Charlotte II

Als Heinz mit 52 Jahren starb, war ich 7 und lebte, nach knapp fünfjährigem Aufenthalt bei den anderen Großeltern, erstmals mit meinen Eltern und meinem Bruder zusammen in einer Plattenbauwohnung im Brandenburgischen. Ich hatte das erste Lebensjahr in Magdeborn verbracht, wechselnd zwischen Lotte, ihrer kinderlosen Schwägerin Lisbet und der Dachkammer meiner Mutter, die zwar schon verheiratet war, mit meinem Vater aber mangels Wohnung nicht zusammenlebte.

Wahrscheinlich wußte Lotte eher als meine Mutter selbst von dieser unerwünschten Schwangerschaft, mit ihrer Angewohnheit, die Körperfunktionen aller zu scannen. Später wurde nie offen darüber geredet, aber dass ihre Tochter sich mit 19 Jahren von diesem ungehobelten Upperclass-Bengel ein Kind machen ließ, muss ihr unsäglich peinlich gewesen sein. Während seine Mutter (KKM, man erinnert sich) sofort sagte: “Natürlich wird geheiratet, da gibt es keine Diskussion!”, waren Lotte und Heinz zurückhaltender und meinten: “Du musst nicht, wir kriegen das Kleine schon groß.” Es fing doch alles gerade erst an. Das Kind war klug und fleißig, sie lernte Schriftsetzerin und wollte später Grafik studieren.
Die erste Begegnung zwischen Schwiegermutter und Schwiegersohn war so wie das spätere Verhältnis der beiden. Mein Vater war die Schulliebe meiner Mutter, sie hatten sich am Leipziger Gymnasium kennengelernt. Lotte bekam das nur am Rande mit, denn sie war wieder in der Heilstätte. Als sie zurückkam, machte sie an dem Tag, an dem der junge Mann zu Besuch kommen sollte, eine Erdbeertorte (mit guter Butter und vielen Eiern im Biskuit!), kochte eine Kanne Bohnenkaffee und schlug Sahne, alles rare Delikatessen in diesem Haushalt.
Aus der Sicht von Lotte lief die Sache so: Sie öffnete die Tür, der Kerl kam rein, sah sie nur kurz an, sagte nicht Guten Tag, stelle sich nicht vor und marschierte durch bis zum Kaffeetisch, an dem schon seine Liebste saß (klar, er kannte sich aus, war ja während Lottes Abwesenheit schon öfter da) und setzte sich hin. Sie tat ihnen allen die Torte auf und fragte ihn das eine oder andere und er kam ins Reden. Und er redete und redete. Nebenher nahm er sich ein Stück Torte nach dem anderen, ohne zu fragen. “Übrigens, tolle Torte!”, sagte er, als noch zwei Stücke übrig waren und griff wieder nach dem Tortenheber. Lotte meinte frostig: “Die lassen wir meinem Mann übrig.” Da fiel bei meinem Vater der Groschen.
Mein Vater wiederum schildert die Sache so: Er besuchte seine Freundin auf Kaffee und Kuchen und eine unbekannte Frau öffnete. Das fand er normal, es waren immer irgendwelche Nachbarinnen oder Verwandten da, die während der Abwesenheit der kranken Mutter nach dem Rechten sahen. Er wurde ausgefragt, wunderte sich, warum diese Frau so neugierig war, er erzählte und die Torte schmeckte einfach super, er wunderte sich nur, warum die Gusti (meine Mutter) so still war.
Für Lotte war er für den Rest des Lebens der Typ, der einfach die Erdbeertorte aufgefressen hatte. Für ihn war sie Olle, die nichts sagte, sich lieber ärgerte und diese Geschichte bei jeder Gelegenheit wieder hervorzog. Es ist ein tiefer Graben zwischen Menschen, die sich nehmen, was sie mögen und denen, die erwarten, dass ihnen gegeben wird.

Mit dem Tod von Heinz war Lottes Leben wieder einmal auf Null gestellt. Seit über 20 Jahren gedieh aus ihrer Sicht nichts richtig. Auf ein paar Monate gute Zeit folgten lange schlechte Zeiten wie eine Strafe. Es sollte doch nun endlich einmal anfangen und schon war alles, aber auch alles vorbei. Es hatte keinen Sinn mehr.
Sie muss damals in einem sehr kritischen Zustand gewesen sein, sie tobte, wütete und trauerte in ungeheurer Lautstärke. Abwechselnd drohte sie, die Betriebsärztin, die den Krebsfall nicht erkannt hatte, umzubringen, mal wollte sie die Krankenhausärzte erschlagen, aber das Fazit war: “Ich bring mich um!”
Die frühen 70er in der DDR waren keine Zeiten für psychische Befindlichkeiten. Wer Probleme hatte, bekam Schlafkuren und hatte fürderhin den Makel, nicht ganz dicht zu sein. Individuelle Emotionen hatten ohnehin einen geringen Stellenwert in der sozialistischen Gesellschaft, konnte man doch jederzeit vom kollektiven Wohlgefühl profitieren.
Die ganze Situation in dieser Arbeitersiedlung in dem Dorf in Randleipzig war für Lotte scheinbar nicht einfach. Auch wenn in den Häusern 4 Familien pro Aufgang wohnten, die Lebensweise war dörflich, der Familienzusammenhalt groß und die soziale Kontrolle eng. Es war üblich, dass Verwandte gleich um die Ecke wohnten. Ein Großteil des Lebens spielte sich draußen ab. Man hing die Wäsche auf den öffentlichen Wäscheplatz und sah sofort, wer sie am weißesten wusch und welche Laken Löcher hatten. Man putzte am Samstag vor der Haustür alle Schuhe der Familie und wenn nicht, war man ein Ferkel. Man überwachte das Fensterputzen und die Ausgaben bei den Einkäufen. Der Tratsch im Viertel wußte sofort von zuviel Alkohol, heimlichen Abtreibungen, Affären, Prämienzahlungen, Beförderungen und ehelichen Zerwürfnissen.
Irgendwas muss da in der Luft gelegen haben. Häme vielleicht. Die mit ihrem Mann auf den sie so stolz war, daß er nicht rauchte, nicht soff, nicht fremdging und keine schweinischen Witze erzählte – das hat sie nun davon. Der Mann mit der kranken Frau, der sich totgearbeitet hatte. Der gescheiterte Aufstiegsversuch einer Familie. Ich weiß es nicht, als Kind hat man für so etwas keine Antennen. Ich weiß nur, dass Lotte für die eine oder andere Dame der Umgebung nur Hass übrig hatte.
Dazu kam ein ernstes existentielles Problem. Lotte hatte nie einen Beruf gelernt und hatte, bis auf einen Nebenbei-Job in einer Postkartenfabrik, als sie gesünder war, nie gearbeitet. Die Ärzte hatten ihr davon abgeraten und auch Heinz wollte lieber, dass sie zu Hause blieb und sich dem Haushalt widmete. Nun musste sie für sich allein sorgen, mit Ende 40, denn wer noch nicht Rentner und arbeitsfähig war, musste arbeiten gehen. Sie war zwar schwerbeschädigt, aber nicht invalid erklärt und die Perspektive, von 270 Mark Invaliden- und später Altersgrundrente zu leben, war nicht verlockend.
Für eine Frau mit ihrer Sozialisierung war klar, dass nun die Familie dran war, Verantwortung für sie und ihr Leben zu übernehmen. Eine Frau brauchte keinen Führerschein, fällte keine Entscheidungen, aber sorgte dafür dass das Essen rechtzeitig auf dem Tisch stand. Eine Witwe konnte die Kinder unterstützen und für die Enkelkinder sorgen. So war das in ihrer Welt. Auch wenn sie ihren Schwiegersohn nicht leiden konnte.
Diese Kinder waren aber gerade fertig mit dem Studium, seit einem Jahr erst mit gemeinsamem Hausstand, Berufsanfänger und wohnten 250 Kilometer entfernt. In deren Welt gingen Frauen arbeiten, hatten einen Führerschein und entschieden selbst über ihr Leben.
Es muss kurz vor der Beisetzung von Heinz ein riesiges Drama gegeben haben, von dem wir Kinder nichts mitbekamen. Es lohnte nicht, ihn in Magdeborn zu begraben, das Dorf wurde weggebaggert, in ein paar Jahren stand der Umzug für alle an. Sie wollte dort nicht bleiben. Wer fing sie auf?
Meine Eltern hatten mit dieser Anforderung wahrscheinlich nicht gerechnet. Sie waren 27 Jahre alt, hatten anspruchsvolle Berufe, zwei Kinder und waren mit ihrer nicht gerade rund laufenden Ehe beschäftigt. Sie besorgten ihr eine Arbeit in dem Großbetrieb, in dem sie auch arbeiteten und eine Wohnung (zu ihrer Erleichterung nicht im gleichen Wohnblock). Gegen weitere Erwartungen grenzten sie sich mit tauben Ohren ab. Man lebte im kühlen Preußen und in der sozialistischen Menschengemeinschaft und nicht in Sachsen auf dem Dorf.
Alles das, was Lotte eigentlich als Großfamilienkultur normal fand und wie es im sächsischen Zweig der Verwandtschaft noch immer gelebt wird: Gemeinsame Urlaube, Sonntagsessen mit anschließendem Ausflug, eng gezahnte gegenseitige Hilfe in Haus, Keller und Garten, ohne darum bitten zu müssen, jederzeit Zutritt zur Wohnung der anderen, wurde von meinen Eltern freundlich aber bestimmt mit Grenzen versehen.

Lotte begann im Großbetrieb in der Qualitätskontrolle zu arbeiten, im Drei-Schichtdienst. Eine harte Umstellung. In dem Haus, in dem sie wohnte, hatte ein älteres schlesisches Renterpaar dörfliche Verhältnisse installiert, neuerdings nannte sich das “Hausgemeinschaft”. Aber sie wurde mit niemandem richtig warm, alle Leute, die sich für sie interessierten, waren blöd, nervig, uninteressant, fand sie. Eine Nachbarin, die lange um ihre Sympathie warb und es tatsächlich schaffte, sie zu knacken, verstarb kurz darauf an einem Krankenhauskeim, den sie sich bei einer Routine-OP zugezogen hatte.
Danach ließ sie sich auf niemanden mehr ein. Auf Männer schon gar nicht. Dabei war sie keine unattraktive Person, wenn auch nicht hergerichtet (das war ja frivol). Blond, tiefblaue Augen, helle Haut, schöne Beine. Laut, kantig, verkrampft und grantig allerdings, diese Frau musste erstmal erobert werden.
Aber sie war sich sicher: Niemand konnte sein wie ihr Heinz. Auch wenn sie Jahre später sagte, sie hätte es gut gefunden, wenn die Kinder ihr wieder einen Mann gesucht hätten.

Wir Enkel übernachteten alle 14 Tage am Samstag bei ihr und und am Sonntag kamen meine Eltern zum Mittagessen und holten uns ab. Ein gutes Arrangement. Die Eltern hatten einen Abend Ruhe vor uns, Lotte hatte Gesellschaft und bekam ihren Familientreff, wenn der auch nicht mit einem Ausflug ins Grüne endete, wie bei der alten Dame im Erdgeschoss.
Aber es war anstrengend. 70% der Konversation waren Klagen. Über ihr Unvermögen, das Leben zu bewältigen, ihre Einsamkeit, ihren Wunsch, bald zu sterben, die Undankbarkeit der Welt und den Beinahe-Tod der Woche (fast an einem Bonbon erstickt, mit der Axt in den Daumen gehackt, den Gashahn offengelassen, gestürzt, sich an der Brust gestoßen und jetzt sicher bald Brustkrebs etc.pp.). Wenn ich daran denke, um es aufzuschreiben, fange ich an zu flattern. Es muss mich als Kind sehr belastet haben, anders kann ich mir das nicht erklären. Und keiner nahm es mit Humor, machte einen Witz, schuf ironische Distanz. Alle hockten schuldbewusst und mit leisen Aggressionen herum und warteten, dass es vorbei ist. Ich fühlte mich sowieso schon für alles schuldig: Die Dauerstreitereien meiner Eltern, meinen Ungehorsam und meine Hässlichkeit, das verschimmelte Brot und die saure Milch. Und dann gab es noch meine leidende Großmutter, der ich nie genug Respekt, Liebe und Aufmerksamkeit schenkte.
Es gab in ihrem Leben nichts Positives mehr zu berichten und selbst wenn es unbestreitbar etwas gab, eine Auszeichnung, eine Prämie, etwas Schönes und Neues, wurde es mit einem abfälligen Satz in den grauen Schmutzkübel getaucht, in dem schon alles andere schwamm.

Es gab Gelegenheiten, bei denen ich gut mit ihr auskam. Beim gemeinsamen Arbeiten zum Beispiel. In der Waschküche, beim Kochen. Sie hat mir (ergänzt von den Unterweisungen ihrer Schwägerin in den Ferien) Kochen, Bügeln und Nähen beigebracht. Auch Sticken, Stricken, Häkeln und Spitzen machen habe ich bei ihr gelernt. Das konnte sie alles, wenn sie auch nie den Spaß hatte, etwas ausnehmend schön oder meisterhaft zu machen. (Das wäre ja etwas Positives.)
Mit den Jahren lernte ich, dem Sog zu widerstehen und auf Distanz zu gehen. Das ist schwierig, wenn dir jemand uneigennützig Hilfe anbietet und du aber später merkst, dass du diese Rechnungen niemals wirst bezahlen können. Dass du aber auch nicht ablehnen kannst, denn das ist ja der noch größere Affront.
Ich weiß nicht, ob es einfach war, mich zu triggern, ob die Klinikaufenthalte sie traumatisiert hatten und zu diesem Verhalten brachten oder ob sie von Anfang an eine klassische emotionale Vampirin war.
Meine innere Stütze war, mir zu sagen: “Ich bin einfach ganz anders, ich gehöre nicht dazu. Dieses Verhalten ist mir fremd und hat nichts mit mir zu tun.”

Lotte arbeitete für die Rücklagen noch fünf Jahre über die Rente hinaus, damit es später einigermaßen reichte. Im Schichtdienst. Die letzten Jahre nicht mehr in der Qualitätssicherung, sondern auf einem der DDR-typischen Wahnsinnsjobs, die es nirgendwo anders gab: Sie war Garderobiere für Reinstraumbereiche. Was hieß, sie hatte mit ihren Kolleginnen zweimal, zu Schichtanfang und -ende richtig zu tun (Gleitzeit gab es nicht) und den Rest der Zeit strickte sie für ein Handgeld Pullover.
Ein Jahr bevor das Kind zur Welt kam, ihre Urenkelin, setzte sie sich zur Ruhe. Sie half mir im Haushalt und mit dem Kind, vor allem als ich vier Wochen nach ihrer Geburt sehr krank wurde. (ich hatte einfach alles, Bronchitis, Gallenentzündung, Bauchspeicheldrüsenentzündung, Blutarmut…) Wenn jemand krank war und Unterstützung brauchte, blühte sie auf. Auch wenn sie vorher (mit 67) verkündet hatte, sie sei jetzt eine hinfällige alte Frau und könne sich auf gar keinen Fall um ein Baby kümmern. Noch jahrelang holte sie das kleine Mädchen vom Kindergarten ab, kaufte ihm ein Schlumpfeis und beide waren happy. Meine Eltern hatten sich in diesen Jahren einen Garten angeschafft, auch da scharwerkte sie als zeternde Unkrautzupf- und Erntemaschine durch den Garten, wenn man sie zu nehmen wußte, war das ziemlich ok. Sie machte das eisern, bis sie 80 war, die Eltern machen nun schon mit Ende 60 schlapp und brauchen Unterstützung im Garten.

Und dann kam wieder alles ganz anders. Die Mauer fiel. Meine Eltern verloren ihre Jobs und waren mit Mitte 40 zu alt, vielleicht auch zu ängstlich, sich ihre alte soziale Position in einem anderen Bundesland neu zu erarbeiten, auch weil man Lotte nicht allein in Brandenburg zurücklassen wollte. Sie hangelten sich so durch, wie viele im Osten.
Die Rente von Lotte wurde neu berechnet und nun stand sie mit Bergbau- und Witwenzuschlägen ziemlich solide da. Besser sogar als die einst privilegerte KKM, der sie ihr Lebensglück immer neidete. Es wäre an der Zeit gewesen, daß sie mit anderen 70jährigen Damen ein paar Pauschalresorts auf Teneriffa unsicher machte, aber mit der Arbeiterwohlfahrt im Bus an die Ostsee, das war eher ihr Ding.
Nun begann die interfamiliäre Transferaktion “ich unterstütze meine Tochter, damit sie immer für mich da ist”. Ich war längst in Berlin und aus dem Epizentrum verschwunden und bekam es nur am Rande mit, wenn die Tischkonversation bei Familienfeiern von Lotte mit solchen Sätzen wie “Du kannst doch gar nicht mehr arbeiten gehen, du bist viel zu krank und außerdem musst du dich um deine Mutter kümmern!” (zu ihrer Tochter) oder “Ich zahl der jeden Monat xxx Mark und das Auto hab ich ihr auch geschenkt und sogar Taschengeld kriegt sie!” (über ihre daneben sitzende Tochter), dominiert wurde. Das war der Moment, in dem ich aus dem Zimmer stürmte, weil ich die Bloßstellung nicht mehr aushielt. Mit mir hätte man solche Sprüche nicht machen können. Ich habe erst sehr spät eine Methode gefunden, tatsächlich mit Humor auf so etwas reagieren zu können.

Aber Mutter und Tochter arrangierten sich und der Schwiegersohn wurde auch irgendwie ausbalanciert, meistens jedenfalls. Über 15 Jahre währte das Projekt “Ich bin alt, komm bloß nicht auf die Idee, mir was zum Geburtstag zu schenken, ich brauche sowieso nichts und morgen bin ich hoffentlich tot!” Das Kind, ihr Urenkelmädchen, schaffte es, Grumpy Granny immer wieder mit ihrem Charme zu becircen und so rückten wir zum 85. Geburtstag mit 85 Rosen an und die alte Dame war selig.
Sieben weitere Jahre währten diese Rituale. Seit Lottes groß gefeiertem 90. nur noch in Form von Postkarten, weil sie keine großen Anlässe mehr mochte. Sie war zu einem hutzligen Weiblein zusammengeschnurrt, das im Heim die Pfleger und das Essen beschimpfte. Der es aber eigentlich dort ziemlich gut ging, die die Haare so schön wie nie hatte und eine Pflegerin, die schöne Fotos von ihr machte.
Zu Weihnachten sahen wir uns das letzte Mal und da fragte ich sie über alles das aus, was in Teil 1 über ihre Jugend zu lesen ist. Wenn das Kind genauso früh wie wir alle eine Familie gegründet hätte, dann wären wir 5 Generationen Frauen gewesen.
Nun ist sie gegangen und ich bin sicher, sie hat allen da oben erst einmal allen richtig laut die Meinung gesagt.

22. April 2011

22. April 2011

Charlotte I

Sie wurde 1920 in sehr einfachen Verhältnissen in Lichtentanne unweit von Zwickau, auf dem Vorwerk Tannhof (einem alten Rittergut) geboren.
Ihr Vater war Schlosser. Ein zum Jähzorn neigender kleiner Mann, ein Bilderbuchproletarier, der schon mal den gedeckten Tisch umschmiß, wenn das Mittagessen bei seiner Rückkunft vom Sonntagsfrühschoppen nicht fertig war und es so einrichtete, dass er große Geschäft bei der Arbeit verrichtete, denn dann bekam er es bezahlt.*
Ihre Mutter machte alles, was anstand. Sie war Weißnäherin in Heimarbeit (in den 50ern machte sie die rundgesteppten Atlas-BHs) und hatte eine Putzstelle. Eine ihrer Schwestern hatte nämlich einen Gastwirt im Ort geheiratet. Einiges über ihren Verhältnissen, aber es wollte ihn wohl keine andere, weil er nicht so ganz gesund war und es einen dominanten Mutterteufel im Haus gab.
Dort putzte Lottes Mutter und half aus und im großen Gasthof wohnte die junge Familie auch. Die äußeren Umstände waren wechselhaft: Inflation (alle meine Urgroßeltern hatten ihren Hausstand in Inflationszeiten begründet), Konsolidierung, Wirtschaftskrise. Es gab erst 16 Jahre später noch einen Sohn, vorher schlief meine Oma mit ihrer Mutter in einem Bett.
Der Ton unter den Leuten war roh und laut. Kneipenprügeleien zwischen Kommunisten und Nazis, dazwischen die Sozis mit ihren Sparvereinen, die ihre Ruhe und ein kleines Glück haben wollten. Frauen, die funktionieren mußten und mit tausend Tricks verhinderten, zu viele Kinder zu bekommen. Wer es sich leisten konnte, legte sich mit einer theatralischen Frauen-Krankheit dauerhaft ins Bett und ließ die anderen machen. Nur, daß sie in dieser Familie immer zu den anderen gehörten, die machen mussten, um nicht zu verhungern.
Zuflucht und Erholung gab es im Arbeiter-Sportverein, ein ganzes Album ist voll mit Fotos der blonden, langbeinigen jungen Lotte und ihren Freundinnen in weißen Anzügen bei Turnfesten.
Nachdem die Nazis an die Macht kamen, ging es den armen Leuten besser. (Hab ich grade Autobahn gesagt? Mea Culpa!) Der freie Fall hatte aufgehört, nun gab es Arbeit, bescheidenen Wohlstand und Strukturen. Oft mehr als es denen, die sie sich gewünscht hatten, lieb war. Auf diesen Verrückten aus München und sein Gefolge hätte man in meiner Verwandtschaft sehr gern verzichtet. Aber man war es gewöhnt, dass es immer einen gab, der sagte, was getan werden musste. Widerstand war kein Überlebenskonzept.

In den Schilderungen meiner Verwandten gab es ein extremes Kopf-an-Kopf-Rennen der radikalen Ideologien. Diese Zahlen zeigen das auch ganz gut. Irgendwann hatten die Nazis die besseren Unterstützer und schafften es, die höherklassigen Unzufriedenen des rechten Spektrums zu sammeln und das zwölfjährige Debakel nahm seinen Lauf. Wenn Stalin nicht so paranoid auf die Disziplinierung/Ausrottung der eigenen Leute fixiert gewesen wäre, hätte das anders ausgehen können. Ob besser, wage ich zu bezweifeln.
Die Sozialdemokraten waren eher old school, kungelten mit dem Kapital, bauten an ihren kleinen Angestellten-Aufstiegskarrieren und wollten ihre Ruhe haben.
Die Nazis und die Kommunisten mit ihren militanten Auswüchsen SA und Rotfront-Kämpferbund waren sich radikalisierende Jugendkulturen mit älteren elitären Vordenkern. Da waren weite, industrialisierte Landstriche voll mit Leuten, die von ihrer unsicheren Arbeiterexistenz die Schnauze randvoll hatten. Dort waren die Versprechungen besserer Zeiten gern gehört.

Lotte war ging schon früh mit Heinz (auf diesem Foto ganz rechts), sie waren lange verlobt. Heinz, der Sohn eines Bergmanns aus dem Zwickauer Steinkohlenrevier, der so begabt und klug war, daß er Elektriker wurde mit Option auf mehr.
Ein sanfter Mann, der wahrscheinlich die charakterlich etwas eckige Charlotte aus dieser ruppigen, lauten Familie als Schutzschild und Korrektiv brauchte. Ein Mann, der sie in seiner Sensibilität wahrscheinlich sicher und entspannt machte.
Vor der Hochzeit kam noch viel dazwischen. Erst der Arbeitsdienst für ihn, dann musste er an die Front (Westfront, als Bodenpersonal bei den Fliegern, Glück gehabt) und auch sie ging irgendwohin zum Arbeitsdienst. Anfang der 40er heirateten sie. Das Hakenkreuz auf der Uniform hatte Oma später auf dem Hochzeitsfoto im Album mit Bleistift geschwärzt. Überhaupt gab es dort viele übermalte Hakenkreuze. Die beste Freundin heiratete “schlicht in Weiß, nur mit dem Parteiabzeichen auf der Brust”.
Sie ließen sich in Magdeborn bei Leipzig nieder, in der neugebauten Arbeitersiedlung des Werks Espenhain. Wenn der Krieg vorbei war, würde es dort Arbeit geben.
Im Dezember 1943 kam meine Mutter zur Welt. Komische Koinzidenz. Ich kenne viele in diesem Zeitraum geborene Kriegskinder. Es muss zwischen der Kapitulation von Stalingrad und dem Ausrufen des totalen Kriegs viele Fronturlauber gegeben haben und dazu den Gedanken, dass etwas bleiben muss, wenn sie nicht zurückkommen.
Meine Mutter war das einzige Kind und wie es zunächst aussah, wollte sie nicht lange bleiben. Kurze Zeit nach ihrer Geburt wurde sie so krank, dass man doch besser eine Nottaufe ansetzte.
Heinz war nicht lange in Gefangenschaft und was er mitbrachte, waren nicht Horroralpträume aus weißrussischen Sümpfen, sondern gemäßigte Erlebnisse eines Zuges in die Fremde: aus Frankreich, Griechenland und wenn ich ich recht erinnere, dem Kaukasus.
Es gab nicht viel zu Essen, man hungerte. Man half sich mit dem Schrebergarten und hielt dort Kaninchen und Hühner. Manchmal ging man zum Bauern, arbeiten. Nur waren dort im Leipziger Süden viele Arbeiterfamilien und wenige Bauernhöfe.
Charlotte, die eigentlich nie sehr kränklich war, bekam offene Lungentuberkulose. In dieser Zeit zwar keine unbedingt tödliche Diagnose mehr, aber eine, die mit Rückfällen, der Gefahr langen Siechtums und – wegen der Ansteckungsgefahr – strenger Isolation einher ging. Heinz war lebend zurückgekehrt und Lotte verschwand monatelang in Heilstätten (das waren Paralleluniversen für Geistes- und Lungenkranke, in Tschadraß, wo sie war, sogar auf einem Fleck). Das Kind (meine Mutter) pendelte zwischen Oma, Nachbarin und Tante, während der Mann ohne Ende arbeitete. Manchmal kehrte Lotte zurück, gedunsen, fett gefüttert, weiß wie eine Leiche, eine fremde Frau in fremden Kleidern. Der erste Sonnenstrahl, der sie berührte, ließ die Verkapselungen wieder aufbrechen und sie kam wieder in Quarantäne. Auf dass ihr Kind sie nicht mehr erkannte, wenn sie zurückkam.
Um Heinz, ein attraktiver Mann, der Karriere in Espenhain machte, schwirrten derweil die Kriegswitwen und warteten auf ihre Chance. Lotte hat bis an ihr eigenes Ende eine Todesanzeige aus den 70ern aufbewahrt. Die einer Frau, von der ihr zugetragen wurde, dass sie ihren Heinz mal gefragt hatte, ob der sich das wirklich antun wolle, mit dieser kranken Frau, die nicht mehr lange leben würde. Sie sei gesund und warte nur auf ihn. Lotte hat sie um mehr als 30 Jahre überlebt. Jedes Jahr holte sie die Anzeige hervor. Ihre Art, auf einem Grab zu tanzen.
Es muss irgendwas mit ihr passiert sein in den langen Zeiten in der Parallelwelt, in der es sich um Körperzustände, Okkupation durch Erreger, Dysfunktionen, Sterben oder Überleben drehte. Die Frau, die ich kennenlernte, hatte mit der, die ich auf den alten Fotos sah und die sich selbst in ihrem früheren Leben schilderte, wenig zu tun.
Modern würde man von Traumatisierung sprechen, von Konditionierung auf sekundären Krankheitsgewinn.
Sie war nie wieder richtig gesund. Und doch waren die Krankheiten, die ihr passierten, Allerweltskrankheiten. Eine Eierstockzyste, Gallensteine wegen der Buttermastkur, entzündete Krampfadern. – Jeder Eingriff versetzte die Familie wochenlang in Sonderzustände. Nicht, dass sie sich hängen ließ, im Gegenteil. Ihr Überlebenskampf fand nun auf einer großen Bühne statt. Meine Mutter lernte früh, ihr zur Seite zu stehen, im Krankenhaus hielt sie Hof. Gallensteine wurden hergezeigt wie bei anderen Brillianten. Behandlungen und Symptome wurden bei Kaffee und Kuchen detailliert erörtert und im Zweifelsfall das Doktorbuch zu Rate gezogen. Jeder andere in ihrer Umgebung wurde ebenso Opfer dieses sonderbaren Körperinteresses, das überhaupt keine Privatsphäre mehr kennt. So lernte ich sie kennen. Als “ist krank” oder “forscht bei mir nach Krankheiten”.
Als Lotte endlich als halbwegs geheilt galt und ihr Heinz seinen Ingenieursabschluß neben der Arbeit fertig hatte, schien alles besser zu werden. Da wurde Heinz krank. Die Arbeit im Kraftwerk und das Studium nebenher, die häufigen Notdienste und Katastropheneinsätze, der selten komplette Haushalt hatten ihm, der nie Nein sagen konnte, schwer zugesetzt. Mit Ende 40 hatte er, der nicht rauchte, nicht trank und kein Übergewicht hatte, einen Herzinfarkt. Auf dem Weg in den Urlaub. Nur wenige Jahre später, die beiden hatten sich gerade einen Campinghänger gekauft und wollten jetzt das Leben genießen, starb er an als Hämorrhoiden verkannten Darmkrebs. (Alle seine Ingenieurs-Kollegen im Braunkohleveredelungswerk starben an Krebs.) Die Monate seines Siechtums und sein Tod verletzten Lotte nochmals schwer. Sie war Ende 40 und Witwe.
* Komisch, was von Menschen immer wieder erzählt wird und in den Erinnerungen anderer hängenbleibt.

So schnell

Geahnt habe ich es, aber so schnell nicht damit gerechnet. Als heute morgen das Telefon klingelte und mein Vater mir die Nachricht von ihrem Tod überbrachte, erfüllte ich scheinbar eines ihrer letzten Vermächtnisse.
Mein Vater redete und ich hörte in seiner Stimme, daß er heute nacht im Club seinen alten, alkoholgesättigten Ritualen nachgegangen war. Statt, wie es zu erhoffen war, meiner Mutter etwas beizustehen. Sei alter “Abwesend”-Modus, wenn es emotional wird.
Ein Meteor aus glühender, ätzender Wut stieg in mir auf. Ich sagte ihm in ein paar harten Sätzen die Meinung. Später fragte ich mich, was das gerade war. Ich hatte mir schon seit Jahren abgewöhnt, mich einzumischen. Jeder macht sich das Leben auf seine Art zur Hölle. Ich auf die meine, die beiden auf die ihre.
Nur die Großmutter hatte ihren innigen Hass auf meinen Vater gepflegt und zu exponierten Gelegenheiten wohlgenährt auf ihn losgelassen. Da wurde ich wohl gerade von etwas als Behausung benutzt.

Ok., Omi, aber noch mal bitte nicht!

Die letze Ruhe

Das ist wie wenn einer sterben will
Und die Kinder im Hofe schrein.
Und er wartet lang in den Tag hinein,
Doch die Kinder im Hofe schrein.
Da weiß er: So wird mein Sterben sein.

Nicht einmal still.

Rilke

aus dem Kopf zitiert und hoffentlich fehlerfrei

Das alte zähe Weiblein, die andere Großmutter, will gehen. So scheint es. “Besuchen macht keinen Sinn”, sagt meine Mutter. “Sie liegt auf der Wachstation und bekommt nichts mehr mit.”
Hm. So ohne Abschied? Auch wenn ich ihr nie sehr nahe war. Selbst wenn ihre Seele schon leise speckernd auf der Lampe hockt, das ist doch zu merken, wenn jemand kommt oder?
Runter mit ihr von der Wachstation, raus aus dem Krankenhaus, bevor da noch jemandem einfällt, womit noch Geld zu verdienen wäre. Rein in ihr Zimmer. Dafür heißt es doch Pflegeheim, damit die Menschen dort in Ruhe sterben können. Oder?

Nicht nur Horror mit der BVG, sondern weitere logistische Herausforderungen

Teil 2 des Sonntags.

Kurz nach Mitternacht, die Mondsichel stand hoch am Himmel, die Runde löste sich auf. Wir stiegen von Herrn Luckys Dach wieder nach unten ins Gewühl. Der winzige Fahrstuhl, faßte offiziell vier Personen, war aber mit Glam, dem Couchie und seinem Gepäck und mir  voll. Der Graf wollte lieber laufen.
Die Tür schloss sich und die Überladungssicherung begann mit lautem Dauerhupen, egal, was wir taten, die Tür bleib geschlossen, der Fahrstuhl rührte sich nicht. Der Notrufknopf war schnell gefunden, es meldete sich auch jemand, aber eine Verständigung war nicht möglich, weil das Überladungssignal alles überblökte.
Glam bewahrte kühlen Kopf und rief die Notrufnummer an. Ein junger Mann versprach, uns bald zu retten. Für uns alle ein sehr tröstlicher Gedanke. Couchie hatte inzwischen die Initiative ergriffen und versuchte, die Tür aufzudrücken. Bei der Innentür kein Problem. Die Außentür war allerdings böse verklemmt, sie war immer nur unten einen Spalt wegzubewegen. Worauf der findige Herr Lucky zu unserer Beruhigung erstmal Schnäpse durch den Spalt reichte. Schließlich hatten zwei von uns unbestreitbar eine heftige Neigung zu Panikattacken.
Das Wuchten und Schieben an der aus den Rollen gesprungenen Metalltür ging weiter, Couchie von innen, Lucky von außen. Ich versuchte mir nicht vorzustellen, wie es ist, wenn der Fahrstuhl abstürzt. Nach ein paar Minuten war es dann so weit. Die Tür ging auf, wir waren frei. Der Notdienst mußte etwas später dann nur noch den kranken Fahrstuhl verarzten, der immer noch verzweifelt mit Türen klackerte und rappelte.

Wir trennten uns unten auf der Straße, der Graf hatte das Fahrrad bei sich und stattete mich mit seiner Monatskarte aus. (ein Bonustool für den BVG-Hindernisparcours) Die beiden anderen Herren hatten wohl noch ein vampireske Begegnung mit einem dunkelgelockten Jüngling, dessen leergesaugte Hülle wohl demnächst zwischen Flutgraben und Landwehrkanal aufgefunden wird.
Ich ging zum Schlesischen Tor. Inzwischen waren weniger Menschen auf der Straße, die aber auch nicht weniger Platz brauchten, da sie sich in unterschiedlichen Phasen alkohol- und drogenbedingter Gehbehinderung befanden. Der Zug kam sofort, diesmal wollte ich den kurzen Weg nehmen und wechselte am Kotti zur U8. Alles fein, Zug kommt in 8 Minuten.
Die Macht der Fakten war hart: Auf dem Bahnsteig 300 und 400 Leute und drei Einkaufswagen voller Leergut. Angekündigt war ein Kurzzug. Ich sah mir die Meute an: Singen, Tanzen, Lallen, Kotzen, Drogentourette, alles dabei. Die U1 oben, die mich zum Gleisdreick gebracht hätte, damit ich den etwas längeren, aber bürgerlicheren Weg durch Berlin Mitte nehmen konnte, war auf unbestimmte Zeit ausgesetzt.
Also Taxi, nutzt ja nix. Ich kam unversehrt zum Ziel, nur einmal sprang ein Aggro-Radahrer dem Wagen in die Spur, als er neben uns über die Straßenbahnschiene switchte und dabei andere Radler überholte. Das war noch mal ein reaktionsschnelles Ausweichmanöver auf die Gott sei Dank leere Gegenfahrbahn. Zum Dank fürs nichtplattfahren gabs vom Rad-Ritter einen gestreckten Mittelfinger.

Berlin, manchmal machst du es einem nicht leicht.

Horror mit der BVG oder der Tag der logistischen Herausforderungen

Der Herr Lucky hatte wie jedes Jahr Spargel, Schinkenhäppchen und Kartöffelchen besorgt. Miz Kitty packte Eier, Dijon-Senf und Butter in die Tasche, dazu ein vorbereitetes Rhabarber-Crumble, hübschte sich etwas und machte sich auf den Weg nach X-Berg. Leider nicht mit dem Rad, das ist kaputt.

Die Stadt ist am Pfingstwochenende noch voller als sonst, wenn die Sonne scheint und das hat Nebenwirkungen. Über New York habe ich irgendwo gelesen, man solle als Tourist in bestimmten Vierteln schon aus Respekt vor den Leuten, die dort leben und arbeiten, nicht im Weg rumstehen. Vielleicht wäre das für Berlin auch eine gute Ansage. Es gibt Strecken in Berlin, die werden zum Hindernis-Parcours.
Seit im Pfefferberg ein Hostel ist, stehen vor dem U-Bahn-Eingang Senefelder Platz Menschengruppen, die auf U-Bahn- oder Stadtpläne starren. Hat man sich dort durchgewunden, stehen die nächsten vor dem einzigen Fahrkartenautomaten.
Ausländische Touristen sind meist schnell, werfen ihre Kohle ein und ziehen ihr Ticket. Besonders Schwaben, die in der Großfamilie oder in Gruppen unterwegs sind, beginnen erst einmal eine detaillierte Diskussion, welche Rabattmöglichkeiten die meiste Ersparnis bringen. Zu diesem Behuf hat man schon jemanden vorn am Automaten stehen, der wahlweise Knöpfe drückt und aus dem Hintergrund kommen weitere Diskussionsbeiträge und Rechenvorschläge.
Mich hat das ein Mal bereits 40 € gekostet. Ich hatte einen dringenden Termin und noch zwei Minuten, um den Fahrschein zu kaufen. Die Leute vor mir überlegten, entscheiden sich, entscheiden sich um, suchten nach kleinen Scheinen… Ich bat irgendwann, dass sie mich bitte vorlassen sollten, ich hätte es eilig, ich trug schon das passende Geld in der Hand. Die schauten mich nur verständnislos an. Ich sprang dann fluchend in die ankommende U-Bahn und Bums! hatte ich an der übernächsten Station eine nette Begegnung mit Kontrollettis.
Gestern nutzte ich die Kampfrentner-Taktik: Rücksichtsloses Vordrängen. So hatte ich eine Fahrkarte, bevor die Bahn die Türen schloss. Ich musste nur noch die fünf asiatischen Mädchen in kurzen Hosen beiseite kicken, die sich mit dem Rücken zum Eingang stehend, dort nicht wegrührten.
Ich drängte mich in die Mitte des Wagens. Um mich herum farbenfrohe südländische junge Ballonseidenhosenträger-Männchen, die breitbeinig sitzend stolz ihre Gonaden präsentierten. Ihre eigentlichen Brutplätze sind im Wedding, in der U2 sind sie selten, aber anhand ihres lauten Geschnatters konnte ich sie als süditalienische Touristen identifizieren.
Ich bemerkte, dass ich mit der U8 wesentlich schneller beim Herrn Lucky angekommen wäre und ärgerte ich mich kurz. Aber als ich am Gleisdreieick in eine mäßig volle U1 stieg, die sich dann am Halleschen Tor in den Vorhof zur Hölle verwandelte, wußte ich: 1. Es ist Karneval der Kulturen und 2. Wenn ich am Kotti umgestiegen wäre, wäre ich gar nicht in die Bahn gekommen. Um mich herum harmlose genervte Berliner, dazu Flaschensammler mit ihrer Beute, nicht mehr so ganz frisch riechend und ein ganzer Pulk Pubertisten aus einer der deutschen Provinzen (und es ist mittlerweile egal, ob Ost oder West). Die jungen Menschen erlebten, wie sie sich lautstark zubrüllten, zum ersten Mal eine volle U-Bahn. Zur allgemeinen Unterhaltung drohten sie sich gegenseitig, sich im Gedränge zu filmen und zu fotografieren und das Ganze auf Facebook zu stellen. Als sie von einem freundlichen Ureinwohner mindestens ebenso laut gebeten worden, endlich die Schnauze zu halten, war Ruhe. Jetzt beschäftigte sich nur noch eine Herde halbwüchsiger Türkenbengel damit, in den Stationen aus dem Wagen zu steigen, um sich am Schluss wieder reinzudrängen und wer es nicht schaffte, hatte verloren, musste noch etwas mitrennen und gegen die Scheiben bummern. Ich wünschte mir sehnlich ein Rambo-Kopftuch und eine Wumme. Schließlich musste ich mich am Schlesischen Tor mit drei rohen Eiern und einem in der Hitze weichgewordenen Stück Butter in einem Stoffbeutel zur Tür vorkämpfen. Irgendwie ging es. Ich musste ihn nur über den Kopf halten.
Auf der Schlesischen Straße kamen mir dann immer mal vier fünf Leute im Pulk entgegen, die gerade bei einem Fahrradverleih auf Hollandräder gestiegen waren und sich nun erstmal vorsichtig auf dem Gehweg warm fuhren.

Beim Herrn Lucky angekommen, empfingen mich entspannte Menschen, unter anderem der Herr Glam und Fräulein Nina, ein blühender Balkon und ein Glas Sekt auf Eis.
Es war ein wunderbarer, entspannter Nachmittag, der in den Abend und die Nacht übergingen. Die Spargel war delikat, die Hollandaise beschloss nach anfänglichem Zicken doch zu funktionieren. Ein Couchie aus San Francisco und der später eintreffende Graf ergänzten die Runde und wir führten Gespräche wie eine die Pest überwinternde Runde in einem Italienischen Renaissanceschloß.

2. Teil folgt

Die Glaskillerin war da, aber auch noch was Erfreuliches

Es passiert mir einmal im Jahr. Ich räume in der Küche, es stehen Gläser vom Abend auf der Arbeitsplatte und ich reiße sie mit dem Unterarm herunter, wenn ich dahintergreife. Mein morgendlicher Tunnelblick blendet das Objekt und mein komatöses Hirn die Information “Achtung, zerbrechlich!” einfach aus. Voriges Jahr war es ein wunderschönes Römerglas von des Grafen Oma, dieses Jahr ein Sektglas meiner Urgroßmutter. puttes-glas

Jetzt aber noch was Schönes, nämlich Pfingstrosen. Da sie nur einen Monat im Jahr blühen, muss man sie bergeweise in Vasen stellen. (Ich erinnere mich an das Jahr 2003, als ich mal einen ganzen Eimer voll von den klassischen Dunkelroten geschenkt bekam.) Derzeit hier in diesem Haushalt:

Sarah Bernhardt

Sarah Bernhardt

Coral Charme

Coral Charme

Coral Charme Pfingstrosen mag ich sehr. Zuerst sind sie intensiv hellrote Kugeln und beim Aufblühen bleichen sie immer mehr in Pastelltöne aus.

Coral Charme nach 3 Tagen

Coral Charme nach 3 Tagen


Coral Charme nach vier Tagen

Coral Charme nach vier Tagen