The Diary of Kitty Koma

17/10/2014
von kitty
5 Kommentare

Den Schuß nicht gehört

TL;NR -> selbstreferentielles Gejammer zum Thema Arbeit

Doch, irgendwie schon. Nur manchmal verhakeln sich bei mir Kausalitäten und actio und reactio.
Auch in der Geschichte aus dem Gleimkiez (letzter Abschnitt) ging es mir so. Der Typ schoss auf mich und ich zog zu einem Freund, weil ich so etwas nicht noch mal erleben wollte. Auf die Idee, dass es legitim sei, zur Polizei zu gehen, kam ich nicht. Das war schließlich eine Schreckschusspistole, für die man damals noch nicht mal einen Waffenschein brauchte. Ich habe es auch sonst ewig niemandem erzählt, weil ich dachte, die lachen mich alle aus. Ich war der Meinung, ich dürfte meine Angst und Verwirrung nicht zeigen und müsste das aushalten.

Aber eigentlich wollte ich was ganz anderes schreiben. Ich bin gerade dabei, noch mal etwas am Leben zu schrauben. Ende letzten Jahres war es die monatelange Übung, wie arbeitsfähig ich überhaupt bin. Die ging im März dieses Jahres mit positivem Ergebnis zu Ende, aber auch mit der Erkenntnis, dass es mich umhaut, sobald ich der Meinung bin, ich kann da noch zwei Tage oder eine kleineren, aber sehr streßbeladenen Termin draufpacken.
Das fand alles in liebevollem, freundschaftlichen Umfeld statt, wo die Chefetage und die Menschen an meiner Seite Bescheid wussten, mich schützten und ich nicht Theater spielen musste.
Der Sommer tat mir sehr gut, ich bin körperlich wieder viel besser drauf, weil das Schilddrüsenhormon gut eingestellt ist und ich habe mich einfach auch von vielen Dingen verabschiedet. Man schmeichelt mir nicht mehr mit “nur du kannst $tollklingendenjob machen” und mein Ehrgeiz, alles Mögliche gut zu können und selten Nein zu sagen, ist mittlerweile deutlich zurückhaltender, ohne dass mein Ego heult.
Der Graf arbeitet im Brotjob wieder halbtags, Vollzeit hat ihn sehr belastet. Jetzt lächelt er wieder, das ist wichtig. Zeit, dass ich meine Arbeit etwas mehr hochfahre, ich hatte Luft seit Anfang 2011. Nur wie?
Noch vertraue ich meinem Zustand nicht so, dass ich reinen Herzens viel Aufwand für langfristige Verpflichtungen treiben möchte.
Wenn ich eine 100km-Umkreis-Akquise für meine Seminare machen würde und mich Leuten verpflichte, die mich nicht kennen, aber an dem, was ich biete, interessiert sind, dann bringt das eine Menge Druck mit sich. Vielleicht ist das auch Käse, aber der Druck ist in mir drin. Das ist nicht der Zweifel, es nicht gut genug zu können, da bin ich ganz sicher. Wenn ich erstmal vor Leuten stehe und den Laden rocke, dann ist es super.
Es ist die klassische Angst nach dem Sturz vom Pferd und diese Angst ist vertrackt. Sie überfällt einen, wenn der Zug zum Termin nur zwei Minuten zu spät kommt oder der Fahrkartenautomat streikt oder aber in der Entspannung hinterher, wenn womöglich der nächste Termin vor der Tür steht. Dann passieren blöde Sachen. Eine Panikattacke in der Öffentlichkeit ist für mich noch irgendwie zu händeln. Die Leute halten einen zwar für verrückt, aber kennen einen nicht. Wenn der Druck auf den Körper zielt, wird es für mich unangenehm. Eine BPLS-Episode macht mich 3-4 Tage gesellschaftsunfähig, keine Chance, das Haus zu verlassen, wenn man mit ruckenden Augen wie ein Stein umfallen könnte. Aber meist ist es banaler. Mein Körper zieht die Reißleine, in dem er sich den nächsten Infektcocktail schnappt, der vorbeisegelt. Das ist in meinem Fall meist eine üble Erkältung mit Husten und langanhaltendem Nebenhöhlengedöns. (Andere kriegen an der Stelle Magen-Darm, aber mein Magen gibt nichts wieder her, was er einmal bekommen hat.)
Körperbotschaft: Halt mal schön die Füße still, das wird hier grade zu umtriebig.
Die andere Sache ist das Organisationslevel, das ich ab einem bestimmten Arbeitsvolumen wieder bräuchte. Ich habe ein stetes Rinnsal von Menschen, die zu mir kommen und sich von mir beraten lassen und daran habe ich viel Spaß. Aber wenn ich das hochfahre und aus dem Bereich Zufall und Mundpropaganda rausgehe, hängt da eine ganze Menge dran. Der Arbeit angemessenen Raum zu geben z.B. Das ist dann kein Wohnzimmerjob mehr, denn ich zeige mich in dem Moment nicht als Privatperson. Man bekommt zwar in Berlin jederzeit einen Mietschreibtisch mit anderen zusammen oder einen Besprechungs- und Seminarraum. Aber ein kleines, schalldichtes Zimmer in akzeptabler Lage, in dem Menschen sich geborgen fühlen und sich konzentrieren und entspannen können, das ist teuer. Was sehr wahrscheinlich heißt, die Hälfte der Arbeit würde ich machen, um arbeiten zu können – nämlich die Miete zu zahlen.
Dann kommt noch ein sich potenzierender Rattenschwanz hinterher – konstante Akquise (nichts ist schlimmer als eine Hauruck-Akquiseaktion, deren Ergebnis einen umrennt, dann drehen die Interessenten ab, dann kriegt man wieder Panik wegen Kundenmangel, macht wieder ne Hauruck-Akquise etc.), Netzwerken, Buchhaltung, Terminkoordination und obendrauf noch die kleinen Internetprojekte und Websites, die der Graf und ich oft zusammen machen. Entweder liegt es an mir, weil ich ein “ganz oder garnicht”-Typ bin, dann lasse ich mich gern korrigieren, aber ich habe das Gefühl, für eine Vergrößerung der Teilzeit-Selbständigkeit im Trainings- und Beratungsbereich sind der Aufwand und das Risiko sehr hoch.

Ich erinnerte mich daran, dass ein Freund, der ansonsten als Freiberufler arbeitet, seiner Existenz eine solide Grundlage gegeben hat, die unabhängig von “das ist derundder und der ist gut!” ist. Er macht ein paar Tage in der Woche etwas wenig glamouröses, sehr spezialisiertes, in das seine bisherigen Arbeitserfahrungen einfließen, es aber nicht um ihn geht und deshalb strengt ihn das nicht sehr an. Er verdient ein Basisgeld und dass er wieder im sozialen Netz hängt, fand er auch gut. Also sozusagen “ich will bei Mutti aufn Arm!” light. Auch ein paar Schauspieler, mit denen ich zu tun hatte, begegneten so jahrelang ihren existenziellen Herausforderungen, als Immobilienmakler oder Büroangestellter, je nach Eignung.
Nach diesem Vorbild hatte ich mich seit dem Sommer auf die Suche gemacht. Beim Lesen mancher Stellenanzeigen wurde mir kurzzeitig schwindelig. Schon erstaunlich, was man alles in 20 Stunden reinpacken soll, das wären Tätigkeiten für drei Vollzeitstellen gewesen. Oder man suchte Mrs. Perfect, jung, unfehlbar, schön, nicht sehr anspruchsvoll, allzeit bereit und devot. Die eine oder andere Sache verbot sich, weil es schon wieder zu viel Ehrgeiz erfordert hätte. Aber wenn ich Seminare gebe, sage ich den Leuten immer, dass die Stelle, die man in der jeweiligen Lebensphase gerade braucht, sicher nicht mit extremer Selbstverbiegung auszufüllen ist.
Man sagt zwar immer, Akademiker hätten den Vorteil, auch einfache Arbeit machen zu können, was ihre Arbeitsmarktchancen vergrößert, aber man vergisst dabei gern das soziale Umfeld, in dem so etwas stattfindet. Es gibt einen diffusen, archaischen Gruppen-Hass auf Leute, die nicht dazu gehören, den falschen Stallgeruch haben. (Unterhalte dich mit einem Abteilungsleiter übers letzte Konzert in der Philharmonie und sei gleichzeitig nicht bei Mario Barth im Olympiastadion dabeigewesen, das reicht in manchen Firmen schon.) Menschen, die ggf. auch Können verbergen müssen, weil sie sonst Vorgesetzte oder Kollegen beschämen könnten, brauchen dafür innere Größe und Entspanntheit, aber meist kommen sie sinister rüber. Es kann manchmal ein Blick oder ein Halbsatz sein, mit dem man in so einer Situation seinem Gegenüber das Gefühl gibt, 12 Jahre alt zu sein und nicht gelernt zu haben.
Aber zurück zum Thema. Meine Anforderungen an den Job waren, dass ich eine erprobte, dichte Arbeitsorganisation mit Standardhandlungen vorfinden und etwas tun wollte, bei dem ich tatsächlich mental Feierabend habe. Ich hatte mir irgendwann klar gemacht, das ich ein paar Fähigkeiten, die ich im Schlaf kann – nämlich gern auf mich gestellt und freundlich sein, Ruhe und Souveränität bewahren, Technik bedienen und angenehm mit Worten umgehen – vermieten wollte. Und das war auch genau das Segment, das eine ganze Menge Angebote hatte.
So war ich also diese Woche zu einer Fahrstuhlführerinnen*-Schulung unterwegs.

Heute, am Freitag, hocke ich etwas desillusioniert in der Sofaecke. Die Schulung war gut, auch wenn ich kritisch beäugt wurde. Wahrscheinlich fragte man sich hinter meinem Rücken “Wat willn die hia?” Aber da hilft mir mein hohes Ignoranzpotential weiter.
Ich habe alles gelernt, weiß, wie ich die Stockwerke in der richtigen Reihenfolge anfahre und Leuten mit Stock über die Schwelle helfe. Ich klingele zur rechten Zeit und rufe charmant und lächelnd die Stockwerke aus. Man braucht derzeit händeringend jede Arbeitskraft, die Bezahlung ist nicht gut, aber ok., der Job ist so, dass es Leute gibt die ihn schon Jahrzehnte machen, alles paletti.
Aber am Montag morgen hustet mich in der U8 jemand verschleimt an, am Montagabend hatte ich Halsweh, am Dienstag und Mittwoch Fieber, das ich mit Aspirin bewarf und den Rest des Tages besser im Bett verbrachte und gestern, beim ersten Fahrstuhltest mit Publikum, war ich mit einem Schlag stockheiser. Wenn ich etwas angespannt bin und erkältet, passiert mir das. Nun ja. Heute nacht versagte meine Stimme dann vollständig. Den letzten Schulungstag sagte schrieb ich ab. Langsam kann ich mich wieder verständlich machen, huste aber dafür erbärmlich. Mein innerer Hypochonder zählt manisch schlimme, chronische Krankheiten auf. Montag und Dienstag werde ich je 8 Stunden mit Betreuung probearbeiten.

Ich bin sehr gespannt, ob ich gerade den Schuss nicht gehört habe oder ob das eine ganz normale Erkältung ist.

 

*Berufsbezeichung von der Redaktion geändert

07/10/2014
von kitty
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Aber natürlich mit Häkeldiplom!

Die Vergangenheit hat es uns Frauen ermöglicht, tun zu dürfen was wir wollen.Sie hat Ihnen das Schreiben ermöglicht und anderen das Stricken, oder was auch immer jeden von uns glücklich macht!

Das ist ein Zitat aus einem Kommentar unter dem Brigitte-Artikel “Hilfe, ein Häkeldiplom!” Oder warum der DIY-Trend ein Ende haben muss. Eine Journalistin hatte über ästhetisch fragwürdige und in ihren Augen rückständige Praktiken von Frauen – die Handarbeiten machen und darüber bloggen – geschrieben und gefragt, ob das denn nicht Abgesang auf den Feminismus und narzisstische Dauerbelästigung sei und Frauen an der Selbstverwirklichung im Beruf hindere. Sie selbst sei, statt Handarbeitsunterricht zu nehmen, zu den Jungen in den Werkunterrricht gegangen. Ihr Role Model ist eine Psychologin, die Kampfsport betreibt und öffentlich im Käfig kämpft. Derzeit ist ihr beruflicher Status, mit einem autobiografischen Buch über Depressionen auf Lesetour zu gehen.
Dazu muss man nicht viel sagen. Erstens ist der Text ist eine einzige, polemisch-unglückliche Steilvorlage, zweitens übernehmen das schon die anderen Frauen und das so gründlich, dass die Redaktion die Kommentatorinnen bereits mehrmals zur Sachlichkeit gemahnt hat. Frauen beschäftigen sich also mal wieder miteinander. Mit Kratzen, Beißen, Spucken. Super, Mädels!

Pastellfarbenes Blümchen- und Karoidyll

Dabei spricht Heide Fuhljahn Dinge aus, die ich in meinem stillen Kämmerlein ebenfalls denke. Warum diese ästhetische Zurückwendung an die 50er Jahre? (Aber nicht in die großbürgerliche Eleganz von Dior oder Givency sondern in kleinbürgerlichen Kitsch und Plunder, dazu schrieb ich vor einem Jahr schon mal was) Eine Zeit, in der Frauen ohne Erlaubnis des Mannes nicht arbeiten gehen durften und ihn abends adrett gekleidet in der blitzsauberen Wohnung empfingen und seinen Worten über den harten Arbeitstag lauschten. Warum geben sich Frauen im Netz infantile Namen, die alle irgendwas mit -elfchen, -zauberin und -seele (aber auf jeden Fall -chen!)zu tun haben oder firmieren nicht als eigenständige Person, sondern als “Thorbens-Ludwigs Mama”?
Warum geht es plötzlich darum, Dinge selbst perfekt zu können, die Frauen in den 50ern und 60ern am liebsten dem Personal, aber dann mangels Personal der Industrie oder Dienstleistern überlassen haben? Die Mütter der Babyboomer waren stolz darauf, das Kochen, Putzen und Flicken lernen verweigert zu haben.

Das interessiert mich viel mehr, als so eine Frauenkeilerei. Oder langatmige Pamphlete, wer wie zu denken und zu reden hätte.

Da war die Welt noch in Ordnung

Eine ästhetische Zuwendung zu vergangenen Zeiten ist ja nun nicht neu. Es wird ja alle paar Jahre ein Revival eines Stils ausgerufen. Es gab ja auch vor nicht allzu langer Zeit Jungs, von denen jeder Revolte und abgeranzte Lederjacken erwartete, die aber plötzlich missfarbene Pullunder und Trainingsjacken trugen und statt Gebrüll und drei Gitarrengriffen langzeilige Texte zur Kompliziertheit von Liebe und Gesellschaft sangen.

Das allumfassende Fifties-Revival ist sehr eng mit unseren Zeittendenzen verknüpft. Schauen wir doch mal wie das anfing. Denn zuerst wurden diese Elemente von Frauen adaptiert, die alles andere als Heimchen am Herd waren. Eine  tätowierte Frau wie Gretchen Hirsch in einem Fifties-Kleid ist vor allem eine Provokation und ein ironisches Statement. Aber auch Symbol einer Suche – nach dem weiblichen, nicht sportlich durchoptimierten Körper, nach Kleidung und Material jenseits indischer Kleiderfabriken.
Dieser ironische Impuls fand ein Echo bei genau den Frauen, die auf der Suche nach Identität sind und diese Identität in der ästhetischen und handwerklichen Zelebrierung des Hausfrauendaseins und der Mutterschaft in der Kleinfamilie finden. Das ist nichts schlimmes. Es ist nur eine Botschaft.

Mir fiel zuerst eine Parallele ein. Erinnert sich noch jemand an die Flohmarkt- und Fernwehklamotten der Hippies? Victorianisches und Tracht aus aller Welt.
“Hair” hat den Look ganz gut konserviert:

Aber ich denke auch an die Sgt. Pepper-Uniformen. Und dann kam Yves Saint Laurent, kleidet Frauen in etwas, das  dann irgendwann “Folklorelook” genannt wurde und somit auch tragbar für die Angestellte in Sindelfingen war. Da wurde aus Provokation und Ironie dankbare Adaption.
Wann fand das statt? In einer Zeit, in der Frauen begannen, über Partnerschaft, Schwangerschaft und Berufstätigkeit selbst zu entscheiden. Mit allen Vorteilen, wie freie Partnerwahl ohne moralische Stigmatisierung und allen Nachteilen, wie Alleinerziehendendasein oder Kinderlosigkeit. Da trug man plötzlich Kleider aus einer Zeit bzw. aus Gesellschaften, in der “die Welt noch in Ordnung war”. Wo jeder seinen Platz und seine Bestimmung hatte.
Man redete von ehrbaren Handwerksberufen, einige arbeiteten auch wieder mit der Hand, aber viele taten das nur als Hobby.

Und das ist nicht das erste Mal. Die Präraffaeliten und die Nazarener gingen auf die Suche nach dem Ursprung, die Romantik favorisierte Märchen und Legenden, baute Schlösser um und bestimmte nachhaltig unser Bild vom Mittelalter. Im deutschen Biedermeier schlug sich das nieder, das ausgeprägt bürgerlich und anti-feudal war und den Rückzug ins private, bodenständige und familienbezogene Leben propagierte. Man feierte das Handwerk und die Schönheit der Natur in einer Zeit, in der überall Fabriken mit rauchenden Schloten gebaut wurden und Ansammlungen wildfremder Menschen zusammenkamen, um ihre Arbeitskraft zu verkaufen.

Und heute?

Womit sind wir heute konfrontiert? Wir erleben eine neuerliche feministische Selbstvergewisserung, die – auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht – in die Anforderungen der Zeit passt. Bei der seit Jahrzehnten möglichen Teilhabe von Frauen an höherer Bildung, dem momentanen Bevölkerungswachstum und den gestiegenen Ansprüchen an die Qualifikation von Arbeitskräften kann es sich eine Industriegesellschaft wie Deutschland gar nicht leisten, Frauen erst auszubilden und dann ausschließlich Familienarbeit machen zu lassen. Zudem gibt es jede Menge Bedarf an weiblich konotierter Arbeit und wesentlich weniger an männlich konotierter (ich rede von der Masse an Arbeit, nicht von der Führungsspitze). Die Ehe als Versorgungsinstitution existiert zwar noch, aber die Versorgung des nicht erwerbstätigen Ehepartners (i.d.R. die Frau) ist nach Ende der Ehe seit 2008 nicht mehr garantiert. Und Ehen enden verdammt schnell. Außerdem leben und arbeiten wir länger, die Reproduktionsphase einer Frau ist nur noch eine von mehreren Lebensepisoden und nicht mehr ihre Endstation.

Die Köpfe kommen da nicht so schnell hinterher. Dazu paßt auch das Eingangszitat: Wir Frauen konnten früher das machen, woran wir Freude hatten.
Die Männer zetern rum, weil Frauen ihre angestammten Reviere erobern wollen und freiwillig begibt sich niemand von ihnen aus der Komfortzone und macht Familienarbeit ohne wesentliche gesellschaftliche Anerkennung. Den Frauen scheint aber angesichts ihrer veränderten Möglichkeiten auch etwas blümerant zumute zu sein, aber es hat keiner gesagt, dass das Neue und Andere ohne Mühe, Anstrengung und Rückschläge ist. Das Credo lautet nun “es war nicht alles schlecht!” und sie holen verstaubte Rollenmodelle raus.
Christiane Frohmann schrieb über das Reaktionäre des Retro einen sehr guten Text: Geht doch zurück nach früher!

Aber das Verrückte ist, daß Frauen nun plötzlich beginnen, sich die Anerkennung für die Familienarbeit selbst zu geben. Übers Internet geht das ganz einfach.

Ich sehe darin nicht einmal nur eine Restauration eines überkommenen Frauenbildes. Es ist nur Teil einer Facette eines großen Ganzen, das Frausein bedeutet, wenn man denn den Mut hat, das zu leben.
Auch wenn Männer vermeintlich tun und lassen können, was sie wollen, sie sind wesentlich beschränkter in ihrer Rollenzuschreibung, die sie auf Stärke und Leistung festlegt. Eine Zuschreibung, die sie bei Versagen und Verweigerung sehr schnell ins gesellschaftliche Abseits bringt. (Nicht vergessen, männliche Hartz 4-Empfänger haben z.B. kaum Chancen auf eine Partnerschaft.)

Ich glaube, wir Frauen haben viel eher die Wahl, was wir tun und lassen können. Wir können männliche Rollenbilder adaptieren, wie es auch Heide Fuhljahn scheinbar getan hat. Wir können aber auch einfach Frauen sein. Aber in jedem Fall wäre es fein, es zu unterlassen, die Lebensentwürfe und Ideen anderer Frauen abzuwerten.

Ich pendele doch auch zwischen den Welten. Ich kann Heimchen am Herd genauso wie Handarbeitsmutti, Businessbarbie und knallharter Typ. Ein Mann, der das versucht, würde wahrscheinlich für verrückt erklärt.

Also, meine Damen, könnten Sie bitte aufhören, sich die Köpfe einzuschlagen? Feiern Sie lieber ihre Wahlmöglichkeiten.

edit: Was mir noch einfiel: Das öffentliche Hausfrau- und Handarbeit-Zelebrieren bringt im Gegensatz zu vielen Jobs, die eine Frau mit Familie machen kann, wenigstens sichtliche und fixe Erfolgserlebnisse und Ansehen, was scheinbar mehr wert ist als Geld und Status aus abhängiger Arbeit. Das ist der Punkt, wo man auch noch mal sehr intensiv über heutige Arbeitsphilosophie, -strukturen, -dichte und -organisation nachdenken sollte. Denn auch das ist eine Botschaft.

und noch ein edit: Niemand würde eine solchen Aktion um die Freizeitaktivitäten von Männern starten. Wenn die angeln, Modelleisenbahnwelten bauen oder Zinnfiguren bemalen, wird das höchstens nachsichtig belächelt, wenn es allzu skurrile Formen annimmt.
Ich revidiere daher auch einige meiner Schlußfolgerungen. Hey und wenn jemand Spaß daran hat, sich als Betty Draper zu inszenieren, so what! Etwas mit den Händen zu tun, nachdem einem den ganzen Tag der Kopf gequalmt hat, ist zutiefst befriedigend.
In meiner Twitter-Timeline debattieren die #nähnerds über ihre Habilitationen und wie frau an eine Professur kommt und nebenher gibt solche Tutorials (von Mama macht Sachen), an denen sich jede geschäftsreisende Business-Barbie orientieren kann (ca. 50% der Sachen sind selbst gemacht).

Wo bitte ist also das Problem????

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06/10/2014
von kitty
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WMDEDGT Oktober 2014

Ein Sonntag ist ein fauler Tag, vor allem wenn er in einem langen Wochenende liegt.
Ich schlief bis kurz nach 9 Uhr und ging dann mit einer Tasse Kaffee in die Badewanne. Eine gute Stunde vergnügte ich mich mit Twitterschau, dem Entwurf des neusten Romans eines Freunds und zog die Brauen hoch über die endlose Seifenoper Feminismus. (Oma sagte an der Stelle immer, wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde, ich sage nur “Krabbenkorb-Syndrom” und wundere mich, warum man vorzugsweise untereinander auf der Beziehungsebene agiert, wenn man eigentlich andere Dinge ändern will.)
Nachdem ich aus der Badewanne kam, sorgte ich mit Frühstück und viel Kaffee für normalen Blutdruck, denn so ein warmes Bad am Morgen bringt mich in die Stimmung, dass ich den ganzen Tag im Bett rumlümmeln mag.
Der Graf schlief lange und wir waren lange recht unentschlossen, ob wir jetzt gleich in die Sonne rausgehen oder lieber darüber redeten, wie man am besten aus einem eBook Korrekturfahnen rauszieht und diese einarbeitet, ohne Chaos zu verursachen. (Für alle Eingeweihten, ja, es wird nun endlich.)
Zwischendurch aß ich ein Käsebrot, aber so richtig hatte ich keine Lust, mich da draußen ins Gedränge zu stürzen.
Ich setzte mich dann doch lieber an meinen Pullover, weil nun die Stelle kam, wo ich Ärmel und Korpus – da es sich um einen von unten begonnenen Raglan-Schnitt handelte – zusammenfrickeln musste. Eigentlich ist das gut beschrieben, da mein Garn aber dünner ist, musste ich einiges umrechnen. Ich mag die älteren Arbeiten von Ysolda Teague sehr, weil sie plastisch sind und eine gute Konstruktionslogik haben, das war vor 5 oder 7 Jahren sicher kein Mainstream. Hätte ich den Pullover mit Draht gestrickt, wäre er ein guter Walkürenpanzer geworden.
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Am späten Nachmittag setzte ich mich in den Rosengarten und machte weiter, der Graf kam irgendwann dazu und machte vorher heimlich ein Foto von der konzentriert strickenden Frau mit den schwarzen Kleidern und Kopfhörern, die da auf der Bank saß. Hilfe, ich sehe aus wie meine Mutter!
Wir beschlossen, zum Essen zur Alten Liebe auf der Havel zu fahren. Auf der Fahrt dort hin lief uns ein verwirrter Typ fast ins Auto. Auch im Park auf der Bank neben uns hatte jemand gesessen, von dem man nicht wußte, ob er hochmodischer Hipster oder Penner ist. Da er ständig mit sich redete und furchtbar stank, wahrscheinlich letzteres. Ich habe das Gefühl, das hat in diesem Sommer zugenommen, weil es wahrscheinlich so gutes Wetter war. Es laufen Leute durch die Stadt, die nicht die üblichen abgeranzten Treber oder Punks sind, sondern diese Menschen sehen noch halbwegs bürgerlich-international aus, machen aber einen verwahrlosten und abgedrehten Eindruck, reden mir sich, brüllen rum, fuchteln, irren umher… Sind die alle auf einem Trip hängengeblieben oder ist Berlin neuerdings Home of the Schizos?
An der Havel angekommen, war es mittlerweile dunkel. Im Yachthafen neben der Alten Liebe waren schwimmende Häuser hinzugekommen, sehr schöne Locations. Ich aß Bratkartoffeln und Sülze, war aber not so amused, weil letztere fürchterlich zwischen den Zähnen knurpselte. Gute Sülze ist echt ein Glücksspiel.
Auf dem Rückweg, mittlerweile war es halb 9, stellten wir uns auf der Avus zünftig hinten im Stau an, als hätten wir einen Wochenendausflug gemacht. Nach einer weiteren Strickrunde und einer Anprobe, die mir zeigte, dass ich eine Runde auftrennen muss, ging ich auch schlafen, das muß so gegen 12 gewesen sein.

Die anderen WMDEDGT-Posts sind wie immer bei Frau Brüllen zu finden.

05/10/2014
von kitty
5 Kommentare

Ello

Wegen solcher Geschichten lohnt sich ello. (Kann man leider nur lesen, wenn man dabei ist.)

edit: Frau Gaga belehrt mich eines besseren, jeder kann den Post lesen. Dabei hatte ich vorher extra getestet, ob ich an den Artikel ohne Login rankomme und ich bekam eine Fehlermeldung (es wird halt immer noch im Hintergrund geschraubt). Noch besser.