heißt noch lange nicht 20 Grad in einem großen Zimmer. Da ich den Thermostat im Flur aber nicht ausschalten konnte, denn er reguliert den Betrieb der Umwälz-Pumpe, schraube ich da immer mal phantasievoll rum, bis die Pumpe anspringt oder ausgeht.
Alles ein bisschen albern und umständlich, aber ohne zusätzliche Investitionen machbar.
Und dem Typen, der die Heizung installiert hat und mit Sicherheit zu faul war, den Thermostat bis ins größte Zimmer zu legen, dem würde ich gern vors Schienbein treten.

 

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Kartoffelkuchen

Dieses Jahr wäre ich gern wieder im Endspurt, um den Laden Anfang Dezember dicht zu machen und Deutschland der Weihnachtsnerverei zu überlassen. Ich würde derweil auf Fuerteventura die Touristen links liegen lassen und durch die kleine Sahara und das Jandia-Gebirge wandern und den Entitäten vom Tindaya einen Besuch abstatten. Ja, ich liebe Landschaften ohne Vegetation, bei der man die Erdformationen sehen kann, ich liebe die Ursprünglichkeit der Elemente: Wasser, Luft Sonne, Erde, alles ist dort pur und stark.
Aber es ist nun alles anders und das hat seinen Sinn. Man gewinnt nichts, ohne anderes zu verlieren.

Morgen kommt das Kind zum Plätzchenbacken und in zwei Schubladen reifen schon vier gut verpackte Stollen, die ich zum zweiten Mal inspiriert von Kaltmamsell nach dem Rezept von Bäcker Süpke, gebacken habe.
Stollen backen ist bei uns Familientradition, kam der eine Zweig doch aus dem erzgebirgischen Vogtland. Oma Charlotte hat, auch nachdem es uns in Oderkaff verschlug, jedes Jahr zwischen sechs und acht Stück gebacken.
Für arme Erzgebirgler war Stollen Luxus und Symbolik zugleich. Man aß zu Weihnachten Neunerlei, also alles, was es sonst oft oder selten zu essen gab auf einmal und für jede Speise gab es einen Grund. Der Stollen, im November gebacken (das ganze Dorf brachte ihn zum Abbacken zum Bäcker und steckte kleine Blechnamensschildchen hinein)  und Wochen gereift, wurde bei uns erst am späten Weihnachtsnachmittag angeschnitten und leitete das Fest ein. Der Stollen hieß Leben, denn er darf nicht zerbrechen, sagte Oma immer und sie hatte das wiederum von ihrer Oma. Zerbricht einer, stirbt jemand aus der Familie im nächsten Jahr. Deshalb trugen wir ihn wie ein rohes Ei. In mancher Gegend wurde der Teig wie ein Wickelkind zusammengeschlagen – schön zu sehen in der Fotoserie der Kaltmamsell. (Bei uns wurde er in einen Laib geformt wie ein Brot und einmal mittig eingeschnitten, gebuttert und gezuckert wurde er erst einen Tag vor dem Anschneiden.)
Mit dem Stollen wurde so gegeizt, dass er über die harten kalten Monate reichte und der letzte Rest wurde zu Ostern in den Kaffee geditscht.
Bei Oma Lotte litt er manchmal an zu großer Trockenheit, wie ihr sämtlicher Kuchen. Sie gehörte noch zu der Generation, die mit der Hälfte der Butter Kuchen fertigte und auch mit Zucker geizte. Ich teste grade, wie ich es anders hinbekomme. Es ist nicht nur die Menge von Fett und Zucker, das Rezept von Bäcker Süpke ist vor allem in der Behandlung des Teigs völlig anders. Bei Oma wurde der Teig mit allen Zutaten ewig geknetet und wurde wahrscheinlich deshalb manchmal so betonhart. Meine Versuche sind schon ganz gut, ich muß noch etwas an der Backtemperatur arbeiten und die Form ist auch noch optimierenswert. Ich bin gespannt, wie er dieses Jahr schmeckt.
Aber was ich bisher nirgends fand, war

Kartoffelkuchen.

Das kennen wirklich nur die Erzgebirgler und Vogtländer. Da es so streng gehandhabt wurde, den Stollen auf keinen Fall vor Weihnachten zu kosten, standen die Leute einen Tag im November in duftenden Schwaden ohne Kuchen zu bekommen. Und so kam man auf die Idee, etwas Stollenteig abzuknapsen
stollenteig
und mit gekochten Kartoffeln zu vermengen, kalt gerieben oder durchgedrückt
kartoffeln
Ich habe das im Verhältnis 1:1 gemacht. Andere nehmen mehr Teig.
vorher
Das Ganze kommt 2 cm hoch auf ein Blech oder – wenn man so wenig hat wie ich – in eine Form, geht noch mal 10 Minuten und wird ca. 40 Minuten gebacken. Danach wird er noch heiß mit flüssiger Butter bepinselt und mit Zimtzucker bestreut.
nachher
Der Kartoffelkuchen wird lauwarm oder sehr frisch gegessen, am nächsten Tag schmeckt er nicht mehr, man kann ihn aber gut halbfertig backen und einfrieren. Bei uns war es Tradition, dazu Malzkaffee zu trinken, warum auch immer.

Nun schleiche ich um die vier schlafenden Stollen. Die Familientradition ist schon lange gebrochen, wir haben Omas Backwerk immer schon an einem Adventssonntag angeschnitten, nur wissen durfte sie es nicht, das hätte Ärger gegeben.

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Fluch

Ich bin nachtragend. Selten, aber gründlich. Ich verfluche Menschen, die mir wissentlich ernsthaft Probleme bereitet haben. Verrückterweise funktioniert das.
Der Mann, dem ich eine radikale Abreibung von bösen großen Menschen gewünscht habe, tauchte drei Wochen später mit Veilchen und genähten Platzwunden auf. Der psychotische Nachbar hatte plötzlich ein Problem mit ihm.
Dem Boß, der mich nicht mal zum Vorstellungsgespräch einlud, weil das Kind vor mir ans Telefon ging „Sie haben ein Kind? Wie stellen Sie sich das vor?“, wünschte ich die Pest an den Hals und er erkrankte recht plötzlich an Leukämie uns starb bald darauf.
Bei jemand anders weiß ich, dass seine Leiche ziemlich bald an mir vorüber treiben wird, er sieht aus wie ein eigener Schatten. Er hat es verdient, ich bin halbwegs ungeschoren aus der Sache rausgekommen, die Dritte im Bunde hat es nicht so unverletzt überstanden.
Es gibt noch eine Frau, die ich kürzlich gründlich und sorgsam bedacht habe. Eine, der ich eine angesehene bürgerliche Existenz verschafft habe. Die mir sagte, ich sei, für sie wie eine Mutter. (Ich mag ja solchen Gefühlsüberschwang nicht.) Die, weil ich mich weigerte, auf ein mir vertraglich zustehendes Recht zu verzichten, unangemessene Dinge tat und dabei wichtige Teile meines Lebensplanes vernichtete.
Aber ich bin mir sicher, diese Frau wird ihres Lebens nicht mehr glücklich. Sehr sicher.

PS. Vergessen Sie übermorgen nicht, das Lämpchen in den Halloweenkürbis zu stellen.

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