Frühwintersonntagsmäander

Primavera schreibt, ihr Garten sei unter der Last des feuchten Schnees verwüstet. Es schneite in der Wochenmitte 30cm. Die Bäume hatten noch Blätter und Nüsse und Äpfel hingen auch noch daran. Nun brechen die Äste und die Hecken legen sich um.
In Berlin war vom Schnee nichts zu merken, wie immer.

Wenn die sozialen Medien hochdrehen, werde ich umgekehrt proportional ruhiger, wie immer. Wenn andere kakeln, mirakeln und spektakeln, muss ich das nicht auch noch tun.

Das Phänomen „die da“. … sind dumm … ohne Anstand … ohne unsere Werte … hassen uns … Warum sollte sich die Gesellschaft ihrer Probleme annehmen? Als großstädtische Akademikerin kann man Jahre verbringen, ohne wirkliche Berührung mit „denen da“. Sie bleiben fremd, anders. Der Ingenieur aus dem Nahen Osten scheint vertrauter als der arbeitslose Vater von Schantall mit den rosa Leggings.

Die Ressentiments sind gegenseitig und Misstrauen und Unbehagen gegenüber dem Fremden lassen sich jeweils vortrefflich auf jeweils die anderen projizieren.
Als ich in der Reha war, kotzte sich in einer Berufstrainingsrunde ein Rettungsassistent auch über „die da“ aus. Nur meinte er damit keine unzufriedenen Bürger, die demnächst drohen, die falsche Partei zu wählen. Ihm waren die Weddinger Omas mit dem Raucherbein näher als die Leute vom Wannsee, die es am Herzen haben. „Arrogante Typen mitm Stock im Arsch“ nannte er sie. Haltung, Distanz und Selbstbeherrschung waren für ihn keine Werte. Er fühlte sich nicht akzeptiert und respektiert, weil man zu ihm nicht offen und freundlich war.

Wir haben nur noch wenig Gelegenheit, aufeinander angewiesen zu sein. Im Berliner Mietshaus sollten alle Gesellschaftsschichten einträchtig beieinander wohnen (die einen auf den billigen, die anderen auf den teuren Plätzen), im Plattenbau wohnte der Kombinatsdirektor neben dem Schlosser.
Viele Wohnviertel in den Großstädten sind so entmischt, dass sich gesellschaftliche Schichten nur mehr nähern, wenn sie in der Berufsrolle sind. Als Kassiererin oder Ärztin, was auch immer. Vielleicht gibt es noch ein Fenster, wenn man in jungen Jahren in ein billiges Viertel zieht. Wenn sich Haltung und Werte verfestigt haben, ist man unter seinesgleichen, die wilde Zeit im abgeranzten Viertel hat dann nur noch anekdotischen Wert.
Berlin war mal „der Punk sitzt hier neben dem Banker“. Auch wenn sie noch nebeneinander sitzen sollten, wollen sie miteineinander zu tun haben?

War das mal anders? Es war sogar schlimmer. Es gab Herrschaften und Leute. Und es gab ganz wenige Leute, die zu Herrschaften wurden und Herrschaften wahrten so lange wie möglich den Schein, damit man sie nicht für Leute hielt.

In einer Gesellschaft, die für sich beansprucht, dass jeder es mit Bildung und Fleiß in eine höhere Gesellschaftsschicht schaffen kann, sollte sich doch alles bunt mischen. Man weiß schließlich, wo man herkommt.
Tut es das wirklich? Gibt es Diversity im Hinblick auf Gesellschaftsschichten und Differenzen in Ansprüchen, Wertvorstellungen und Habitus?
Edit: Und was ist mit denen, die da bleiben, wo sie waren oder das Rattenrennen nach oben, zu den „wahren Werten“, zu einem anderen Habitus, die wir auch als Anstand und Benehmen definieren, nicht schaffen? Für die Schulbildung Qual ist, die sich in engen Rastern wohl fühlen? Die tun, was sie können, es aber nie reicht? Sind sie berechtigt zu echter Teilhabe oder lediglich ungeliebte Fürsorgemasse, die mitgeschleppt wird?
Oder sind sie womöglich nur Anlass für den schrägen Blick in den Spiegel? – Das könntest du sein, wenn du dich damals nicht auf den Hintern gesetzt und das Abitur/das Studium etc abgeschlossen hättest. Die Unterschicht als Symbol des abgespaltenen inneren Schweinehunds/Spießers der gesellschaftlichen Eliten. Edit Ende.

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WMDEDGT November 2016

Frau Brüllen fragt wieder, was wir am Monatsfünften gemacht haben.

Ich bin relativ spät aufgestanden, so gegen 8:30 Uhr. Aber es war ja Samstag, da ist das ok. Ich hübschte mich nach dem Duschen etwas, zog eine neu genähte Lieblingshose an, aus dünnem schwarzem Viskosejersey (eine nettere Variante der Jogginghose) und dazu ein schwarz-graues Ringelshirt.
Dann machte ich Frühstück. Das Seelchen verlangte warmen Grießbrei mit Zucker und Zimt statt kühlem Joghurt mit Früchten. Ich kochte glutenfreien Maisgrieß mit Milch, etwas Butter und einem Stück Vanillestange.
Dann setzte ich mich mit Kaffee und meinem Grießbreischüsselchen an die Zeitungen des Tages und las meine Timeline. Auf Facebook fand ich den Link zum tumblr

Die leeren Gesichter des deutschen Kinos

Ich amüsierte mich vortrefflich und nannte den Style kurz und bündig Caspar-David-Friedrich-Acting. Das große Geworfensein in die Welt und die Weite.
Wobei dieses „Gesichts-Rügen“, wie es jemand nannte, für mich tatsächlich eine Erklärung hat. Die qualitativ gute und seriöse Schauspielausbildung in Deutschland findet ausschließlich für die Theaterbühne statt. Schauspielerei auf der Bühne ist eine ganz andere Technik als für die Kamera. Viel Größer, Symbolischer, Beschreibender, mit Ganzkörpereinsatz. Wenn man dann noch, wie einige der dort Abgebildeten, nach der Brecht- und nicht in der Stanislawski-Lehre ausgebildet wurde*, dann liegt die völlige Entleerung der Mimik vor der Großaufnahme wesentlich näher als das Strassbergsche** „denk an die Blumenwiese als du fünf warst und du hast den authentischen Glow“.
Also das wäre meine Lach- und Sachgeschichte dazu.
Noch ein Nachsatz: Til Schweiger kommt aus der Strassberg-Schule. Der ist kein Theaterschauspieler. Diese Nasennebenhöhlensprechtechnik hätten sie ihm an einer deutschen Schauspielschule nicht durchgehen lassen.
(ah, in den Facebook-Kommentaren empören sich die ersten Schauspielerinnen über meinen Acting-Witz)

Nach dem Frühstück räumte ich die Spülmaschine aus und packte gebügelte Wäsche in den Schrank. Dann erinnerte ich mich daran, dass ich meine eBooks mit Calibre sichern wollte. Besser ist es, bevor mir in einem Lizenzstreit gekaufte Bücher unterm A… weggezogen werden. Nur, ärgerlicherweise läuft die Kindle-App nicht mehr auf Snow Leopard, ich kann mich bei meinem Amazon-Konto nicht anmelden. Da ist dann eben so, wenn ein Macbook 8 Jahre alt ist.
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Ich überlegte gerade, ob ich am aktuellen Chevron-Quilt weiternähe oder die Baskenmütze im Fair Isle-Muster weiter stricke, da klingelte eine liebe Freundin, die ihr Fahrrad in unserem Keller geparkt hatte.
Wir trinken Kaffee und plaudern ein wenig und ich erzähle davon, dass es mir mit der unerwartet positiven Änderung meiner Situation nicht spontan besser geht. Es geht um so viel, es ist so viel zu klären und ich fühle mich oft sehr kraft-, rat- und hilflos, dazu mißtrauisch bis ängstlich, was gar nicht so meine Art ist. Die Freundin hilft mit einem spontan diktierten Schriftsatz sehr, sehr weiter.
Als sie gegangen war, muss ich mich erst einmal hinlegen, etwas lesen und eine Runde schlafen. Ich las Das Testament der Jessie Lamb (Amazon-Link) zu Ende. Ein spannendes Buch, dessen Schluss zumindest ich sehr schwierig finde. Aber ich will nicht spoilern.
Als ich wieder wach war, regnete es so, dass ich das Vorhaben, einen Spaziergang zu machen, schnell aufgebe.
Ich strickte mein Fair Isle-Mützchen weiter und höre dazu Metro 2034 (Amazon-Link) als Hörbuch. Die Stimmung des Romans wird von meiner Stimmung und der verregneten Schwärze draußen gedoppelt.

Gegen halb neun Uhr abends überlegten wir, was wir noch essen könnten. Mir reichten Käsebrote mit rohen Gemüseschnitzen, der Graf holte etwas aus der Focacceria gegenüber und ich bekam ein Teilchen mit Thunfisch und Gemüse.
Dann strickte ich weiter, bis ich die Farben nicht mehr sehen konnte und ging zu Bett.

Das war mein Samstag. Es ist gerade alles etwas komisch und anstrengend und ich schleiche umher, als hätte mich jemand verprügelt, aber da muss ich durch.

Ach und als Bonustrack gibt es noch zwei schöne Autoren-Blogpost-Empfehlungen. Das Geheimnis des grauen Greifers und Like a Virchow.

Die anderen Einträge stehen hier.

 

*Kurz und grob umrissen: Stanislawski läßt den Schauspieler die Rolle fühlen und sich identifizieren, Brecht orientiert sich u.a. am asiatischen Theater und lässt die Schauspieler die Figur aus Elementen „bauen“ und distanziert vorführen, sie sind quasi Puppenspieler ihrer selbst.
** Wieder kurz und grob: Lee Strassberg ist der Vater der Camera Acting-Lehre. Er entwickelte den Stanislawskischen Ansatz, sich in eine Rolle einzufühlen, weiter für die Kamera. – Die oft sehr nahe ist und nur Teile des Körpers aufnimmt und damit Informationen über den Zustand der Filmfigur übertragen will. Da ist schon das Einfühlen zu groß, da reichen winzige Gedanken- und Erinnerungsblitze für einen Widerschein auf dem Gesicht.

Das Leben, das Leben…

Hier sortieren sich gerade Dinge, die seit fünf bis sieben Jahren unterschwellig laufen. Auf dem Papier passiert das erst mal in meinem Sinne. So, dass ich mit weniger Angst und Bedenken in die Zukunft gehe. Auch wenn ich immer noch nachts aufwache und fest davon überzeugt bin, wenn ich auch nur ein falsches Wort in ein Formular schreibe, wird alles wieder rückgängig gemacht.
Dem erleichterten Ausatmen „ich muss nicht mehr arbeiten“ ist eine lange Zeit des trial and error vorausgegangen. Manchmal waren es Tätigkeiten, bei denen ich an den alten Arbeitsstil anknüpfte und im Frontoffice im Kommunikationskreuzfeuer das Chaos sortierte und gleichzeitig Menschen (hoffentlich) zufrieden stellte. Ich versuchte, einfach weniger zu tun, um Kraft zu sparen, aber seit ich das erste Mal Mitte der 90er so einen Job gemacht habe, haben Arbeitsdichte und Reaktionszeit so angezogen, dass eigentlich nur noch Menschen bis Mitte 30 diesem Druck schadenfrei und dauerhaft standhalten. Es sei denn, man begibt sich in völlig standardisierte Umgebungen, wo Akuratesse und the voice und nicht the brain gefragt sind. Das fehl- und unterfordert mich wiederum, da laufe ich anderweitig heiß.
Dann habe ich mir immer wieder selbst Projekte gesucht, die für mein Leistungsvermögen und meine Erfahrungen maßgeschneidert waren. Mein Seminar für Gehaltseinschätzung und -verhandlungen ist ein Geheimtipp für Studienabsolventen und wird von den Hochschulen weitergereicht. Nur, das konnte kein Broterwerb werden. Die Zahl der Hochschulen der Umgebung ist groß, aber begrenzt, es wären Reisen, viel Papierkram und regelmäßige Akquise dazugekommen. Die Bezahlung ist auf dem Niveau des akademischen Prekariats und eigentlich eher eine Aufwandsentschädigung, nichts, was die Miete einspielen würde. (So etwas macht man mit der Perspektive auf besser bezahlte Gelegenheiten.)
Beratungen, auch Kurzinterventionen, mache ich gern. Aber auch da war die Schwelle die Regelmäßigkeit, ab da hätte sich ein professionelles räumliches Umfeld gelohnt, das so etwas braucht.
Das alles werde ich auch weiter machen, aber ohne die Verpflichtung, daraus noch mal einen Vollzeitjob machen zu müssen.

Man merkt schon, ich finde viele Gründe. Schon 2006, da war ich etwas über 40, reagierte ich auf neue Geschäftsideen, die Bekannte an mich herantrugen, mit spontaner Panik und Übelkeit. Jetzt hat sich das so gesteigert, dass mir schon der Gedanke an einen verpflichtenden, dichten Zeitplan, der gute Präsenz und Verlässlichkeit voraussetzt, Angst und Herzrasen verursacht. Ich habe das eine ganze Zeit lang als Luxusproblem einer mittelalten, verwöhnten Frau abgetan.
Wenn die Reha etwas gebracht hat, dann die Erkenntnis, dass an der Sache was dran ist. Ich bin schnell wieder in meinen alten Bahnen, bemerke die Überlastung nicht, nehme Warnsignale nicht ernst und zack! greift der Körper zur nächsten Reißleine, meist irgendein Infekt oder wenn der grade nicht im Angebot ist, macht er eklige Dinge mit Gleichgewicht und Gehör.*
Der Rat, den ich von dieser Ärztin bekam, bevor sie rumschrie, ich müsse auch mal was durchhalten, war, dass ich schon bevor das passiert so schnell wie möglich pausieren muss. Ein, zwei Tage reichen. Aber auf keinen Fall die Woche zu Ende arbeiten oder noch ein paar Tage durcharbeiten. Sondern aussetzen, sich pflegen, morgen, spätestens übermorgen.
Man fährt auch nicht mit dem Auto weiter, wenn es schlägt und klappert. Da fährt man lieber erstmal rechts ran. Oder man klebt halt irgendwann am Brückenpfeiler.
Ich schreibe das jetzt auf, damit ich mir das endlich merke.
(Und bemerke, wie ich schon wieder ein blödes Gefühl habe, dass ich mich so über den weggefallenen Druck freue. Das macht frau doch nicht. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen, war der Wahlspruch in der Familie.)

Ich habe immer gedacht, ich muss mich ändern. Ich war schon immer eine Flowarbeiterin. Aus langen Phasen von trödeliger Ineffizienz konnte ich, wenn ich den Ansatzpunkt gefunden hatte, innerhalb kürzester Zeit weit über 100% hochfahren und sehr viel schaffen.
Nur, Flow ist schick und nur Flow ist gefährlich. Es passt so gut ins durchoptimierte Arbeitsleben von modernen Dienstleistern, immer manisch leistungsfähig zu sein. Immer High Performerin. Das geht nicht. Das können nur sehr wenige Menschen und auch die haben ihre anderen Seiten. Die liefert die Legende nur meist nicht mit.
Andererseits kann ich so einen tief liegenden Wesenszug nicht ausreißen. Spann ein Rennpferd in einen Göpel, lass es Tag für Tag im gleichen, langsamen Rhythmus im Kreis laufen und es dreht durch. Für ein Rennpferd, das die besten Rennen schon gelaufen ist und lahmt, gilt das sowieso.

Jetzt habe ich den Rücken frei. Ich kann das tun, was Frauen um die 50 nach einem arbeitsreichen Leben früher taten. Mich um die Menschen um mich herum kümmern. Ein gutes Leben organisieren, ohne dafür mit Geld und Ressourcen rumzuschmeißen. Mit den Händen und dem Kopf arbeiten, ohne Monetarisierungsdruck und das alles zu seiner Zeit.
Ich habe immer gern ausgeblendet, dass meine Biografie nicht so ist, wie die einer durchschnittlichen westdeutschen Akademikerin.
Ich hatte mit Anfang 30, als ich mich selbständig machte, schon 6 Jahre Vollzeit-Arbeitsleben, ein Baby-Jahr in Fernbeziehung und anderthalb Studien hinter mir und ein schulpflichtiges Kind im Haus. Ich war die ganze Zeit, bis auf die letzten 5 Jahre jetzt, oft Allein- oder wenigstens 50%-Verdienerin.
Von der biografischen Laufleistung her bin ich zehn Jahre älter als viele meiner gleichaltrigen Bekannten. Das vergesse ich gern, weil alt sein ist ja äußerst Bäh! Es ist so. Ich habe bestimmte Verschleißpunkte viel früher erreicht.
Was mir nun eine unverschämte Freiheit in kleinem Rahmen gibt. Es ist zwar noch nicht alles in Butter, meine private Rentenversicherung ist weg, das muss anders gelöst werden, aber die ständige Überlegung, wie ich in 2 oder 3 Jahren leben und arbeiten könnte (es gab ja ohnehin 2 geschenkte Jahre), kann ich jetzt erst einmal einstellen und die Energie für bessere Dinge verwenden.

Es sei denn, meine nächtlichen Ängste haben doch einen wahren Kern. Aber da kann ich mir Gedanken drüber machen, wenn es so weit ist.

*Komischerweise nix mit dem Rücken, obwohl mir seit 2006 eine Bandscheibe fehlt. Das wäre wenigstens eine ordentliche, von den Behörden akzeptierte Krankheit gewesen, statt diesem ständigen somatoformen Trallalala.

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Free Kitty

Der Bericht von der letzten Woche im märkischen Seelen-Bootcamp sollte eigentlich so aussehen: Noch mal volles Programm mit Namen tanzen, die Gruppentherapie etwas aufmischen, an einem Quilt nähen, stricken, Sport machen, Bogenschießen, durch den Wald wandern und Schwimmen, viel Schwimmen. Dann am Freitag schon den größten Teil der Sachen mit nach Hause nehmen, das Wochenende in Berlin verbringen und am Montag endgültig auschecken.

Und so sah es dann wirklich aus:
Montag morgen war klar, dass das Schwimmbad wegen der Noro-Viren-Infektion noch für zwei Tage geschlossen bleibt, ebenso die Lehrküche, das Kaminzimmer und die Cafeteria. Ich war den ganzen Tag bleiern müde, am Abend vorher war ich um halb 10 ins Bett gegangen, trotz faulem Wochenende.
Dann ein Gruppentherapiegespräch über Autarkie und Auflehnung gegen sinnlose Vorschriften. Nicht von mir initiiert, sondern von einer resoluten türkischen Mama, die sich absolut für blöd verkauft vorkam. Mit dem Therapeutinnenvorschlag: Da muss man sich halt mal anpassen und Dinge hinnehmen und meiner Gegenfrage, ob Leute mit Depressionen, die hier 75% der Psychosomatik ausmachen, nicht schon trainiert genug im Hinnehmen, Wegtauchen und Geschehenlassen seien.
Montag Abend wußte ich: Ok., mich hat es auch erwischt. Trotz pingeliger Hygiene und Vermeiden von Menschenaufläufen. Der Backgroundsound zu dieser Erkenntnis war der Junge von obendrüber, der eine Stunde lang ununterbrochen brüllte und schrie und dazu gegen Möbel trat.
Wie die Nacht verlief, kann man sich denken. Mit Fieber, Schüttelfrost und dem Klo als bestem Freund.
Dienstag morgen gab ich das bekannt und musste fortan im Zimmer bleiben. Es gab viel Tee, eine Scheibe glutenfreies Brot, Reiswaffeln und eine Banane an die Tür gebracht. Ärzte sahen zweimal nach mir. Ich schlief viel und es ging mir langsam besser.
Nachts lag ich dann wach und hatte Hunger. Holte mit Tellkamps Turm die Miefigkeit und Enge der DDR hoch. Dieses atemabschnürende Netz von Regeln, geschriebenen und ungeschriebenen. Dieses: wir sehen es natürlich, wie du dich da halblegal durchwindest, aber wann und wie wir dich deshalb maßregeln, behalten wir uns vor. Der Gedanke „Das ist nicht nur Geschichte. Das erlebe ich wieder, gerade, jetzt.“ sprang mich an.

Ich realisierte endlich, dass es mir ab der Hälfte dieser Reha immer schlechter ging. Ich fühlte mich ohnehin vom ersten Tag an innerlich alarmiert, war immer auf dem Sprung, schlief nur oberflächlich, entspannte mich nie. Wenn ich mehr als sechs Stunden unterbrechungsfrei schlief, war das der Vorbote einer Krankheit.
Man hätte mich auch hinter einer Pappwand auf einem Berliner U-Bahnhof unterbringen können, dann hätte ich die gleiche Geräuschkulisse und Frequenz unangenehmer Menschen gehabt.
Ich wurde krank und wieder krank und immer wütender, mühsam aushaltend. Immer diese Erklärungen an mich selbst, dass das eben so sei. Dass das Zusammenleben mit einer großen Gruppe Süchtiger Verständnis und ähnliche Opfer erfordere: Nicht auf dem Zimmer essen, Kaffee nur nach Genehmigung, nicht einfach abhauen und woanders essen oder es sich anderweitig gut gehen lassen, eine angenehme Atmosphäre fordern. Dass es doch auch für mich gut sei, auf einiges zu verzichten, aus meiner Komfortzone herauszukommen. Dass das Leben kein Ponyhof sein. Dass ich mir das doch ausgesucht hätte. Dass es doch auch mir gut tun müsse, wenn es anderen gut tat.*

Dass da Muster drinstecken und eine Menge Meta-Information über mich selbst, ist schon klar. Die Frage ist nur: Brauche ich dazu so eine mich schädigende, für die Gesellschaft sehr teuere Aktion?

Ich trat Tag 2 meiner Quarantäne einigermaßen wiederhergestellt und mit einem Bärenhunger an und hatte im Kopf, dass ich noch bis Donnerstag aushalten müsse, mit Stricken, Hörbüchern und der Nähmaschine im Zimmer sollte das wohl gehen. Ich könnte mich dann am Freitag um meine Abreise kümmern und alles Schöne noch mitnehmen – unter anderem Bogenschießen und Schwimmen – und dann wäre es das fast.
Der Besuch der Ärztin nach dem Frühstück (Reiswaffeln, Diätmargarine, Light-Marmelade, Putenwurst) zerstörte diesen Plan: Der Krankheitsverlauf wäre etwas untypisch, aber es brauche Quarantäne bis Freitag nachmittag 16 Uhr. Ich zuckte erst einmal resigniert seufzend die Schultern.
Der Graf schrieb, er könne mich sofort abholen. Das Kind wies mich auf die Tweets der letzten Nacht hin und meinte, das klänge gar nicht gut, mir würde es in vertrautem Umfeld sicher besser gehen.
Ich realisierte langsam, was das hier bedeutete. Ich würde den Rest der Reha in einem 18-Quadratmeter-Zimmer verbringen, das nach Fußbodenkleber roch. Das Essen könnte ich mir nicht aussuchen und würde mir gebracht. Das Internet funktionierte nicht zuverlässig, Telefonieren wäre schwierig und teuer. Ich dürfte mir durchs Fenster die Laubfärbung ansehen und mit dem Zwergalpenveilchen sprechen, das ich aus der abrißgeweihten Therapiegärtnerei gerettet hatte.
Einzelhaft. Brauche ich so eine Erfahrung? Will ich völlig zerlegt hier raus gehen, nachdem ich ziemlich gesund reingegangen war?**

Der Entschluss dauerte eine Stunde, der Schalter legte sich eigentlich von allein um. Ich rief den Pflegedienst an, meine einzige Kontaktmöglichkeit zum Rest des Camps. Ich wolle nach Hause und deshalb den Chefarzt sprechen. (Der Bezugstherapeutin, die jünger als das Kind ist, traute ich da wenig Entscheidungskompetenz zu.) Man erreichte niemanden und versprach, sich zu kümmern. Die Durchwahl könne man mir leider nicht geben. Wenn ich mittags noch nichts gehört hätte, könne ich ja noch einmal daran erinnern…
Nun wußte ich, wie die Mailadressen dieses Ladens aussehen. Schließlich hatte ich im letzten Job auch für diese Klinik gedienstleistet (also Elektroingenieure vermittelt, ähm, na Sie wissen schon).
Ich schrieb mein Begehr noch einmal in eine Mail und adressierte sie an mehrere zuständige Leute und gab ihr die Priorität „sehr hoch“. Vodafone im Edge-Modus brachte sie auf den Weg.
Der Graf meinte: Geben wir ihnen eine Stunde. Sonst fahre ich einfach so los und hole dich raus. Ich begann schon mal zu packen.
Nach 55 Minuten meldete sich die junge Bezugstherapeutin:
Ob ich denn ein Problem hätte und darüber reden wolle.
Ickeso: Nö, jetzt nicht mehr. Ich wolle nach Hause und wir sollten besprechen, wie das denn am besten zu organisieren sei. Ich hätte nicht vor, den Rest der Woche im Zimmer zu sitzen und immer kränker zu werden.
Sieso: Ob mir denn geholfen wäre, wenn die Quarantäne ab jetzt aufgehoben wäre?
Ickso: WTF? Ich wäre immer noch angeschlagen, könne also nix sportliches machen und alles andere wäre den anderen gegenüber wg. Ansteckungsgefahr ziemlich asozial.
Sieso: Aber das käme so plötzlich und man hätte hier bestimmte Verwaltungsabläufe, das ginge nicht so einfach.
Ickeso: Naja. Wenn das so schwierig wäre, könnte ich ja vielleicht erst morgen abreisen… (in meinem Kopf dröhnte es laut IDIOTIN!!!) oder die Papiere erst morgen abholen lassen…
In dem Moment kam eine DM vom Grafen. Es wäre schon unterwegs. Extra mit Anzug und Schlips, um sich hier ein bisschen abzuheben.
Ickeso: (Mein Ritter!) Ähm nein, mein Mann wäre schon unterwegs, ich würde auf jeden Fall heute abreisen.
Sieso: Die anderen Beteiligten, Chefarzt und Ärztin würden sich auf jeden Fall noch mal melden.

Ich packte weiter. Nach einer halben Stunde großer Auftritt Ärztin:
Sieso: (Leise anfangend, sich in arg gehobene Stimmlage steigernd.) Sie sei enttäuscht, fühle sich erpresst, unter Druck gesetzt, überrascht, hintergangen, hätte ihre normalen Termine, warum ich denn heute Morgen nichts gesagt hätte, man müsse auch mal was durchhalten, mimimi…
Ickeso: (WTF, kommt die mir auf der Beziehungsebene? Die gehobene Stimmlage aufnehmend.) Sie hätte vor mehreren Stunden eine Mail erhalten und genug Zeit gehabt, zu reagieren. Es ginge hier um mich und meine langfristige mentale Verfassung, um nichts anderes.
Sieso: Na das sei Sache der Therapeuten. (haut die Tür zu)

Ich packte die letzten Sachen, aß kurz das vom Pflegedienst gebrachte Mittagessen, trockener Reis mit Fisch und eine Banane. Informierte die Rentenversicherung per Mail über den Abbruch und die Bezugstherapeutin darüber, dass der Graf bald eintreffen werde. Sie rief sofort an.
Sieso: Ob ich denn so schnell los wolle? Es gäbe da ein Problem, die Ärztin würde den Entlassungsbericht nicht so schnell fertig bekommen.
Ickeso: Ich wüsste, dass sie Probleme habe, Entlassungsberichte mit dem Computer fertigzumachen, statt old school den Schreibdienst zu bemühen. (Das hatte ich in der Anfangskonsultation gemerkt, als sie in den Textbausteinen und Datenbankfeldern umher eierte. Computer gehören dort noch nicht lange zum Arbeitsmittel.) Wir würden warten, bis sie fertig wäre, notfalls auch bis zum Feierabend, kein Problem.
Das konnte ich mir nach dem Auftritt der Dame leider nicht verkneifen, denn nun wußte ich, wo die hohe Emotion herkam. Digitalkomptenz hat man dort nicht. Man heilt schließlich auch Internetsüchtige.

Eine halbe Stunde später kam der Graf. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Ich war schon fast wieder gesund. Er ging kurz auf den Laufzettelrundgang, den ich wegen der Quarantäne nicht machen durfte, holte die Reisekostenerstattung ab und übermittelte diverse Grüße. Dann stattete er noch der Therapeutin und Ärztin einen Besuch ab (Törööö! Der Entlassungsbericht war fertig.) und belud das Auto.

Wir fuhren vom Hof, die Sonne kam raus und ich fühlte mich prächtig.

 

*Der Graf hatte schon in der Woche zuvor, als die Quarantäne-Maßnahmen ausgeweitet wurden, gemeint, jetzt würde es wirklich prekär. Ob er mich denn abholen solle. Ich wollte nicht. Sein Kommentar hinterher: Da hast du halt noch an den Endsieg geglaubt. Touché.
**Ich verstand jetzt, warum die anderen aus den Zimmern gingen, um an der Raucherinsel die anderen zu treffen. Wenn du auf Entzug bist und das Konzept, dich da durchzubringen Kraft der Gemeinschaft heißt, dann ist Quarantäne Folter. Das Kind hatte es mir schon erklärt, jetzt kapierte ich es.

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