Sonntagsmäander mit Vorweihnachtsrant

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Sonntagsmäander mit Vorweihnachtsrant

Keine weihnachtliche Harmonie in Blogsdorf. Es ist 2016, ich hatte es fast vergessen.
Ein Tod, der mich still macht. Das, was ich zu diesem Menschen erzählen könnte, ist eine amüsant-groteske, zynische und scharfzüngige Geschichte, dafür ist es jetzt aber nicht an der Zeit.
Ich glaube, wir mochten uns nicht. Ich war nicht ansprechbar und verfügbar. Ich kannte die Tricks, solche Menschen hatte ich schon einmal zu oft getroffen.
Aber man muss nicht von allen gemocht werden und nicht alle mögen. Es reicht, sich sein zu lassen und sich zu respektieren, wenns heftig kommt, dann muss man sich halt aus dem Weg gehen.

Was mich zum nächsten Thema bringt. Was macht man mit Menschen, die man gern las, von denen man gern hörte, deren Meinung und Wissen man schätzte und die plötzlich anfangen, sich auf den sozialen Kanälen mit Gewichtsreduktion zu beschäftigen – inklusive Abnehmbuch-Fangirlhashtags, Kalorienzählen und Gewichtszielmarken nennen?
Drüber weglesen? Muten? Den Wegfall der anderen Themen bedauern? Was ich darüber denke, habe ich schon hier und hier aufgeschrieben.

Ich habe seit ich 19 war, in Branchen gearbeitet, wo es bei Frauen immer um das Aussehen ging und gutes Aussehen und Erfolg waren zu 90% konotiert mit einer schlanken Figur – die sich über die Jahre mit einem veränderten Schönheitsideal in Richtung hagere Leistungssportlerin bewegte.
Ich habe es hier nicht nur einmal geschrieben. Die Körper, die wir da sehen, sind Ergebnis eines Fulltimejobs (Kate Winslet ist ein gute Beispiel). Nur wenige haben die genetische Voraussetzung, daran nicht arbeiten zu müssen. Wenn Menschen, zu deren Jobanforderung „schlanker Körper“ gehört, nicht in einem Projekt sind, sehen sie aus wie wir, also leicht bis schwer angefettet. Sie geben nur diese Fotos nicht raus.
Die Promi-Abnehm-Erfolgsgeschichten, die ich aus der Nähe sehen durfte, obwohl sie auch in der Bl*d-Zeitung gehyptes Thema waren, waren im Hintergrund meist tragisch. Die junge zierliche Turnerin, die nie richtig essen durfte und mit 38 Kilo unter ärztlicher Beobachtung stand, aber soooo schön war, bis sie sich normal ernährte und hautzerfetzend „explodierte“. Drei Frauen, die sich aus dem Typ „lustige dralle Blonde“ rausgehungert hatten und nur noch bleich und angestrengt rumwankten und sich wunderten, dass sie nicht wesentlich mehr Jobs angeboten bekamen.
Die Moral von der Geschicht? Am Schluss waren sie entweder (wieder) dick oder todkrank. Keine ist auf der neuen Umlaufbahn geblieben.

Ich bin ja nicht vernagelt. Natürlich habe ich auch irgendwann das Buch gelesen, das die Geschichte einer erfolgreichen Gewichtsreduktion beschreibt und das in meiner Filterblase seit zwei Jahren herumgereicht wird. Meine Gedanken: Aha, klingt interessant, aber irgendwann am Ende nicht mehr gesund, sondern leicht manisch. Eine Sucht durch die andere ausgetauscht, das ist nicht meins.

Und wenn ich die Early Adopter höre, die beklagen, dass sie nicht immer die Motivation haben durchzuhalten und konsequent zu sein… Leute, führt ihr Krieg gegen euch selbst oder lebt ihr?
Die Freundin, die sich vor 12 Jahren das Versprechen gab, in Zukunft nie mehr als 60 Kilo zu wiegen und das in meinen Augen sehr entspannt und gut hinbekam (bis auf die Momente, wenn sie denn mal aß und in plakatives Genuß-Stöhnen ob des ersten Bissens ausbrach), steht trotzdem mit Mitte 50 kurz vorm Diabetes, hat seit Jahren schwere Bandscheibenprobleme und beziehungstechnisch ist es immer wieder kompliziert.
Aber sie hatte 12 Jahre die Überlegenheit, gesellschaftlich akzeptiert attraktiv zu sein, grenzte sich damit von ihrem Normalo-Umfeld ab und konnte problemlos billig Klamotten auf ebay kaufen, weil es ihre Größe massenhaft gab. Dafür ist Dünnsein durch reduzierte Nahrungsaufnahme scheinbar eine gute Lösung.

Ich denke immer noch darüber nach, was mich so stört am exhibitionistischen Abnehmen. Es ist kein Verrat an feministischen Idealen, wenn jemand sein Leben ändert. Handeln und Selbstermächtigung sind immer gut.
Aber: Das Prinzip Frau=öffentlicher Körper kommt plötzlich wieder hoch. Was ist der Unterschied zwischen den „das sind meine Beauty-Tipps und hier ist mein nächstes Selfie“-Hotbabes auf Instagram und ihren Herden von Groupies und der unter einem Hashtag versammelten Frauengruppe, die sich unter Aufdeckung intimer Daten gegenseitig anfeuert, einer gesellschaftlich akzeptierten Norm Ideal zu entsprechen?
Jetzt ernsthaft mal.

Sicher stört mich auch nicht der Fakt, dass jemand in eine andere Lebensphase kommt und was tun muss und will, um sich wohl zu fühlen und sich neu erfindet. Im Gegenteil. Ich finde es cool und habe einen Heidenrespekt, wenn jemand sich konsequent, vielleicht auch gegen Widerstand des Umfeldes, Gutes tut.
Ob das mit Abnehmen allein funktioniert, weiß ich nicht. Es ist oft die naheliegendste Lösung, „wenn ich erst mal dünn bin, dann…“. Dann sind Probleme noch lange nicht gelöst, auch wenn der Körper nicht mehr unter Überernährungs-Volllast läuft.
Oft ist der Panzer, den man sich anfrisst, auch Symptom einer Lebenssituation. Was heißt, ändert sich das Setting nicht, ist die Reduktion Ausnahmesituation und bald alles wieder beim Alten.
Es sei denn, das neue Setting ist Gewicht halten: 4-5 mal in der Woche Sport, immer reduziert essen, ständige Selbstkontrolle. Wers mag. Da habe ich lieber Sex.

Vielleicht nervt mich, dass es plötzlich in meiner Umgebung so laut ist. Instagram ist schnell, bunt und präsentabel, fix ein Foto rüberschieben, so wie es alle anderen machen, Herzchen abgreifen…
Es ist jetzt ja das Gute, das Erwünschte, das Verhalten mit dem man geliebt wird und dann auch noch Schwestern zu treffen… Fans eines Buches und einer Abnehm-Methode sind wie Benedict-Cumberbatch-Fans oder Katholikentagsteilnehmer. Ziemlich fokussiert und für die Außenwelt anstrengend.
Ich kann mich noch ganz gut daran erinnern, wie mich in Diäten der Hunger und der viele Sport geflasht haben. Alles hatte eine leichte Aura, ich war immer einen Tick zu laut, zwanghaft auf das Thema Gewicht und Ernährung fokussiert und dachte, ich habe nun endlich begriffen, wie es funktioniert. Bis ich mich wieder entspannte und zunahm.
4-5 Jojo-Effekte später mache ich so was lieber im stillen Kämmerlein mit mir selbst ab. Ich habe in den letzten 12 Monaten 7 Kilo abgenommen. Es wäre mir nicht großartig in den Sinn gekommen, den Weg dahin zu thematisieren. Es ist keine Leistung, wirklich nicht. Es ist Gleichgewicht und auf sich hören. Es ist für mich etwas Intimes.

Darüber hinaus: Als ich in die Nähnerd-Szene eintauchte, faszinierte mich die Mischung: Dass coole, kluge Frauen zum Thema Kleidung  über nachhaltige, technisch-ästhetische Dinge nachdachten, experimentierten und arbeiteten oder einfach nur Spaß mit buntem Stoff hatten. Es ging darum, den Körper gut zu kleiden, Stoffe und Schnitte so zu verändern, dass Kleidung stilistisch eigen, bequem und nicht mehr langweilig normiert war. Da hatte sich viel entwickelt an technischem Wissen und Gestaltungskraft, einer ganzen Untergrundbewegung von anwendbarer Gestaltung. Für jeden, nicht nur für einer Konfektions-Norm oder einem bestimmten Alter entsprechenden Frauen.
Einige Bücher sind erschienen, ein Schnittlabel war geboren, ein nächstes reift noch, wie ich hörte und ich bin sehr gespannt darauf.
Ich habe von all dem Wissen und Tun enorm profitiert und für mich ist das auch noch lange nicht durchgespielt, denn das Netzwerk von Frauen bietet mehr als Stricken und Nähen. Da ist viel Wissen, da sind Wohlwollen, Respekt und verschiedene Weltsichten. Dagegen ist ein Essensfoto mit den Abnehmkampagnenhashtags und der Info, dass das jetzt drölfzig Kalorien sind, ein stilistischer und inhaltlicher Rückfall in die Steinzeit bunter Frauenklatschpostillen.
Sorry, da hatte ich mehr erwartet. Können wir statt dessen mal wieder über was Interessantes und Fundiertes reden?

Naß, trübe und kühl – Ein Sonntagsmäander

Es ist wie immer, wenn es auf Weihnachten zugeht und man erwachsen ist. Die Zeit beginnt zu rasen. Das beißt sich gerade sehr mit meinem aktiven Bemühen, mein Leben noch weiter zu entschleunigen und Dinge nacheinander, mit Pausen, und nicht vermeintlich parallel zu erledigen. Aber es ist auch ein Test, ob und wie ich das hinkriege.
Auch wenn ich vernetzt denke und mein Kopf rasend schnelle Rösselsprünge macht, so kann ich nicht agieren. Ohne Struktur scheitere ich, weil Strukturlosigkeit mehr Kraft braucht, als Struktur zu schaffen.
Seit ich letztes Jahr krank aus dem Arbeitsversuch ausschied, ist mein Spielraum, so weiterzumachen wie bisher, noch geringer geworden.

Ich konzentriere mich auf die kleinen Dinge und bei den großen sage ich immer öfter: Heute nicht mehr oder lege Sachen unvollendet aus dem Händen und mache später weiter. Das wäre früher unmöglich gewesen. Der Output wird geringer und die Welt wird übersichtlicher. Das ist gut.

Das Programm zur Vereinfachung der Welt bringt auch mit sich, dass ich an vielen Diskursen das Interesse verliere. Das meint nicht mich, das ist nicht die Welt, in der ich leben will. Ich habe damit nichts zu tun. PAL – Probleme anderer Leute. Es macht keinen Sinn, dass ich da nun auch noch dran rum analysiere.
Ich weiß noch nicht, ob ich viel verliere, wenn ich das alles loslasse. Oder ob es mich ohnehin verloren hat. Es ist auch nicht so, dass es mich gar nicht mehr interessiert. Ich denke darüber nach, aber Lust, mich laut dazu äußern, habe ich immer weniger.

Ich weiß nicht, was das ist. Alt werden? Verspießern? Weisheit? Klarheit? Die süße Interesselosigkeit dessen, der sich ernsthaft ans Nirvana hinarbeitet? (Hahaha!)  Oder nur die Resignation eines Menschen, der viel erlebt und immer öfter den Gedanken, hat, dass das jetzt, zu diesem Moment, eigentlich reicht. Es muss jetzt nicht noch mehr kommen. (Es kommt sowieso.)
Dass das Gefühl, sich als Angelus Novus zu fühlen, rücklings in die Zukunft hineinrasend, die Trümmer der Geschichte wahrnehmend, einfach nur Selbstüberhebung ist. Das bin nicht ich, das ist nicht meins. Nicht mehr.
Den sächsischen König von 1918 zitierend: „Machd eiern Dreck doch alleene…“

Aber die einfachen Dinge.
Nina Petri ist froh, dass ihre Kinder einen anderen Berufsweg als sie einschlagen. Ich habe die Frau immer sehr sehr bewundert. Sie hatte es in dem Job nicht leicht, weil sie kein hübsches Mäuschen war und gerade das hat ihre Arbeit so sehenswert gemacht.
Heiner Müllers Auftrag am Gorki Theater. Es hat mich wenig so geprägt wie dieses Theaterstück. Überhaupt. Müller. Sein dichterisches Grand Guignol passt in diese Tage. Ich habe immer wieder Merteuil im Ohr, wie sie angstvoll von „denen da“ phantasiert, die zu ihrer Gesellschaft und ihrer Existenz gehören, ob sie es will oder nicht.

Die noch einfacheren und sehr schönen Dinge: Das Enkel hat mich durch des Kindes Bauch freundlich angebufft. Wir haben uns also schon miteinander bekannt gemacht.
Und wenn es nächste Woche hier weitergeht, wird es sicher auch wieder weniger trübe, sondern hat ein wenig Weihachtsstrahlen.

Veröffentlicht unter Leben

Heute mäandert nix

Ich bin müde, das gibt keine längeren Texte, sondern nur Fotos, die ohnehin schon in den sozialen Netzwerken herumschwirrten. In dieser Woche habe ich mit den Händen einiges geschafft:
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Der lange Tweedrock ist nun fertig, versehen mit Spitze, Litze, Band und Stickerei. (Das rote Band ist innen und trägt den Saum.)
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Die erste Fair-Isle-Arbeit ist auch fertig. Eine Schottenmütze aus Alpaca-Seide-Gemisch in diskreten Farben. Zuerst war ich völlig konfus und habe mir beim Stricken fast die Finger gebrochen, dann war das Gestrick laienmäßig zu locker, aber am Schluss hatte ich die Koordination von zwei Farben auf der Hand ziemlich gut raus. Das mache ich wohl mal wieder.

Dann hat der Graf – wenn wir schon nicht mit selbstgebasteltem Adventskalender in die Mommie Wars ziehen, sondern gar keinen haben – den Adventsraumschmuck selbst gemacht.
Nachdem ihm nichts in den Läden gefiel, meditierte er eine Weile, schnappte sich ein Buchenbrett aus dem Lager und verschwand auf dem Boden. Dann sägte und schliff er zwei Stunden und heraus kam das Adventsbrett.
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Gefüllt ist es mit Walnüssen, gelben Blättern, Hagebutten und Walnussschalen. Bei solchen Gelegenheiten himmele ich meinen Mann immer maximal an.

Veröffentlicht unter Leben

Schäfchenwolkensonntagsmäander

Die Titel der sonntäglichen Blogposts sind immer so irritierend, dass sie sich – wenn diskussionswürdigere Themen drin stecken – schwer über soziale Netzwerke verteilen.
Da muss jemensch erst ein paar Zeilen über nassen Schnee im Garten der Freundin lesen oder über Gemach und Ungemach der letzten Woche, bevor der Abschnitt kommt, der interessant ist.
Tja, das ist halt so. Ich finde es auch ganz gut, weil die üblichen Diskussionskrieger aller Lager nicht so forsch hier einreiten. Wenn es zu unübersichtlich wird, mache ich Zwischenüberschriften, so wie heute.

Verpackung und Alltagslogistik in der DDR

Auf Twitter sprachen wir gestern über das Thema Plastiktüten und Verpackungen, Anlass war dieser Tweet.


Es gibt mir immer einen kleinen Ruck, wenn mir bei Frau Tulpe neuerdings ein Schwung Kleinkram – ein Stück Stoff, etwas Band, Garn, der Kassenzettel, die Rabatt-Tulpe etc. einfach so rübergeschoben wird. Im Weleda-Store passiert dasselbe, ich kaufe meine Hautcreme, die Verkäuferin legt sie an ihre Kasse, kassiert und wenn sie das Geld hat, stellt sie sie vor mich hin, legt Pröbchen daneben und wendet sich ab. Ebenso in der Apotheke, wo nun auch noch das kleine Ritual, verdeckt unterschiedlich begehrte Giveaways dazuzulegen, öffentlich wird. (Ein Hustenbonbon-Pröbchen oder doch wieder die Wegwerf-Taschentücher, die die Wäsche versauen?)
Ich habe zwar seit Jahren einen Polyester-Beutel mit dem Aufdruck „Zeeman Supertextiel“ in der Tasche, der einen mittleren Einkauf fassen kann, aber der Akt von Kauf und Inempfangnahme von etwas, für das man einen Wert in Geld hingegeben hat, ist für mich beschädigt.

Einkaufen im Westen war für mich auch der Akt, dass Waren bequem transportverpackt mit einem freundlichen Abschiedsgruß über die Ladentheke gereicht wurden. Heute besteht der letzte Akt des Kaufrituals im Wegdrehen zum nächsten Kunden, allerhöchstens in: „Und Sie komm so damit zurecht?“ oder „Tüte kost‘ aber jetzt 20 Cent extra.“

(Mal davon ab, dass ich einen schönen und praktischen Halter für ausgediente Einkaufstüten habe, um Müll zu sammeln.)

Die frenetische Berichterstattung über die Unverpackt-Läden kam bei mir nur als Horror ohne Tüten an.
In ganz üblen Zeiten lagen am Gemüsestand der DDR-Kaufhallen Zettel, auf denen stand „Sauerkraut. Verpackung selbst mitbringen“. Denn in den groben grauen Papiertüten aus Recyclingmaterial schaffte es ein Pfund loses Sauerkraut nur unter saften und stinken bis in die Küche des Käufers. (Mal ganz abgesehen vom Problem mit der Lebensmittelhygiene.)
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Nein, es gab keine Plastiktüten an der Kasse, in denen der Einkauf nach Hause getragen werden konnte und es gab für Waren, die in größeren Einheiten geliefert wurde, auch keine adäquaten Umverpackungen. (Und wenn es sie gab, waren sie sicher anderen Verwendungen zugeführt worden.)
Fleischsalat wurde in dünnes, schnell durchfeuchtendes Butterbrotpapier appliziert und zugedreht. 5 Eier in spitze, nachlässig verleimte grobe Papiertüten gepuzzelt. Mehl und Zucker waren zwar verpackt, aber rieselten und staubten aus allen Nähten. Milch gab es in schweren Halbliter-Glasflaschen mit dünnem Alufolienverschluß oder ewig kaputten, aus einem säuerlich riechenden Milchsee zu fischenden Schlauchbeuteln (erst mal eine Weile halten, abtropfen lassen und schauen, ob er womöglich pieselt).
Brote standen auf diesen großen fahrbaren Stiegen, mit denen es aus der Bäckerei kam oder wurden in ein Regal geknallt. Unverpackt. Es gab zwar das ungeschriebene Gesetz, dass man die Brote zur Auswahl der Frische nicht antatschen durfte, aber ein Papier, um die Hand zu schützen, lag nicht immer dabei. Brötchen wurden in eine verglaste Horte geschüttet und mussten unten mit einer Zange entnommen werden, wurden dann aber unverpackt in den Einkaufskorb geworfen.
Kartoffeln gab es nur in 5-Kilo-Netzen, sie waren voll Erde und gegen Ende des Winters halb vergammelt.
Einzelhändler wickelten ihre Ware Old School in Zeitungspapier. Wenn es keine Eiswaffeln gab, wurde kein Eis verkauft.
Gemüse, Obst und Bäckerbrötchen wurden in mitgebrachte Netze und Beutel der Käufer geschüttet. Es gab bedruckte Brotbeutel aus weißer Baumwolle, auf denen „Frische Brötchen“ stand, die man mit sich nahm, wenn man sich im Urlaub morgens eine Stunde beim Bäcker anstellte.

Überhaupt, ohne Netze und aus Resten der Kittelschürzenproduktion gefertigte, absurd gemusterte Dederonbeutel, die Menschen immer bei sich trugen, wäre nichts gegangen.
Heute werden diese Transporthelferchen in Museen ausgestellt, zusammen mit den mit primitivem ornamentalen Stempeldruck („Guter Einkauf…Obst und Gemüse sind ja soooo gesund…) versehenen Papiertüten. Vielleicht gibt es noch die Geschichte dazu, dass Menschen in der DDR sich immer dann zum Kauf anstellen mussten, wenn es etwas gab, nicht wenn sie Zeit dazu hatten.
Aber das ist nur die halbe Geschichte. Die Frauen kümmerten sich darum, die Lebensmittel und Waren des täglichen Bedarfs heranzuschaffen. Diese Frauen betreuten und transportierten dazu die Kinder, arbeiteten Vollzeit (*mit Einführung der 5-Tage-Woche 1967 hieß das: 43,75 Stunden im Einschichtsystem, 42 Stunden im Zweischichtsystem und 40 Stunden im Dreischichtsystem) und hatten in 95% der Fälle kein Auto zur Verfügung.
Die Entfernungen waren unterschiedlich. Hatte man Glück, wohnte frau gleich neben der Kaufhalle (ist mir zweimal passiert), hatte man Pech, schleppte frau den Einkauf einen Kilometer. Ein Wochenendeinkauf hatte mit Milch, Kartoffeln und Getränken schnell 15 Kilo. Es machte meist auch wenig Sinn, sich das auf tägliche Gänge aufzuteilen, weil die Wartezeit an den Kassen nach Feierabend lang war.
Kaum jemand hatte Zeit, nach der Arbeit erst einmal nach Hause zu gehen und die nötigen Verpackungen und Transporthelfer zu holen.
Die müde Ost-Mutti ging von der Arbeit kommend in den Kindergarten und dann einkaufen (wenn sie es nicht schon während der Arbeitszeit getan hatte) und zerrte ebenso müde und quengelnde Kinder mit sich, die sich an ihre 2-3 Beutel und Netze hängten. Oder sie fuhr mit dem Rad, den Einkauf links und rechts am Lenker hängend, die Kartoffeln auf dem Gepäckträger, ein Kind im Korb vor dem Lenker und eines dahinter, auf einem kleinen Kindersattel.
Waren die Kinder größer, schickte man sie zu Teileinkäufen. Wobei das nicht immer risikolos war.Die Milchflaschen gingen auf dem Weg zu Bruch oder das Kind griff nach dem Brot, auf das sichtlich schon jemand draufgetreten war und traute sich nicht, ein anderes zu nehmen (denn angefasst wird gekauft). Die Verkäuferinnen drehten ihnen die miesesten Waren an, die Brötchen von gestern, die Blumen, die schon rieselten, die angedetschten Äpfel, weil sie wussten, sie konnte sich nicht wehren und die Eltern hatten keine Zeit, sich zu beschweren.
Marktbesuche (jede Stadt hatte ihren wöchentlichen Bauernmarkt, der um 6 Uhr morgens öffnete) waren nur möglich, wenn man von der Nachtschicht kam oder aber alles mit zur Arbeit nahm.
Die älteren Landbewohner nutzten noch gern Bollerwagen in verschiedenen Größen, aber das hieß: Genug Platz, um sie aufzubewahren, kürzere und ausreichend befestigte Wege und immer der Extragang, um ihn erst einmal zu holen.
In meiner Erinnerung war sämtliche Alltagslogistik arbeitender Menschen in der DDR damit verbunden, schwere, unkomfortabel verpackte Dinge weit zu schleppen, obwohl man erschöpft und hundemüde war. Zu Hause erwartete einen dann eine Wohnung mit kalt gewordenen Öfen und Kohlen mussten auch noch aus dem Keller hochgetragen werden.

Zumindest funktionierte der Expressgepäckdienst der Reichsbahn noch. Man gab Dinge am Bahnhof auf und sie wurden einem mit einigem Glück für wenig Geld sogar nach Hause geliefert. So bekam man einen Eimer Kirschen, der mit einem Tuch zugebunden war, vom Land geschickt oder sendete einen geerbten Tisch von Dresden nach Berlin, den man vorher in alte Tischdecken einnähte.

Größere Dinge waren ebenfalls ein Problem. In die Autos  – wenn man denn überhaupt eines hatte – passte so gut wie nichts rein und einen Feder- oder Achsbruch wegen Überladung riskierte man ungern, das war kaum zu reparieren.
Der Mann von Welt hatte einen Trabant mit Anhängerkupplung und einen Anhänger. Damit ließen sich Zementsäcke, Bretter, Ziegelsteine, Möbel und Haushaltsgeräte problemlos transportieren. War der Mann von Welt geschäftstüchtig, verdiente er sich mit Transportdiensten sogar etwas dazu.
War man jung und hatte nix, schleppte man einen Zentner Reisstrohmatten von einer Freizeitverkaufsausstellung auf dem Buckel zur Straßenbahn. (Danke Bruderherz!)

Kleine Anekdote am Rand: Als ich in der Reha war, erzählte mir eine Endfünfzigerin aus dem Erzgebirge, sie kenne alle Campingplätze rund um Ostberlin von früher. Die Sachsen machten dort Urlaub, um im besser versorgten Berlin Mangelwaren einzukaufen. Sie lösten ihr Logistikproblem äußerst clever. Sie reisten mit Einkochgläsern voller Essen an – Suppe, Rouladen, Sauerbraten – leerten diese, sparten sich damit auch das aufwändige Kochen, kochten in diese Gläser Pfirsiche ein, die es nur in Berlin zu kaufen gab und nahmen sie mit nach Hause. Fazit dieser Frau: „Das war die schönste Zeit meines Lebens!“.
Ich schwieg dazu.

Jenseits von dieser Anekdote: Ist es nachvollziehbar, dass ich es schätze, Waren gut tragbar verpackt überreicht oder nach Hause geliefert zu bekommen?

Sehr lesbares

Frau Kiki und Frau Nessy haben Klartext über einige Aspekte unserer Welt seit der Präsidentenwahl geschrieben. Wer sich nun vor allem in Angst-und Bedrohungsszenarien ergeht und die Schuld bei anderen sucht, liest die eine oder andere Bemerkung in diesen Texten vielleicht nicht gern. Da muss mensch durch.
Frau Nessy schreibt über die Wahl der Entmachteten und Kiki, deren pointierten Stil ich sehr schätze, reizt die eine oder andere mit ihren Zwo Cent zur Wut und schnippischen Werturteilen.
Wer nie Gelegenheit hatte, außerhalb von Kultureinrichtungen und Startups zu jobben, sollte diese Reportage aus der anderen Welt des Niedriglohns lesen.

Nachtrag: Das noch. DER CLUB “AUX BONNES MOEURS” Ich bin mit Emigrantenliteratur aufgewachsen. Wenn ich das lese, schwingt in mir eine lange verstummte Saite.

BTW Je öfter ich diese Statements höre, dass „die da“ Idioten sind, mit denen man nicht diskutieren kann, desto mehr bin ich dafür, Studenten wieder in Betriebe zu schicken, damit sie in einfachen Tätigeiten mal auf Augenhöhe mit anderen Menschen als ihresgleichen zu tun bekommen.
Wer wirklich Durchblick hat, weiß, dass Leute zu drastischen Worten greifen wenn sie nichts zu verlieren haben und man ihnen ansonsten eh nicht zuhört. Jenseits der Worte: Im Augenblick tritt jeder nach unten. Die Eliten auf die Normalos, die Normalos auf die Anderen.
Die Ausländerpolitik der Bundesregierung ist Anlass. Die Ursachen liegen wesentlich tiefer und sind, unter eigenen Verstrickungen, auf Anhieb und mit wenig Zeitabstand nicht so einfach zu erkennen. Dazu wird es noch eine Weile brauchen.
Den Lauf der Geschichte indes werden wir nicht aufhalten können. Wir ernten, was wir gesät haben.

Veröffentlicht unter Leben