The Diary of Kitty Koma

22/03/2015
von kitty
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Vorfrühlings-Sonntagsmäander

Die letzte Arbeitswoche war dann schon Volllast. Durchgehalten. Wenn auch mit dem Preis, abends außer zum Stricken zu nix mehr in der Lage zu sein. Aber es wird.
Das Einzige, was im Büroseit 2 Wochen sehr nervt, sind die Bauarbeiten zwei Stockwerke tiefer. Es wäre ja nicht Kreuzberg, wenn das nicht alles zuginge, wie im Seyfried-Comic nur eben in der Fassung “20 years later”.
Die zwei Büroetagen, in denen die Schleifer und Bohrhämmer dröhnen, sind die Alterssicherung eines Independent-Popstars. Der hat ein Kreuzberger Architekturbüro mit der Fußbodensanierung (ca. 300 qm gestrichenen Beton-Fußboden entweder abschleifen oder abstemmen) beauftragt und die haben den Auftrag zum Fixpreis an ein Einmann-Bauunternehmen weitergegeben, der mit zwei Kumpels und zwei Leuten vom Arbeitsstrich anrückte und losmachte. Schon nach zwei Tagen – jetzt mal abgesehen vom unerträglichen Lärm –  waren der Flur und der Fahrstuhl vor Dreck und Staub kaum noch betretbar. Ein Anruf bei der Hausverwaltung ergab, die wissen nix von Bauarbeiten.
Danach wurde das Architekturbüro gefaltet, die gar nicht verstanden, warum alle so unlocker waren. Nun fanden die Arbeiten nur noch bis 8:00 und ab 16:00 Uhr statt, sehr zur Freude des Bauunternehmers. Nicht. Ein am Abend gemachter Aushang im Flur meinte, es täte ihnen leid und würde man sich heute melden, würde morgen mal der Dreck weggeputzt. Derweil ging es lustig weiter. Weil es inzwischen warm wurde, ließ die Termik zum Nachmittag feinsten Staub ins Dachgeschoß ziehen, der nicht nur mich krächzen und husten lässt. Eine Staubschleuse gibt es noch immer nicht, die Arbeiter arbeiten ohne Schutz.
Seit letzter Woche hat es sich unter den Pennern vom Platz rumgesprochen, dass die Tür im Haus offen steht und so kann man beim Hochlaufen durchaus mit ansehen, dass sich auf der Treppe jemand einen Schuss setzt. Das volle Leben also.

Was noch von der Woche hängenblieb? Dass für mich Twitter unlesbar war, weil jeder, der glaubte, dazu etwas sagen zu müssen, den ausgestreckten Mittelfinger des griechischen Finanzministers postete. Eine Variante des Streisand-Effekts, wie ich finde. Wer den Screenshot oder das Video postete, weil er dessen Veröffentlichung inakzeptabel, fragwürdig oder für gefälscht befand, tat unterm Strich nichts anderes als die Jauch-Redaktion. Er postete ein fragwürdiges, inakzeptabeles und womöglich gefälschtes (in Wahrheit aus dem Zusammenhang gerissenes) Bild. Kommunikationssynergien übermitteln das Wort “nicht” nicht.
Und das Mob-Potential von Twitter lässt mich immer befremdeter zurück. Da versucht jemand, seinem Volk den Arsch zu retten und deutsche Wohlstandskinder haben alle nur etwas über ein Video zu sagen, das idiotisch und vollkommen die Grenzen von Nationenrespekt und Diplomatie überschreitend, im deutschen Staatsfernsehen zu sehen war. Was für Griechenland bitter, hart und existenziell ist, lässt uns Diskurse zu Simulakren führen. Aufreger für uns, für Griechenland null hilfreich. Was in der Überlieferung bleiben wird, ist der tausendfach reproduzierte ausgestreckte Mittelfinger.

Jenseits von Simulakren ist dieser Tag und dieses Erleben, das in eine Geschichte mündet. Ein 20. März vor wahrscheinlich 25 Jahren in Rumänien, das Erleben eines jungen Mädchens. Hilfreiche Überlieferung.

Und wenn ich grade bei Links bin: Sybille Berg über Schriftsteller. Hihi.

Es sind noch ein paar Geschichten zum Thema “Wie man mit Dienstleistern umgeht” in der Pipeline. Aber die sind länger. Die eine dreht sich um die fixen, wortkargen, aber leider nicht treffsicheren Kulanzleistungen eines Ostwestfälischen Haushaltgeräteherstellers. Die andere ist ein ganz übles Drama, das nicht nur wir erleben, denn Aus Faktum wurde Metod. Das hätten sie lieber nicht tun sollen.

15/03/2015
von kitty
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Wir sind hier bei “So Isset”

Im Moment ist meine Existenz tatsächlich aufstehen – arbeiten gehen – zurückkommen – strickend auf dem Sofa rumhängen – schlafen gehen und wieder von vorn. Ich bin immer noch sehr, sehr vorsichtig.
Letztes Wochenende hatte ich einen Happyness-Schub, weil mir klar wurde, dass ich am Wochenende nicht mehr an irgendwelche Jobsachen denken muss, dieses Wochenende fühle ich mich schlapp und irgendwie vergrippt. Also weiter gaaaanz langsam.
Obwohl ich aus dem “ich schaue einfach nur zu”-Stadium lange raus bin. Ich arbeite zwar noch nicht so viel wie die anderen, aber ich war relativ schnell einsatzfähig, denn 80% der Dinge kannte ich. Einen Bereich muss ich noch kennenlernen, einen anderen kann ich besser als die Chefs.

Der Graf sagte mir noch mal seine Beobachtungen zu meinem Arbeitsstil (er bemängelt immer gern und nicht unbegründet, dass ich einfach drauf los mache und eine Sache nicht bis zum Ende durchdenke) und ich stimme ihm zu. Beim Arbeiten bin ich wie ein Schiffer. Was passiert ist meist gleich, wie es passiert recht zufallsgesteuert und ich muss da durch, um heil von A nach B zu kommen. Mal besser, mal schlechter, aber im Mittel gut. Und ich muss nichts in Bewegung setzen, es bewegt sich um mich herum und ich bin im Gleichklang mit dieser Bewegung und nutze ihre Energie und lenke sie. Klingt das blöd? Ich bin einfach heilfroh, dass ich kapiert habe, dass ich weder große Projekte stemmen, auch keinen Roman schreiben oder mich selbst oder ein von mir zu schaffendes Netzwerk verkaufen muss. Ich muss nur schauen, dass die Jolle fit ist und ich immer eine Handbreit bewegtes Wasser unterm Kiel habe und keine schlammige, austrocknende Pfütze oder ein vollgestopftes Schwimmbad.

In der Arbeit machte ich eine Beobachtung zum Gender-Pay-Gap. In meiner alten Branche war der enorm. Frauengagen lagen meist 1/3 wenn nicht mehr unter der Bezahlung der Männer, obwohl ihre Karriere kürzer ist. Im neuen Job gibt es das  nicht. Männer und Frauen verdienen das gleiche Geld, es ist auch nie wichtig, ob ein Mann oder eine Frau für einen Job ins Gespräch kommt. Aber die Phase “Lehrjahre sind keine Herrenjahre” ist in diesem Berufszweig so lang und hart, dass viele Frauen (so sie Kinder bekommen) nicht so weit kommen, in die Familienarbeit abdrehen (abgedreht werden?) oder dafür die doppelte Zeit wie ein Mann brauchen und mit Mitte 40 als Berufsanfängerin dastehen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass extrem ungleiche Bezahlung im gleichen Arbeitsbereich eine Schwachstelle in der Verhandlung ist. Aber die Frage, was frau mit den Kindern macht, warum sie allein dafür verantwortlich sein sollte, wie das Leben organisiert sein sollte und was relevante Werte im Familienleben sind, damit sie ihren Beruf – in den sie schließlich extrem viel Energie und Zeit investiert hat – tatsächlich ausüben kann, diese Frage ist ein strukturelles und gesellschaftliches Problem. Es geht um Teilhabe.

07/03/2015
von kitty
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Aus dem Nähkästchen

Da einer dieser glücklichen Castingshowgewinner sich gerade geweigert hat, zum ESC zu gehen, hier mal ein paar Hintergrundvermutungen: Die Gewinner von Castingshows sind mutmaßlich* verpflichtet, sich hinterher vom Produzenten eine fest definierte Zeit vermarkten zu lassen. Das könnten durchaus ein paar Jahre sein.
Damit wird es fast unmöglich, so fette Fische, wie die Teilnahme am ESC-Vorausscheid in den Teich zurückzuwerfen. (Denn die bringen wiederum lukrative Synergien.) Dass der Mann rund dreht und im ganzen mit der Situation nicht richtig zurecht kommt, zeigen die Beleidigungsvorwürfe und dass er heftig krank und nicht gerade happy auf der Bühne steht.
Das ist die Krux, wenn man Laien und Kleinkünstler “entdeckt”. Talent und Begabung ist das eine. Zu einem vermarktbaren Profi wird jemand, wenn er dann auch noch in harten Arbeitssituationen einsatzfähig ist und eine gewisse Resilienz mitbringt, was den Umgang mit Öffentlichkeit angeht. Und überhaupt will.

Die Aussage “Ich bin ein kleiner Sänger” zeigt, dass der Mann gut weiß, wer er ist und was er will. Das Management wird im Strahl gekotzt haben. Respekt für diesen Mut. Ein Rausbeamen aus der angestammten Zielgruppe kann einen Künstler vernichten.
Dagegen Widerstand zu leisten ist nicht einfach. Die Verträge verlangen vermutlich weitgehenden Gehorsam und drohen mit hohen Konventionalstrafen im Fall der unbegründeten Ablehnung eines Auftrages oder beim Verraten von Hintergründen. Ein Großteil der Klauseln aus diesen Verträge ist vermutlich sittenwidrig. Nur, die Talente haben in der Regel kein Geld, sich darüber vor Gericht auseinanderzusetzen, denn schon so eine Konventionalstrafe in Höhe mehrerer Jahreseinkommen aus dem früheren Leben kann für die finanzielle Vernichtung sorgen. An Prozesse ist da gar nicht zu denken  Die Konventionalstrafe wird vermutlich gleich von den Einkünften aus dem Vermarktungsvertrag abgezogen, die drehen dir also wahrscheinlich den Hahn zu, damit du die Klappe hältst und brav mitmachst. Denn andere Einkünfte hast du in der Regel nicht mehr. Kaum einer zuckt nach dem gewonnen Castingwettbewerb mit den Schultern und geht wieder normal arbeiten.
Aber es gibt ja bei allen Castingshows ein Publikum.

Ich weiß, warum ich aus dieser Branche raus bin.

*ich benutze hier mal aus Gründen diese Form von Deutsch, wie die konkreten Verträge aussehen, weil ich nicht, ich kenne aber eine Menge Verträge

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05/03/2015
von kitty
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WMDEDGT März 2015

Es ist der Monatsfünfte und Frau Brüllen fragt “Was machst du den ganzen Tag?”

Nun ist ja bei mir seit Montag alles anders. Nix mehr Homeoffice.
Um 6:30 Uhr klingelt diese Woche mein Wecker, nächste Woche eine Stunde eher. Da ich nicht so der Snooze-Typ bin, ich schlafe nämlich immer wieder ein und mein Blutdruck sackt dabei ins Bodenlose ab, bemühe ich mich zeitnah aufzustehen.
In anderthalb Stunden hübschte ich mich, frühstückte, schmierte mir Bürobrote, versuchte, meine Lesebrille nicht zu vergessen und um 8:15 Uhr spätestens verließ ich das Haus.
Da war noch jede Menge Zeitpuffer dabei, für den Fall, dass das U-Bahnfahren schwierig wird, im Moment komme ich lieber 20 Minuten zu früh.

Dann arbeitete ich. Das heißt, zur Zeit richte ich mir immer noch das Outlook ein (übel, was 10 Jahre Weiterentwicklung bei Microsoft an unbrauchbarer Komplexität erzeugt haben, das Journal, früher mein Hauptarbeitsinstrument, ist zur albernen Marginalie verkommen), lese mich in wichtige Dokumente ein und übe, mit den Datenbanken umzugehen. Nebenher hörte ich zu, was die anderen machten und bekam vom Chef eine Stunde Lektion in wichtigen geschäftlichen Details. Natürlich mache ich auch schon die ersten Schritte in meiner Arbeit, ich hoffe, man hat noch Geduld mit mir. Das Verrückte ist, dass man mir Dinge, die ich im Schlaf kann, beibringen will und ich wesentlich mehr Zeit für anderes brauche, was man als gegeben voraussetzt. Ich kann mit einem kurzen Briefing alles mögliche verhandeln und vermitteln. Aber Multitasking-Situationen muss ich wieder trainieren. Schließlich muss ich dem Seelchen beibringen, dass das jetzt gar nicht schlimm ist, wenn im Umkreis auf einmal fünf Telefone klingeln, ein Mailing fertig werden muss und mich noch jemand anspricht. Ich darf und muß es mir ja sortieren, ich bin schließlich nicht mehr für alles verantwortlich. Aber das wird.
Mittags isst das ganze Team gemeinsam und bedauerlicherweise hatte ich meine Reiswaffeln mit Käse und alle anderen holten sich heute Essen aus einem hervorragenden Arjuvedischen Restaurant. Nächstes Mal will ich das auch.
Nach dem Mittagessen schnappte ich noch fünf Minuten mit einer Espressotasse in der Hand auf der Dachterasse frische Luft. Dort oben ist es windumtost wie auf einem Berggipfel und das Berlinpanorama ist überwältigend.
Dann machte ich weiter bis 17:30 Uhr. Da meine Kolleginnen derzeit sehr viel arbeiten, weil jemand im Erziehungsurlaub ist und ich noch nicht richtig einsetzbar bin, gehe ich nicht auf die Minute pünktlich, sondern tüte noch Briefe ein und mache Ablage, obwohl das nicht mein Job ist. Präsenzkultur ist zwar nicht so meins, aber hier finde ich es als Geste sehr wichtig.

Ich stieg wieder in die U8 und es war der übliche Horror, müde, hustende Menschen, verrotzte Kinder und ab und zu ein Penner, der für das Grundodeur sorgte. In einem Monat zieht die Firma um, dann habe ich die Wahl zwischen einer ungefährlichen Radroute und einem straffen Fußmarsch von einer halben Stunde.

Zu Hause angekommen, herzte ich den Grafen und legte erst einmal die Beine hoch. Die Dauer-Sitzerei beschwert mir geschwollene Füße. Dann machte ich mir eine satte Portion Spaghetti mit Ketchup und gebratenen Wienerwürstchen. Kinderessen für die Seele.

Jetzt wird noch eine Stunde gestrickt und dann geht es ab ins Bett.

Und alle anderen Tage gibt es wie immer hier.