Charlotte I

Sie wurde 1920 in sehr einfachen Verhältnissen in Lichtentanne unweit von Zwickau, auf dem Vorwerk Tannhof (einem alten Rittergut) geboren.
Ihr Vater war Schlosser. Ein zum Jähzorn neigender kleiner Mann, ein Bilderbuchproletarier, der schon mal den gedeckten Tisch umschmiß, wenn das Mittagessen bei seiner Rückkunft vom Sonntagsfrühschoppen nicht fertig war und es so einrichtete, dass er große Geschäft bei der Arbeit verrichtete, denn dann bekam er es bezahlt.*
Ihre Mutter machte alles, was anstand. Sie war Weißnäherin in Heimarbeit (in den 50ern machte sie die rundgesteppten Atlas-BHs) und hatte eine Putzstelle. Eine ihrer Schwestern hatte nämlich einen Gastwirt im Ort geheiratet. Einiges über ihren Verhältnissen, aber es wollte ihn wohl keine andere, weil er nicht so ganz gesund war und es einen dominanten Mutterteufel im Haus gab.
Dort putzte Lottes Mutter und half aus und im großen Gasthof wohnte die junge Familie auch. Die äußeren Umstände waren wechselhaft: Inflation (alle meine Urgroßeltern hatten ihren Hausstand in Inflationszeiten begründet), Konsolidierung, Wirtschaftskrise. Es gab erst 16 Jahre später noch einen Sohn, vorher schlief meine Oma mit ihrer Mutter in einem Bett.
Der Ton unter den Leuten war roh und laut. Kneipenprügeleien zwischen Kommunisten und Nazis, dazwischen die Sozis mit ihren Sparvereinen, die ihre Ruhe und ein kleines Glück haben wollten. Frauen, die funktionieren mußten und mit tausend Tricks verhinderten, zu viele Kinder zu bekommen. Wer es sich leisten konnte, legte sich mit einer theatralischen Frauen-Krankheit dauerhaft ins Bett und ließ die anderen machen. Nur, daß sie in dieser Familie immer zu den anderen gehörten, die machen mussten, um nicht zu verhungern.
Zuflucht und Erholung gab es im Arbeiter-Sportverein, ein ganzes Album ist voll mit Fotos der blonden, langbeinigen jungen Lotte und ihren Freundinnen in weißen Anzügen bei Turnfesten.
Nachdem die Nazis an die Macht kamen, ging es den armen Leuten besser. (Hab ich grade Autobahn gesagt? Mea Culpa!) Der freie Fall hatte aufgehört, nun gab es Arbeit, bescheidenen Wohlstand und Strukturen. Oft mehr als es denen, die sie sich gewünscht hatten, lieb war. Auf diesen Verrückten aus München und sein Gefolge hätte man in meiner Verwandtschaft sehr gern verzichtet. Aber man war es gewöhnt, dass es immer einen gab, der sagte, was getan werden musste. Widerstand war kein Überlebenskonzept.

In den Schilderungen meiner Verwandten gab es ein extremes Kopf-an-Kopf-Rennen der radikalen Ideologien. Diese Zahlen zeigen das auch ganz gut. Irgendwann hatten die Nazis die besseren Unterstützer und schafften es, die höherklassigen Unzufriedenen des rechten Spektrums zu sammeln und das zwölfjährige Debakel nahm seinen Lauf. Wenn Stalin nicht so paranoid auf die Disziplinierung/Ausrottung der eigenen Leute fixiert gewesen wäre, hätte das anders ausgehen können. Ob besser, wage ich zu bezweifeln.
Die Sozialdemokraten waren eher old school, kungelten mit dem Kapital, bauten an ihren kleinen Angestellten-Aufstiegskarrieren und wollten ihre Ruhe haben.
Die Nazis und die Kommunisten mit ihren militanten Auswüchsen SA und Rotfront-Kämpferbund waren sich radikalisierende Jugendkulturen mit älteren elitären Vordenkern.  Da waren weite, industrialisierte Landstriche voll mit Leuten, die von ihrer unsicheren Arbeiterexistenz die Schnauze randvoll hatten. Dort waren die Versprechungen besserer Zeiten gern gehört.

Lotte war ging schon früh mit Heinz (auf diesem Foto ganz rechts), sie waren lange verlobt. Heinz, der Sohn eines Bergmanns aus dem Zwickauer Steinkohlenrevier, der so begabt und klug war, daß er Elektriker wurde mit Option auf mehr.
Ein sanfter Mann, der wahrscheinlich die charakterlich etwas eckige Charlotte aus dieser ruppigen, lauten Familie als Schutzschild und Korrektiv brauchte. Ein Mann, der sie in seiner Sensibilität wahrscheinlich sicher und entspannt machte.
Vor der Hochzeit kam noch viel dazwischen. Erst der Arbeitsdienst für ihn, dann musste er an die Front (Westfront, als Bodenpersonal bei den Fliegern, Glück gehabt) und auch sie ging irgendwohin zum Arbeitsdienst. Anfang der 40er heirateten sie. Das Hakenkreuz auf der Uniform hatte Oma später auf dem Hochzeitsfoto im Album mit Bleistift geschwärzt. Überhaupt gab es dort viele übermalte Hakenkreuze. Die beste Freundin heiratete “schlicht in Weiß, nur mit dem Parteiabzeichen auf der Brust”.
Sie ließen sich in Magdeborn bei Leipzig nieder, in der neugebauten Arbeitersiedlung des Werks Espenhain. Wenn der Krieg vorbei war, würde es dort Arbeit geben.
Im Dezember 1943 kam meine Mutter zur Welt. Komische Koinzidenz. Ich kenne viele in diesem Zeitraum geborene Kriegskinder. Es muss zwischen der Kapitulation von Stalingrad und dem Ausrufen des totalen Kriegs viele Fronturlauber gegeben haben und dazu den Gedanken, dass etwas bleiben muss, wenn sie nicht zurückkommen.
Meine Mutter war das einzige Kind und wie es zunächst aussah, wollte sie nicht lange bleiben. Kurze Zeit nach ihrer Geburt wurde sie so krank, dass man doch besser eine Nottaufe ansetzte.
Heinz war nicht lange in Gefangenschaft und was er mitbrachte, waren nicht Horroralpträume aus weißrussischen Sümpfen, sondern gemäßigte Erlebnisse eines Zuges in die Fremde: aus Frankreich, Griechenland und wenn ich ich recht erinnere, dem Kaukasus.
Es gab nicht viel zu Essen, man hungerte. Man half sich mit dem Schrebergarten und hielt dort Kaninchen und Hühner. Manchmal ging man zum Bauern, arbeiten. Nur waren dort im Leipziger Süden viele Arbeiterfamilien und wenige Bauernhöfe.
Charlotte, die eigentlich nie sehr kränklich war, bekam offene Lungentuberkulose. In dieser Zeit zwar keine unbedingt tödliche Diagnose mehr, aber eine, die mit Rückfällen, der Gefahr langen Siechtums und – wegen der Ansteckungsgefahr - strenger Isolation einher ging. Heinz war lebend zurückgekehrt und Lotte verschwand monatelang in Heilstätten (das waren Paralleluniversen für Geistes- und Lungenkranke, in Tschadraß, wo sie war, sogar auf einem Fleck). Das Kind (meine Mutter) pendelte zwischen Oma, Nachbarin und Tante, während der Mann ohne Ende arbeitete. Manchmal kehrte Lotte zurück, gedunsen, fett gefüttert, weiß wie eine Leiche, eine fremde Frau in fremden Kleidern. Der erste Sonnenstrahl, der sie berührte, ließ die Verkapselungen wieder aufbrechen und sie kam wieder in Quarantäne. Auf dass sie ihr Kind wieder nicht mehr erkannte, wenn sie zurückkam.
Um Heinz, ein attraktiver Mann, der Karriere in Espenhain machte, schwirrten derweil die Kriegswitwen und warteten auf ihre Chance. Lotte hat bis an ihr eigenes Ende eine Todesanzeige aus den 70ern aufbewahrt. Die einer Frau, von der ihr zugetragen wurde, dass sie ihren Heinz mal gefragt hatte, ob der sich das wirklich antun wolle, mit dieser kranken Frau, die nicht mehr lange leben würde. Sie sei gesund und warte nur auf ihn. Lotte hat sie um mehr als 30 Jahre überlebt. Jedes Jahr holte sie die Anzeige hervor. Ihre Art, auf einem Grab zu tanzen.
Es muss irgendwas mit ihr passiert sein in den langen Zeiten in der Parallelwelt, in der es sich um Körperzustände, Okkupation durch Erreger, Dysfunktionen, Sterben oder Überleben drehte. Die Frau, die ich kennenlernte, hatte mit der, die ich auf den alten Fotos sah und die sich selbst in ihrem früheren Leben schilderte, wenig zu tun.
Modern würde man von Traumatisierung sprechen, von Konditionierung auf sekundären Krankheitsgewinn.
Sie war nie wieder richtig gesund. Und doch waren die Krankheiten, die ihr passierten, Allerweltskrankheiten. Eine Eierstockzyste, Gallensteine wegen der Buttermastkur, entzündete Krampfadern. – Jeder Eingriff versetzte die Familie wochenlang in Sonderzustände. Nicht, dass sie sich hängen ließ, im Gegenteil. Ihr Überlebenskampf fand nun auf einer großen Bühne statt. Meine Mutter lernte früh, ihr zur Seite zu stehen, im Krankenhaus hielt sie Hof. Gallensteine wurden hergezeigt wie bei anderen Brillianten. Behandlungen und Symptome wurden bei Kaffee und Kuchen detailliert erörtert und im Zweifelsfall das Doktorbuch zu Rate gezogen. Jeder andere in ihrer Umgebung wurde ebenso Opfer dieses sonderbaren Körperinteresses, das überhaupt keine Privatsphäre mehr kennt. So lernte ich sie kennen. Als “ist krank” oder “forscht bei mir nach Krankheiten”.
Als Lotte endlich als halbwegs geheilt galt und ihr Heinz seinen Ingenieursabschluß neben der Arbeit fertig hatte, schien alles besser zu werden. Da wurde Heinz krank. Die Arbeit im Kraftwerk und das Studium nebenher, die häufigen Notdienste und Katastropheneinsätze, der selten komplette Haushalt hatten ihm, der nie Nein sagen konnte, schwer zugesetzt. Mit Ende 40 hatte er, der nicht rauchte, nicht trank und kein Übergewicht hatte, einen Herzinfarkt. Auf dem Weg in den Urlaub. Nur wenige Jahre später, die beiden hatten sich gerade einen Campinghänger gekauft und wollten jetzt das Leben genießen, starb er an als Hämorrhoiden verkannten Darmkrebs. (Alle seine Ingenieurs-Kollegen im Braunkohleveredelungswerk starben an Krebs.) Die Monate seines Siechtums und sein Tod verletzten Lotte nochmals schwer. Sie war Ende 40 und Witwe.
* Komisch, was von Menschen immer wieder erzählt wird und in den Erinnerungen anderer hängenbleibt.

So schnell

Geahnt habe ich es, aber so schnell nicht damit gerechnet. Als heute morgen das Telefon klingelte und mein Vater mir die Nachricht von ihrem Tod überbrachte, erfüllte ich scheinbar eines ihrer letzten Vermächtnisse.
Mein Vater redete und ich hörte in seiner Stimme, daß er heute nacht im Club seinen alten, alkoholgesättigten Ritualen nachgegangen war. Statt, wie es zu erhoffen war, meiner Mutter etwas beizustehen. Sei alter “Abwesend”-Modus, wenn es emotional wird.
Ein Meteor aus glühender, ätzender Wut stieg in mir auf. Ich sagte ihm in ein paar harten Sätzen die Meinung. Später fragte ich mich, was das gerade war. Ich hatte mir schon seit Jahren abgewöhnt, mich einzumischen. Jeder macht sich das Leben auf seine Art zur Hölle. Ich auf die meine, die beiden auf die ihre.
Nur die Großmutter hatte ihren innigen Hass auf meinen Vater gepflegt und zu exponierten Gelegenheiten wohlgenährt auf ihn losgelassen. Da wurde ich wohl gerade von etwas als Behausung benutzt.

Ok., Omi, aber noch mal bitte nicht!

Die letze Ruhe

Das ist wie wenn einer sterben will
Und die Kinder im Hofe schrein.
Und er wartet lang in den Tag hinein,
Doch die Kinder im Hofe schrein.
Da weiß er: So wird mein Sterben sein.

Nicht einmal still.

Rilke

aus dem Kopf zitiert und hoffentlich fehlerfrei

Das alte zähe Weiblein, die andere Großmutter, will gehen. So scheint es. “Besuchen macht keinen Sinn”, sagt meine Mutter. “Sie liegt auf der Wachstation und bekommt nichts mehr mit.”
Hm. So ohne Abschied? Auch wenn ich ihr nie sehr nahe war. Selbst wenn ihre Seele schon leise speckernd auf der Lampe hockt, das ist doch zu merken, wenn jemand kommt oder?
Runter mit ihr von der Wachstation, raus aus dem Krankenhaus, bevor da noch jemandem einfällt, womit noch Geld zu verdienen wäre. Rein in ihr Zimmer. Dafür heißt es doch Pflegeheim, damit die Menschen dort in Ruhe sterben können. Oder?

Nicht nur Horror mit der BVG, sondern weitere logistische Herausforderungen

Teil 2 des Sonntags.

Kurz nach Mitternacht, die Mondsichel stand hoch am Himmel, die Runde löste sich auf. Wir stiegen von Herrn Luckys Dach wieder nach unten ins Gewühl. Der winzige Fahrstuhl, faßte offiziell vier Personen, war aber mit Glam, dem Couchie und seinem Gepäck und mir  voll. Der Graf wollte lieber laufen.
Die Tür schloss sich und die Überladungssicherung begann mit lautem Dauerhupen, egal, was wir taten, die Tür bleib geschlossen, der Fahrstuhl rührte sich nicht. Der Notrufknopf war schnell gefunden, es meldete sich auch jemand, aber eine Verständigung war nicht möglich, weil das Überladungssignal alles überblökte.
Glam bewahrte kühlen Kopf und rief die Notrufnummer an. Ein junger Mann versprach, uns bald zu retten. Für uns alle ein sehr tröstlicher Gedanke. Couchie hatte inzwischen die Initiative ergriffen und versuchte, die Tür aufzudrücken. Bei der Innentür kein Problem. Die Außentür war allerdings böse verklemmt, sie war immer nur unten einen Spalt wegzubewegen. Worauf der findige Herr Lucky zu unserer Beruhigung erstmal Schnäpse durch den Spalt reichte. Schließlich hatten zwei von uns unbestreitbar eine heftige Neigung zu Panikattacken.
Das Wuchten und Schieben an der aus den Rollen gesprungenen Metalltür ging weiter, Couchie von innen, Lucky von außen. Ich versuchte mir nicht vorzustellen, wie es ist, wenn der Fahrstuhl abstürzt. Nach ein paar Minuten war es dann so weit. Die Tür ging auf, wir waren frei. Der Notdienst mußte etwas später dann nur noch den kranken Fahrstuhl verarzten, der immer noch verzweifelt mit Türen klackerte und rappelte.

Wir trennten uns unten auf der Straße, der Graf hatte das Fahrrad bei sich und stattete mich mit seiner Monatskarte aus. (ein Bonustool für den BVG-Hindernisparcours) Die beiden anderen Herren hatten wohl noch ein vampireske Begegnung mit einem dunkelgelockten Jüngling, dessen leergesaugte Hülle wohl demnächst zwischen Flutgraben und Landwehrkanal aufgefunden wird.
Ich ging zum Schlesischen Tor. Inzwischen waren weniger Menschen auf der Straße, die aber auch nicht weniger Platz brauchten, da sie sich in unterschiedlichen Phasen alkohol- und drogenbedingter Gehbehinderung befanden. Der Zug kam sofort, diesmal wollte ich den kurzen Weg nehmen und wechselte am Kotti zur U8. Alles fein, Zug kommt in 8 Minuten.
Die Macht der Fakten war hart: Auf dem Bahnsteig 300 und 400 Leute und drei Einkaufswagen voller Leergut. Angekündigt war ein Kurzzug. Ich sah mir die Meute an: Singen, Tanzen, Lallen, Kotzen, Drogentourette, alles dabei. Die U1 oben, die mich zum Gleisdreick gebracht hätte, damit ich den etwas längeren, aber bürgerlicheren Weg durch Berlin Mitte nehmen konnte, war auf unbestimmte Zeit ausgesetzt.
Also Taxi, nutzt ja nix. Ich kam unversehrt zum Ziel, nur einmal sprang ein Aggro-Radahrer dem Wagen in die Spur, als er neben uns über die Straßenbahnschiene switchte und dabei andere Radler überholte. Das war noch mal ein reaktionsschnelles Ausweichmanöver auf die Gott sei Dank leere Gegenfahrbahn. Zum Dank fürs nichtplattfahren gabs vom Rad-Ritter einen gestreckten Mittelfinger.

Berlin, manchmal machst du es einem nicht leicht.

Horror mit der BVG oder der Tag der logistischen Herausforderungen

Der Herr Lucky hatte wie jedes Jahr Spargel, Schinkenhäppchen und Kartöffelchen besorgt. Miz Kitty packte Eier, Dijon-Senf und Butter in die Tasche, dazu ein vorbereitetes Rhabarber-Crumble, hübschte sich etwas und machte sich auf den Weg nach X-Berg. Leider nicht mit dem Rad, das ist kaputt.

Die Stadt ist am Pfingstwochenende noch voller als sonst, wenn die Sonne scheint und das hat Nebenwirkungen. Über New York habe ich irgendwo gelesen, man solle als Tourist in bestimmten Vierteln schon aus Respekt vor den Leuten, die dort leben und arbeiten, nicht im Weg rumstehen. Vielleicht wäre das für Berlin auch eine gute Ansage. Es gibt Strecken in Berlin, die werden zum Hindernis-Parcours.
Seit im Pfefferberg ein Hostel ist, stehen vor dem U-Bahn-Eingang Senefelder Platz Menschengruppen, die auf U-Bahn- oder Stadtpläne starren. Hat man sich dort durchgewunden, stehen die nächsten vor dem einzigen Fahrkartenautomaten.
Ausländische Touristen sind meist schnell, werfen ihre Kohle ein und ziehen ihr Ticket. Besonders Schwaben, die in der Großfamilie oder in Gruppen unterwegs sind, beginnen erst einmal eine detaillierte Diskussion, welche Rabattmöglichkeiten die meiste Ersparnis bringen. Zu diesem Behuf hat man schon jemanden vorn am Automaten stehen, der wahlweise Knöpfe drückt und aus dem Hintergrund kommen weitere Diskussionsbeiträge und Rechenvorschläge.
Mich hat das ein Mal bereits 40 € gekostet. Ich hatte einen dringenden Termin und noch zwei Minuten, um den Fahrschein zu kaufen. Die Leute vor mir überlegten, entscheiden sich, entscheiden sich um, suchten nach kleinen Scheinen… Ich bat irgendwann, dass sie mich bitte vorlassen sollten, ich hätte es eilig, ich trug schon das passende Geld in der Hand. Die schauten mich nur verständnislos an. Ich sprang dann fluchend in die ankommende U-Bahn und Bums! hatte ich an der übernächsten Station eine nette Begegnung mit Kontrollettis.
Gestern nutzte ich die Kampfrentner-Taktik: Rücksichtsloses Vordrängen. So hatte ich eine Fahrkarte, bevor die Bahn die Türen schloss. Ich musste nur noch die fünf asiatischen Mädchen in kurzen Hosen beiseite kicken, die sich mit dem Rücken zum Eingang stehend, dort nicht wegrührten.
Ich drängte mich in die Mitte des Wagens. Um mich herum farbenfrohe südländische junge Ballonseidenhosenträger-Männchen, die breitbeinig sitzend stolz ihre Gonaden präsentierten. Ihre eigentlichen Brutplätze sind im Wedding, in der U2 sind sie selten, aber anhand ihres lauten Geschnatters konnte ich sie als süditalienische Touristen identifizieren.
Ich bemerkte, dass ich mit der U8 wesentlich schneller beim Herrn Lucky angekommen wäre und ärgerte ich mich kurz. Aber als ich am Gleisdreieick in eine mäßig volle U1 stieg, die sich dann am Halleschen Tor in den Vorhof zur Hölle verwandelte, wußte ich: 1. Es ist Karneval der Kulturen und 2. Wenn ich am Kotti umgestiegen wäre, wäre ich gar nicht in die Bahn gekommen. Um mich herum harmlose genervte Berliner, dazu Flaschensammler mit ihrer Beute, nicht mehr so ganz frisch riechend und ein ganzer Pulk Pubertisten aus einer der deutschen Provinzen (und es ist mittlerweile egal, ob Ost oder West). Die jungen Menschen erlebten, wie sie sich lautstark zubrüllten, zum ersten Mal eine volle U-Bahn. Zur allgemeinen Unterhaltung drohten sie sich gegenseitig, sich im Gedränge zu filmen und zu fotografieren und das Ganze auf Facebook zu stellen. Als sie von einem freundlichen Ureinwohner mindestens ebenso laut gebeten worden, endlich die Schnauze zu halten, war Ruhe. Jetzt beschäftigte sich nur noch eine Herde halbwüchsiger Türkenbengel damit, in den Stationen aus dem Wagen zu steigen, um sich am Schluss wieder reinzudrängen und wer es nicht schaffte, hatte verloren, musste noch etwas mitrennen und gegen die Scheiben bummern. Ich wünschte mir sehnlich ein Rambo-Kopftuch und eine Wumme. Schließlich musste ich mich am Schlesischen Tor mit drei rohen Eiern und einem in der Hitze weichgewordenen Stück Butter in einem Stoffbeutel zur Tür vorkämpfen. Irgendwie ging es. Ich musste ihn nur über den Kopf halten.
Auf der Schlesischen Straße kamen mir dann immer mal vier fünf Leute im Pulk entgegen, die gerade bei einem Fahrradverleih auf Hollandräder gestiegen waren und sich nun erstmal vorsichtig auf dem Gehweg warm fuhren.

Beim Herrn Lucky angekommen, empfingen mich entspannte Menschen, unter anderem der Herr Glam und Fräulein Nina, ein blühender Balkon und ein Glas Sekt auf Eis.
Es war ein wunderbarer, entspannter Nachmittag, der in den Abend und die Nacht übergingen. Die Spargel war delikat, die Hollandaise beschloss nach anfänglichem Zicken doch zu funktionieren. Ein Couchie aus San Francisco und der später eintreffende Graf ergänzten die Runde und wir führten Gespräche wie eine die Pest überwinternde Runde in einem Italienischen Renaissanceschloß.

2. Teil folgt

Die Glaskillerin war da, aber auch noch was Erfreuliches

Es passiert mir einmal im Jahr. Ich räume in der Küche, es stehen Gläser vom Abend auf der Arbeitsplatte und ich reiße sie mit dem Unterarm herunter, wenn ich dahintergreife. Mein morgendlicher Tunnelblick blendet das Objekt und mein komatöses Hirn die Information “Achtung, zerbrechlich!” einfach aus. Voriges Jahr war es ein wunderschönes Römerglas von des Grafen Oma, dieses Jahr ein Sektglas meiner Urgroßmutter. puttes-glas

Jetzt aber noch was Schönes, nämlich Pfingstrosen. Da sie nur einen Monat im Jahr blühen, muss man sie bergeweise in Vasen stellen. (Ich erinnere mich an das Jahr 2003, als ich mal einen ganzen Eimer voll von den klassischen Dunkelroten geschenkt bekam.) Derzeit hier in diesem Haushalt:

Sarah Bernhardt

Sarah Bernhardt

Coral Charme

Coral Charme

Coral Charme Pfingstrosen mag ich sehr. Zuerst sind sie intensiv hellrote Kugeln und beim Aufblühen bleichen sie immer mehr in Pastelltöne aus.

Coral Charme nach 3 Tagen

Coral Charme nach 3 Tagen


Coral Charme nach vier Tagen

Coral Charme nach vier Tagen

Auf der Suche nach der perfekten Nähmaschine

Ich habe nicht mehr damit gerechnet, daß ich noch mal so weit komme, mir eine neue Nähmaschine zu kaufen. In den Jahren in der Jobtretmühle dachte ich sehnsüchtig an die  probenfreien Zeiten im Theaterjob zurück (heute hat man ja nicht mehr bezahlt probenfrei, sondern ist auf Hartz IV oder im Nebenjob), in denen ich den gesamten Inhalt des Kleiderschrankes vom Ex-Mann und mir, hinreißende Kindersachen, Kissen, Vorhänge und Möbelbezüge selbst nähte. Ich hatte einfach wahnsinnigen Spaß daran und war am Schluß ziemlich fit. Das Einzige, was ich nun noch lernen muss, ist Schnittanpassung und -konstruktion.

Wie schon geschrieben, es ist wieder Näharbeitsära und der Graf findet es ziemlich ok., wenn diesem Haushalt eine Nähmaschine gibt, die dem sonstigen Ausstattungslevel des Haushalts entspricht. – Selbstverständlich unter Beachtung des Umstandes, dass sie 20mal jährlich benutzt wird und nicht täglich wie die Jura-Kaffeemaschine.

Meine Anforderungen an so eine Nähmaschine sind ziemlich diffizil, denn ich bin keine Anfängerin, sondern geübt, verlange einer Maschine einiges ab und nähe:
- Kleidung aus dünnen und normalen Stoffen (öfter geplant, vor allem Sommersachen)
- Deko – Quilts, Kissen, Taschen, Vorhänge (mittel-oft)
- Säume und Reparaturen, also dicke Stoffe, vor allem Jeans (immer mal)
Meine Augen sind nicht mehr so super, gute Beleuchtung und ein Nadeleinfädler sind deshalb ein Muss. Ein paar Zierstiche fände ich fein, aber Entchen und Autochen, sowie das Alphabet in Comic Sans und Kyrillisch muss nicht sein. (Was der Hit wäre: Eine Maschine, bei der ich mir die Sticharten auswählen könnte.)
Technik mag ich, davor habe ich keine Angst. Die technische Segnungen der letzten Jahre mitzunehmen, wäre fein. Aber wiederum wäre es kontraproduktiv, wenn das gute Stück so hochgerüstet wäre, dass es nach 5 Jahren an der Steuerung krankt.

Erstmal fragte ich rum. Zunächst nur, wer mit welcher Maschine arbeitet. Coolcat hat eine Pfaff Expression und meinte, selbst sie als Profi nutze die drölfzigtausend Zierstiche nicht annähernd. Sie riet mir zu einer gebrauchten mechanischen Pfaff oder Bernina aus dem letzten Jahrtausend. Grund: Unkaputtbar. Guter Gedanke. Aber Miz Kitty ist ihr Autofahrerleben lang Neuwagen gefahren. Hm. Bei einer Neumaschine riet sie mir zur Kniesteuerung, damit ich beide Hände auf dem Stoff lassen könnte.
Die Frau Mutti hat einen so tollen Profi-Maschinenpark, dass sie mir da so gar nichts raten konnte (oder ich habe es auf Grund meiner sozialen Taubheit auf der re:publica verdrängt), außer Probenähen.
Frau Creezy hatte sehr interessante Tipps. Erstens gäbe es bei Ostpaket aufgearbeitete Veritas-und Textima-Maschinen und sie arbeitet mit einer Wertarbeit (ehemals Privileg). Die Privileg, die jetzt das Kind hat, fand ich für den Preis sehr ok.
La Primavera, gelernte Damenmaßschneiderin hat eine mechanische Huskvarna, unter anderem, weil sie nicht elektronikaffin ist (also Klartext: wenn sie sich Technik nähert, wirds heikel *duckundwegrenn*), die sie als sehr ok., wenn auch langsam beschreibt.
Ich hatte aus irgendeinem Grund Brother im Kopf. Irgendjemand hatte mal eine. …ah, jetzt fällt es mir ein, die Ex-Schwiegermutter hatte eine. (Unter mehreren anderen, ihr Hauptgerät war eine Suzuki-Industriemaschine.)
Singer muss ich nicht mehr, nach der Erfahrung mit der jetzigen (wobei diese auch die Preislage hat, die ich verlassen will, muss ich zur Ehrenrettung der Marke sagen).
Dann gibt es noch Bernina und Janome und dann läuft mir der Arbeitsspeicher über.

Ah, eine Bernina -Nähmaschine wurde mir auch empfohlen. Na das ist ja ein Schnuckelchen!

Dann werde ich mich doch mal in den nächste Wochen mit Probenähen beschäftigen.