The Diary of Kitty Koma

17/05/2015
von kitty
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Sonntagsmäander im kalten Mai

Gestern habe ich kapituliert. Wir haben Mitte Mai die Heizung angeschaltet. Für mich eigentlich unausdenkbar, wenn auch irrational, denn wenns kalt ist, kann man heizen. Aber es steckt eben tief drin, wenn das Heizwerk, das den Plattenbau versorgte den man als Kind bewohnte, Mitte April eine Stufe abschaltete und nur noch warmes Wasser produzierte.

Der Graf lockte mich gestern in Richtung Kudamm. Eigentlich nur in einen Laden, aber da das, was wir sehen und probieren wollten, indiskutabel war, wurde doch ein kleiner Einkaufsbummel daraus. Gegen Konfektion bin ich mittlerweile größtenteils immun. Warum sollte ich für eine Leinenbluse 99 Euro auf den Tisch legen, wenn mein Schrank voller Leinenstoffe ist und die Arbeit zwei Abende kostet? Wenn ich was Nettes entdeckt habe, brauche ich nur nach innen zu schauen: lieblos im Akkord abgekettelte Nähte. Der Luxus des Selbstnähens inkludiert auch den Luxus, sich die Kleidung innen zu schaffen wie ein kleines luxuriöses Futteral.
Bei Karstadt am Tauentzien, nur noch ein Schatten des Wertheim-Kaufhauses alter Westberlin-Zeiten, wurden wir dann fündig. 3 Shirts mit kleinem Kelchkragen von Mexx, scheinbar der letzte Rest der sehr coolen Teil-Kollektion des insolventen Herstellers.
Was Jeans und fummelige kleine Jerseys angeht – das überlasse ich gern der Industrie. Dafür stricke ich lieber Spitzentücher.
(Was es mir bedeutet, wenn der Gatte sagt, er wolle mit mir einkaufen gehen, ist noch einmal eine ganz anderes, herzchenumschwirrtes  Thema…)
Dann saßen wir noch bei ehemals Gosch. Dort habe ich vor Kudamm-Theater-Premieren, die ich berufshalber besuchte, immer gegrillte Scampi gegessen, die bestellte ich natürlich wieder. Das Personal ist …eigen. Man identifizierte uns wohl als wenig solvent, lavierte uns fix aus der neu gestalteten Surf&Turf-Area raus (“Hier ist alles reserviert!”), ins leicht schrappelige Ambiente des Alt-Lokals im Nebenraum und die Kellnerin hatte wohl die Anweisung, jedem Tisch erst mal ne große Flasche Wasser (also 0,75l) für 5,90€ zu verkaufen. Quasi als Grundgebühr. Die Touristen neben uns taten das brav, wir lehnten es ab und wurden deshalb bei jedem neuen Gang am Tisch vorbei gefragt, ob wir noch was bestellen wollten. Muß man mögen. Die Scampi waren gut, des Grafen Backfisch auch und darauf kippten wir einen Rosé-Cremant und sahen zwei Demonstrationen den Kudamm entlang ziehen. Die RetterInnen rumänischer Straßenhunde waren zwar zahlenmäßig unterlegen, aber wesentlich lauter als die nachfolgende politische Demonstration mit roten Fahnen, gelben Sternen und Menschen mit Kopftüchern.

Mäandern wir mal zurück. Der Herr Schneck hatte am Freitag abend gemeinsam mit Klaus Mellenthin zur Vernissage eingeladen und wir verlebten ein paar nette Stunden, im tiefen, noch nicht gentrifizierten Neukölln. Ich mochte des Herrn Schneck Bildkommentare zu kundenorientierter und sehr schöner Modefotografie sehr. Bitte gehen Sie unbedingt hin, es lohnt sich.
Überhaupt der Freitag. Ich bretterte wie blöde mit dem Grafen per Fahrrad die Straßen entlang in Richtung Emser Straße. Ich musste erst mal runterkommen, nach diesem Brückentag im Büro, der sich zumindest bis 3 Uhr nachmittags, bis die Kundenseite ins Wochenende ging, als ziemlicher Höllentag erwies. (und ich habe davon nur die Hälfte mitbekommen, der Chef hatte schon am Himmelfahrtstag 10 Stunden lang Notfälle abgearbeitet)

Kurzer Kommentar zum Stand des Arbeitslebens: Ich kann sicher mit steigenden Branchenkenntnissen noch effizienter werden. Das kann mich bei sehr hoher Arbeitsdichte retten, wo alles Schlag auf Schlag kommt, die neuen Vorgänge kein Ende nehmen und man ständig Vorgänge priorisieren und diese Priorisierung meist noch gut kommunizieren muss. So ein bisschen wie in der Notaufnahme im Krankenhaus. Wer bewusstlos ist und/oder blutet bzw. nicht atmet, hat Vorrang. Und trotzdem ist Gemecker über zu wenig Zuwendung und zu lange Wartezeiten grade von den Leuten, die noch in der Lage sind, sich aufzuregen, vorprogrammiert.
Dieses Multitasking ist einfach vorbei, früher konnte ich das souverän und es machte mir sogar Spaß. Ab einem bestimmten Punkt arbeite ich heute mit einer ganz üblen Fehlerquote, da kann ich das Grundrauschen des: Und DAS noch und vergiss DAS nicht! nicht mehr ausblenden und das macht mich fertig. Zumindest bin ich gegenüber dem letzten Volllast-Test am Gründonnerstag souveräner und schneller geworden.
Aber dominierende Gefühl ist, ich habe das, was ich da mache, alles schon mal durchgespielt. Auch wenn ich gut bezahlt und behandelt werde und das Team sehr angenehm ist. – Die zeitweise extrem hohe Arbeitsdichte, womöglich sogar demnächst Homeoffice abends und am Wochenende (was ich Idiot selbst angeregt habe, ein großer Teil von mir denkt immer noch unternehmerisch), dafür ist selbst die gute Bezahlung, die ich bekomme, nichts, was mich motivieren würde. Vielleicht, wenn ich das Doppelte bekäme,  zwei Drittel vom Netto sparen könnte und die Aussicht hätte, das alles wäre endlich. (Aber ich komme in Genöle auf hohem Niveau…)

Sprung nach Berlin. Hier ist die Antwort auf meine Frage, warum in Berlin immer mehr internationale Verrückte unterwegs sind: Sie bewegen sich außerhalb ihrer sozialen Kontrollmechanismen und die Stadt kann sie (noch) veratmen.
Interessant fand ich in dem Zusammenhang auch, dass die Psychiatrie zunehmend soziale Probleme eingeliefert bekommt und damit ist nicht der klassische aus der Bahn geratene Penner gemeint, sondern Menschen, die Wohnung und Arbeit verloren haben. Lebenskrisen werden pathologisiert, weil das fast der einzige Weg ist, Unterstützung zu bekommen und dem Überlebens-Druck zu entrinnen.
Natürlich frage ich mich dabei, ob ich nicht in einem anderen sozialen Umfeld, als dem, das ich mir gewählt hatte, anders hätte mit meiner Überarbeitung, dem sich schon lange nähernden Ziel meines Jobs und den nötigen Veränderungen in meinem Leben hätte umgehen können. Diese Gemengelage zu pathologisieren war damals die entpflichtendste Lösung, sonst wäre ich in der Spirale von “selbst schuld” erstickt. Ich bin wie viele andere so konditioniert, dass Krankheit die einzige Entschuldigung ist.

Damit springe ich zum nächsten Thema, das mich seit einer Begegnung Ende der Woche bewegt. Wir haben irgendwann mal unsere sozialen Bindungen effektiviert und modernisiert. Weg von der schwerfälligen, energiefressenden Familie und langfristigen Paarbindung, die kaum Fehlerkorrektur und Entwicklung erlaubt und Kursänderungsgeschwindigkeiten hat wie ein Öltanker. Hin zu Lebensabschnittsbeziehungen oder gleich nur Freunden, Affären und einem “sozialen Netz”, das flexibel ist und sich den Lebensumständen anpasst. Sich den Lebensumständen anpaßt…
Was, wenn sich die Lebensumstände so ändern, auf einen Schlag, dass das Umfeld nicht mehr dazu passt? Wenn es zum Besseren geschieht, kein Problem. Was wenn dem Großstadtsingle, der Dauerfreundin, einer der zahlreichen Bekannten plötzlich etwas passiert, das alle bestehenden sozialen Rituale unmöglich macht und andere Anforderungen an den Kontakt stellt? Krankenhausbesuche. Viele, nicht nur der Anstandsbesuch. Dreckige Wäsche waschen, Jammern, Wut und Todesängste anhören. Sich jemandem widmen, der plötzlich verfällt, unattraktiv und kraftlos ist, verkommt und schlecht riecht. Nach dem Ende eines Krankenhausaufenthaltes mit einwohnen oder jemandem ein Gästezimmer bereit stellen. Zur Krankenpflege bereit sein, finanzielle und materielle Unterstützung geben, ohne zu wissen, ob da etwas zurückkommen kann. Familie und “in guten wie in schlechten Zeiten”-Beziehungen können und sollen das leisten. Können das wirklich die Freundinnen und Freunde? Können wir das von ihnen verlangen?
Klar gibt es die plakativen Heldentaten. “Ich war im Hospiz und habe mich um einen alten Menschen gekümmert und habe soooo viel zurückbekommen!” Sich um jemanden mit dramatischer Krebserkrankung kümmern, vor allem verbal über Twitter. Sich bei der Freundin ablösen, die schon in frühen Jahren erkrankt, weil man selbst noch in der Überzahl und fit ist und weil es das erste Mal ist, das so etwas in diesem Umfeld passiert.

Als es mich damals erwischt hatte, war ich glücklich über die Unterstützung und die vielen kleinen Gesten. Das “Wenn du Rückzug brauchst, komm her”, dass ich einfach mit Blumen versorgt und zu unterhaltsamen Nachmittagen abgeholt wurde, Besuch bekam…
Aber ich musste nie über eine Grenze gehen, wo es anstrengend und verpflichtend geworden wäre. Glaube ich zumindest. Eine kleine Idee bekam ich davon, als ich drei Wochen mit Magen-Darm-Grippe allein in meiner Wohnung lag und es nicht besser wurde oder ein paar Jahre vorher, als Nachwirkungen einer OP übler waren, als ich erwartet hatte. Hätte ich jemanden in diesem Zustand wirklich in meine Nähe lasse wollen? Hätten das Menschen gekonnt, die mich nie wirklich nah kennengelernt haben? Hätte ich mich überwinden können, für kleine Handlungen jemanden durch mehrere Stadtviertel zu mir zu rufen? Es geht ja oft um kleine Dinge. Essen kochen, Wäsche waschen, ein Bett beziehen, einen Reißverschluss zumachen, etwas hinterm Schrank vorholen, den Rücken zu kratzen. Wo ein Mensch, der mit einem lebt, einfach kurz rüberlangt oder eine halbe Stunde erübrigt und damit auch für sich selbst sorgt.
Das ist den Lebensplänen der flexiblen Großstadtsingles nicht so richtig vorgesehen. Noch nicht.
Klar kann man diese Versorgung auch einkaufen, wenn man genug bezahlt, sicher auch mit der liebevollen Note im Stil von Hausfrauenputz und Girlfriendsex. Man kann alles kaufen. Wenn man das Geld hat und ausblendet, dass es eine Dienstleistung ist.

Edit: Wir stellen je gern Liebe auf so einen hohen Sockel und meinen damit meist den Hormon-Rausch der Anfangszeit, wo man sowieso immer einer Meinung ist und aneinanderklebt. Aber ganz eigentlich ist Liebe eben auch das Aushalten eines unerträglichen Zustandes, in dem man trotzdem in der Nähe bleibt und nicht wegrennt, weil es grade keinen Spaß macht.

09/05/2015
von kitty
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WMDEDGT Mai 2015

Frau Brüllen hat das schon am Dienstag gefragt, weil da der 5. war und ich muss meinen Tag nachtragen, weil ich trotz knapp gehaltener re:publica-Begegnungen noch nicht zum Schreiben kam.

Dienstag der 5. Mai war Seminartag. Ich hatte einen Tag Urlaub genommen und durfte eine Dreiviertelstunde länger schlafen. Gegen 8 Uhr frühstückte ich wie immer Joghurt mit Datteln und Banane, trank zwei Tassen Kaffee, malte mir ein Gesicht auf und schnappte meine Tasche. In die hatte ich schon am Abend vorher 3 gelbe Papierquadrate, 4 Skatspiele, Zettel mit Spielanweisungen, einen Märchentext und meinen Laptop samt Adapternupsi für den Beamer gepackt.
Mein Weg führte an den Stadtrand, dort ist eine Fachhochschule, die Erzieherinnen, Gesundheitsmanagerinnen, Sozialarbeiterinnen und so exotische Berufe wie Kindheitspädagoginnen ausbildet. Ich mache dort einmal im Semester ein ganztägiges Seminar zu Gehaltsverhandlungen. Aber erstmal fuhr ich zwei U-Bahnstationen zu weit. Ich war im Kopf eine Sache noch einmal durchgegangen, die immer die Tendenz hatte schief zu gehen und darüber verpasste ich das Aussteigen und stand plötzlich irgendwo an der Endstation am A… der Welt.
typohoelle
Aber die Zeit reichte noch, zurückzufahren und fünf Minuten vor Beginn einen großen Auftritt zu haben. Ich habe sonst immer gern Zeit für das Einrichten der Präsentation, aber das war eh für die Katz, der Beamer war zu dunkel, ich würde also alles rhetorisch rüberbringen müssen. Für Tafelbilder malen ist meine Schrift zu schlecht.

Trotz der Ankündigung, es wäre wie immer ausgebucht, saß diesmal wegen des Bahnstreiks ein sehr übersichtliches Häufchen vor mir. Nach fünf Minuten Einführung kamen dann die Wortmeldungen, wann denn Pause wäre, das bräuchte man für die persönliche Planung und man müsse dringend eher gehen, wegen Weil, worauf sich eilig noch vier Leute anschlossen. Interessant, wenn 16 Leute statt 8 vor mir saßen, hatte es das nicht gegeben. Aber das buche ich ich unter “geh du erstmal arbeiten” ab und lasse solche gruppendynamischen Prozesse laufen, die dabei endeten, dass in der Evaluation die Bemerkung stand, man hätte zwar eher gehen müssen, aber ich hätte mich nicht ausreichend um ganz persönliche Fragestellungen gekümmert sondern die in die Fragerunde nach hinten terminiert. Kopf->Tisch

Es ist ein Phänomen der Bologna-Bildung, dass in Deutschland nun viele Leute auf einen Arbeitsmarkt kommen, dessen Stellen für Menschen mit Lehrberuf kalkuliert sind. Kaum ein Arbeitgeber legt Geld drauf für einen Bachelor- oder gar Masterabschluß, wenn er diese Expertise gar nicht braucht.
Irgendwann hatte auch mal jemand in der Politik die Milchmädchenrechnung aufgemacht, die lautete Akademiker=guter Verdienst+geringe Arbeitslosenquote und daraus geschlussfolgert, dass man mit einer höheren Akademikerquote das Einkommensniveau heben und die Arbeitslosenquote senken könne. Was für ein einfältiger Bullshit.
Das geht dann Hand in Hand mit der Auffassung von Menschen, dass man nach einem fleißig absolvierten Studium doch wieder nur in die klassischen sorgenden Berufe einsteigt und hofft, dass das gute Zeugnis wie ein Zauberamulett höhere Bezahlung bewirkt.* Viele kommen in mein Seminar und glauben, sie bekommen bei mir Zahlen gesagt, die sie nur auswendig lernen müssen und wenn sie die im Bewerbungsgespräch richtig aufsagen, geht das schon klar mit dem Geld. Und dann enttäusche ich sie, wenn ich ihnen sage, es ginge um Lebensplanung und Empowerment und richtige Zahlen gäbe es nicht.
Der nächste kleine Schock sind die Bedarfsrechnungen. Einmal für Berufsanfängerinnen, das kriegt man schon hin mit dem Gehalt eines sozialen Berufes. Aber der Bedarf für eine kleine Familie und ein Leben jenseits von WG, Elternzuschüssen und bescheidener Lebensführung ist aus so einem Gehalt selbst mit Steigerungsstufen nicht zu decken. In flachen Hierarchien gibt es kaum lukrative Aufstiege und wer sein Leben lang im gleichen Beruf arbeiten will, ist auf ein besser verdienende Partnerin angewiesen. Peng. Mit Mitte/Ende 20 ist das keine angenehme Erkenntnis. Da bin ich bei Stunde 2 des Seminars meist bei der Ernüchterung “das hätte ich vor dem Studium wissen müssen” angekommen.
Dann gehen wir, neben dem Aufbau des Gefühls für den eigenen Wert und dem ersten Trainieren von sich etwas selbstverständlich erwarten bzw. nehmen statt darauf warten, dass einem gegeben wird**, auf den Parcours, der die Teilnehmer über den Tellerrand hinausblicken lässt. Muss es denn wirklich dieser Beruf für den Rest des Leben sein? Was ist so schlimm daran, Verantwortung für Budget und Personal zu übernehmen? Warum sich von einem freien Träger ausbeuten lassen, wenn man selbst Projekte verwirklichen kann? Wie lässt sich ein Leben mit weniger Geld gestalten?
Das Bild des lebenslang nährenden Arbeitgebers, der Vater und Mutter zugleich ist, steckt scheinbar in Ost wie West tief in den Köpfen der Menschen und die Realität sieht ganz anders aus.
Schöner Gag am Rande: Ein junger Mann, der sich bitter darüber beschwerte, wie er denn ein berufliches Netzwerk aufbauen solle, wenn alle, die er kennt und kennenlernt, über Facebook netzwerken und er doch aber Facebook vehement ablehnt. Da war ich dann kurz vor dem Satz “Tja, keine Ärmchen, keine Kekschen.”

Ich war dann schon anderthalb Stunden eher fertig, um halb vier, denn die Studierenden zog es nach draußen und ich war darüber nicht böse. Schließlich erwartete mich am nächsten Tag wieder meine Arbeit in der Elektrobranche. Die Mittagspause hatte ich mit einer lieben Freundin in einer Einkaufspassage bei Tchibo verbracht und in diese zog es mich nach getaner Arbeit auch zurück. Ich brauchte Strümpfe, Strumpfhosen und Unterwäsche. Da ich keinen Bock habe, für so etwas extra loszugehen, machte ich die Runde bei Läden, für deren Publikum H&M ein teurer Designerladen ist. Das Schöne ist, dass ich in solchen Geschäften nie Angst haben muss, dass es meine Größe nicht gibt, mein Volumen zählte dort als mittlere Größenklasse. Zu meiner großen Freunde konnte ich einen ganzen Schwung T-Shirts mit V-Ausschnitt erstehen, die weder einen schwachsinnigen Aufdruck hatten, noch in die Kategorie “farbenfrohes Oberteil für starke Frauen mit Pfiff” fielen.
Dann ging es heim. Fun fact: Berlin-Hellersdorf riecht nach Bier und Zigaretten. Neukölln erinnere ich olfaktorisch als eine Mischung aus Kotze und Dope-Schwaden. Charlottenburg riecht nach zu viel Parfüm. Wonach riecht eigentlich Berlin Mitte?

In der U-Bahn verabredete ich mit dem Grafen, dass ich bei Rosenburger etwas zu essen mitbringen würde. Bio-Chili-Cheese-Burger mit Pommes, wie immer.
Wir aßen und der Graf zog gegen 18:30 Uhr noch einmal los, zu irgendeiner Veranstaltung am Rande der re:publica. Ich beschäftigte mich damit, die Waschmaschine zu überwachen und ein paar Reihen an einem Spitzentuch aus eisvogelblauer Seide zu stricken. Gegen 21:30 Uhr tränten mir vor Müdigkeit die Augen und ich fiel ins Bett.

Das war mein 5. Mai und hier sind die anderen Texte.

 

* Ich wehre mich auch gegen das Mantra “Sozialberufe müssen höher bezahlt werden”, wenn nicht klar ist, wo das Geld herkommen soll. Vom Staat? In Deutschland werden schon Unsummen Geldes vom Gehalt abgezogen, damit der Staat das irgendwie verteilt.
In den Köpfen der Nutzer von Leistungen sorgender Berufe (und damit von uns allen) sitzt, dass es eine Kaste Menschen  gibt, die sich ohne Wenn und Aber um uns und unsere Angehörigen kümmern muss, wenn es den Bedarf gibt und das möglichst für umsonst oder ganz wenig Geld für den Nutzer oder die Angehörigen.
Mafiöse Strukturen in Pflege und sozialer Fürsorge, wo das Geld nicht bei denen ankommt, die die unmittelbare Arbeit machen, entstehen meiner Meinung nach auch dadurch, dass die Nutzer von Leistungen oft weder wissen was sie kosten, noch Einfluss auf ihre Kalkulation und Struktur nehmen können. Aber das ist ein sehr weites Feld.
**schwierige Sache für diese Berufsgruppe

02/05/2015
von kitty
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Schuhe kaufen

Nein, ich bin keine Frau, die zur Entäußerung oder Wiedererringung von Lebensfreude Schuhe kauft. Habe ich Schuhe gefunden, die mir gefallen und die mir passen kaufe ich sie am Liebsten einmal in hell und einmal in dunkel, damit dann auch wieder für ein paar Jahre Ruhe ist. Im Sommer trage ich sowieso nur Zehensandalen, am liebsten von Patagonia, weil die solide konstruiert sind. (Ärger, warum es diese Sandalen nicht in D gibt.)

Wenn wir von früher reden, so sind Schuhe die Dinger gewesen, die übel aussahen (man musste halt das nehmen, was da war), nur manchmal aus dem geeigneten Leder und meist aus Kunstleder waren und die man zum Einlaufen ein paar Tage zu Hause tragen sollte. Dann gab es noch diverse Tricks, um schlimme Füße zu vermeiden. Brettharte Hackenkonstruktionen mit Schmierseife bestreichen und mit dem Hammer bearbeiten zum Beispiel.

Das Fiese ist, je älter ich werde, desto schwieriger werden meine Füße. Schwellen mir nichts dir nichts an, fangen an zu schmerzen oder geben Disbalancen an die Knie weiter. Also nix mehr mit High Heels, es sei denn man trägt mich aus einer Limousine und setzt mich auf einem Barhocker ab.

Als Heman vor ein acht Jahren eine Marktanalyse eines großen Schuhhändlers auf dem Tisch hatte, die besagte, man solle dringend und schnell mit dem Schuhhandel auch ins Online-Geschäft gehen, schüttelte ich den Kopf. Eingedenk der komischen Schuhe, die man einem in Versandhauskatalogen gern als zu den Klamotten passend verkaufen wollte und die selten aus Leder waren und wenn aus Leder, dann aus so einem Ersatzprodukt mit Pappe und viel Leim bestanden, meinte ich rigoros, ich würde Schuhe nie, nie im Internet kaufen.
Bis dann immer häufiger die Momente kamen, wo ich im Schuhladen gesagt bekam, dass man mir die Schuhe, die ich so schön und passend fand, in meiner Größe leider nicht verkaufen konnte, weil “Hamwa nich / Is schon aus / Kriegnwa auch nich mehr”. Während ich früher noch manchmal Zeit investierte und andere Läden abklapperte, zu Fuß oder per Telefon (was schon Befremden auslöste) oder den Hersteller anrief (was noch größeres Befremden auslöste, dort war man mit der Kollektion schon ein Jahr voraus), konnte ich plötzlich im Internet schauen, wer mein Objekt der Begierde sonst noch vorrätig hatte. Ok. die Schuhläden haben jetzt Warenwirtschaftssysteme, wo die Verkäuferin an der der Kasse schauen kann, in welcher Filiale noch ein Paar im Lager ist oder rufen alle anderen an und fragen nach. Aber inzwischen haben sie mich als Kundin weitestgehend verloren. Ich habe keinen Bock mehr, stundenlang shoppen zu gehen, um dann mit einer Fehl- und Frustkaufquote von 20% wieder zu Hause zu stranden, ohne wirkliche Möglichkeit, das Zeug wieder zurückzugeben. (Was ja auch wieder bedeutet, sich auf den Weg dorthin zu machen.)
Ich kaufe auch Schuhe jetzt im Internet, wobei ich andere Leute frage, was sie tragen, wenn mir etwas positiv auffällt. Oder ich bleibe tatsächlich bei den Marken, die ich schon kenne und die sich an meinen Füßen bewährt haben. (Interessante Sache, wie Markenbotschaften wichtig werden, wenn optisch-haptische Botschaften nicht mehr primär da sind.)
Aber irgendwie ist das alles Murks. Ich sichte, bestelle und probiere Think!-Schuhe und habe das Gefühl, da ist man in Design und Ausführung bei uninteressanter Massenware angelangt. Sorry, die waren früher anders, vor allem interessant (aber nicht modisch) designet und trotzdem bequem. Die Aidas, die ich voriges Jahr kaufte, sind so weit geworden, dass ich darin umlenken kann, jetzt stehen hier ein paar Ballerinas mit dem Bracca-Leisten extra eine halbe Nummer kleiner und ich habe das Gefühl, in eine Schraubzwinge zu steigen, weil man vorn eine modische Schuhspitze hat, die die Zehen zusammendrückt. Soll ich hoffen, dass die sich weit laufen oder sie zurückschicken? Eine halbe Nummer größer gibt es sie auch online nirgendwo mehr.
Ich schaue nach Arcus und sehe, die gibt es im vollen Sortiment nur noch in Frankreich. (Wobei – volles Sortiment, das sind wir auch erst seit ein paar Jahren gewöhnt. Früher kaufte man das, was es im Laden gab und war happy, wenn das Sortiment in München, Wien oder London anders war.) Tiggers sind überhaupt nicht mein Stil, zu brachial, Miss L-Fire sind es eher, aber die sind in der Qualität zu mies.
Grmpf. Ich brauche einen Maßschuhmacher. Bitte einmal schlanke aber bequeme Sommerschuhe mit nicht klapperndem 3 cm-Absatz oder ganz flach in schwarz, hellbeige und cognac oder rot. Farblich analog dann noch mal Sandalen mit butterweichen geflochtenen Riemen und Korkfußbett. Mein Geschmack ist doch ganz einfach, immer nur das Beste.

Oder ich gehe im Büro barfuß und sonst in Badelatschen.

26/04/2015
von kitty
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Sonntagsmäander Goldbepudert

Die Pollen legen zartgoldenen Puder über die Stadt und bisher bin ich vor den ganz üblen Nebenwirkungen verschont geblieben. Es hat auch Vorteile, tagsüber hinter Thermoverglasung zu sitzen.
Die Woche hatte von allem zu viel. Eine in den Kräften nachhängende Wochenendreise, viel Arbeit, mehrere abendliche Treffen, die nicht noch einmal zu verschieben waren… Genug, um sich für längere Zeit auf eine einsame Insel zu wünschen.
Ein bisschen einsame Insel hatte der Samstag, wo ich mit dem Kind im Garten herumpusselte. Da wäre ich gern die nächsten 14 Tage geblieben.
So wie es ist, bin ich grade kurz angebunden bis maulfaul, misanthrop, gereizt und gehetzt und versuche, das mit allen Kräften zu verbergen. Aber alle Dinge haben ihre guten Seiten, vielleicht hilft das, was mir gerade begegnet dazu, noch mal einen leicht modifizierten Weg zu finden, mit mir und der Welt. Zu arbeiten und Geld zu verdienen, ohne über glühende Kohlen zu laufen. Ich beobachte es noch.

Was es sonst noch gab. Diesen sehr lesenswerten Artikel im Tagesspiegel über die Wirkungen von Airbnb auf ganze Viertel in Berlin und die Blogposts von Lucky Strike und von Gaga Nielsen dazu, bitte lesen mitsamt Kommentaren und darüber nachdenken. Das ist wirklich revolutionäres Internetbusiness (und das Wort benutze ich jetzt ganz wertfrei, denn “Alles Neue kommt mit Schrecken” sagte Heiner Müller), es stellt die Welt, wie wir sie kennen, auf den Kopf. Ähnlich, wie es vorher schon Filesharing taten oder eBooks, die ohne Verlage veröffentlicht werden können. Wir nutzen eine tolle Möglichkeit, Urlaub zu machen und verändern damit unsere Lebensstrukturen tiefgreifend und ohne es zu wollen.
Was es mir noch zeigt: jegliche Share Economy gleitet ganz schnell in banalen Kapitalismus.

Nachdenken über Angst und Gefährdungen in unserem Leben. In der DDR (und das zu einem Preis, der allen bekannt sein sollte) war mein Leben zwar sicherer, aber auch heute habe ich weder Angst, noch fühle ich mich bedroht. Für eine riesige, sehr tolerante und internationale Stadt wie Berlin passiert verdammt wenig. Gut, es laufen brüllende und fuchtelnde Psychos durch die Straßen, an den üblichen Plätzen hängen die Dealer in Trauben rum und man sollte im Gedränge die Geldbörse vor Zugriff schützen. Aber ich muss weder befürchten, dass mir jeden Moment die Handtasche weggerissen wird, noch muss ich Bargeld bei mir haben, um einen bewaffneten Raubüberfall zu überleben oder setze mich der Gefahr aus, als unbegleitete Frau nachts mit großer Wahrscheinlichkeit Vergewaltigungsopfer zu werden.
Das, was ich um mich herum höre, klingt anders. Schon unter dem #aufschrei-Hashtag versammelte sich eine Menge diffuser Ängste, die mich erstaunt und ratlos zurückließen, als würde ich auf einem anderen Planeten leben. Alles, was unter rape culture- oder street-harassment-Diskussionen läuft, schaue ich mir gar nicht mehr an, da bin ich zu alt und zu libertin dafür. Aus der konservativen Frauenarbeitsgruppe, an der ich vor zwei Jahren so viel Freude hatte, bin ich ausgeschieden, als die Arbeit abdriftete von Themen, die Frauen im Job und im selbstbestimmten Leben bewegen und die Leiterin sich immer mehr auf den Themenkreis “Frau als Opfer” beschränkte. Es ging nur noch darum, anstehende Gesetzesänderungsinitiativen zu Gewalt, Mißbrauch, Vergewaltigung und Prostitution zu referieren und freie Träger und Vereine, die sich um geprügelte, missbrauchte und gestalkte Frauen kümmerten, zu besuchen. (Wobei es möglichst um “reine” Opfer geht. Es gab tatsächlich einen Verein, der geschlagenen Frauen, wenn sie süchtig waren, keine Zuflucht gewährte. Obwohl mentale Abhängigkeitsverhältnisse, Gewalt und Drogen meist die übliche Gemengelage sind.) Ich habe mich dann irgendwann rausgezogen, denn das vergiftete mir mehr und mehr das Hirn, vor allem, als Versuche von mir und anderen recht toughen Frauen, den Kurs der Arbeit wieder zu ändern, abgewehrt wurden, unter dem Hinweis, das seien die echten Probleme in Berlin Mitte. Ich weiß es nicht. Es ist auf jeden Fall ein Geschäftsmodell, das Finanzierung verspricht.
Frauen als schwache, gefährdete, selbstbestimmungsunfähige, defizitäre und orientierungslose Wesen, die nun zwar nicht mehr von Familie oder Mann gesagt bekommen sollen, wo es lang geht, die dafür aber umgeben sind von sozialen Hilfsinstitutionen und gesetzlicher Maßgabe. Interessant. Vor allem dass beide Diskurse parallel laufen. Zum einen der neuerliche Versuch, Frauen verstärkt in nachhaltige Erwerbsarbeit zu bringen und die Angst- und Bedrohungs-und (männlichen) Übermachtszenarien, die referiert werden.
Das ist alles noch nicht zu Ende gedacht, fällt mir aber auf.
Außerdem bin ich ganz froh, wenn dann jemand wie Antje Schrupp das nabelzentrierte Emotionstourette (“Ich empfinde das so, also ist das so”) ignoriert und mal nachfragt, wer eigentlich Verantwortung übernimmt. Mein Reden seit 2012.
Da kam dann noch ein zweiter Artikel nach, der bekräftigte, dass man unbedingt Feministin werden solle, auch wenn andere Feministinnen nicht immer das tun, was einem in den Kram passt. Gutes Indiz dafür, dass der erste Artikel ins Schwarze getroffen hat.