Stürmischer Spätsommer

Hier geht ein großes Sortieren und Räumen los, verbunden mit hektischen Stricken von warmen Socken. Ich bin ja Frühpackerin. Sobald ich weiß, es geht irgendwann los, fange ich an, die Dinge einzupacken, die ich selten brauche. Lagerbestände, die Kleidung der entgegengesetzten Jahreszeit, alte, noch aufzubewahrende Akten.
Immer noch in der Hoffnung, dass der große Verschiebebahnhof im Norden auch in der geplanten Zeit abläuft. Aber es ist wie es ist, dort vergeht die Zeit langsamer.

WMDEDGT September 2017

Frau Brüllen fragt wie immer, was am Monatsfünften passiert ist

Heute sprang ich gleich nach dem Weckerklingeln aus dem Bett, um 8 Uhr hatte sich der Tischler angekündigt, der letzte Handgriffe an den Fenstern machen wollte, die diesen Sommer gestrichen wurden. Dazu musste ich noch einiges beiseite räumen.

Der Tischler kam dann auch pünktlich um 8 Uhr und ich hatte nach dem Baufreiheit schaffen Kaffee für mich gekocht und – mangels Obst zum Joghurt – Grießbrei aus Polenta gekocht.
Ich frühstückte, wo bei ich mich immer dort aufhielt, wo der Handwerker gerade nicht die neuen Bleche auf dem Fensterbrett anbrachte.
Dann hing ich etwas blöde rum. Ich konnte an der Steuererklärung nicht weiterarbeiten, weil mein Arbeitsplatz blockiert war. Also surfte ich etwas im Netz, schaute mir mit dem Grafen gemeinsam weitere Autos an, die in der Regel stolze Roststellen hatten oder den Etat bei weitem überschritten. Transporter sind grauslich runtergeritten und trotzdem noch teuer, weil in Süd- und Osteuropa jede Menge Bedarf danach ist.
Dann schickte das Kind ein Video vom Enkelkind, in dem der neueste Fortschritt dokumentiert war. Eine Art Robbensprung nach vorn, weil arm- und beinsortiertes Krabbeln noch zu anspruchsvoll ist.
Ich weiß nicht, woher das Baby diesen Bewegungsdrang hat. Wir sind alle eher behäbig unterwegs.

Um 11 Uhr zog ich mich um und malte mir Farbe ins Gesicht, denn ich hatte einen Arzttermin und wollte vorher noch ein Päckchen im Hermes-Shop abgeben. Nichts Schlimmes beim Arzt, eine 3D-Aufnahme vom Kiefer, weil der Zahnarzt und ich seit zwei Jahren auf eine Zahnwurzelentzündung warten. Im Moment ist es nicht klar: Ist das die Kiefernhöhle, die da immer mal Probleme macht oder tatsächlich der Zahn?
Nachdem ich das komische Gerät überstanden hatte, schlenderte ich nach Hause und brachte noch etwas Obst und Butter und Schoki mit, weil ich morgen Kekse backen will.
Außerdem kaufte ich in unserer wie durch ein Wunder mit Paketshop und Spätieangebpt überlebenden Videothek noch Ben & Jerrys Peanut Butter Cup. Die haben da nämlich das gesamte Sortiment. Schlümm.

Der Tischler war inzwischen weg. Ich las etwas Zeitung, räumte und putzte in der Küche, stellte alle Möbel an den Fenstern wieder an ihren Platz, schmierte mir ein Käsebrot und schälte ein Möhrchen als Mittagessen. Inzwischen war es auch fast drei Uhr.
Nach dem Essen setzte ich mich an die Steuererklärung. Nebenher kochte ich Kartoffeln.

Gegen 17:30 Uhr begann ich Kürbis-Gnocchi zu machen. Vom Wochenende war noch viel recht trockenes Kürbispürree übrig. Ich gab das mit den gekochten Kartoffeln in die Kartoffelpresse und produzierte ein ganzes Backblech voller Gnocchi. Während sie im Dampfgarer lagen, machte ich noch Salat und geschmälzte Zwiebeln.
Gegen 18:30 Uhr aßen wir und danach packte ich die restlichen Gnocchi in den Frost.

Ich wollte um 19:30 Uhr nicht noch mal an die Steuer gehen. Ich war fast fertig, den Rest konnte ich auch morgen fertig machen. (es ist nicht nur ein Jahr)
Ich setzte mich mit einem Strickstrumpf hin und hörte dazu ein Hörbuch. In Zukunft werde ich eine Menge warmer Socken brauchen.

Jetzt ist es fast Mitternacht und ich beginne vor Müdigkeit zu schielen, also werde ich fix ins Bett gehen.

Die anderen Einträge finden sich hier.

Allet uff Englisch oda wat?

Meine Ecke des Twitter-Schulhofes ist vor der Wahl merkwürdig ruhig. Selbst Leute, die vor 4 Jahren noch trompeteten, sie würden alle potentiellen CDU-Wähler entfolgen und nach der Wahl für eine Nacht auswandern wollten, halten sich zurück. (Oder habe ich sie inzwischen entfolgt? Ach, egal.)
Die politischen Ansichten einer Kohorte, die sich vor 7 Jahren noch mit Flausch bewarf und gemeinsam GNTM schaute, haben sich so diversifiziert, dass man vorsichtig über brüchiges Terrain schreitet und möglichst nicht laut wird.
Einig ist man sich höchstens darüber, wer doof ist. Leute, die von woanders herkommen, deren Familie anders drauf ist und glaubt, was besseres zu sein, die im Pullunder auf dem Hof stehen und Zitronensemmel essen. Wenn die dann auch noch die Frechheit haben, was gegen die coole Gang zu sagen, die auffällig in der Ecke steht und sonderbare Frisuren und Bräuche hat, dann haben alle ein Opfer gefunden.

Ich konnte das gar nicht zuordnen, weil es sich schon verselbständigt hatte, dass sich alle über einen Abgeordneten lustig machten, der scheinbar kein Englisch konnte. Nein, Englisch konnte er doch. Dann ging es darum, dass es doch kein Akt wäre, im Alltag in Berlin Englisch zu sprechen. Kann doch jeder, der kein vernagelter Hinterwäldler ist. Macht doch auch jeder, der dazu gehören will. Ist ja schließlich Berlin. Haha.
Dass beides miteinander zu tun hatte und scheinbar auf diesem Interview einer Provinzzeitung basierte, in dem sich ein Politiker im Wahlkampf als konservativ und provinznah markierte und ein einziger Satz zum Thema englisch sprechende Bedienungen in Berliner Restaurants fiel, ist es schon interessant, woran sich die Twitterblase dann reibt. Die Berliner Zeitung fasst einen Teil davon hier zusammen. Der Politiker schob dann in der ZEIT noch mal nach, wann bekommt man denn schon freiwillig so viel bundesweite PR?

Ich bekam nur mit, wie sich alle fürchterlich weltmenschlich und kosmopolitisch gebärdeten. Vor allem diejenigen, die Berlin wie es ist nicht täglich ertragen müssen, sondern irgendwo in Hamburg, Heidelberg oder Freiburg davon träumen.
Als ich losließ: Jo, nervt mich auch und beträchtlich und an einige Erlebnisse hier im Viertel dachte, wo Kellner_innen augenverdrehend nicht mal die Bestellung eines Milchkaffees auf deutsch entgegennehmen konnten und ich im Innendeko-Laden leider nicht die für mich erforderlichen Eigenschaften eines teuren Stiftes erfragen konnte, weil der Verkäufer die Frage nicht verstand und das Problem mir zuschob, weil ich nicht in der Lage war, das auf Englisch zu formulieren (lässt sich beliebig fortsetzen) und gipfelt in den Erlebnissen in dem Kreuzköllner vegetarischen Restaurant, wo die Betreiberin, als die Runde Bier orderte, immer nur hilflos sagte: „Just Zisch!“ und das zwanzigmal hintereinander* – die große Runde amüsiert sich heute noch über das Etablissement, das vor allem im hinteren … ähm Rauchzimmer stark frequentiert war.
Diejenigen, die in ähnlichen Vierteln wohnen und dort lange verankert sind, sahen das ähnlich und stimmten mir zu.

Global gesehen geht es um die lokalen Ausläufer einer riesigen Veränderung. Die kosmopolitische Klasse fließt in diese Stadt wie heißer Asphalt. – Aber das zu bewerten und zu referieren ist hier nicht mein Thema. – Aus der Entfernung mag ich die Veränderungen, die das mit sich bringt. Ich reagiere nur auf die ausgefransten Ränder, an denen es britschelt und kocht. Denn da bin ich. Ich betrachte das deshalb lokal, weil es meine Komfortzone betrifft. Mein Stadtviertel, meinen Kiez, die Homezone, in der ich die Codes kenne. Dachte, dass ich sie kenne. Der Prozess der Entfremdung läuft schon länger.

(Einschub:Ich bin privilegiert. Ich habe keine Mietsteigerungen zu befürchten. Ich habe die Freiheit, hier wegzugehen und woanders weiterzuarbeiten. Ich muss keine Kinder umschulen oder gegen meinen Willen den Beruf wechseln. Ich muss nichts dringend lernen, das ich nicht beherrsche, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten, ich bin weitgehend up to date.)

Es geht um Teilhabe, entkleidet man den Vorgang um das Fleisch der Emotion. Es werden in den Vierteln, in denen es Usus ist, nahtlos in Schrift und Sprache ins Englische zu wechseln, jede Menge Menschen außen vor gelassen. Es ist eine Distinktionstechnik. Die anderen dürfen aus Scheu, Verunsicherung und Scham gern draußen bleiben.
Das trifft nicht nur rechte Nörgel-Ossis, ignorante Buletten-Westberliner und schulabbrechende Arab-Gangsta.
Im Grunde bleiben alle die außen vor, deren Eltern nicht in der Lage waren, sie zweisprachig aufzuziehen oder ihnen einen Auslands-Sprachaufenthalt zu zahlen, deren Biografie keine anderen längeren Auslandsaufenthalte oder enge Beziehungen mit englischen Muttersprachlern hergab oder die Sprachen an der Uni studiert haben. Denn nur so lernt man eine Sprache so fließend, dass der Wechsel aus der Muttersprache stressfrei ist.
Es betrifft viele.

Und Migranten? Die sollen schließlich auch Deutsch lernen! Und Deutsch ist die schwerere Sprache!
Mal davon abgesehen, dass auch nur oberflächliches Englisch eine leichte Sprache ist, ja, das ist die Anforderung. Darauf lässt man sich jeder Mensch ein, der ins Ausland geht.
Der Preis, der gezahlt wird, ist eine sprachliche Unsicherheit über 1-2 Generationen hinweg und der schleichende Verlust der Ursprungssprache.
Es geht noch schlimmer: Wenn du auf Mallorca aus dem deutschen Ghetto raus willst oder musst, dann solltest du Mallorquin (das ist ein Dialekt des Catalan) zumindest verstehen, besser sprechen können.

Ich habe in den Zwischenzeiten, in denen ich auch hätte rumgammeln können, lieber Skripten gelernt. In den 8 Wochen nach einer schweren OP zum Beispiel, als ich kaum arbeitete.
Zu einem längeren Auslandsaufenthalt, abgesehen von einigen Wochen British Columbia, hat die Zeit nicht gereicht. Ich habe ein Kind groß gezogen und sehr viel gearbeitet.
Der Kindsvater bekam in den 90ern vom Staat eine Umschulung samt Sprachunterrricht und halbjährigem Londonaufenthalt bezahlt. Ich habe parallel keinen Unterhalt bekommen, hatte eine 60-Stunden-Woche, war Steuerzahlerin und habe fürs Kind gesorgt, zu dem er nicht einmal Kontakt hatte. Nur mal so als Hausnummer, um Verhältnisse klarzumachen.
Mit meinem selbst beigebrachten Englisch, denn ich habe es nicht mal in der Schule gelernt, habe ich Vorträge gehalten und Vertragsverhandlungen geführt. Ich lese populäre Texte, aber keine Romane, sobald es diffizil wird, steige ich aus Originalton-Filmen aus. Denn es strengt mich wahnsinnig an. Das ist nichts für meine Freizeit.

Ich habe alles Recht der Welt, genervt zu sein, wenn ich in eine Veranstaltung gehe, an der nur Deutsche teilnehmen, die alle (größtenteils schlechtes) Englisch sprechen, um, ja was? Um sich cooler zu fühlen? Um anders zu sein?
(Ich hatte mal in einem Seminar eine Studentin, die sagte, sie könne nur öffentlich sprechen, wenn sie englisch reden würde. Wenn sie deutsch sprechen würde, klänge sie zu banal.)
Ich finde es ärgerlich, dass Kneipen in Vierteln, in den ich früher gern im Café saß, nicht mal mehr deutschsprachige Speisekarten haben und die Besitzer des Ladens nicht darauf achten, dass die Bedienung wenigstens ein paar Service-Floskeln auf Deutsch lernt.

Aber das ist nur ein Symptom einer viel größeren Entwicklung. Als es um die Zeit der Bankenkrise losging, dass Berlin sich internationalisierte, denn hier bekam man was fürs sein Geld, kamen sehr interessante Leute und was sie mitbrachten, gab der Stadt den Ruf, von dem sie heute lebt. Es gab plötzlich hervorragendes Essen, Dinge, die man nicht unbedingt braucht, die aber schön sind, Veranstaltungen und Ausstellungen jenseits des selbstreferentiellen subventionierten Kulturbiotops. Das war ungeheuer inspirierend.
Klar, es gab auch die Pubcrawler und Flatrateficker, aber die wurden nach einer Nacht schnell nach Hause gekarrt.
Ich habe den Eindruck, dass viele Leute, die nun wegen der Legende nach Berlin kommen, anders sind. Sie haben keinen Plan und wenig Kohle, wenn der Scheck von Papa alle ist. Sie suchen irgendwas, das wahrscheinlich eher in ihrem Akzelerationsprozeß zu finden ist als an einem Ort. Lauter kleine Hunde, die zum Jagen getragen werden möchten.
Die keinen Bock haben auf die McJobs, die sie hier mit ihrem Potential finden und ohne Anstrengung machen können und das auch zeigen. Die im Moment – jeder hat diese Phase im Leben, manch einer kommt da nie raus – erst mal Gleichgesinnte finden, Party machen und Drogen nehmen wollen und anderes, was ihnen zu Hause verboten war.
Dazu kommen dann noch massenhaft Homeless, Hobos & Schizos International und irgendwann hast du den Kanal voll.
Die Ordnungsinstitutionen dieser Stadt haben schon längst kapituliert. Du kannst es nur lieben oder lassen, verändern wird sich das nicht.
Um auf das Ausgangsthema zurückzukommen: Aus der Entfernung sieht es idyllischer aus als es ist.

Nebenbei: Man kann sich dem globalen Thema auch nähern, statt es wie ich zu umschiffen. Nicht ganz so wütend. Konstatierend. Wie Spalanzani in Vigilien. Unbedingte Leseempfehlung.

*Die dann nicht in der Lage waren, die Wochen vorher angemeldete Fest-Runde über die vorbereitete Suppe und den Salat mit Hauptgerichten zu versorgen und Zisch! (nach einer Viertelstunde war klar, sie meinte eine Bio-Bier-Sorte) und Red Wine waren nach anderthalb Stunden, in denen wir immer wieder nach dem Verbleib der Orders fragten, alle.