15.11. 10

Neben einem normalen Montag am Schreibtisch stand ein hausfraulicher Rundumschlag in der Wohnung an.
Ich. Putzte. Sorgfältig. Was sonst nicht unbedingt so meine Sache ist. (niedere unproduktive Frauenarbeit). Bis dahin, daß ich die steinbruchwürdigen Kalkablagerungen auf der Mischbatterie im Bad mit einer Zahnbürste abscheuerte. Danach war ich stolz.
In der Kraftwerkssiedlung, in der die andere Oma und die Großtante früher wohnten, hatte eine Frau dieses Pensum jedem Tag zu erledigen. Trockene und feuchte Grundreinigung und eine besondere Sache wie bohnern oder Fenster putzen. Neben Wirtschaftsgeld sinnvoll verwenden, Geschirr spülen, heizen im Winter und Schrebergartenarbeit im Sommer, kochen, Kinder betüddeln, Mann abends verwöhnen, Locken drehen, Kehrwoche, Haustratsch und einkaufen.*
Ein Fulltimejob.
Ich habe noch ein altes Koch- und Haushaltsbuch, in dem, neben akribisch auf den Pfenning mit Kosten versehenen Rezepten, der empfohlene Tagesablauf für eine Hausfrau steht. Wann sie den Herd putzt, daß sie effizient sein und nicht dreimal mit jeweils mit einer Sache einen Gang erledigen und vor allem, daß sie immer ein Staubtuch in der Schürzentasche tragen soll, um alles, woran sie vorbei kommt, abzustauben.
Tauschen möchte ich mit so einer Existenz nicht. Obwohl mir der Waschtaggeruch immer noch sentimentalitätserregend in der Nase hängt.

Am Abend kam das Kind. Wir aßen zusammen und ich testete Frau Coolcats Naanbrot. So richtig zufrieden bin ich noch nicht. Es schmeckt, aber ist recht kompakt und ging nicht richtig auf, was bei der Menge an Hefe und Backpulver verwundert. Allerdings verwendete ich statt Weizen- eine Mischung aus Reis- und Maismehl, das ist meistens fester oder bröseliger und braucht wesentlich mehr Feuchtigkeit.
Ich werde das nächste Mal keine Bio-Trockenhefe nehmen und frisches Backpulver, denn mein Vorrat ist auch schon drei Jahre alt.
Dazu aßen wir mein scheinbar endloses Kürbiscurry und tranken einen Rosa Grande Isola dei Nuraghi. Ein wunderbarer Mädchenwein.
Dann verkrümelten wir uns in die Bettnische, plauderten, tranken den Wein aus, futterten Schokolade, die sie mitgebracht hatte, spielten mit dem iP*d und ich bekam Nachhilfe in Junge-Leute-Fernsehen:
(läßt sich scheinbar nicht einbetten)
Schnuckel 1
Schnuckel 2
Schnuckels 3
Ich find die alle wesentlich schwiegersohntauglicher als die verranzten Parka- oder Sicherheitsnadelnträger, die wir früher anhimmelten.

An alle, die überlegen und zögern: Es ist schön, nicht auf die 60 zuzugehen, wenn ein Kind volljährig ist. Es mag sein, daß es für einen selbst weniger Kindsein im frühen Erwachsenenalter bedeutet. Weniger Party, mehr Verantwortung, Disziplin und Verläßlichkeit. Ein Kind ist nicht teuer. (Es ist allein schon bescheuert, so einen Satz schreiben.) Wenn es wirklich teuer wird, im Teenageralter, habt ihr euch so weit beruflich etabliert, daß es tragbar sein wird. Trennt euch von dem Gedanken, euch aufgeben zu müssen für ein Kind. Ein Kind hat seine Position in der Familie, wie ein Junges in einem Rudel. Die Alten sind der Boss. Sie schaffen das Futter ran, bewachen den Rastplatz und sind liebevoll, nachsichtig, aber führend.
So, das war der Kommantar von Kitty’s Flying Matriarchal Service.

*irgendwas stimmt mir der Groß- und Kleinschreibung in diesem Satz nicht…

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14.11. 10

Die letzten Tage waren eigentlich eine tagebuchwürdige Zeit. Aber Würde ist zweischneidig und sie brachte mich dann doch dazu, Diskretion walten zu lassen.
Ich habe einige Erfahrungen und Lehren mitgenommen.
Zum einen, daß ein von zwei Ärzten empfohlenes, weil nicht suchterregendes Mittel gegen die Mischung aus schwerer Erschöpfung und total aufgedreht sein nicht unbedingt indivduell verträglich sein muß. Ich fühlte mich 30 Stunden lang wie auf einem sehr üblen Drogentrip. Mit komplettem Verlust des Zeitgefühls. Hinlegen und bei voller Beleuchtung pennen. Zwischendurch etwas tun, ohne mehr als bruchstückhafte Erinnerung daran zu behalten (ich kochte, mit meinen äußerst scharfen Küchenmessern). Mischungen aus Halluzinationen und Alpträumen, in denen ich mir mit dem Küchenbeil die Finger abhackte. Koordinationsproblemen beim Laufen und Sehstörungen, als hätte mich einer in Aspik oder Götterspeise eingelegt.
Danke, das brauche ich nicht noch einmal. Darüber hinaus faßte ich den Entschluß, auch das Mittel, das ich seit einem Jahr stabil nehme, im Frühjahr nächsten Jahres behutsam abzusetzen. Das muß alles nicht sein. Ich bin ich. Mit allen Ängsten, Höhenflügen und anderen Macken. Ich bin schließlich schon einen guten Teil meines Leben mit mir ausgekommen.

Zum anderen, daß es besser war, die Kampfzone nun endgültig, in gemeinsamer Übereinstimmung zu verlassen. Ich war kaum noch in C-Burg und wenn ich da war, hatte ich einfach nicht mehr den Handlungsspielraum, den ich einst glaubte, besesssen zu haben oder – anders formuliert – ich hatte den Schlüssel zum angepaßten Verhalten nicht mehr.
Nicht daß man mich falsch versteht. Alles hat bekanntlich zwei Seiten. Ich habe viel Unterstützung, Zuverlässigkeit und Fürsorge in den letzten anderthalb Jahren erfahren. Aber ich war in den 4 1/2 Jahren nie die Frau, die mein Gegenüber sich wünschte und umgekehrt, vermißte ich vieles, das ich als Selbverständlichkeit betrachte

Hm, nun bin ich also Bestandteil dieser Singlekultur. Schon komisch, denn ich habe nur Erfahrungen aus äußerer Anschauung.
Ich war immer langfristig verbandelt. Mal glücklich, mal weniger glücklich, mal anstrengend, mal leicht und produktiv. Mein Leben bestand aus serieller Monogamie mit halbjährigen Pausen dazwischen.
Was werde ich jetzt tun? Mich auf Ü30-Parties schleppen und mir Baggersprüche anhören? Eine griesgrämige Frau „um die“ werden? Vielleicht kann ich nun auch meinen Traum verwirklichen, an einer Barbara-Cartland-Alterskarriere zu bauen.
Auf jeden Fall habe ich nun jede Menge Zeit und Energie und keiner redet mir dazwischen.

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10.11. 10

Wenn es nach dem ginge, was ich derzeit aufzuschreiben habe, dann wurde ich den ganzen Tag maschinengewehrartig Texte verfassen. Nicht nur zu Befindlichkeitsthemen, sondern auch zum Thema Fernsehen, dem alten Dinosaurier, Alternativmedizin und Atomstrom.
Aber der liebe Gott hat mir nur 24 Stunden Tageszeit und ein gewaltiges Schlafbedürfnis geschenkt und so spare ich es mir, die Menschheit mir meinem Gelaber zu erquicken.
Seit gestern steht in meinem Nestchen ein Widergänger herum. Eine uralte Buchenholzkommode mit geschnitzten Jugendstilblümchen, der mein Urgroßvater den größten Teil der Drechseleien und Schnörkel abgenommen hat, als es nicht mehr modern war. Sie ist ein Mordstrumm und müßte seit Jahren aufgearbeitet werden. Ich hatte sie schon einmal verschenkt, weil ich sie nicht wegwerfen wollte, aber nun ist sie wieder da, weil ich sie brauche. Sie ist unkaputtbar und faßt mehr Klamotten als ein Schrank. Was man von den Teilen beim Möbelschweden nicht unbedingt sagen kann. Ich habe eine Spitzendecke über die zerschrammte eichenfarbige Nitrolasur (eine meiner jugendlichen Heimwerkersünden) gelegt und werde das gute Teil wohl deckend lackieren müssen, denn alles andere ist zu viel Arbeit.
kommode
Dann gibt es seit gestern ein Bord im Bad für Handtücher und zwei Haken an der Wand im Wohnzimmer, um Klappstühle daran aufzuhängen. – Platzmangel macht erfinderisch.
Die alte Dame von schräg gegenüber hat es nun auch endlich mal geschafft, sich Zutritt zu meiner Wohnung zu verschaffen und sich alles anzusehen. Die platzte ja schon vor Neugier und hatte immer am Klingelschild zu polieren, wenn ich etwas größeres vor die Tür schaffte. Jetzt muß ich nur noch die Drohung „Adventskaffee und Spielenachmittag“ umgehen.

Ach und nun fehlt mir nur noch ein Lesesessel. Aber das ist das Schwierigste.

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