The Diary of Kitty Koma

26/04/2015
von kitty
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Sonntagsmäander Goldbepudert

Die Pollen legen zartgoldenen Puder über die Stadt und bisher bin ich vor den ganz üblen Nebenwirkungen verschont geblieben. Es hat auch Vorteile, tagsüber hinter Thermoverglasung zu sitzen.
Die Woche hatte von allem zu viel. Eine in den Kräften nachhängende Wochenendreise, viel Arbeit, mehrere abendliche Treffen, die nicht noch einmal zu verschieben waren… Genug, um sich für längere Zeit auf eine einsame Insel zu wünschen.
Ein bisschen einsame Insel hatte der Samstag, wo ich mit dem Kind im Garten herumpusselte. Da wäre ich gern die nächsten 14 Tage geblieben.
So wie es ist, bin ich grade kurz angebunden bis maulfaul, misanthrop, gereizt und gehetzt und versuche, das mit allen Kräften zu verbergen. Aber alle Dinge haben ihre guten Seiten, vielleicht hilft das, was mir gerade begegnet dazu, noch mal einen leicht modifizierten Weg zu finden, mit mir und der Welt. Zu arbeiten und Geld zu verdienen, ohne über glühende Kohlen zu laufen. Ich beobachte es noch.

Was es sonst noch gab. Diesen sehr lesenswerten Artikel im Tagesspiegel über die Wirkungen von Airbnb auf ganze Viertel in Berlin und die Blogposts von Lucky Strike und von Gaga Nielsen dazu, bitte lesen mitsamt Kommentaren und darüber nachdenken. Das ist wirklich revolutionäres Internetbusiness (und das Wort benutze ich jetzt ganz wertfrei, denn “Alles Neue kommt mit Schrecken” sagte Heiner Müller), es stellt die Welt, wie wir sie kennen, auf den Kopf. Ähnlich, wie es vorher schon Filesharing taten oder eBooks, die ohne Verlage veröffentlicht werden können. Wir nutzen eine tolle Möglichkeit, Urlaub zu machen und verändern damit unsere Lebensstrukturen tiefgreifend und ohne es zu wollen.
Was es mir noch zeigt: jegliche Share Economy gleitet ganz schnell in banalen Kapitalismus.

Nachdenken über Angst und Gefährdungen in unserem Leben. In der DDR (und das zu einem Preis, der allen bekannt sein sollte) war mein Leben zwar sicherer, aber auch heute habe ich weder Angst, noch fühle ich mich bedroht. Für eine riesige, sehr tolerante und internationale Stadt wie Berlin passiert verdammt wenig. Gut, es laufen brüllende und fuchtelnde Psychos durch die Straßen, an den üblichen Plätzen hängen die Dealer in Trauben rum und man sollte im Gedränge die Geldbörse vor Zugriff schützen. Aber ich muss weder befürchten, dass mir jeden Moment die Handtasche weggerissen wird, noch muss ich Bargeld bei mir haben, um einen bewaffneten Raubüberfall zu überleben oder setze mich der Gefahr aus, als unbegleitete Frau nachts mit großer Wahrscheinlichkeit Vergewaltigungsopfer zu werden.
Das, was ich um mich herum höre, klingt anders. Schon unter dem #aufschrei-Hashtag versammelte sich eine Menge diffuser Ängste, die mich erstaunt und ratlos zurückließen, als würde ich auf einem anderen Planeten leben. Alles, was unter rape culture- oder street-harassment-Diskussionen läuft, schaue ich mir gar nicht mehr an, da bin ich zu alt und zu libertin dafür. Aus der konservativen Frauenarbeitsgruppe, an der ich vor zwei Jahren so viel Freude hatte, bin ich ausgeschieden, als die Arbeit abdriftete von Themen, die Frauen im Job und im selbstbestimmten Leben bewegen und die Leiterin sich immer mehr auf den Themenkreis “Frau als Opfer” beschränkte. Es ging nur noch darum, anstehende Gesetzesänderungsinitiativen zu Gewalt, Mißbrauch, Vergewaltigung und Prostitution zu referieren und freie Träger und Vereine, die sich um geprügelte, missbrauchte und gestalkte Frauen kümmerten, zu besuchen. (Wobei es möglichst um “reine” Opfer geht. Es gab tatsächlich einen Verein, der geschlagenen Frauen, wenn sie süchtig waren, keine Zuflucht gewährte. Obwohl mentale Abhängigkeitsverhältnisse, Gewalt und Drogen meist die übliche Gemengelage sind.) Ich habe mich dann irgendwann rausgezogen, denn das vergiftete mir mehr und mehr das Hirn, vor allem, als Versuche von mir und anderen recht toughen Frauen, den Kurs der Arbeit wieder zu ändern, abgewehrt wurden, unter dem Hinweis, das seien die echten Probleme in Berlin Mitte. Ich weiß es nicht. Es ist auf jeden Fall ein Geschäftsmodell, das Finanzierung verspricht.
Frauen als schwache, gefährdete, selbstbestimmungsunfähige, defizitäre und orientierungslose Wesen, die nun zwar nicht mehr von Familie oder Mann gesagt bekommen sollen, wo es lang geht, die dafür aber umgeben sind von sozialen Hilfsinstitutionen und gesetzlicher Maßgabe. Interessant. Vor allem dass beide Diskurse parallel laufen. Zum einen der neuerliche Versuch, Frauen verstärkt in nachhaltige Erwerbsarbeit zu bringen und die Angst- und Bedrohungs-und (männlichen) Übermachtszenarien, die referiert werden.
Das ist alles noch nicht zu Ende gedacht, fällt mir aber auf.
Außerdem bin ich ganz froh, wenn dann jemand wie Antje Schrupp das nabelzentrierte Emotionstourette (“Ich empfinde das so, also ist das so”) ignoriert und mal nachfragt, wer eigentlich Verantwortung übernimmt. Mein Reden seit 2012.
Da kam dann noch ein zweiter Artikel nach, der bekräftigte, dass man unbedingt Feministin werden solle, auch wenn andere Feministinnen nicht immer das tun, was einem in den Kram passt. Gutes Indiz dafür, dass der erste Artikel ins Schwarze getroffen hat.

18/04/2015
von kitty
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Kleinstadthorror

Ich habe vor ein paar Wochen im Job zwei Leute zusammengebracht, die sich gesucht und gefunden haben. Gott sei Dank und auch leider.
Sie wissen ja, ich bin in der Strombranche. Da suchte ein Betreiber eines kleinen Wasserkraftwerkes aus der Provinz dringend eine Vertretung, weil er für einige Wochen krankheitshalber nicht arbeiten konnte. Aber Wasserkraftspezialisten sind selten und teuer und arbeiten meist fest angestellt für große Konzerne. Ich suchte und wurde fündig.
Nun ist es wie es ist. Leute, denen grade das normale Leben zusammenklappt, finden dann oft nur Leute, deren Leben auch ins Rutschen gekommen ist und die deshalb auf dem Markt sind. Seither beschweren sich beide Seiten kräftig bei mir jeweils über die mangelnde Seriosität des anderen. Der eigentliche Kern der Sache – da arbeitet jemand fachkundig und der andere zahlt dafür – steht außer Frage, das funktioniert. Aber alles andere ist  “Die Phantome des Hutmachers” versetzt in ein deutsches Fachwerkstädtchen.
Nach einem Telefonat (nie unter 20 min) mit Beschwerdeschleifengerede oder einer Mail, versehen mit minutiösen Angaben über den gestalkten Anderen möchte ich mir am liebsten den Kopf mit Kernseife ausspülen.

12/04/2015
von kitty
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Sonntagsmäander mit balzenden Vögeln

Selbst hier in der Innenstadt erklingt morgens ein filigranes und ohrenbetäubendes Vogelkonzert. Ich mag die Rotkehlchenstrophen sehr:

Gestern flüchteten wir bei 22 Grad in den Grunewald und spazierten unter Bäumen mit knallenden Knospen. Wenn man still stand und die AVUS ausgeblendete, hörte man bald das Ticken und Knispern, mit denen die Winterhülsen weggesprengt wurden.
Im Forsthaus Paulsborn rasteten wir. Hier kann man gut essen, aber auch für 5 Euro eine recht verschnippte Hundefoodbox ordern, angepasst ans Publikum. Man sah Jagdhunde aller Sorten, Goldknopfsakkos und Liftings unterschiedlicher Technologiestufen. Es sieht übrigens nichts blöder aus, als eine fett aufgespritzte Oberlippe, die durch zu viel Botox nach unten hängt.
Bei Samstagseinkauf erwischte uns der Frühjahrsregen, der mit einigen Unterbrechungen den ganzen Abend niederprasselte. Für die Blümchen ist es gut, das Kind hatte im Garten die Aussaat beendet.

Weil ich grade beim Essen war. Eine Woche vor Ostern war das Büro vom Oranienplatz an die Weberwiese umgezogen. Was hieß, vom Streetfoodparadies mit bestimmt 10 wohlschmeckenden und wohldosierten Angeboten in unmittelbarer Laufnähe zur kulinarischen Diaspora der Vorgentrifizierungsphase: ranzig aussehende Dönerbuden mit davor stehenden Säufern, langsame Bedienung und Suppenkoma versprechende “hier deutsche Küche!”-Restaurants, Essen, das auch noch samt und sonders genauso teuer ist wie die guten Angebote in Kreuzberg. Der einzige Lichtblick ist ein klassischer Ost-Bäcker, nur wenn ich damit anfange, verbringe ich den Rest des Arbeitstages aufm Klo, ich firmiere schließlich unter Glutenunverträglichkeit seit 2002.
Ich muss mir was einfallen lassen. Ich fühle mich den Tag über halb verhungert und schlecht versorgt. Alles was in Reichweite ist, ist entweder eklig, erschlagend schwer oder viel zu kompliziert zuzubereiten. Mit dem Arbeitspensum habe ich weder Nerv noch Zeit, mittags in den Edeka zu gehen und mir danach etwas zusammenzubasteln, da bleibt es oft bei Kartoffelsalat mit Würstchen aus dem Kühlregal oder Reiswaffeln und Käse. Was ich dann abends mit viel gutem Essen oder Nudeln mit Ketchup kompensiere, wenn ich es nicht mehr brauche. Die Kleider spannen schon  nach zwei Wochen und ich fühle mich aufgedunsen und das trotz der Angewohnheit, die 3 1/2 km abends zurück zu laufen (was hungrig auch kein Spaß ist) oder das Fahrrad zu nehmen.
Nächste Woche wird erst einmal die Biokiste wieder bestellt, dann nehme ich mir ein Suppentöpfchen mit oder ähnliches.

Und sonst? Mir fiel gestern ein, dass es eigentlich absurd ist, was Eltern (mich eingeschlossen) für ein Geschiss um den Medienkonsum ihrer Kinder machen. Nur dosiert, nur kontrolliert, nur politisch korrekt kindgerecht (je nach Haushalt) oder aber mit Erklärung der Eltern.
Mich hat man mit vollen Bücherregalen allein gelassen und ich habe ab dem Alter von 9 Jahren alles gelesen, was ich in die Hand bekam und was mich interessierte. Und was mich interessierte war definitiv nichts Kindgerechtes, sondern Schaudergeschichten (E.A. Poe, E.T.A. Hoffmann), brutale Brachialsatire (der Simplicissimus, Gullivers Reisen), Hans Dominik*, später Bücher mit “Stellen” oder am besten gleich Doktorbücher mit eindeutige Abbildungen, Bücher über Ehehygiene oder sexuelle Bräuche von Naturvölkern, die meist gut versteckt waren, aber ich fand sie trotzdem.
Geschadet hat es mir definitv nicht und was ich an Feedback auf Twitter dazu bekam, den anderen auch nicht. Es gab nur einen Menschen, der meinte, es gäbe einen Unterschied zwischen Schund zwischen Buchdeckeln und Schund im Bewegtbild. Und dass Sex und Gewalt anders zu bewerten sein, wenn es sich um Klassiker handele.
Das sehe ich defintiv nicht so, dafür habe ich im Studium zu viel Shakespeare-Gemetzel gelesen.

Dann noch zwei Links. Robin Urban darüber, dass ihr das ganze Awareness-Gepose als Betroffene nicht weiterhilft. Und ihr späterer Artikel, der das Ganze leider wieder auf die aktivistisch-abstrakte Ebene hebt, was sicherlich in der Peergroup Anerkennung bringt, aber den Versuch, das eigene Problem tatsächlich anzugehen, aufweicht.
Das Netz ist voll von meist jungen Menschen, die sich über ihre seelischen Einschränkungen unterhalten und über das, was gut und richtig dazu ist, aber selten tatsächlich etwas dagegen tun. Das scheint mir eine Art sekundärer Krankheitsgewinn zu sein. Es ist gut zu wissen, dass man mit Problemen nicht allein ist, aber in der Wärmestube von Lebensverhinderten hockenzubleiben finde zumindest ich nicht so gut.

*Das waren jeweils die Originalfassungen.

06/04/2015
von kitty
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WMDEDGT April 2015

Frau Brüllen hat wieder gefragt, was wir den ganzen Tag so machen.
Dieser Ostersonntag war einer der Tage, an denen mir das Zeitgefühl gänzlich verloren ging. Weder der Graf noch ich sind Menschen, die auf festtägliche oder familiäre Rituale Wert legen. Manchmal ist das schade, weil Festtage das Jahr beleuchten, aber der starre, sinnentleerte Feierzwang in unseren Herkunftsfamilien, der mehr Stress als Freude brachte, hat uns wohl davon weggebracht.
Und gestern war es nur ein Segen, dass weder große Essen noch Besuche verabredet waren, denn mein absolut tödlicher Männerschnupfen war auf dem Zenith. Ich saß morgens auf dem Sofa, krächzend, schniefend, niesend, das Wasser lief mir aus Auge und Nase und meine Laune war auf dem Nullpunkt.
Ich kochte mir gegen halb 10 ein Seelentrösterfrühstück, Kascha. Ich koche den Vollkorn-Buchweizen auf und gieße das erste Wasser weg, dann ist er verträglicher. Wenn er weich ist, kippe ich etwas Sahne darauf und lasse ihn noch etwas ziehen. Dann gibt es Zimt und Zucker dazu.
Der Graf war noch einmal eingeschlafen und ich mochte ihn nicht wecken und so setzte ich mich nach der Zeitungsschau an eine Strickarbeit. Mein eigentlich schon fertiges Färöer-Tuch mit Spitzenmuster und aus dunkler Seide hat einen zu schmucklosen Rand und ist an der Unterkante zu leicht. Ich wollte das Muster geringfügig ändern und kleine Perlen einstricken. Doch zuerst musste ich dafür 20 Reihen wieder aufmachen. Was bei gestickter Spitze heißt, Masche für Masche zurückzugehen.
Dazu hatte ich ein Hörbuch auf den Ohren und dachte über Fluch und Segen gekürzter Bücher nach. (Ich hasse es ja, wenn die Handlung eines Romans komprimiert wird. Ich kann aber verstehen, dass ich nicht die Zielgruppe bin, sondern eher weniger leseaffine Menschen mit wenig Zeit und dass ungekürzte Lesungen Hörbücher ins Unverkäufliche verteuern.)
Dann war der Graf aufgestanden und wir verabredeten, am Nachmittag mal bei Kind und Mann im Garten vorbeizuschauen, wir waren freundlich eingeladen und der Himmel strahlte blau.
Ich machte ausgiebig von Nasenspray Gebrauch. Das tue ich sonst nicht, denn das Letzte, was ich ich wollte, wäre, mir damit die Nasenschleimhäute zu versauen. Aber ich hatte eine Heidenangst vor der einer Nebenhöhlenentzündung, die mich richtig krank machen würde. Und Nasenspülungen helfen bei mir nicht. Im Gegenteil, ich habe das Gefühl, ich appliziere damit die Erreger noch an die richtige Stelle.
Dazu trank ich kannenweise Ingwertee und der Graf diktierte derweil einen Blogeintrag und entwarf eine Osterkarte.
stempel
Dann war die Zeit gekommen, zu der wir in den Garten aufbrechen wollten. Aber ich war vollkommen zerlegt und das Letzte, wonach mir war, war, das Haus zu verlassen. Also sagte ich dem Kindlein ab und sah mir vergnatzt die schönen Wolken, die wie Schiffchen auf dem knallblauen Himmel trieben, durch mangelhaft geputzte Fenster an. Statt dessen fummelte ich die Perlen auf die Seidenmaschen und fragte mich recht bald, was mich zu diesem hirnverbrannten Entschluss gebracht hatte.
beads
Es sieht ja hinreißend schön aus, weil es eben eigentlich nicht zu sehen ist. Aber es ist ein haarsträubendes, zeitraubendes Gefummel. Slow Knitting eben, das sind die Stücke, die bei Tragen mit großem Respekt behandelt werden. (Ich mag es sehr, dass die transparenten Opalperlen die Farbe des Garns annehmen, das zwischen Silber-, Graphit- Kobalt- und Bleigrau-Tönen mit etwas mattem Gold changiert. Nicht unbedingt meine Farben, aber gut anzusehen.)
Als die Sonne am untergehen war, merkte ich, dass sich mein Zustand gebessert hatte. Der Graf machte mit mir eine Runde um den Block, damit ich etwas frische Luft bekam. Wir sahen, dass es in der Ackerstraße nun Wiener Schnitzel gibt und sich bei Ocelot etwas tut, nachdem man wochenlang wegen Grippe geschlossen hatte. Menschen scannten und sortierten Bücher. Man darf gespannt sein.
Ich ging früh ins Bett, las noch etwas und habe mich sicher ganz fürchterlich laut gesund geschnarcht.*

Die anderen Blogposts stehen wie immer hier.

PS: Dieser Text ist sehr schön.

 

*Luxuskrank, ich weiß. Einige Menschen in meiner Herzensumgebung sind viel viel kränker.