The Diary of Kitty Koma

18/04/2015
von kitty
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Kleinstadthorror

Ich habe vor ein paar Wochen im Job zwei Leute zusammengebracht, die sich gesucht und gefunden haben. Gott sei Dank und auch leider.
Sie wissen ja, ich bin in der Strombranche. Da suchte ein Betreiber eines kleinen Wasserkraftwerkes aus der Provinz dringend eine Vertretung, weil er für einige Wochen krankheitshalber nicht arbeiten konnte. Aber Wasserkraftspezialisten sind selten und teuer und arbeiten meist fest angestellt für große Konzerne. Ich suchte und wurde fündig.
Nun ist es wie es ist. Leute, denen grade das normale Leben zusammenklappt, finden dann oft nur Leute, deren Leben auch ins Rutschen gekommen ist und die deshalb auf dem Markt sind. Seither beschweren sich beide Seiten kräftig bei mir jeweils über die mangelnde Seriosität des anderen. Der eigentliche Kern der Sache – da arbeitet jemand fachkundig und der andere zahlt dafür – steht außer Frage, das funktioniert. Aber alles andere ist  “Die Phantome des Hutmachers” versetzt in ein deutsches Fachwerkstädtchen.
Nach einem Telefonat (nie unter 20 min) mit Beschwerdeschleifengerede oder einer Mail, versehen mit minutiösen Angaben über den gestalkten Anderen möchte ich mir am liebsten den Kopf mit Kernseife ausspülen.

12/04/2015
von kitty
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Sonntagsmäander mit balzenden Vögeln

Selbst hier in der Innenstadt erklingt morgens ein filigranes und ohrenbetäubendes Vogelkonzert. Ich mag die Rotkehlchenstrophen sehr:

Gestern flüchteten wir bei 22 Grad in den Grunewald und spazierten unter Bäumen mit knallenden Knospen. Wenn man still stand und die AVUS ausgeblendete, hörte man bald das Ticken und Knispern, mit denen die Winterhülsen weggesprengt wurden.
Im Forsthaus Paulsborn rasteten wir. Hier kann man gut essen, aber auch für 5 Euro eine recht verschnippte Hundefoodbox ordern, angepasst ans Publikum. Man sah Jagdhunde aller Sorten, Goldknopfsakkos und Liftings unterschiedlicher Technologiestufen. Es sieht übrigens nichts blöder aus, als eine fett aufgespritzte Oberlippe, die durch zu viel Botox nach unten hängt.
Bei Samstagseinkauf erwischte uns der Frühjahrsregen, der mit einigen Unterbrechungen den ganzen Abend niederprasselte. Für die Blümchen ist es gut, das Kind hatte im Garten die Aussaat beendet.

Weil ich grade beim Essen war. Eine Woche vor Ostern war das Büro vom Oranienplatz an die Weberwiese umgezogen. Was hieß, vom Streetfoodparadies mit bestimmt 10 wohlschmeckenden und wohldosierten Angeboten in unmittelbarer Laufnähe zur kulinarischen Diaspora der Vorgentrifizierungsphase: ranzig aussehende Dönerbuden mit davor stehenden Säufern, langsame Bedienung und Suppenkoma versprechende “hier deutsche Küche!”-Restaurants, Essen, das auch noch samt und sonders genauso teuer ist wie die guten Angebote in Kreuzberg. Der einzige Lichtblick ist ein klassischer Ost-Bäcker, nur wenn ich damit anfange, verbringe ich den Rest des Arbeitstages aufm Klo, ich firmiere schließlich unter Glutenunverträglichkeit seit 2002.
Ich muss mir was einfallen lassen. Ich fühle mich den Tag über halb verhungert und schlecht versorgt. Alles was in Reichweite ist, ist entweder eklig, erschlagend schwer oder viel zu kompliziert zuzubereiten. Mit dem Arbeitspensum habe ich weder Nerv noch Zeit, mittags in den Edeka zu gehen und mir danach etwas zusammenzubasteln, da bleibt es oft bei Kartoffelsalat mit Würstchen aus dem Kühlregal oder Reiswaffeln und Käse. Was ich dann abends mit viel gutem Essen oder Nudeln mit Ketchup kompensiere, wenn ich es nicht mehr brauche. Die Kleider spannen schon  nach zwei Wochen und ich fühle mich aufgedunsen und das trotz der Angewohnheit, die 3 1/2 km abends zurück zu laufen (was hungrig auch kein Spaß ist) oder das Fahrrad zu nehmen.
Nächste Woche wird erst einmal die Biokiste wieder bestellt, dann nehme ich mir ein Suppentöpfchen mit oder ähnliches.

Und sonst? Mir fiel gestern ein, dass es eigentlich absurd ist, was Eltern (mich eingeschlossen) für ein Geschiss um den Medienkonsum ihrer Kinder machen. Nur dosiert, nur kontrolliert, nur politisch korrekt kindgerecht (je nach Haushalt) oder aber mit Erklärung der Eltern.
Mich hat man mit vollen Bücherregalen allein gelassen und ich habe ab dem Alter von 9 Jahren alles gelesen, was ich in die Hand bekam und was mich interessierte. Und was mich interessierte war definitiv nichts Kindgerechtes, sondern Schaudergeschichten (E.A. Poe, E.T.A. Hoffmann), brutale Brachialsatire (der Simplicissimus, Gullivers Reisen), Hans Dominik*, später Bücher mit “Stellen” oder am besten gleich Doktorbücher mit eindeutige Abbildungen, Bücher über Ehehygiene oder sexuelle Bräuche von Naturvölkern, die meist gut versteckt waren, aber ich fand sie trotzdem.
Geschadet hat es mir definitv nicht und was ich an Feedback auf Twitter dazu bekam, den anderen auch nicht. Es gab nur einen Menschen, der meinte, es gäbe einen Unterschied zwischen Schund zwischen Buchdeckeln und Schund im Bewegtbild. Und dass Sex und Gewalt anders zu bewerten sein, wenn es sich um Klassiker handele.
Das sehe ich defintiv nicht so, dafür habe ich im Studium zu viel Shakespeare-Gemetzel gelesen.

Dann noch zwei Links. Robin Urban darüber, dass ihr das ganze Awareness-Gepose als Betroffene nicht weiterhilft. Und ihr späterer Artikel, der das Ganze leider wieder auf die aktivistisch-abstrakte Ebene hebt, was sicherlich in der Peergroup Anerkennung bringt, aber den Versuch, das eigene Problem tatsächlich anzugehen, aufweicht.
Das Netz ist voll von meist jungen Menschen, die sich über ihre seelischen Einschränkungen unterhalten und über das, was gut und richtig dazu ist, aber selten tatsächlich etwas dagegen tun. Das scheint mir eine Art sekundärer Krankheitsgewinn zu sein. Es ist gut zu wissen, dass man mit Problemen nicht allein ist, aber in der Wärmestube von Lebensverhinderten hockenzubleiben finde zumindest ich nicht so gut.

*Das waren jeweils die Originalfassungen.

06/04/2015
von kitty
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WMDEDGT April 2015

Frau Brüllen hat wieder gefragt, was wir den ganzen Tag so machen.
Dieser Ostersonntag war einer der Tage, an denen mir das Zeitgefühl gänzlich verloren ging. Weder der Graf noch ich sind Menschen, die auf festtägliche oder familiäre Rituale Wert legen. Manchmal ist das schade, weil Festtage das Jahr beleuchten, aber der starre, sinnentleerte Feierzwang in unseren Herkunftsfamilien, der mehr Stress als Freude brachte, hat uns wohl davon weggebracht.
Und gestern war es nur ein Segen, dass weder große Essen noch Besuche verabredet waren, denn mein absolut tödlicher Männerschnupfen war auf dem Zenith. Ich saß morgens auf dem Sofa, krächzend, schniefend, niesend, das Wasser lief mir aus Auge und Nase und meine Laune war auf dem Nullpunkt.
Ich kochte mir gegen halb 10 ein Seelentrösterfrühstück, Kascha. Ich koche den Vollkorn-Buchweizen auf und gieße das erste Wasser weg, dann ist er verträglicher. Wenn er weich ist, kippe ich etwas Sahne darauf und lasse ihn noch etwas ziehen. Dann gibt es Zimt und Zucker dazu.
Der Graf war noch einmal eingeschlafen und ich mochte ihn nicht wecken und so setzte ich mich nach der Zeitungsschau an eine Strickarbeit. Mein eigentlich schon fertiges Färöer-Tuch mit Spitzenmuster und aus dunkler Seide hat einen zu schmucklosen Rand und ist an der Unterkante zu leicht. Ich wollte das Muster geringfügig ändern und kleine Perlen einstricken. Doch zuerst musste ich dafür 20 Reihen wieder aufmachen. Was bei gestickter Spitze heißt, Masche für Masche zurückzugehen.
Dazu hatte ich ein Hörbuch auf den Ohren und dachte über Fluch und Segen gekürzter Bücher nach. (Ich hasse es ja, wenn die Handlung eines Romans komprimiert wird. Ich kann aber verstehen, dass ich nicht die Zielgruppe bin, sondern eher weniger leseaffine Menschen mit wenig Zeit und dass ungekürzte Lesungen Hörbücher ins Unverkäufliche verteuern.)
Dann war der Graf aufgestanden und wir verabredeten, am Nachmittag mal bei Kind und Mann im Garten vorbeizuschauen, wir waren freundlich eingeladen und der Himmel strahlte blau.
Ich machte ausgiebig von Nasenspray Gebrauch. Das tue ich sonst nicht, denn das Letzte, was ich ich wollte, wäre, mir damit die Nasenschleimhäute zu versauen. Aber ich hatte eine Heidenangst vor der einer Nebenhöhlenentzündung, die mich richtig krank machen würde. Und Nasenspülungen helfen bei mir nicht. Im Gegenteil, ich habe das Gefühl, ich appliziere damit die Erreger noch an die richtige Stelle.
Dazu trank ich kannenweise Ingwertee und der Graf diktierte derweil einen Blogeintrag und entwarf eine Osterkarte.
stempel
Dann war die Zeit gekommen, zu der wir in den Garten aufbrechen wollten. Aber ich war vollkommen zerlegt und das Letzte, wonach mir war, war, das Haus zu verlassen. Also sagte ich dem Kindlein ab und sah mir vergnatzt die schönen Wolken, die wie Schiffchen auf dem knallblauen Himmel trieben, durch mangelhaft geputzte Fenster an. Statt dessen fummelte ich die Perlen auf die Seidenmaschen und fragte mich recht bald, was mich zu diesem hirnverbrannten Entschluss gebracht hatte.
beads
Es sieht ja hinreißend schön aus, weil es eben eigentlich nicht zu sehen ist. Aber es ist ein haarsträubendes, zeitraubendes Gefummel. Slow Knitting eben, das sind die Stücke, die bei Tragen mit großem Respekt behandelt werden. (Ich mag es sehr, dass die transparenten Opalperlen die Farbe des Garns annehmen, das zwischen Silber-, Graphit- Kobalt- und Bleigrau-Tönen mit etwas mattem Gold changiert. Nicht unbedingt meine Farben, aber gut anzusehen.)
Als die Sonne am untergehen war, merkte ich, dass sich mein Zustand gebessert hatte. Der Graf machte mit mir eine Runde um den Block, damit ich etwas frische Luft bekam. Wir sahen, dass es in der Ackerstraße nun Wiener Schnitzel gibt und sich bei Ocelot etwas tut, nachdem man wochenlang wegen Grippe geschlossen hatte. Menschen scannten und sortierten Bücher. Man darf gespannt sein.
Ich ging früh ins Bett, las noch etwas und habe mich sicher ganz fürchterlich laut gesund geschnarcht.*

Die anderen Blogposts stehen wie immer hier.

PS: Dieser Text ist sehr schön.

 

*Luxuskrank, ich weiß. Einige Menschen in meiner Herzensumgebung sind viel viel kränker.

03/04/2015
von kitty
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Kurze Woche und trotzdem mit einem Eisberg zusammengestoßen

Wie immer sah der erstmal ganz harmlos aus, als er auftauchte. Da kam eine Kundenmail “ja, wir wollen gern ordern” und ich fand keinen Vorgang dazu, die hatten sich zu lange Zeit gelassen, ich konnte die Order auch nicht erfüllen, weil das Angebot nicht mehr verfügbar war. Ich suchte nach dem Wurmloch, in dem der Rest der Informationen zu dieser Order stecken musste*, zweifelte heftig an mir selbst und schaute, dass ich den Kunden anders helfen konnte.
Nebenher sehr viel Arbeit an anderen Sachen und die letzte Kollegin, die mehr Arbeitspraxis als ich hatte, wurde krank. Die andere ist ja schon seit über einer Woche im Urlaub. Chef und ich schickten das arme krächzende und schniefende Wesen, das zu allem Überfluss noch vom Frieselfieber befallen war, im Laufe des Dienstags nach Hause.
Chef packte sich den größten Teil der liegenbleibenden Arbeit auf den Tisch, ich machte auch weiter. Ich machte mit Chefs Beratung für diesen etwas verdallerten Kunden, ein Atomkraftwerksbetreiber in Norddeutschland**, noch mal auf die Suche nach einem adäquaten Angebot. Ingenieure für Atomkraftwerke sind halt rar und teuer. Dann meldete sich einer bei mir und wäre interessiert. Chef, ein Zimmer weiter hätte auch einen Job für ihn, im Düsseldorfer Atomkraftwerk.
Letztlich nahm er mein Angebot an, ich versprach, innerhalb einer halben Stunde seinen Vertrag fertigzumachen und als ich mich dransetzte, klingelte das Telefon. Der Chef eines Stadtwerkes an der Ostsee wartete seit einer Stunde darauf, dass der Vertrag für den Menschen kommt, der über Ostern sicherstellen soll, dass im Städtchen die Straßenbeleuchtung problemlos funktioniert. Eigentlich hätte er bereits Feierabend und Urlaub und die Personalabteilung schon lange, wo denn der Vertag bliebe, nicht dass sie sitzengelassen werden. Also ganz fix die Verträge für die zwei, die sich den Job teilen, dazwischen schieben.
Dann klingelte das Telefon und der wöchentliche Running Gag war dran. Ein Solarstromfachmann, der so verpeilt ist, dass er es seit zwei Jahren nicht schafft, Arbeitsverträge zu unterschreiben, zwar jammert, dass er kein Geld bekommt, aber ein dauerkaputtes Fax hat und der Post nicht traut. So macht er jede Woche den Anlauf, rauszubekommen, ob der Büroschluss meines Arbeitgebers damit korreliert, dass er wach und handlungsfähig ist. Diesmal ging es darum, ob denn Gründonnerstag jemand bis 18 Uhr da sei, denn letzte Woche Freitag hatte er unangekündigt um 17:45 vor verschlossener Tür gestanden. Da bin ich ja relativ mitleidlos. Habe ihn zu 16 Uhr und keine Minute später terminiert und weiß, er kommt sowieso nicht, weil er schon leise maulte, dass das ja alles viiiiel zu früh und ginge ja garnicht usw.
Dann klingelt mittendrin der Atomkraftwerksingenieur wieder an, die halbe Stunde sei um, wo der Vertrag bliebe, das ginge schließlich nach Ostern los. Den Solarströmer, der noch etwas jammern wollte, abgehangen und den Vertrag also extra schnell fertig gemacht. Diesbezüglich kein gutes Gefühl gehabt. Ich traute diesem Typen nicht, Bauchgefühl. Zu ölig im ganzen Auftreten und Kontakt. An solche Sachen glaube ich erst, wenn so jemand da tatsächlich antritt. (und im früheren Job hatte ich sogar Leute, die antraten und nach einem dreiviertel Drehtag das Set verließen, weil Ihnen “plötzlich” einfiel, dass 200km weiter ein volles Theater auf sie wartet).
Danach alle Verträge für die Dienstpläne im Umspannwerkwerk geprüft, weitergesendet und abgelegt, damit auch da alle Osterurlaubsvertretungen pünktlich zum Dienst erscheinen.
Den Spezialvertrag für Mr. Energie, den Turbinenfachmann, schob ich auf den nächsten Tag. Der ist anstrengend, weil er als Alien erdliche Arbeitsverhältnisse überhaupt nicht versteht und deshalb dreimal die Woche ausgiebig anruft und immer die gleichen Fragen stellt.
Der Tag war außerdem begleitet von umzugsbedingten Problemen mit der Telefonanlage, meine Durchwahl hatte sich geändert und alle, die auf der alten anriefen, bekamen ein andauerndes Besetztzeichen, wofür ich mich natürlich ständig entschuldigen musste.

In der Nacht hatte ich Albträume. Ich wurde von Taxifahrern mit Strom gefoltert. Ich wachte viel zu früh auf, sagte mir, ok. noch ein Tag, der Chef hat gestern eh die meiste Arbeit gemacht, weil er fixer ist, das stehe ich durch, danach ist Ostern, ich darf nur nix vergessen. Denn wenn es zu viel wird, behilft sich mein Hirn mit tröstlicher Schwärze.
Es ging morgens gemütlich los. Ich machte den Vertrag für Mr. Energie fertig und hatte den Gedanken, dass er den so getimed erhalten wird, dass ich schon aus dem Haus bin und ich nicht eine Stunde lang mit ihm apokalyptische Bezahlungs- und Besteuerungsszenarien in Dauerschleife durchspielen muss.
Dann hing ich mich dahinter, dass das etwas verträumte Atomkraftwerk im Norden den Vertrag für den neuen Ingenieur sehr schnell unterschreibt, denn der konnte sich auch heute vor Angeboten nicht retten. Das zog sich und plötzlich bekam ich Nerven, fing an zu flattern, unterm Brustbein schlackerte es, das Herz raste, ich merkte, o-o, ich komme grade an die böse Belastungsgrenze. Also versuchte ich das zu veratmen und machte weiter.
Derweil fiel noch ein paar Kunden ein, dass gleich Ostern ist, danach Ferien und dass beim Blick in Dienstpläne böse Löcher gähnten. Wenn es weht und schneit, werden eben auch Leute krank. Außerdem kommt Ostern jedes Jahr so plötzlich wie Weihnachten und Strom braucht man dann auch. Da ist es nett, wenn man beim Dienstleister des Vertrauens mit der Vorstellung aufschlägt, um noch ein paar eierlegende Wollmilchsäue zum Discountpreis, flexibel einsetzbar für sofort zu ordern. Ein paar Sachen bekam ich sogar hin, wenn auch nicht zum Discountpreis.
Endlich war auch der unterschriebene Vertrag aus dem Atomkraftwerk da, just als ich den Hörer in der Hand hatte und denen noch maximal ein halbe Stunde Frist geben wollte. Ich leitete den grade an den Ingenieur weiter, als ich ein Räuspern hörte.
Chef stand im Türrahmen. Was denn mit dem Vertrag für Mr. Energie wäre. Ich wand mich etwas, murmelte was von ich würde ständig dabei unterbrochen, was stimmte, und er sei ja eigentlich schon fertig, was halb stimmte. Aber ich ließ ihn mir doch aus der Hand nehmen. (ungewohnt für jemand wie mich, war ich doch bisher immer Boss und kontrollierte andere)
Dann kam der unterschriebene Vertrag zurück, ok. das Atomkraftwerk konnte ab Dienstag wieder beruhigt arbeiten. Ein bisschen verwundert war ich schon, dass das alles so problemlos ging, weil mein Bauchgefühl “Problem” signalisierte. “Halt jetzt mal die Klappe!” sagte ich zu meinem Bauch und begann, drölfzig Verträge zu sichten, abzulegen oder weiterzuleiten und zu schauen, was der Stand bei den noch offenen Dingen war. Mr. Energie rief noch mal an und uferte mit “das ginge ja gar nicht!” aus und ich empfahl ihm, den Text erstmal komplett zu lesen, bevor wir reden. Er wirkte ein klein bisschen beleidigt, weil ich auf seine Eröffnung nicht einstieg, aber er meinte, das würde er am Abend tun.
Chef räusperte sich wieder und wir machten ein kurzes Wochenendmeeting draus, einfach mal den Stand der Projekte sichten. Ich lernte noch ein paar Details. Meine Einarbeitung geschah ja durch zwei Kolleginnen, die in den letzten vier Wochen von einem saisonuntypischen Arbeitsansturm überrannt worden waren. “Ich hatte vorhin den Eindruck, du schwimmst!”, meinte er. Was soll ich darauf sagen? Das ich eine beginnende Panikattacke weggeatmet und froh war, dass es mich nicht zerlegt hatte? Ich machte ein paar Sätze darüber, dass ich zur Zeit alles noch doppelt und dreifach absichere, weil ich noch keine Branchenerfahrung habe und deshalb so langsam bin. Alles andere versteht sowieso niemand, der es nicht selbst erlebt hat.
Ich machte klar Schiff, räumte meinen Tisch auf und hatte extra mit dem Grafen verabredet, dass er mich abholt, damit ich nicht länger arbeite. Er kam gleich, ich fuhr meinen Rechner runter und streckte grade die Hand nach dem Telefon aus, um mich aus der Leitung abzumelden, da klingelte es. Die Nummer des Atomkraftwerksingenieurs.
Kopf funkte nur kurz an Bauch “Ok. hattest recht!”, Hand nahm den Hörer ab, Stimme meldete sich und Ohr hörte: “Ähm, es gibt da ein Problem…” Ich musste gar nicht zuhören, es war das, was ich schon wußte. Dafür habe ich den Job lange genug gemacht. Der gute Mann war heimlich doppelgleisig gefahren und kam aus seinem anderen Job nicht raus.
In meiner alten Branche hätte ich so jemand ganz ruhig klar gemacht, was er jetzt zu tun hätte, um nicht ganz viel Ärger zu bekommen. Als Branchenneuling weiß ich noch nicht, wo ich die Hebel ansetzen kann und was wirkt. Außerdem war ich leicht angeschlagen, ich hatte nicht mehr die Kraft für so ein Problemgespräch. Also überließ ich das dem Chef. Ausgestanden ist die Sache noch nicht, persönlich nehme ich das auch nicht. Aber ich weiß, ich kann meinem Bauch immer noch vertrauen.

Deshalb Eisberg. Das Ding tauchte auf, wurde schnell größer und es endete mit einem fiesen Krachen.
Der Rest war Entspannungsversuch. Burger im Muse, denn ich hatte zu allem Überfluss vergessen, den Tag über etwas zu essen. Dann todmüde und aufgekratzt und heute verstopfte Nebenhöhlen. Der Klassiker eben.

*das ist, wie mein früherer Job, komplexes Multitasking und machmal, wenn man den Überblick noch nicht hat, passiert so was. Kunde A und Kunde B waren nämlich miteinander verbandelt, es gab eine Krankheitsvertretung, etwas war liegengeblieben und wurde später weitergegeben. Ergebnis bei mir: Totale Konfusion. Naja. Gnarf.
Ganz schwache Stelle bei mir, warum kann ich mich nicht einfach hinstellen und sagen “Sorry, ich weiß ü-ber-haupt-nicht, wovon Sie reden, wie Sie zu diesem Angebot kommen und warum Sie nach so langer Zeit denken, ich kann es erfüllen.” Ich suche den Fehler instinktiv bei mir, ganz ganz dumm. Ich muss von Frau Novemberregen lernen.

**sämtliche Branchen- und Berufsbezeichnungen sind natürlich verändert