The Diary of Kitty Koma

21/02/2015
von kitty
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Auf der Startrampe

Letzte Woche klingelte das Telefon. “Sag mal, warum meldest du dich nicht? Ich habe dir gestern schon auf die Mailbox gesprochen.”
Ich stammelte etwas von “Oh! Ähm! Garnicht gemerkt!”, tatsächlich hatte ich das Handy beim Seminar zwei Tage vorher leise gestellt und die Display-Nachricht vom ins Leere gegangenen Anruf war von Messages vom Kind verdeckt worden.
“Ich habe dir doch die Nachricht hinterlassen, dass wir uns für dich entschieden haben. Wir wollen gerne mit dir arbeiten.”
Hölle, Hölle, Hölle, Kitty. Erst kommst du mit dem Eindruck aus dem Vorstellungsgespräch, dass sie dich komplett bescheuert und verzickt fanden mit deinem “ich kann mich nur langsam und vorsichtig einarbeiten!” und jetzt müssen sie dir auch noch hinterherrennen.

Vor zwei Tagen trabte ich dann zum Vertragsgespräch. Ich war auf alles eingestellt, aber nicht, dass mir einer der Chefs, mit dem Telefonhörer am Ohr und ein paar Gesten, die “ich hab grad Streß, sorry!” bedeuteten, einen Vertrag zum Durchlesen auf den Tisch packt. Beim Lesen rieb ich mir die Augen und kniff mich ab und zu. Ick meene, dit is hier Berlin, Hometown of prekäre Beschäftigungsverhältnisse! Anspruchsvoll, unbefristet, ordentlich bezahlt, viel Urlaub. Krass. Ich habe das an Ort und Stelle unterschrieben, ohne Wenn und Aber.

Irgendwann vor ein paar Wochen, als ich wirklich ganz verzweifelt überlegte, ob mich jetzt markenmäßig zur Kunststrickomi und Lebenshilfebuchautorin im Selbstverlag aufbaue, hatte ich mir als letzten Versuch die Vision ausgemalt, wie meine berufliche Zukunft aussehen soll:
Nicht mehr selbst Strukturen bauen müssen, nicht mehr das ganze Risiko allein tragen, eigenständig in einem Team agieren. Ok., aber nicht übermäßig verdienen, um nicht unter Druck zu kommen. Meine Kenntnisse und Erfahrungen aus 7 Jahren Theater, 20 Jahren Arbeitsvermittlung und Karriereberatung nicht nur in der Medienbranche und einigen Jährchen Internetkommunikation nutzen können. Einen eigenen Schreibtisch haben, wenig/keinen Publikumsverkehr und keine Reisetätigkeit. Rückkehr ins soziale Netz.* Und – als Sahnehäubchen – keine Projektarbeit, ich mag es, wenn die Arbeit ein langer Fluss ist.

Dann seufzte ich und schrieb weiter meine Bewerbungen für Assistenzstellen in der Geschäftsleitung, bei denen schon die Arbeitsbeschreibung offenbarte, dass da eine mies bezahlte Halbtagskraft anderthalb Jobs machen sollte.
Für eine Magazinredakteurinnenstelle im Hochschulbereich, ebenfalls halbtags, Schwerbehinderte bevorzugt, die (sagte man mir über eine Freundin) ein 50-Stunden-Pensum bedeutete, ohne die Chance, die Überstunden jemals abzubummeln.**
Als Stoffladenverkäuferin und Näherin zum Mindestlohn. Als Bookerin für Taxis und Bundestagsfahrten oder technische Hotline-Betreuerin für ein Maschinenbauspezialprodukt, wo ich einfach nicht hinpasste, was mir auch gespiegelt wurde. Für eine Stelle als Filmarchivarin, bei der tiefe Kenntnisse in Filmgeschichte erforderlich, aber maximal ein Berufsabschluss als Medienarchivfachangestellte erlaubt waren. Für eine weitere Assistentin der Geschäftsleitung, bei der die Altersrange mit 21-35 angegeben war (Medienbranche eben). Als Vertretungslehrerin, wo offenkundig wurde, dass Berlin offiziell händeringend Leute sucht, ich aber (wie wahrscheinlich viele) vom Schulamt als falsch qualifiziert abgelehnt wurde.*** Als Abendsekretärin im Bundestag (wobei ich da überlegte, ob das nicht ein spezielles Girl Friday sein sollte) und als persönliche Mitarbeiterin eines Politikers, der seine Suchkriterien per Tweet konkretisierte: Er wolle Bewerbungen von netten jungen Mädels. Als Kostümassistentin beim Musical, eine Stelle die ich schon gemacht hatte, die mittlerweile so verdichtet ist, dass die Arbeit von 10 Stunden in 5 1/4 gequetscht wird, Bezahlung hart am Mindestlohn, halbtags ausgeschrieben, mit Überstunden, Flexibilitätserfordernis und selbst zu finanzierender Arbeitsschutzkleidung.
Ich habe genau den Rundumschlag gemacht, den ich auch in Beratungen empfehle, wenn es hakt, um sich auf dem Arbeitsmarkt neu zu kalibrieren (und ich habe noch nicht mal in die ganz tiefen Abgründe geschaut). Da war meine Überlastungserfahrung hilfreich. Mir wurde beim Lesen mancher Stellenanzeigen einfach übel und ich fing an zu zittern.

Das zu bekommen, was ich nun machen werde, war ein Klassiker an Netzwerk-Verbindungen. Ich kannte einen der Geschäftsführer ganz flüchtig über einen Freund und Kollegen, der dort auch einmal kurzzeitig gearbeitet hatte. Diesen Freund wiederum sprach ich irgendwann bei einem Telefonat an, ob diese Firma Leute sucht und erzählte ihm von meinen Jobsucheerlebnissen. Der traf sich Wochen später mit dem Geschäftsführer, mit dem er befreundet ist, zum Essen und sprach ihn ganz nebenher auf mich an… Man suchte dort nicht explizit, aber ich passe gut rein, mit dem, was ich kann.

Anfang März geht es los und es war erst mal viel zu organisieren. Erste Reaktion wie immer “AAAAAAH! Was zieh ich an?”(Die andere Belegschaft ist wesentlich jünger und sehr sportlich.) Madame braucht für den Start ein paar gut aussehende, bequeme und nicht zu abgeranzte Klamotten. Die vielen Jahre Homeoffice und die DIY-Projekte haben in meinem Schrank eine Mischung aus Auffälligem, Sommerlichem und Schlumpsigem hinterlassen. Selber nähen bleibt unbedingt, aber ich werde mich wohl auch mit Jersey beschäftigen müssen. Die Haare sind schon gebändigt, entgraut und um 20 cm gekürzt. Die leeren Schminktöpfchen sind aufgefüllt. – Bei manchen Sachen hatte ich mir geschworen, dass ich sie erst neu kaufe, wenn ich wieder einen Job habe.
Dann folgten Telefonate mit Krankenkassen, die Absagen der anderen Bewerbungen (die zweite Kandidatin für die Redakteurinnenstelle hat sich sicher gestern gefreut) und diverse steuerrechtliche Recherchen.

Jetzt ist alles bereit und dann gehe ich nächste Woche (also eigentlich übernächste) los und benutze meine panischen Ängste als persönliche Assistenten. Die sind nämlich schon ganz aktiv und halluzinieren von Komaschlafanfällen am Schreibtisch, einfach umfallen oder Panikattacken, die sich in dominanter Biestigkeit äußern. Die dürfen mir jetzt helfen und mir Signale geben, wenn es tatsächlich an die Substanz geht, ich mich übernehme oder zu weit aufdrehe.

Haltet mir die Daumen. Ich hätte wirklich Spaß an der Arbeit.

*nachdem ich meine Alterssicherung verloren hatte und die private Krankenversicherung mich regelmäßig im Regen stehen ließ, aber immer teurer wurde

**Wobei ich da jemanden wohl schwer in die Bredouille gebracht hatte und mir der Job deshalb so horrormäßig beschrieben wurde. Das war eine interne Ausschreibung und es gab nur zwei Bewerbungen. Diejenige, die sie sich schon ausgekuckt hatten und ich. Und nun kam ich mit meinem Schwerbehindertenbonus daher…

***Eine Freundin von mir macht so etwas jetzt. Sie hat eine Entertainment-Ausbildung in England gemacht. Allerdings war der Türöffner ein Institut, dass das Sonderbildungsprogramm personalmäßig bestückt.

12/02/2015
von kitty
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Spitzen stricken

ist auch nicht wesentlich anders als Pixel schubsen. Nur das es keine Undo-Taste gibt, was ich mitunter sehr bedauere.
Aus meinem Flohmarktfund an weißem Häkelgarn wurde dieser Schal mit einfachen floralen Mustern. Erstmal nur zum Üben, keine Ahnung, was ich damit mache.

Estonian Lace Shawl

Jetzt bin ich auf der Suche nach der Form. Dieses hinreißende eisvogelblaue Seidengarn will verarbeitet werden. Da funktionieren keine floralen Formen. Das soll nach Wasser und Eiskristallen, in denen sich kalte Wintersonne spiegelt, aussehen.
silk-yarn
Mal schauen, worauf ich komme, das hier sind erst mal nur Annäherungen, ein traditionelles Muster, das ich irgendwo fand und ausgezählt habe und das verändert werden muss.
lace-test
Das Material ist übrigens rumänisches Garn, Leinen oder mercesiertes Baumwollgarn, mit dem der Trödler die Kiste tschechisches Schulgarn aufgefüllt hatte. Ist das nicht ein schönes Label?
cat-yarn

08/02/2015
von kitty
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Vier Tage in Polen

Der Graf hatte diese Woche frei und wir planten schon lange eine kurze Auszeit in einem netten Refugium auf dem Land. Wie immer mit den Grundbedingungen: Doppelbett, WiFi, Badewanne.  Aber vorher musste er sich aber erst mal zu seinem großen Ärger mit Kranksein beschäftigen. Deshalb fuhren wir erst am Mittwoch los. Wir hatten eine Suite in einem kleinen Herrenhaus in Großpolen herausgepickt, am nördlichen Rand von Poznan.
Mir war der Dwór Wierzenica ob seines kargen Klassizismus aufgefallen. Ausnahmsweise kein fetter Portikus, der sonst in Polen an jede Hütte gebaut wird, als Symbol von Autarkie und Status, und wenn die Säulen aus Rohren oder Bäumen gemacht sind…
Das Gebäude ist großes regionales Bauernhaus, das durch eine Art zweistöckige Diele geteilt wird, die nur durch Mauerkanten ein Säulenportal andeutet. Eine Mischung aus Wurzelsuche und Himmelstürmen, das interessierte mich.

Als wir im Dunkeln ankamen war netterweise die Zufahrtsstraße dick mit Sand gestreut, denn das Haus liegt auf einem kleinen Hügel. Wir wurden als einzige Gäste nett empfangen und es war wie immer in diesen stadtnahen Schlößchen in der Nebensaison. Man nutzt sie in der warmen Jahreszeit als Partylocation für Hochzeiten und im Winter ist da niemand außer den Besitzern oder ein, zwei Helfern. Wobei ich in dieser irre schönen und modernen Küche gern selbst gekocht hätte, eine Karpfenzucht war in Laufnähe.
Unsere Zimmer hatten hohe Decken, schöne, wenn auch etwas hilflos gestellte antike Möbel und ein Riesenfenster mit meterbreitem Fensterbrett mit Blick auf eine moorige Niederung und einen Waldhang an ihrem Ende.
Dwór Wierzenica
Als wir Bescheid gaben, am ersten Abend nichts essen zu wollen, aber an den zwei darauf folgenden Abenden (das Haus wirbt auf Booking schließlich mit frischer, regionaler Küche, man könne aus einem Angebot wählen), gab es leicht erstaunt hochgezogene Brauen. Öhm ja, man hätte Piroggen mit Fleisch oder Obst da. Nun muss man wissen, dass Pierogi in Polen Fast Food sind, die gibt es an jeder regionalen Imbissbude. Das war so, als hätte man uns Currywurst mit Pommes offeriert.
Wir hatten aber keine Lust, mehr als 10 km in ein vernünftiges Restaurant zum Essen zu fahren, vor allem weil es abends auf den Straßen glatt wurde, deshalb nickten wir das ab und tauchten in Badewanne und Bett ab. Nachts gab es wunderbaren Vollmond über Schnee und kahlen Bäumen und dazu heulende Hunde.

Der nächste Tag war strahlend klar. Wir gingen nach dem Frühstück (selbstgemachte Erdbeermarmelade!) nach draußen, um die Umgebung zu erkunden. Ich habe ja bei solchen Reisen immer Wanderschuhe und dicke Socken mit. Also tobte ich glücklich wie ein kleiner Hund über die gefrorenen Feuchtwiesen, der Graf hatschte mit den Stadtschuhen hinterher. Später dann schritt der Graf glücklich mit mir eine glänzend weiße Straße (Marathonläufer eben) entlang und ich eierte mit leisem “Meh, langweilig!” nebenher.
Im Nebenort deckten wir uns mit wichtigen Lebensmitteln ein, als da wären Bier, Chips, Schmelzkäse – in Ermangelung von Würsten – und Schokolade. Es gibt übrigens Erdnußflips mit Karamellgeschmack. Ganz perverse Dinger.
Den Rest des Tages verbrachten wir damit, uns Gutes zu tun, zu stricken, Pixel zu schubsen, was man so macht. Das WLAN war im Zimmer ohnehin erbärmlich bis nicht vorhanden, am stärksten war es in der Wanne, wo der Graf dann auch so manche Stunde zubrachte. Den angekündigten Flachbildfernseher gab es gar nicht, aber den vermissten wir auch nicht.

Das Abendbrot waren dann tatsächlich ein Teller Piroggen aus dem Frost, Tee und eine kurze, nette Konversation mit dem Hausherrn, einem Mittdreißiger aus der IT-Branche, Sohn eines Poznaner Professors, wie uns Google verriet.

Den nächsten Tag, grau und trüb, verbrachten wir in unseren Räumen. Ich strickte meinen estnischen Spitzenschal zu Ende, der Graf arbeitete an einem eBook und so verging die Zeit viel zu schnell. Danach wieder Piroggen, die Gattin des Hausherrn war am zweiten Abend auch anwesend und ein Abend in der Badewanne, vom Vollmond durch das Dachfenster beschienen.
Kleiner Exkurs zu den guten alten Zeiten. Wir preisen die klare Luft auf dem Land. Aber der Berliner Stadtmief ist wohlriechend gegen die Wolke teerig-holzig-schwefligen Hausbrands, die über diesem kleinen Dörfchen hing.

Gestern mittag reisten wir ab und machten noch einen kurzen Abstecher nach Poznan. Das Wetter schwankte zwischen Schneeregen und scharfem kaltem Ostwind. Wir machten eine Runde durch die Altstadt. Um den Markt waren sehr teure Boutiquen und Antiquitätenläden mit Unmengen edler Dinge und schränkeweise Silberkannen, sie zeigten, dass man hier Geld und vor allem Repräsentationsbedürfnis hat.
Zwei Straßen weiter sah es schon anders aus. Die Läden schlossen um 14 Uhr und bald würden sie den Weg aller anderen Innenstadtgeschäfte gehen, die wir in polnischen Altstädten sahen Wer nicht in teuren Boutiquen kaufen kann, der fährt an den Stadtrand in die Einkaufszentren.
Um ein Hüngerchen zu stillen, landeten wir im Bistro La Cocotte. Von ein paar jungen Hipstern geführt, gibt es hier sehr gutes Essen.

Dann ging es zurück nach Berlin, mit Zwischenstopps in Slubice für Weißkäse, Würste, Piroggen, Bier und in Frankfurt (Oder) für Kaffee und Kuchen mit den Eltern.

Hier schreibt der Graf und hat jede Menge gute Fotos parat, von denen er  mir eines zur Verfügung stellte.

Aber für ein Fazit zurück nach Polen. Die gesellschaftlichen Schichten verändern sich, das sieht man von Jahr zu Jahr deutlicher. Der Kapitalismus hält Einzug, es bildet sich eine neue besitzende Oberschicht, auch die Mittelschicht baut sich Häuschen und kauft Autos.
In Poznan liegt die Arbeitslosenquote unter 3%. (Im Gegensatz zu den vollkommen abgehangenen ländlichen Gebieten mit einer Arbeitslosenquote von über 20%.) Überall stehen produzierende Betriebe, oft Ableger internationaler Konzerne.
Wer helle im Kopf, gut vernetzt ist und Wirtschafts-Subventionen zu nutzen weiß (denn altes, gewachsenes Kapital hat ja niemand), kann sich etwas schaffen. Das Haus, in dem wir waren, ist das beste Beispiel. Einst war es der Wohnort des polnischen Philosophen Graf August Cieszkowski, ein Mann, der alles an Projektionsfläche polnischer Identität in sich vereint: Katholizismus, polnischer Landadel (Szlachta), gesamteuropäische Kontakte.*
Mit knapp 1 Mio Euro Agrotourismusförderung und Regionalförderung von der EU wurde das baufällige Haus vollkommen entkernt und neu hergerichtet. Was in Booking als Hotel angeboten wird, ist auch eine großzügige Wohnung/Landhaus für die Besitzer, mit steuerlich absetzbarem Hauspersonal. (Das hatten wir im Sommer ein paar Kilometer weiter schon einmal erlebt.) Auch wenn der Hausherr sagte, er wohne nicht hier, es lief in den hinteren Räumen jeden Abend der Fernseher und er war immer da…
In 30 Jahren sind das die Kapitalbesitzer und in 50 Jahren werden ihre Kinder behaupten, das wäre schon immer so gewesen. Das scheint der Lauf der Welt.

 

* Es gibt nicht so viele. Polen war über viele Jahrhunderte ein imaginäres Land, ländlich wirtschaftende Adelsclans hatten einen hohen politischen Einfluss. Polen zerfällt für mich immer wieder in winzige Partikel, wenn ich es ansehen will. Geredet wird aber immer von einer riesigen monolithischen Macht durch die Jahrhunderte. Das ist ein sehr eigenes Phänomen.
(Nebenbei, ich stoße grade auf so wirre Websites.)

01/02/2015
von kitty
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Der Tag

Gestern, als ich aufwachte, waren die Äste der Platane, die bis zu uns zum vierten Stock hinaufwächst, anmutig beschneit. Ich ließ den Mann lange schlafen, der wohlverdienten Urlaub hat und trieb für Stunden in der Badewanne herum. Der Graf war inzwischen aufgewacht. Wir pusselten noch ein bisschen herum, vollendeten die Fellpflege und gingen unter Schneegebritzel ins Du Bonheur zum späten Frühstück mit Törtchen und Rosé-Cremant.
Dann ging es zurück nach Hause, mit noch drei Törtchen im Karton. Es folgte ein kurzer Zwischenstopp im Blumenladen, wo wir eine Rose mit einem Ginsterzweig und einen Strauß Tulpen auswählten.
rose
Der Graf flanierte weiter in Richtung Französische Straße, ich ging nach Hause und bald darauf klingelte das Kind. Es hatte ein kleines Päckchen dabei und ich freute mich sehr über ein Buch zum Maschinenstricken.
Wir lümmelten auf dem Sofa und plauderten, mein Kleines kuschelte sich unter eine Decke.* Dann sichteten wir noch die Kleiderschätze in der Unterbettkommode und mein zu eng gewordener Lieblingshoodie und ein schwarzer Drykorn-Anzug wechselten die Besitzerin.
Inzwischen war der Graf zurückgekehrt und hatte Leonidas-Pralinen gejagt. Das goldene Kästchen fühlte sich an wie ein Kilo schwer. Das Kind ging den Freund von der Arbeit abholen und nahm zwei der drei Törtchen mit und wir teilten uns, nachdem sie gegangen war, das dritte und wurden furchtbar müde.
Also verschoben wir den Plan, die Stadt und deren Bars unsicher zu machen, wickelten uns umeinander und schlummerten ein wenig. Als wir aufwachten, war es schon spät und wir in so friedlicher Stimmung, aber furchtbar hungrig, dass wir einfach nur zum Inder in der Ackerstraße gingen, etwas Scharfes und Wärmendes aßen, zu Hause einen Wodka drauf kippten und wieder ins Bett gingen.

Das war ein guter Tag und noch besser war er, weil schon als ich in der Badewanne lag, die Glückwünsche ein kleines Pling-Pling-Konzert auf meinen Mobile Devices veranstalteten, im Du Bonheur wurde unter Nähnerds ausgeheckt, dass wir uns zur re:publica dringend zu diesen Törtchen treffen müssen, es kamen herzerwärmende Anrufe, Mails, Facebooknachrichten und sms und sogar eine Postkarte.
Und das mir, die ich mitunter mit so fetter soziokommunikativer Blindheit geschlagen bin, dass ich gut 40% der Geburtstage verpeile und bei 10% der Meinung bin, ich wäre aufdringlich, wenn ich mich jetzt auch melde. Ich schwebte auf einer Wolke von handwarmem Flausch.
Danke, ihr Herzen!
Es ist also gar nicht schlimm, 51 zu werden. Auch wenn die Falten unübersehbar sind (komisch, wenn ich in den Spiegel sehe, filtere ich die raus) und ich den dringenden Bedürfnis nachgab, den Tag klein-klein und ohne große gesellschaftliche Verpflichtungen zu begehen und man einen Geburtstag sowieso etwas schrecklich Konstruiertes ansehen kann…
Es ist gut, in dieser Welt zu sein und es ist gut zu spüren, was für ein Netz von Menschen einen hält.

Bitte um Entschuldigung für die Sentimentalität, aber das musste mal raus.

 

*Erwachsen zu sein, aber noch einen Ort zu haben, wo man mal fallen lassen kann, das ist ganz wichtig, finde ich.