Ich bitte um freundliche Beachtung meines neuesten Zuganges auf der Blogroll.
Archiv des Monats: November 2008
Ich möchte kein Eisbär sein
Ringsum schmilzt das Eis, wir drängen uns weiter zusammen, ab und an fallen welche über den Rand;
Es gibt Sätze, die sitzen einfach.
Wenn ich in den letzten Jahren meine kleinen Branchenanalysen unter Beachtung meiner Untersparte der Mediendienstleister gegeben habe, habe ich von Konzentrationsprozessen gesprochen, die unumgänglich seien, weil Branchenreifung und Marktentwicklung parallel laufen (schließlich haben 80% von uns kleinen Krautern in den Boom reingegründet), ich schloß meistens mit dem coolen Satz: Demnächst werden die ersten über die Klinge springen. In meiner intellektuellen Gewitztheit war ich mir immer sicher, daß ich das nicht wäre, denn ich wüßte ja, wie es funktioniert. Nur wird Draufsicht nicht mit einer Versicherungspolice belohnt. Wenn dann noch einiges zusammenkommt: Heikle Gesundheit, energiezehrende, langgezogene Beziehungsfindung und ein Mix aus allzuviel Selbstsicherheit und Überdruß, dann sage ich mir: He paß auf, daß du nicht demnächst auf der Autobahn herumhoppelst und mit großen Augen in die sich nähernden Scheinwerfer schaust.
War da was mit Mauer?
Vor zwei Tagen habe ich bemerkt, daß der Jahrestag des Mauerfalls diesmal fast spurlos an mir vorüber ging, genauso wie der Tag der Deutschen Einheit. Sonst habe ich daran gedacht, was wäre, wenn alles beim alten geblieben wäre, die Mauer tatsächlich 100 Jahre gehalten oder die DDR den alternativen Weg der Demokratiefindung gewählt hätte. Ich habe mich an das Gefühl erinnert, es kaum fassen zu können, daß nun alles anders wird, daß die Welt auch auch ohne Krieg plötzlich offensteht.* An meine Fassungslosigkeit, meine Tränen und mein Glücksgefühl. In diesem Jahr fühle ich mich erstmals in einer gesamtdeutschen Gesellschft angekommen. Vielleicht hatte der olle Kohl tatsächlich recht mit der Schätzung, daß es 20 Jahre brauchen würde. Oder es liegt in der Luft, daß wir in den nächsten Jahren alle im selben Boot sitzen und betend durch die Weltwirtschaftskrise treiben.
Jedenfalls sind die Momente selten geworden, in denen ich bemüht bin, meine Herkunft zu verbergen. Ich habe zwar den üblichen kleinen Hacker, wenn sich jemand auf einen vermeintlich einenden kulturellen Kontext beruft, aber mittlerweile sage ich: Nee, das kenne ich nicht, das gabs in meiner Kindheit nicht. Dann vermutet niemand, daß ich als Zeuge Jehovas aufgewachsen bin, sondern weiß schon Bescheid. Manche Ossis setzen vor mir zur der Erklärung an: Sie müssen wissen, ich bin nämlich aus der ehemaligen DDR. Dann kann ich sagen: Ich auch.
Es ist mir wichtig, daß ich es nicht nötig habe, mich irgendjemandem zu erklären.
Natürlich merke ich die Unterschiede. Ich trage mein Herz auf der Zunge und meine Gefühle meistens im Gesicht geschrieben. Ich füge mich schnell in unabänderlich erscheinendes. Ich kann keinen Smalltalk. Gespräche müssen für mich Substanz haben, sonst lohnen sie nicht. Ich esse für mein Leben gern und betrachte meinen Körper nicht als mein Aushängeschild. Mein Geschmack ist einen Tick zu aufgesetzt. Ich habe keine Ahnung von Inneneinrichtung. Dafür kann ich schneidern. Ich kann mich nicht als Frau benehmen, sondern bewege mich unbefangen in Männerdomänen. Ich brauche Nähe. Ich bin, was Männner betrifft, nicht kalkuliernd und habe Probleme damit, ein geringeres Einkommen als mein Partner zu haben. Ich fahre schlecht Alpinski und kann nicht surfen. Ich habe Angst davor, Englisch sprechen zu müssen. Dafür würde ich es überleben, wenn man mich in Rußland aussetzt. Ich muß auf Reisen immer checken, wo ich das nächste Essen und Trinken herbekomme, ich trage Klopapier und zur Not einen feuchten Waschlappen in einer Plastiktüte bei mir. Ich gewöhne mir langsam ab, overdressed zu sein und trainiere mir etwas edleres Understatement an. Ich kann mich nicht frisieren und tendiere deshalb zu praktischen Kurzhaaarfrisur. Wenn ich unsicher, müde oder überrumpelt bin, falle ich in brachialen Ost-Berliner Dialekt. Ich habe kein Vermögen und keine Immoblien aus Erbschaften. Ich finde ein Mercedes ist ein geiles Auto.
(Diese Liste läßt sich beliebig ergänzen.)
Jenen, die mit großer Gönnergeste unterstreichen, daß sie uns vor knapp 20 Jahren wie die Affen von den Bäumen geholt haben, fahre ich übers freche Maul. Schließlich habe ich genauso viel Solidaritätsbeitrag gezahlt wie sie. Und jammernde, lethargische Ossis (wobei ich den Eindruck habe, im Hartz IV-Bereich verschwimmen die Unterschiede auch gerade.) sind genauso wenig mein Fall.
Mal schauen, wie das nächstes Jahr aussieht.
*Ich kleines Kommunistenkind war tatsächlich der Meinung, eine Wiedervereinigung könnte es erst geben, wenn der Sozialismus auch im Westen gesiegt hätte oder wenn der Osten erobert worden wäre. Das hätte Krieg bzw. Revolution bedeutet und wäre auf jeden Fall blutig gewesen. Daß dieser Staat einfach zusammenklappt hätte ich mir – wie so viele – nie träumen lassen.
Mein neuer Friseur
stammt aus einem der Neu-EU-Staaten. Er macht seine Arbeit hervorragend und in wesentlich schnellerem Tempo als sein Vorgänger. Die Konversation mit ihm ist, … nun ja … anders. Also nicht, daß ich vom Mond komme, ich hatte schon den einen oder anderen schwulen Haareschneider. Aber dieser spricht sehr schnell, mit brachialem osteuröpäischen Akzent und nur über F…, F…, F… Und – so weit ich das eruieren konnte – nur mit männlichen Kunden und mit mir. Wenn vor mir eine Frau dran ist, redet er über die Kinder, Schule, Inneneinrichtung und ähnliches. Bei mir braucht er drei Sätze, dann ist er bei Buben mit schönen Ärschen, was ihm neulich im Tiergarten passiert ist und wer ihm mal den A… aufreißen soll, denn er sei schließlich ein Mädchen. Die ersten drei-viermal hatte ich Augen so groß wie Teetassen, der Mund blieb mir offen stehen und die abgeschnittenen Haarspitzen rieselten hinein. Später dann rettete ich mich in hysterisches Lachen. Heute wurde es interessant. Er erzählte von seinem neuesten Spusi, zwei Brandenburger Bauern, die gemeinsam einen Hof bewirtschaften und sich immer mal Abwechslung ins Haus holen. Er schwärmte von gesunden, natürlich muskulösen Körpern (Stichwort: Jungbauernkalender), jeder Menge Potenz, Offenheit, Neugierde und – Herzenswärme. Im Gegensatz zu den näheangstlichen städtischen Singles, die erstmal mit einer Ausschlußliste kämen, was alles nicht ginge, gar nicht ginge und überhaupt garnicht ginge.
Hach!