Unten auf der Straße

wird eine ZDF-Komödie gedreht. Um abzuchecken, ob mir demnächst alte Bekannte über den Weg laufen, schaute ich mir die Presseinfos über das Projekt an.
Hua, ich hätte auch einen miefigen Keller aufmachen können: Junges Mädchen aus der Provinz, das in Papas Mietshaus im Prenzlauer Berg wohnt, schmeißt heimlich ihr Jurastudium und betreibt mit ihrem polnischen Freund eine Möbelrestauration. Mama kommt nach Berlin, um heimlich ein Vorstellungsgespräch für einen hochdotierten Kulturjob zu absolvieren. Papa nutzt ihre vermeintliche Freundinnenreise, um mal beim Kind nach dem Rechten zu sehen. Danach sehen Sie herrlich hektische Situationen, Verwechslungen und ein Happy End.
Soso, die Frauen machen vor dem Patriarchen die Dinge besser heimlich, wie vor ein paar hundert Jahren bei Molière. Aber egal, das ist ein immer willkommener überlieferter Stereotyp.
Ich höre schon die unvorhergesehenen Wendungen in den Scharnieren quietschen. Mutti hat in Berlin natürlich bisschen außereheliche Versuchung, der Crush erweist sich aber als Irrtum. Papa gesteht der Tochter, dass er sein Studium auch mal geschmissen hatte, Jahre in einer Selbsthilfe-Tischlerwerkstatt an der Hobelbank stand und nur höheren Familienmächte zuliebe (hier einfügen: Krankheit der Eltern, Schwangerschaft der Freundin) wieder in die Uni zurückkehrte und dass er seinen bürgerlichen Job auch manchmal hasst. Am Schluss stehen sie dann lächelnd zusammen, Papa steigt ins Restaurationsgeschäft ein und Mutti übernimmt die Studentenbude für ihre neuen Job und alle umarmen sich. Und der polnische Freund wird natürlich immer mit dem Hausmeister verwechselt, aber auch das löst sich auf.
Die Prenzlauer Berg-Story ist gut gereift und abgehangen. Studierende wohnen heute in Neukölln oder Friedrichshain, wenn die Eltern Kohle haben, und restaurieren keine alten Schreibsekretäre gemeinsam mit polnischen Tischlern, sondern betreiben Urban Gardening mit kanadischen oder neuseeländischen Hipstern. Aber das ist doch ein bisschen fremd und erklärungsbedürftig und der größte Teil des Film wäre in Englisch. So gesehen wird eine für das Zielpublikum nahe Geschichte, wie sie heute nur noch in Minden oder Neubrandenburg passieren könnte, auf Berlin projiziert.
Ohne öffentlich-rechtliche Apparatur aus biedermeierlichem Komödienklischee, Zeitmaschine und Projektor würde die Geschichte so gehen:
Die Tochter, nennen wir sie Nele, hatte vor Jahren schon ihr Jurastudium zugunsten zweier Kinder und Familienmanagement-Tätigkeiten aufgegeben und einen vielversprechenden Referendar geheiratet. Nele wohnt mit den Kindern, zwei süßen vollumfänglich geförderten Rackern, in Papas Mietshaus im Prenzlauer Berg und der Referendar, längst erfolgreicher Rechtsanwalt, wohnt seit einem Jahr ein paar U-Bahnstationen entfernt, man hat sich halt auseinandergelebt. Ihre Studiumsliebe, der polnische Tischler, hat in Polen eine große Möbelfabrik, manchmal googelt Nele nach ihm und denkt an die Zeiten, in denen sie eine Möbelrestauration im Laden gegenüber eröffnen wollten, in dem mittlerweile unerschwingliche Designerware für die Leute aus den verglasten Dachwohnungen steht. Nele arbeitet noch immer gern mit den Händen, sie bäckt wunderschöne Cupcakes und träumt von einer kleinen Konditorei, in der sie sie dann verkaufen könnte. Nur leider können ihr ihre Eltern nicht mehr helfen, das Geld geht für ihre Pflege drauf. Wenigstens wohnt Nele mietfrei und mit Bed and Breakfast bessert sie den Etat auf, denn ihr Ex weigert sich, für sie Unterhalt zu zahlen, außerdem lernt sie dann interessante Leute kennen, die weit herumgekommen sind.
Nur ist das keine Komödie und es gibt keine Handlung. Weil niemand sich rührt und alle nur den Staus Quo halten wollen, aber von einem anderen Leben träumen.
Doch, einer hat sich bewegt, der Ex-Gatte. Der hat inzwischen mit einer Werkstudentin, die ihm versichern musste, keine Kinder zu wollen, ein neues Leben angefangen.

Aus mir wird nie eine in Deutschland marktfähige TV-Komödienautorin. Die Autorin des oben stehenden Drehbuchs hat sechs Jahre über mir Theaterwissenschaft studiert, ihr Vater ist ein früher recht bekannter Regisseur und Brecht-Schüler.
Und die Süßstoff-Komödie ist die Königsdisziplin der ZDF-Fiction… Ach lassen wir das.

Hundstage

Die Stickmaschine ausprobieren, dafür den 10 Jahre alten Büro-Laptop plattmachen und noch mal übertief in die Windows-Welt eintauchen. Nebenher ein Kleid fertig nähen und der Graf probiert sich mit Erfolg an der Nähmaschine. Über Trachten und heutige Mode nachdenken. Schwimmen üben, denn das Elbeschwimmen rückt näher. Szenische Lösungen im Kopf wälzen und die mit Finanzierbarkeit abgleichen. Schwitzen und unter der Hitze stöhnen.
Obwohl die Tage lang sind wie nie, passt nur ein Teil meiner Vorhaben hinein. Ich müsste ausdünnen, nach dem Spielmodus tut Fokussierung not. Aber noch zögere ich, es macht einfach Spaß.
Nachts falle ich dann in tiefe, traumlose Schwärze.

Verglüht

Das wars dann mit Tagebuch. Die Tage sind derzeit einfach zu voll.
Am Wochenende waren wir in Dresden, weil der Graf an einer Tagung teilnahm und ich floh, nachdem ich den Grafen morgens abgeliefert hatte, immer nur in die Kühle. Am Samstag saß ich unter einer Weide neben dem Schloß Pillnitz im Schatten, am Sonntag ging ich gleich ins Militärhistorische Museum, weil es da kühl und menschenleer war.
Wir hatten Quartier in Loschwitz und benahmen uns genau so wie die Touristen in Berlin. Saßen in den Touribiergärten, fanden disneylandhaft hergerichtete Stadtteile allerliebst und suchten cool places in der Neustadt. Meine Lieblingsorte, das Nymphenbad morgens bei Sonnenaufgang und der Friedrichstädter Neptunbrunnen, den ich noch als trockene zerfallene Ruine kenne, ließen wir aus, zu heiß, zu früh.

Das Militärhistorische Museum ließ mich sehr erstaunt zurück. Zum einen fand ich es ganz groß, Krieg und Militär so tief in gesellschaftlichen und kulturellen Kontext einzubetten, zum anderen fühlte ich mich schwerst überpädagogisiert. So, wie die Ausstellung gestaltet ist (ich habe im historischen Teil allerdings nur die Neuzeit gesehen, das ist alles viel zu umfänglich, aber das Konzept zieht sich durch), lässt sie Militaria-Fetischisten gottseidank draußen, urteilsfähige Menschen kommen aber zu kurz, finde ich.
Man stelle sich vor, eine Gesellschaft definiert ihr Verhältnis zu Nacktheit und Sexualität neu und baut eine Gemäldegalerie um. Statt der üblichen Ansammlung schwelgenden Fleisches in mannigfachen Aktionen und Posen inklusive Erklärungen zu Künstlern und Ikonografie gibt es nun die Schlummernde Venus, einen Mädchenraubschinken und Leda und den Schwan, aber immer nur ein Bild, verbunden mit einem Wust von Erklärungen zu Schwänen, Reitunterricht und einem Exkurs zu Schlafbekleidung, damit sich ja niemand daran erregt.
Ja, das Verhältnis zu gesellschaftlich sanktionierter Aggression hat sich massiv gewandelt, wie überhaupt das Verhältnis zum Umgang mit Aggressionen. Aber wie verändern sich Gesellschaften dann? Haben wir wirklich eine Strategie dafür? Man muss nicht Ian Morris heißen, um zu wissen, dass Krieg allzu statische und undurchlässige Gesellschaften durcheinanderwirbelt, ein Vorgang, der qua Besitzstandswahrung sonst seltenst passiert.
Auch dem  Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs schleppen Kriege hinterher. Die friedliche Revolution war nur in einem historisch engen Zeitraum und Areal tatsächlich eine, wenn wir uns aktuelle Ereignisse anschauen.
Meiner Familie, Menschen, die allesamt am Kriege führen nicht interessiert waren, hat der zweite Weltkrieg im Ergebnis einen gesellschaftlichen Aufstieg aus der Arbeiterschicht ermöglicht, den sie sonst nie gemacht hätten. Hätte es Alternativen gegeben?
Haben wir Alternativen? Warum lesen wir dann heute noch für Managementtechniken Sunzi und Clausewitz? Mit diesen Fragen kam ich aus dem Museum.
Zumindest eine Frage hatte sich mir beantwortet. Am Abend vorher diskutierte der Graf mit mir über Uniformen und warum die Infanterie nicht so augenfällig gekleidet ist, wie die Marine oder die Flieger. Ich lernte etwas über den Krieg der Massen im industriellen Zeitalter, der den Krieg Mann gegen Mann ablöste und die neuen personifizierten Helden, Flieger und U-Boot-Kapitäne.

Am Montag fuhren wir zurück und hielten für ein Stündchen in Zabeltitz, um das Schloss anzusehen. Das liegt sehr verwunschen und still in eine ruhigen Heidelandschaft. Leider ist es keine Unterkunft, es gehört der Stadt Großenhain, die es scheinbar als Eventlocation benutzt.

Dann hatte uns Berlin wieder, mit Lärm von der Weinerei, der sich nach Mitternacht aus dem Spielplatz fortsetzte, europäische Spielkinder eben, und Hitze, fürchterlicher Hitze.

16/7/14 Tagebuchbloggen

Gestern klingelte der Wecker früh, weil ich mich mit einer Freundin traf, deren Website eine neue Struktur und die eine Einführung in Facebook für ihre berufliche Seite braucht. Bei Facebook kann ich nur sagen: Einfach machen. Das ist so komplex, das kann man nicht erklären.
Danach brachten der Graf und ich die Nähmaschine zum Händler, damit er uns in zwei Tagen das Stickmodul vorführen kann. Wie immer standen wir erst mal in diesem Laden, der ist seit kurzem übervoll und ich konnte mit Freude feststellen, dass mein englisches Nähvokabular gut abrufbar ist. Die Verkäuferin verstand eine Kundin nicht, die dicke Nadeln und Garn für die Nähmaschine brauchte, um eine Hängematte zu nähen.

Dann fuhren wir nach Friedrichshain zur Wasserstelle, der Kühlschrank soll demnächst mal an die Leitung abgeschlossen werden. Der Laden hat Websitegewirr. Hier und hier. (Verschiedene Zielgruppen???) Die bräuchten auch mal jemand, der ihnen die Kommunikation sortiert. Ich mags ja nicht, wenn man mich so anbrüllt bzw. mir Eso-Kram aufschwatzt.

Da wir gerade in der Richtung Osten unterwegs waren, fuhren wir weiter stadtauswärts und testeten die Seen um Kaulsdorf/Mahlsdorf/Biesdorf. Wir schwammen eine Stunde im Habermannsee und machten wunderbare Sozialstudien über alte und junge Ossis.
Als ich wieder Richtung Ufer schwamm, waren an meinem Einstieg zwei junge Frauen im See, die die ganze Zeit wassertretend plauderten. Über ihre aktuelle Diät, was sie essen dürften und was nicht, wie ihre Gewichtsentwicklung sei, wie sie gesündigt hätten, dass sie die Woche über jeden Tag Sport treiben müssten, damit sie am Wochenende bei Muttern mal Kuchen und Kartoffelsalat zu sich nehmen könnten. Ich kriegte Ohrensausen von diesem körper- und essenreglementierenden Gerede.
Als ich mich abtrocknete, beschlossen sie auch, aus dem Wasser zu kommen. Denn: “Boah, das zieht schon richtig an den Oberschenkeln und Armen, wenn man so lange schwimmt.” Ja, nee, is klar.
Die eine war normal, die andere vom Körpertyp her etwas weich und üppig. Völlig normale, unterschiedlichen Menschen also. Vielleicht ist diese Körper- und Ernährungsfixiertheit ja auch eine Form von Volksablenkung. Sie frisst Braintime.

Der Abend verging mit Schreiben über Tracht und Dirndl am offenen Fenster.
Und wenn mir jemand weiterhelfen kann, wie ich ein “for editorial use” getaggtes AP-Foto ins Blog bekomme, ohne abgemahnt zu werden, bin ich sehr dankbar. Ich muss das Foto ja nicht umsonst haben, wenn es kostet und ich es mir leisten kann.