The Diary of Kitty Koma

23/11/2014
von kitty
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Kartoffelkuchen

Dieses Jahr wäre ich gern wieder im Endspurt, um den Laden Anfang Dezember dicht zu machen und Deutschland der Weihnachtsnerverei zu überlassen. Ich würde derweil auf Fuerteventura die Touristen links liegen lassen und durch die kleine Sahara und das Jandia-Gebirge wandern und den Entitäten vom Tindaya einen Besuch abstatten. Ja, ich liebe Landschaften ohne Vegetation, bei der man die Erdformationen sehen kann, ich liebe die Ursprünglichkeit der Elemente: Wasser, Luft Sonne, Erde, alles ist dort pur und stark.
Aber es ist nun alles anders und das hat seinen Sinn. Man gewinnt nichts, ohne anderes zu verlieren.

Morgen kommt das Kind zum Plätzchenbacken und in zwei Schubladen reifen schon vier gut verpackte Stollen, die ich zum zweiten Mal inspiriert von Kaltmamsell nach dem Rezept von Bäcker Süpke, gebacken habe.
Stollen backen ist bei uns Familientradition, kam der eine Zweig doch aus dem erzgebirgischen Vogtland. Oma Charlotte hat, auch nachdem es uns in Oderkaff verschlug, jedes Jahr zwischen sechs und acht Stück gebacken.
Für arme Erzgebirgler war Stollen Luxus und Symbolik zugleich. Man aß zu Weihnachten Neunerlei, also alles, was es sonst oft oder selten zu essen gab auf einmal und für jede Speise gab es einen Grund. Der Stollen, im November gebacken (das ganze Dorf brachte ihn zum Abbacken zum Bäcker und steckte kleine Blechnamensschildchen hinein)  und Wochen gereift, wurde bei uns erst am späten Weihnachtsnachmittag angeschnitten und leitete das Fest ein. Der Stollen hieß Leben, denn er darf nicht zerbrechen, sagte Oma immer und sie hatte das wiederum von ihrer Oma. Zerbricht einer, stirbt jemand aus der Familie im nächsten Jahr. Deshalb trugen wir ihn wie ein rohes Ei. In mancher Gegend wurde der Teig wie ein Wickelkind zusammengeschlagen – schön zu sehen in der Fotoserie der Kaltmamsell. (Bei uns wurde er in einen Laib geformt wie ein Brot und einmal mittig eingeschnitten, gebuttert und gezuckert wurde er erst einen Tag vor dem Anschneiden.)
Mit dem Stollen wurde so gegeizt, dass er über die harten kalten Monate reichte und der letzte Rest wurde zu Ostern in den Kaffee geditscht.
Bei Oma Lotte litt er manchmal an zu großer Trockenheit, wie ihr sämtlicher Kuchen. Sie gehörte noch zu der Generation, die mit der Hälfte der Butter Kuchen fertigte und auch mit Zucker geizte. Ich teste grade, wie ich es anders hinbekomme. Es ist nicht nur die Menge von Fett und Zucker, das Rezept von Bäcker Süpke ist vor allem in der Behandlung des Teigs völlig anders. Bei Oma wurde der Teig mit allen Zutaten ewig geknetet und wurde wahrscheinlich deshalb manchmal so betonhart. Meine Versuche sind schon ganz gut, ich muß noch etwas an der Backtemperatur arbeiten und die Form ist auch noch optimierenswert. Ich bin gespannt, wie er dieses Jahr schmeckt.
Aber was ich bisher nirgends fand, war

Kartoffelkuchen.

Das kennen wirklich nur die Erzgebirgler und Vogtländer. Da es so streng gehandhabt wurde, den Stollen auf keinen Fall vor Weihnachten zu kosten, standen die Leute einen Tag im November in duftenden Schwaden ohne Kuchen zu bekommen. Und so kam man auf die Idee, etwas Stollenteig abzuknapsen
stollenteig
und mit gekochten Kartoffeln zu vermengen, kalt gerieben oder durchgedrückt
kartoffeln
Ich habe das im Verhältnis 1:1 gemacht. Andere nehmen mehr Teig.
vorher
Das Ganze kommt 2 cm hoch auf ein Blech oder – wenn man so wenig hat wie ich – in eine Form, geht noch mal 10 Minuten und wird ca. 40 Minuten gebacken. Danach wird er noch heiß mit flüssiger Butter bepinselt und mit Zimtzucker bestreut.
nachher
Der Kartoffelkuchen wird lauwarm oder sehr frisch gegessen, am nächsten Tag schmeckt er nicht mehr, man kann ihn aber gut halbfertig backen und einfrieren. Bei uns war es Tradition, dazu Malzkaffee zu trinken, warum auch immer.

Nun schleiche ich um die vier schlafenden Stollen. Die Familientradition ist schon lange gebrochen, wir haben Omas Backwerk immer schon an einem Adventssonntag angeschnitten, nur wissen durfte sie es nicht, das hätte Ärger gegeben.

18/11/2014
von kitty
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Unrechtsstaat

Da ich zu den diesjährigen Mauerfallfeierlichkeiten ein wenig im ingore-Modus war, wehte die Streiterei um den Begriff “Unrechtsstaat” nur an mir vorüber. Ich nahm es schulterzuckend zu Kenntnis, dass sich da Leute heftig aufregten ob nun “Ja” oder “Nein” und sagte mir, wer keine Innensicht hatte, kann das sowieso nicht beurteilen.
Ich komme trotzdem noch mal darauf zurück. Aber von der anderen Seite. Das Etikett “Unrechtsstaat” enthält nämlich auch die Absolution für jeden, der sie will. Das Unrecht wird an den Staat delegiert. Der Staat wird in unserem Denken und Reden sehr gern entmenscht, als “das andere” gesehen, unser Antagonist, der uns unterdrückt, nur – der Staat ist Menschenwerk. Er ist Produkt unserer Gesellschaft, Kategorie Ordnungssystem.
Dann kommt wieder so ein Willy Winzig und behauptet: Er ja nie, immer nur die anderen, die Schweine! Und der Schritt von “Adolf Hitler war schuld” zu “das war alles die Stasi” ist auch nicht weit.
Das ist zu einfach. Ich fasste meine DDR-Erfahrung oft so zusammen: Ich konnte nicht verstehen wie sich Leute gegenseitig so anscheißen, maßregeln und drangsalieren konnten. (Das mit der menschlichen Wärme ist nicht so unbedingt meine Erinnerung, aber dafür habe ich vielleicht auch keinen Sensus.)
Die Oberschwester einer Entbindungsstation konnte die angemeldeten Schwangeren an den letzten drei Tagen vor Geburtstermin jeweils morgens um 7 mit dem gesamten Klinikgepäck durch die ganze Stadt antanzen lassen, auch bei 10 Grad minus und Glatteis (nur zur Erinnerung, der Besitz eines Autos war nicht selbstverständlich, Taxis waren selten).
Der Staatsbürgerkundelehrer konnte eine Schülerin, die öffentlich gesagt hatte, es gäbe Versorgungsengpässe bei Schokolade (was jeder wußte) vor dem ganzen Gymnasium zur öffentlichen schriftlichen Rücknahme ihrer Behauptung zwingen inklusive Danksagung an ihn, der sie auf den rechten Weg geleitet hätte.
Ein Lehrer, der sich sehr offenkundig im Ton vergriffen hatte, wurde, nachdem sich seine Äußerung herumsprach und deren Bewertung von einem blöden zynischen Spruch in eine Beleidigung unserer sowjetischen Freunde und ihres heldenhaften Krieges in Afghanistan umschwang, kurz darauf gefeuert.
Jeder Hausvertrauensmann war ein Blockwart in spe, jeder Vollhonk, der die Macht über einen Stempel hatte, war Gott. (Das änderte sich etwas, als ich nach Berlin ging, hier waren die Freiheitsgrade größer.)
Das passierte nicht etwa, weil das alles machtgeile Idioten waren, die Lust daran fanden, andere Leute zu bezwingen. Nein. Sie waren der Meinung, sie hatten Recht. Sie waren der Meinung, sie tun Gutes, sie helfen den Menschen auf den richtigen Weg und ins richtige Denken und Handeln. Sie echauffierten sich und brachten Opfer für eine bessere Gesellschaft. Wer für eine große Sache kämpft, wer die Welt zum Besseren ändern will, dem sind viele Mittel recht.
Diese Gesellschaft war in vielen Dingen extrem übergriffig. Verbot ihren Mitmenschen das freie Sprechen, Denken und Handeln. Denn wenn jeder tun und denken könnte, was er wöllte, dann käme die die neue tolle Ordnung nicht so schnell, war die Grundannahme.
In irgendeinem Roman meiner Jugendzeit sagte der proletarische Held immer wieder “Es muß anders werden!” und blickte Richtung Horizont. 40 Jahre später streitet man sich um den Begriff “Unrechtsstaat”.*

Manchmal habe ich den Eindruck, dass im Westen geborene Menschen meines Alters und meiner Umgebung (Geisteswissenschaftler, Medienbranche, Netzaktivismus) überhaupt nicht verstehen, warum der nicht linientreue Teil der Ostdeutschen sehr sensibel auf den neuen Puritanismus reagiert. Während der Westen scheinbar unter zu viel Freiheit nach Halt sucht, sind wir mit Sprach- und Verhaltenspuritanismus aufgewachsen, mussten uns dem bis zum Erbrechen anpassen, wenn uns unser Lebens- und Berufsweg lieb war.
Das hat Nachwirkungen in uns. Das allerletzte ist, dass wir uns in den Dienst von Überzeugungen stellen:

Dankbar, dass die jungen Leute auch hier, aus meiner Gegend, heute Meinungen vertreten dürfen, die ich sowas von falsch finde, aber für deren Freiheit ich jederzeit wieder zurück auf den Bahnhofsvorplatz gehen würde.

Diese Zeilen trafen für mich den Nagel auf den Kopf. Ich halte es für wichtig, dass Menschen Meinungen vertreten dürfen, die ich (und vielleicht auch andere) falsch finde.
Da geht der Graben zwischen uns auf.
Wenn ich auf Twitter sehe, dass sich Leute gegenseitig stolz zeigen, dass sie jetzt die Bild-Zeitung geblockt haben, denke ich an die 300%igen Genossen, bei denen es von “Ich sehe kein Westfernsehen!” bis zum Runterholen der Westantenne des Nachbarn nur ein Schritt war. Ich lese die Bildzeitung nicht, weil mich ihre Inhalte nicht interessieren, das sollte genügen. So ein öffentliches Bekenntnis halte ich eher für ein unfreiwilliges Eingeständnis eines tatsächlichen geistigen Horizonts.
Wenn ich lese, dass die öffentliche Feststellung “Ich bin angepisst, weil ich immer eine Ware gekauft habe, die ein deutsches soziales Projekt unterstützt und nun zahle ich, ohne dass ich es merke für ein indisches soziales Projekt! Was soll das? Erklärt mir mal jemand, was mit dem Geldwertunterschied passiert?” zu Rassismus uminterpretiert wird, fällt mir der klassische Spruch im (meist unfreiwilligen) persönlichen Gespräch mit den Genossn ein, der lautete: “Aber du bist doch für die Arbeiterklasse oder? Wenn du für die Arbeiterklasse bist kann kannst du nicht…. musst du doch aber… Sonst dienst du dem Klassenfeind!!!” Schon der Gedanke, einer höheren Ideologie zu “dienen” ist mir zutiefst zuwider.
Wenn ich sehe, dass ein schräger Wissenschaftler angemacht wird, weil er ein buntes Shirt mit Pin up Girls trägt, weil Herabsetzung von Frauen etc., denke ich an die beige-grauen Funktionärsgestalten und den Hass, mit dem sie alles bunte, provokante Nonkonforme verfolgt haben.

Leute, passt bloß auf. Macht, was ihr wollt, schreit meinetwegen im Internet rum, dann kann man euch technisch ignorieren, verteilt per Social Media Traktätchen zur Menschheitsrettung, aber glaubt nicht, dass es ein guter Weg ist, andere tatkräftig auf den richtigen Weg zu bringen. Die können das schon allein, die sind nämlich schon groß.

 

* Korrektur: Ich habe das Buch gefunden. Es ist Johannes R. Becher, der in seinem autobiografischen Roman “Abschied” immer wieder schreibt “alles muß anders werden”. Becher, Sohn eines deutschnationalen, aber nicht politisch engagierten Richters am Münchner Oberlandesgericht, der aus dem bürgerlichen Milieu ausbricht und Dichter statt Offizier wird. Versuch eines Doppelselbstmords, erschießt seine Freundin, überlebt, wird für unzurechnungsfähig erklärt, geht nach Berlin, wird Morphinist und Expressionist, kommunistischer Kulturaktivist, Parteidichter. Depressiv im sowjetischen Exil, devot und unterwürfig unter die große Sache in den Anfängen der DDR. Ein ungeheures Talent, das sich in die Mühle der Ideologie warf und als Parteimarionette endete.
Folgerichtig, dass mir der hier einfällt.
Er wollte eigentlich nur Gutes und Anerkennung bekommen.

 

 

06/11/2014
von kitty
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WMDEDGT November 2014

Wie immer am 5. fragt Frau Brüllen, was man denn so den ganzen Tag getrieben hat.

Der Tag fing bei uns um Mitternacht an. Ich wollte eigentlich früh schlafen gehen, doch dann diskutierten wir uns über der Nachricht fest, dass die Buchhandlung Ocelot Insolvenz angemeldet hat. Das verlinkte Interview ist … nun ja. Da ist Häme überhaupt nicht angebracht, es ist hart, wenn eine ganze Branche auf ein eigenwilliges, risikofreudiges, wenn nicht gar naives Konzept seine Aufmerksamkeit, Erwartungen und Projektionen richtet und es geht schief. Ansonsten wäre es einfach nur wieder einer dieser Hipster-Läden gewesen, die schließen, wenn der Inhaberschaft nach ein bis zwei Jahren Lust und Geld ausgeht. Das ist hier in der Umgebung der Regelfall, nicht die Ausnahme.
Ich war, obwohl ich drei- oder viermal in der Woche bei Ocelot vorbei laufe, nur einmal vor sechs Wochen zu einer Lesung drinnen, weil mich der Graf reingeschleppt hat. War irgendwie nett, aber die Bücher, die ich in den Regalen sah, junge deutsche Literatur an opulenten Coffeetablebooks, haben mich nur mäßig interessiert. Nett anzusehen, aber für das, was drin steht, in der Regel zu teuer. Ich habe ja auch keinen Fernseher, um mir ausschließlich “Das Debüt im Ersten”, “Das kleine Fernsehspiel” und ab und zu Eventfilme  anzusehen.
Als der Laden eröffnete, war meine erste Assoziation beim Lesen des Ladenschilds: “Ocelot, just another Bookstore – Ok., nachdem die Bedienungen und Verkäufer der Umgebung überwiegend englisch sprechen, jetzt auch eine englischsprachige Buchhandlung, das ist folgerichtig.” Dass die Lichtgestalt des deutschen Buchhandels englisch firmiert, aber deutsche Sprache verkauft, darauf kam ich nicht.
Auch die Werbung, dass man bei ihnen Bücher online ordern könne, verstand ich nicht. Dafür gibts doch Amazon. Warum soll ich in einem Buchladen online ordern? (Der schlecht funktionierende Onlinestore war wohl auch einer der Bruchpunkte der Kalkulation.)
Aber wie gesagt, ich bin nicht die Zielgruppe. Hätte ich meinen Ehrgeiz darin gesetzt, alle Bücher zu besitzen, die ich in meinem Leben gelesen habe, wäre die nicht grade kleine Wohnung hier mit Papier ausgestopft. Deshalb habe ich mich quer durch die Regale von Leihbibliotheken gefräst: Fachbücher, Triviales, Klassik. Was ich physisch besaß, habe ich nach den schnellen fünf Umzügen in den letzten 10 Jahren verschenkt und verkauft. Ich habe nur noch ein Dutzend Lebensbücher, die ich alle paar Jahre wieder lese, die Heiner-Müller-Gesamtausgabe und ein paar Lyrikbände. Zur Zeit kommen noch antiquarische Handarbeitsbücher dazu, weil sie eine rare Informationsquelle sind. Ansonsten lese ich eBooks. Und zum Kaffeetrinken und Lesen in einen Buchladen setzen, das war noch nie meins. Es gibt nur zwei Plätze in Berlin für so etwas (aber dann ohne Kaffee): Die Staatsbibliothek wegen ihrer wunderbaren Architektur und das Ledersofa mit dem Fensterblick im dritten Stock bei Dussmann.
Ja, also, tut mir leid.

Nach dem angeregten Gespräch schliefen wir dann doch ein, aber ich schaute, dass ich nicht zu spät aufstand, um gut durch den Tag zu kommen. Es ist komfortabel, nicht mit dem Wecker aufstehen zu müssen, aber man ist dann auch selbst verantwortlich dafür, das Pensum zu schaffen.
Ich frühstückte Joghurt mit Banane und Kakifrucht und trank zwei Tassen Kaffee. Dann machte ich mich ans Pixelschubsen. Es gibt einen Provider in Deutschland, bei dem sogar ein A-Blogger hostet, bei dem habe ich den Eindruck, der will gar keine Kunden. Man kommt leider auch nicht so einfach von ihm weg… Er kriegt nämlich kaum etwas, was man von ihm als Leistung möchte und für das andere Anbieter Minuten brauchen, in Tagen und Wochen auf die Reihe. Nicht mal eine Kündigung und einen Umzug wegen ständiger Probleme.

In der Mittagspause schrieb ich kurz den Blogpost zum Mauerfall. Miene Erinnerungen wollen sich so ungern Jubiläen fügen, deshalb sammelte ich die Einträge der letzten Jahre zu diesem Thema in eine Liste. Es reicht, dass der Graf und ich wohl Bestandteil einer Fotoinstallation von deutsch-deutschen Paaren sind, die in Berlin und Hamburg gezeigt wird. Aber das will ich mir erstmal selbst ansehen.

Danach arbeitete ich einige Stunden an meinem “am Leben schrauben”-Projekt weiter. Das ist alles noch nicht erzählbar, aber ich habe endlich einen Indikator für “richtig” oder “falsch” akzeptiert: Wenn mir übel wird oder ich anfange zu flattern, kann ichs lassen. Es muss sich gut anfühlen. Das klingt jetzt sehr nach Befindlichkeits-Trullala. Aber für einen Menschen, der ganz gern mal losprescht und wenn es mit dem Kopf vor die Wand ist, sind das wichtige Signale, die zu ignorieren meist problematisch wird.

In der Dämmerung machte ich das Essen von gestern noch einmal warm, wir aßen Kassler mit Zwiebelconfit und Kartoffelbrei. Da gibt es einen fundamentalen Unterschied, wie ich bemerken musste. Ich mag mein Kassler lieber durchwachsen, der Graf mager. Da werde ich in Zukunft zwei Sorten mixen.

Um 18 Uhr setzte ich mich an die Strickmaschine und machte an meinem Strickmieder weiter. Es ist von diesem Modell auf Ravelry inspiriert, aber für die Einbettstrickmaschine angepaßt. Damit ist eigentlich nur noch der mittlere Streifen mit Kreuzmaschen und Löchern übrig, die ich mit der Hand setze.
Strickmieder strm1
Hinten gibt es Löcher zur Schnürung, wie ein Korsett. Ich bastelte ziemlich lange, weil gerade die Brustabnäher dran sind. Also habe ich gleich durchexerziert, die man am besten verkürzte Reihen macht. Demnächst will ich einen Rock und eine ausgestellte Jacke machen, dann brauche ich das auch.
Es ist schön, so lange nicht genutzte Fertigkeiten hochzuholen und zu ergänzen. Auf den kontrastfarbenen elastischen Beleg unten bin ich recht stolz. Das hat die Gebrauchsanleitung für Omas Strickmaschine früher einfach nicht hergegeben. (Aber die war auch von Indern aus dem Deutschen ins Englische und wieder zurück ins Deutsche übersetzt.)

Später saß ich noch an Schafwollsocken über einem Hörbuch. Ich höre grade den letzten Band von Harry Potter. Ich weiß gar nicht, ob ich ihn jemals gelesen habe. Ich hatte immer nur gehört, dass er der unentschlossenen Suche der Hauptfiguren so viel Raum gibt. Ich finde das grandios. Das Leben ist so, nur Heldenlegenden sparen das sehr gern aus. Unser Leben besteht sehr oft darin, indifferent rumzuspacken, bis es dann plötzlich wieder losgeht. Das ist blöd und quälend, aber gerade die Zeit der Indifferenz dient dazu, eine Lebensfeder wieder aufzuziehen und (manchmal auch unabsichtlich) Weichen zu stellen. Dass es dann Leute gibt, die das, was auf sie zukommt und für sie bestimmt ist,  fliehen, vermeiden oder ablehnen, steht auf einem anderen Blatt.

Und dann war der Abend auch schon vorbei.

Die anderen Einträge sind hier zu lesen.