The Diary of Kitty Koma

02/05/2015
von kitty
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Schuhe kaufen

Nein, ich bin keine Frau, die zur Entäußerung oder Wiedererringung von Lebensfreude Schuhe kauft. Habe ich Schuhe gefunden, die mir gefallen und die mir passen kaufe ich sie am Liebsten einmal in hell und einmal in dunkel, damit dann auch wieder für ein paar Jahre Ruhe ist. Im Sommer trage ich sowieso nur Zehensandalen, am liebsten von Patagonia, weil die solide konstruiert sind. (Ärger, warum es diese Sandalen nicht in D gibt.)

Wenn wir von früher reden, so sind Schuhe die Dinger gewesen, die übel aussahen (man musste halt das nehmen, was da war), nur manchmal aus dem geeigneten Leder und meist aus Kunstleder waren und die man zum Einlaufen ein paar Tage zu Hause tragen sollte. Dann gab es noch diverse Tricks, um schlimme Füße zu vermeiden. Brettharte Hackenkonstruktionen mit Schmierseife bestreichen und mit dem Hammer bearbeiten zum Beispiel.

Das Fiese ist, je älter ich werde, desto schwieriger werden meine Füße. Schwellen mir nichts dir nichts an, fangen an zu schmerzen oder geben Disbalancen an die Knie weiter. Also nix mehr mit High Heels, es sei denn man trägt mich aus einer Limousine und setzt mich auf einem Barhocker ab.

Als Heman vor ein acht Jahren eine Marktanalyse eines großen Schuhhändlers auf dem Tisch hatte, die besagte, man solle dringend und schnell mit dem Schuhhandel auch ins Online-Geschäft gehen, schüttelte ich den Kopf. Eingedenk der komischen Schuhe, die man einem in Versandhauskatalogen gern als zu den Klamotten passend verkaufen wollte und die selten aus Leder waren und wenn aus Leder, dann aus so einem Ersatzprodukt mit Pappe und viel Leim bestanden, meinte ich rigoros, ich würde Schuhe nie, nie im Internet kaufen.
Bis dann immer häufiger die Momente kamen, wo ich im Schuhladen gesagt bekam, dass man mir die Schuhe, die ich so schön und passend fand, in meiner Größe leider nicht verkaufen konnte, weil “Hamwa nich / Is schon aus / Kriegnwa auch nich mehr”. Während ich früher noch manchmal Zeit investierte und andere Läden abklapperte, zu Fuß oder per Telefon (was schon Befremden auslöste) oder den Hersteller anrief (was noch größeres Befremden auslöste, dort war man mit der Kollektion schon ein Jahr voraus), konnte ich plötzlich im Internet schauen, wer mein Objekt der Begierde sonst noch vorrätig hatte. Ok. die Schuhläden haben jetzt Warenwirtschaftssysteme, wo die Verkäuferin an der der Kasse schauen kann, in welcher Filiale noch ein Paar im Lager ist oder rufen alle anderen an und fragen nach. Aber inzwischen haben sie mich als Kundin weitestgehend verloren. Ich habe keinen Bock mehr, stundenlang shoppen zu gehen, um dann mit einer Fehl- und Frustkaufquote von 20% wieder zu Hause zu stranden, ohne wirkliche Möglichkeit, das Zeug wieder zurückzugeben. (Was ja auch wieder bedeutet, sich auf den Weg dorthin zu machen.)
Ich kaufe auch Schuhe jetzt im Internet, wobei ich andere Leute frage, was sie tragen, wenn mir etwas positiv auffällt. Oder ich bleibe tatsächlich bei den Marken, die ich schon kenne und die sich an meinen Füßen bewährt haben. (Interessante Sache, wie Markenbotschaften wichtig werden, wenn optisch-haptische Botschaften nicht mehr primär da sind.)
Aber irgendwie ist das alles Murks. Ich sichte, bestelle und probiere Think!-Schuhe und habe das Gefühl, da ist man in Design und Ausführung bei uninteressanter Massenware angelangt. Sorry, die waren früher anders, vor allem interessant (aber nicht modisch) designet und trotzdem bequem. Die Aidas, die ich voriges Jahr kaufte, sind so weit geworden, dass ich darin umlenken kann, jetzt stehen hier ein paar Ballerinas mit dem Bracca-Leisten extra eine halbe Nummer kleiner und ich habe das Gefühl, in eine Schraubzwinge zu steigen, weil man vorn eine modische Schuhspitze hat, die die Zehen zusammendrückt. Soll ich hoffen, dass die sich weit laufen oder sie zurückschicken? Eine halbe Nummer größer gibt es sie auch online nirgendwo mehr.
Ich schaue nach Arcus und sehe, die gibt es im vollen Sortiment nur noch in Frankreich. (Wobei – volles Sortiment, das sind wir auch erst seit ein paar Jahren gewöhnt. Früher kaufte man das, was es im Laden gab und war happy, wenn das Sortiment in München, Wien oder London anders war.) Tiggers sind überhaupt nicht mein Stil, zu brachial, Miss L-Fire sind es eher, aber die sind in der Qualität zu mies.
Grmpf. Ich brauche einen Maßschuhmacher. Bitte einmal schlanke aber bequeme Sommerschuhe mit nicht klapperndem 3 cm-Absatz oder ganz flach in schwarz, hellbeige und cognac oder rot. Farblich analog dann noch mal Sandalen mit butterweichen geflochtenen Riemen und Korkfußbett. Mein Geschmack ist doch ganz einfach, immer nur das Beste.

Oder ich gehe im Büro barfuß und sonst in Badelatschen.

26/04/2015
von kitty
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Sonntagsmäander Goldbepudert

Die Pollen legen zartgoldenen Puder über die Stadt und bisher bin ich vor den ganz üblen Nebenwirkungen verschont geblieben. Es hat auch Vorteile, tagsüber hinter Thermoverglasung zu sitzen.
Die Woche hatte von allem zu viel. Eine in den Kräften nachhängende Wochenendreise, viel Arbeit, mehrere abendliche Treffen, die nicht noch einmal zu verschieben waren… Genug, um sich für längere Zeit auf eine einsame Insel zu wünschen.
Ein bisschen einsame Insel hatte der Samstag, wo ich mit dem Kind im Garten herumpusselte. Da wäre ich gern die nächsten 14 Tage geblieben.
So wie es ist, bin ich grade kurz angebunden bis maulfaul, misanthrop, gereizt und gehetzt und versuche, das mit allen Kräften zu verbergen. Aber alle Dinge haben ihre guten Seiten, vielleicht hilft das, was mir gerade begegnet dazu, noch mal einen leicht modifizierten Weg zu finden, mit mir und der Welt. Zu arbeiten und Geld zu verdienen, ohne über glühende Kohlen zu laufen. Ich beobachte es noch.

Was es sonst noch gab. Diesen sehr lesenswerten Artikel im Tagesspiegel über die Wirkungen von Airbnb auf ganze Viertel in Berlin und die Blogposts von Lucky Strike und von Gaga Nielsen dazu, bitte lesen mitsamt Kommentaren und darüber nachdenken. Das ist wirklich revolutionäres Internetbusiness (und das Wort benutze ich jetzt ganz wertfrei, denn “Alles Neue kommt mit Schrecken” sagte Heiner Müller), es stellt die Welt, wie wir sie kennen, auf den Kopf. Ähnlich, wie es vorher schon Filesharing taten oder eBooks, die ohne Verlage veröffentlicht werden können. Wir nutzen eine tolle Möglichkeit, Urlaub zu machen und verändern damit unsere Lebensstrukturen tiefgreifend und ohne es zu wollen.
Was es mir noch zeigt: jegliche Share Economy gleitet ganz schnell in banalen Kapitalismus.

Nachdenken über Angst und Gefährdungen in unserem Leben. In der DDR (und das zu einem Preis, der allen bekannt sein sollte) war mein Leben zwar sicherer, aber auch heute habe ich weder Angst, noch fühle ich mich bedroht. Für eine riesige, sehr tolerante und internationale Stadt wie Berlin passiert verdammt wenig. Gut, es laufen brüllende und fuchtelnde Psychos durch die Straßen, an den üblichen Plätzen hängen die Dealer in Trauben rum und man sollte im Gedränge die Geldbörse vor Zugriff schützen. Aber ich muss weder befürchten, dass mir jeden Moment die Handtasche weggerissen wird, noch muss ich Bargeld bei mir haben, um einen bewaffneten Raubüberfall zu überleben oder setze mich der Gefahr aus, als unbegleitete Frau nachts mit großer Wahrscheinlichkeit Vergewaltigungsopfer zu werden.
Das, was ich um mich herum höre, klingt anders. Schon unter dem #aufschrei-Hashtag versammelte sich eine Menge diffuser Ängste, die mich erstaunt und ratlos zurückließen, als würde ich auf einem anderen Planeten leben. Alles, was unter rape culture- oder street-harassment-Diskussionen läuft, schaue ich mir gar nicht mehr an, da bin ich zu alt und zu libertin dafür. Aus der konservativen Frauenarbeitsgruppe, an der ich vor zwei Jahren so viel Freude hatte, bin ich ausgeschieden, als die Arbeit abdriftete von Themen, die Frauen im Job und im selbstbestimmten Leben bewegen und die Leiterin sich immer mehr auf den Themenkreis “Frau als Opfer” beschränkte. Es ging nur noch darum, anstehende Gesetzesänderungsinitiativen zu Gewalt, Mißbrauch, Vergewaltigung und Prostitution zu referieren und freie Träger und Vereine, die sich um geprügelte, missbrauchte und gestalkte Frauen kümmerten, zu besuchen. (Wobei es möglichst um “reine” Opfer geht. Es gab tatsächlich einen Verein, der geschlagenen Frauen, wenn sie süchtig waren, keine Zuflucht gewährte. Obwohl mentale Abhängigkeitsverhältnisse, Gewalt und Drogen meist die übliche Gemengelage sind.) Ich habe mich dann irgendwann rausgezogen, denn das vergiftete mir mehr und mehr das Hirn, vor allem, als Versuche von mir und anderen recht toughen Frauen, den Kurs der Arbeit wieder zu ändern, abgewehrt wurden, unter dem Hinweis, das seien die echten Probleme in Berlin Mitte. Ich weiß es nicht. Es ist auf jeden Fall ein Geschäftsmodell, das Finanzierung verspricht.
Frauen als schwache, gefährdete, selbstbestimmungsunfähige, defizitäre und orientierungslose Wesen, die nun zwar nicht mehr von Familie oder Mann gesagt bekommen sollen, wo es lang geht, die dafür aber umgeben sind von sozialen Hilfsinstitutionen und gesetzlicher Maßgabe. Interessant. Vor allem dass beide Diskurse parallel laufen. Zum einen der neuerliche Versuch, Frauen verstärkt in nachhaltige Erwerbsarbeit zu bringen und die Angst- und Bedrohungs-und (männlichen) Übermachtszenarien, die referiert werden.
Das ist alles noch nicht zu Ende gedacht, fällt mir aber auf.
Außerdem bin ich ganz froh, wenn dann jemand wie Antje Schrupp das nabelzentrierte Emotionstourette (“Ich empfinde das so, also ist das so”) ignoriert und mal nachfragt, wer eigentlich Verantwortung übernimmt. Mein Reden seit 2012.
Da kam dann noch ein zweiter Artikel nach, der bekräftigte, dass man unbedingt Feministin werden solle, auch wenn andere Feministinnen nicht immer das tun, was einem in den Kram passt. Gutes Indiz dafür, dass der erste Artikel ins Schwarze getroffen hat.

18/04/2015
von kitty
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Kleinstadthorror

Ich habe vor ein paar Wochen im Job zwei Leute zusammengebracht, die sich gesucht und gefunden haben. Gott sei Dank und auch leider.
Sie wissen ja, ich bin in der Strombranche. Da suchte ein Betreiber eines kleinen Wasserkraftwerkes aus der Provinz dringend eine Vertretung, weil er für einige Wochen krankheitshalber nicht arbeiten konnte. Aber Wasserkraftspezialisten sind selten und teuer und arbeiten meist fest angestellt für große Konzerne. Ich suchte und wurde fündig.
Nun ist es wie es ist. Leute, denen grade das normale Leben zusammenklappt, finden dann oft nur Leute, deren Leben auch ins Rutschen gekommen ist und die deshalb auf dem Markt sind. Seither beschweren sich beide Seiten kräftig bei mir jeweils über die mangelnde Seriosität des anderen. Der eigentliche Kern der Sache – da arbeitet jemand fachkundig und der andere zahlt dafür – steht außer Frage, das funktioniert. Aber alles andere ist  “Die Phantome des Hutmachers” versetzt in ein deutsches Fachwerkstädtchen.
Nach einem Telefonat (nie unter 20 min) mit Beschwerdeschleifengerede oder einer Mail, versehen mit minutiösen Angaben über den gestalkten Anderen möchte ich mir am liebsten den Kopf mit Kernseife ausspülen.

12/04/2015
von kitty
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Sonntagsmäander mit balzenden Vögeln

Selbst hier in der Innenstadt erklingt morgens ein filigranes und ohrenbetäubendes Vogelkonzert. Ich mag die Rotkehlchenstrophen sehr:

Gestern flüchteten wir bei 22 Grad in den Grunewald und spazierten unter Bäumen mit knallenden Knospen. Wenn man still stand und die AVUS ausgeblendete, hörte man bald das Ticken und Knispern, mit denen die Winterhülsen weggesprengt wurden.
Im Forsthaus Paulsborn rasteten wir. Hier kann man gut essen, aber auch für 5 Euro eine recht verschnippte Hundefoodbox ordern, angepasst ans Publikum. Man sah Jagdhunde aller Sorten, Goldknopfsakkos und Liftings unterschiedlicher Technologiestufen. Es sieht übrigens nichts blöder aus, als eine fett aufgespritzte Oberlippe, die durch zu viel Botox nach unten hängt.
Bei Samstagseinkauf erwischte uns der Frühjahrsregen, der mit einigen Unterbrechungen den ganzen Abend niederprasselte. Für die Blümchen ist es gut, das Kind hatte im Garten die Aussaat beendet.

Weil ich grade beim Essen war. Eine Woche vor Ostern war das Büro vom Oranienplatz an die Weberwiese umgezogen. Was hieß, vom Streetfoodparadies mit bestimmt 10 wohlschmeckenden und wohldosierten Angeboten in unmittelbarer Laufnähe zur kulinarischen Diaspora der Vorgentrifizierungsphase: ranzig aussehende Dönerbuden mit davor stehenden Säufern, langsame Bedienung und Suppenkoma versprechende “hier deutsche Küche!”-Restaurants, Essen, das auch noch samt und sonders genauso teuer ist wie die guten Angebote in Kreuzberg. Der einzige Lichtblick ist ein klassischer Ost-Bäcker, nur wenn ich damit anfange, verbringe ich den Rest des Arbeitstages aufm Klo, ich firmiere schließlich unter Glutenunverträglichkeit seit 2002.
Ich muss mir was einfallen lassen. Ich fühle mich den Tag über halb verhungert und schlecht versorgt. Alles was in Reichweite ist, ist entweder eklig, erschlagend schwer oder viel zu kompliziert zuzubereiten. Mit dem Arbeitspensum habe ich weder Nerv noch Zeit, mittags in den Edeka zu gehen und mir danach etwas zusammenzubasteln, da bleibt es oft bei Kartoffelsalat mit Würstchen aus dem Kühlregal oder Reiswaffeln und Käse. Was ich dann abends mit viel gutem Essen oder Nudeln mit Ketchup kompensiere, wenn ich es nicht mehr brauche. Die Kleider spannen schon  nach zwei Wochen und ich fühle mich aufgedunsen und das trotz der Angewohnheit, die 3 1/2 km abends zurück zu laufen (was hungrig auch kein Spaß ist) oder das Fahrrad zu nehmen.
Nächste Woche wird erst einmal die Biokiste wieder bestellt, dann nehme ich mir ein Suppentöpfchen mit oder ähnliches.

Und sonst? Mir fiel gestern ein, dass es eigentlich absurd ist, was Eltern (mich eingeschlossen) für ein Geschiss um den Medienkonsum ihrer Kinder machen. Nur dosiert, nur kontrolliert, nur politisch korrekt kindgerecht (je nach Haushalt) oder aber mit Erklärung der Eltern.
Mich hat man mit vollen Bücherregalen allein gelassen und ich habe ab dem Alter von 9 Jahren alles gelesen, was ich in die Hand bekam und was mich interessierte. Und was mich interessierte war definitiv nichts Kindgerechtes, sondern Schaudergeschichten (E.A. Poe, E.T.A. Hoffmann), brutale Brachialsatire (der Simplicissimus, Gullivers Reisen), Hans Dominik*, später Bücher mit “Stellen” oder am besten gleich Doktorbücher mit eindeutige Abbildungen, Bücher über Ehehygiene oder sexuelle Bräuche von Naturvölkern, die meist gut versteckt waren, aber ich fand sie trotzdem.
Geschadet hat es mir definitv nicht und was ich an Feedback auf Twitter dazu bekam, den anderen auch nicht. Es gab nur einen Menschen, der meinte, es gäbe einen Unterschied zwischen Schund zwischen Buchdeckeln und Schund im Bewegtbild. Und dass Sex und Gewalt anders zu bewerten sein, wenn es sich um Klassiker handele.
Das sehe ich defintiv nicht so, dafür habe ich im Studium zu viel Shakespeare-Gemetzel gelesen.

Dann noch zwei Links. Robin Urban darüber, dass ihr das ganze Awareness-Gepose als Betroffene nicht weiterhilft. Und ihr späterer Artikel, der das Ganze leider wieder auf die aktivistisch-abstrakte Ebene hebt, was sicherlich in der Peergroup Anerkennung bringt, aber den Versuch, das eigene Problem tatsächlich anzugehen, aufweicht.
Das Netz ist voll von meist jungen Menschen, die sich über ihre seelischen Einschränkungen unterhalten und über das, was gut und richtig dazu ist, aber selten tatsächlich etwas dagegen tun. Das scheint mir eine Art sekundärer Krankheitsgewinn zu sein. Es ist gut zu wissen, dass man mit Problemen nicht allein ist, aber in der Wärmestube von Lebensverhinderten hockenzubleiben finde zumindest ich nicht so gut.

*Das waren jeweils die Originalfassungen.