The Diary of Kitty Koma

25/05/2015
von kitty
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Pfingstliches Sonntagsmäander

Die die Ausgießung des Heiligen Geistes* sicher nicht in Form von Regen erfolgte, sondern er ganz langsam in die Welt wirbelte und schwebte, ist es sicher ok., dass ein Sonntagsmäander dann auch erst am Pfingstmontag zu Papier kommt.

Die Tage vor den Feiertagen sind bei der Arbeit die anstrengendsten. (Sie erinnern sich sicherlich, ich arbeite der Elektrobranche zu.) Schließlich will das ganze Land auch am Wochenende Strom haben, sogar viel Strom, weil gebacken und Wäsche gewaschen wird, das braucht voll besetzte Schichtpläne. Nun gibt es gerade so viel zu tun, wie es seit Bestehen der Firma, bei der ich arbeite, noch nie gab. Nach einem recht emotional verlaufenen Viertelstundenmeeting (es ist gerade einfach keine Zeit für mehr), bei dem klar war, dass wir nicht noch in der Lage sind, Bereitschaftsdienste am Wochenende zu machen, auch wenn sie gut bezahlt werden, wird eine Assistenz eingestellt, die uns den Papierkram abnimmt und dem Vertrieb hinterherarbeitet. Puh. Gott sei Dank. Das hielt den Arbeitsfluß immer wieder auf.
Ich bin froh, mit Chefs zu arbeiten, die fair sind und keine Spielchen spielen. Es war nie geplant, dass der Laden so wachsen soll und sie stellen sich den Veränderungen nicht nur in dem Sinne, dass sie so viel wie möglich Geld rausholen wollen. Im Moment ist da wenig zu automatisieren (das kommt aber, wenn ich mir die Trends in der Dienstleistungsbranche ansehe) und die Mitarbeiterinnnen mit ihrem Wissen sind schwer ersetzbar.
Eingestellt wird übrigens strikt nach “Kennste wen?” Da ist noch nie eine Stelle ausgeschrieben worden. Über DIN-gerechte Bewerbungsschreiben würde man hier befremdet sein. Außerdem hat niemand Zeit für solche Vorgänge. Was mir zeigt, wie wichtig berufliches Netzwerken grade in so großen Städten wie Berlin ist. Wo es in kleinen Unternehmen und im Mittelstand richtig boomt, werden nicht unbedingt Jobs ausgeschrieben. Da hat niemand Zeit dafür.
Die Stelle ist innerhalb weniger Tage besetzt worden. Vollzeit, keine Sidesteps in Kreativ- und Alternativprojekte möglich, was in Berlin immer so ein wenig der Knackpunkt ist.
Was mich betrifft, so bin ich immer noch skeptisch, wie lange ich das mitmachen kann. Ich bin wie eine alte Tänzerin. Ich habe viel Erfahrung und weiß wie der Hase läuft, aber wenn es um vollen Einsatz mit allen Ressourcen geht, kann ich nicht mehr mithalten.
Außerdem gibt es da noch einen komischen Effekt. Ich fühle mich nicht frei in meinen Handlungen und Entscheidungen und das lähmt mich. Vielleicht verliert sich das noch, wenn ich die Branche besser durchschaue und sicherer bin. Im Moment falle ich in der Lohnabhängigkeit in eine Art Tragestarre. Ich bin weniger kreativ, intiativ, entscheidungsfreudig und rückversichere mich immer wieder.
Das fühlt sich sonderbar an.
Ich kenne das, wenn ich mit jemand anders Fahrrad fahre. Fahre ich vorneweg ist alles fein, ich bestimmte Tempo und Route. Fahre ich hinterher, fühle ich mich langsam und erschöpft. Es fühlt sich vollkommen anders an, wenn ich niemanden vor mir habe.

Szenenwechsel. Potsdam-Sanssouci. Da ich mich momentan nicht in der Lage sehe, zu spontanen Ostseetrips aufzubrechen, machten wir gestern klassisches Ausflugsprogramm. Ich war ewig nicht mehr dort und Potsdam zählt ohnehin nicht zu meinen Kindheitserinnerungen. Schließlich musste man, um dort hin zu kommen, um halb Berlin fahren.
Wir überließen den Barockgarten den Menschenmassen und flanierten durch den Landschaftspark. Es war alles noch frühlingsgrün und wucherte und blühte, wie schön. Überhaupt mag ich, dass es dieses Jahr nicht den Berliner Steppenfrühling gibt, der in Staub, Hitze und Vegetationsexplosion besteht. Es blüht alles nacheinander und hält sich lange in der klaren Kühle.
Ich war beim Gang durch den Park sehr gerührt von der preußischen Sehnsucht nach Italien. Dabei gibt es Ecken in der Prignitz, die sehen auch aus wie die Toskana. Gut, die Zypressen sind Pappeln, aber trotzdem.
Am Ende unseres Ganges setzten wir uns ins Wiener Café am Luisenplatz. Dass es eine Touristenfalle war, war ziemlich klar, aber es gab Wiener Schnitzel.
Nun ja, wir aßen das mieseste Wiener Schnitzel das uns je begegnet war. Zentimeterdick, mit bröckelnder Panade, sichtbar geronnenem Fleischsaft darunter (also zu niedrige Gartemperatur) und der Graf hatte das Pech, zweimal ein übel sehniges Stück zu bekommen.
Der Service ging damit souverän um, brachte einmal ein völlig neues Schnitzel (diesmal mit Anchovis- und Kaperndeko) und bei der zweiten Reklamation wurde diese Portion gar nicht berechnet. Ich habe den Eindruck, dieser Koch hat noch nie ein Wiener Schnitzel gemacht. Das war geschändetes, mieses Kalbfleisch im Stil von altdeutschem Schweineschnitzel.

Zurück ins Internet. Ich bekomme mittlerweile viele Aufreger meiner Timeline gar nicht mehr oder nur am Rande mit. Zuviel Empörungsgedöns stumpft ab.
Und -ismen und zum totalitären (“entweder du bist für uns oder du bist gegen uns”) neigende Weltsichten und -verbesserungsabsichten kann ich  in individualistischen Peergroups nicht ernst nehmen. Jedes wir ist da tief im Grunde ein ichichich und das Verlangen, sich in allem anderen zu spiegeln. Jedes ein kleines Führex. Aber das nur am Rande.

Bleiben wir beim Spiegel. Ich schiebe schon seit einem guten Jahr einen Text vor mir her, der mit Altern zu tun haben wird. Irgendwann erwischt es jeden und meine Haare sind mittlerweile zur Hälfte grau und ganze Strähnen weiß geworden.
Vor 10 Jahren war meine größte Angst, mit 50 die klassische Wechseljahresfigur der Frauen meiner Familie zu bekommen. Viel Hüfte und Brüste und statt Taille einen Bauch, dazu heftige Gewichtszunahme. Ich hatte mir vorgenommen, hart zu trainieren und Diät zu halten, damit mir das nicht passiert. Wie das so ist mit so Plänen. Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Denn da kamen eine Lebens-Vollbremsung mit der ärztlichen Anweisung “nicht schindern, nicht hungern!”, ein Exiszenzcrash, in dem zeitweise Milchreis mit Zimt und Zucker als kleiner wärmender Luxus blieb, Medikamente, die auf den Stoffwechsel durchschlugen Es wurde mir einfach immer egaler, das einzige, worüber ich mich ärgerte, waren die Stapel nicht mehr passender Kleidung. Plus 20 Kilo, die klassische Matronenfigur und die Welt ging nicht unter, ich verlor nicht die Existenzberechtigung.
Im Gegenteil, weil in einer Lebensphase, wo ich mich weit jenseits von liebenswert und attraktiv (nach gängigen Rollenbildern) verortete, plötzlich noch mal richtig die Liebe zuschlug. Ganz ernst und doch mit viel Spaß, konsequent, anerkennend und bedingungslos und nicht mit “Du bist zwar schon so dünn wie noch nie, aber wenn du jetzt noch mal fünf Kilo abnimmst und dir harte Hüften und einen Waschbrettbauch antrainierst, könnte ich dich vielleicht lieben”.
Mein Selbstbild läuft immer noch etwas neben der Spur. Die selbstgenähten Kleiner, die einen kleinen Vintage-Anstrich haben, machen mich tantig, so sehr ich üppig weite Röcke und Schößchenblusen liebe. Nur wenn ich schmale schwarze Kleider trage, sehe ich ein wenig aus wie früher. Das ist das Äußere. Würde ich schnell viel abnehmen, sähe ich aus wie ein faltiger  Sack. Es ist schon ok so.

Peter Paul Rubens 011

Peter Paul Rubens [Public domain or Public domain], via Wikimedia Commons


Außerdem bin ich raus aus dem Fortpflanzungs-Rennen. Mit 50 werde ich nur noch selten von wildfremden Männern als Objekt der Begierde wahrgenommen und wenn, dann sind die mir zu alt und werden von mir nicht mehr so gesehen. Was für eine Befreiung.
Ich würde das nicht unbedingt zu Fat Acceptance hochideologisieren. Es ist einfach Bestandteil meines Lebens. Ich bin Streßfresserin und benutze Nahrungsaufnahme, um mich zu beruhigen und meiner Seele mitzuteilen, dass alles in Ordnung ist, weil die grundlegenden Bedürfnisse befriedigt werden können. (Edit: Außerdem: Keine Rückenschmerzen mehr und schöne Haare und Nägel. Warum auch immer.) Mein Metabolismus kennt nur die Einstellung “bunkern, wer weiß, was kommt”. Wenn ich gepolstert bin, haut mich so schnell nichts um und ich kann beharren und kämpfen, bin ich dünn, fühle ich mich schnell schutzlos und muss flüchten. Außerdem bringt mir Anerkennung als dünne=attraktive Frau nicht viel, das ist zu flüchtig, ich fühle mich objektifiziert, festgelegt und dominiert. Ich war mal ein dürres, mal ein dickes Kind, ich war mal eine dünne, mal eine dicke Erwachsene. Ich war noch nie lebensbedrohlich übergewichtig. Meine Blutfettwerte und mein Blutdruck sind bestens.
Wiege ich so viel wie jetzt, beschweren sich eher die Gelenke, ich vertrage Hitze nicht mehr gut und es gibt Momente, wo es mich ärgert, daß ich mich nicht mehr irgendwo durchschlängeln kann wegen zu großen Schwenkbereiches. Ein Endzustand wird das nicht sein, aber ich sehe auch keine Veranlassung zu Aktionismus. Das wird mein Körper schon selbst wissen. Wenn ich für die Veränderung keine riesigen Anstrengungen unternehmen muss, die im Grunde nicht in mein Leben passen, dann ist es richtig. – Damit meine ich komplette Ernährungsumstellungen, Sport, der meine gesamte Freizeit dominiert etc. Wenn ich Sätze spreche wie “und weil ich mein Gewichts- und Trainingsziel heute erreicht habe, belohne ich mich mit schönen 3.000 Meter Schwimmen”, dann lasst mich bitte auf meinen Geisteszustand untersuchen.
Ich merke, dass sich etwas ändert. Ich fahre gern mit dem Fahrrad zur Arbeit, immer die Barnimkante lang, hügelrauf und hügelrunter. Das geht so nebenbei, macht mich wieder mobiler, ich kann auch wieder längere Strecken fahren, ohne hinterher einen Tag platt zu sein. Essen ist ein Problem. Wenn es bei der Arbeit stressig wird, brauche ich dringend Kohlehydrate, ein superguter Bäcker ist in Reichweite und ein Spätie mit Schokolade. Ich versuche das mal, mit Gemüsesuppe zu lösen, Biokiste machts möglich. Diese Süßfresserei kann nur die Panik wegnehmen, wenn ich völlig unterzuckert bin.
Mein Vater ist mir da schon eine Mahnung. Der hat mit 40 Kilo Gewichtsreduktion nun keinen Diabetes und keine Schlafapnoe mehr, das Herz ist aber ziemlich angeschlagen durch die Exzesse vorher.

Fazit? Das ist für mich kein Thema, bei dem man sich hinter Ideologien verstecken kann. Weder hinter Zackzack-Fitness-Befehlsgebrüll, noch hinter Fat-Princess-Hype**. Und auf Abweichler einprügeln ist noch blöder.
Und überhaupt. Suschna hat da eine schöne Bildersammlung zusammengestellt. Falls euch mal wieder jemand erzählen will, wie ihr zu sein und auszusehen habt.

 

 

* Bitte keine Diskussionen über Religion und die böse böse katholische Kirche mit mir. Ich habe dem gegenüber rein folkloristische Gefühle. Heidnisches Kommunistenkind das ich bin.
** Mein Eindruck ist, dass der größte Teil der Fat Princesses zu jung ist, um schon ernsthafte gesundheitliche Probleme zu haben.

24/05/2015
von kitty
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Morgen, morgen nur nicht heute,

denn der Tag war lang und fand aushäusig statt.

Deswegen hier nur, um den Iron-Blogger-Bot milde zu stimmen, der Verweis auf den Blogpost der kommen wird und der von fettem Speck, zähen Schnitzeln, staubigen Pfaden im Elysium, lautem Ächzen über das Tagwerk und so Sachen handelt.

17/05/2015
von kitty
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Sonntagsmäander im kalten Mai

Gestern habe ich kapituliert. Wir haben Mitte Mai die Heizung angeschaltet. Für mich eigentlich unausdenkbar, wenn auch irrational, denn wenns kalt ist, kann man heizen. Aber es steckt eben tief drin, wenn das Heizwerk, das den Plattenbau versorgte den man als Kind bewohnte, Mitte April eine Stufe abschaltete und nur noch warmes Wasser produzierte.

Der Graf lockte mich gestern in Richtung Kudamm. Eigentlich nur in einen Laden, aber da das, was wir sehen und probieren wollten, indiskutabel war, wurde doch ein kleiner Einkaufsbummel daraus. Gegen Konfektion bin ich mittlerweile größtenteils immun. Warum sollte ich für eine Leinenbluse 99 Euro auf den Tisch legen, wenn mein Schrank voller Leinenstoffe ist und die Arbeit zwei Abende kostet? Wenn ich was Nettes entdeckt habe, brauche ich nur nach innen zu schauen: lieblos im Akkord abgekettelte Nähte. Der Luxus des Selbstnähens inkludiert auch den Luxus, sich die Kleidung innen zu schaffen wie ein kleines luxuriöses Futteral.
Bei Karstadt am Tauentzien, nur noch ein Schatten des Wertheim-Kaufhauses alter Westberlin-Zeiten, wurden wir dann fündig. 3 Shirts mit kleinem Kelchkragen von Mexx, scheinbar der letzte Rest der sehr coolen Teil-Kollektion des insolventen Herstellers.
Was Jeans und fummelige kleine Jerseys angeht – das überlasse ich gern der Industrie. Dafür stricke ich lieber Spitzentücher.
(Was es mir bedeutet, wenn der Gatte sagt, er wolle mit mir einkaufen gehen, ist noch einmal eine ganz anderes, herzchenumschwirrtes  Thema…)
Dann saßen wir noch bei ehemals Gosch. Dort habe ich vor Kudamm-Theater-Premieren, die ich berufshalber besuchte, immer gegrillte Scampi gegessen, die bestellte ich natürlich wieder. Das Personal ist …eigen. Man identifizierte uns wohl als wenig solvent, lavierte uns fix aus der neu gestalteten Surf&Turf-Area raus (“Hier ist alles reserviert!”), ins leicht schrappelige Ambiente des Alt-Lokals im Nebenraum und die Kellnerin hatte wohl die Anweisung, jedem Tisch erst mal ne große Flasche Wasser (also 0,75l) für 5,90€ zu verkaufen. Quasi als Grundgebühr. Die Touristen neben uns taten das brav, wir lehnten es ab und wurden deshalb bei jedem neuen Gang am Tisch vorbei gefragt, ob wir noch was bestellen wollten. Muß man mögen. Die Scampi waren gut, des Grafen Backfisch auch und darauf kippten wir einen Rosé-Cremant und sahen zwei Demonstrationen den Kudamm entlang ziehen. Die RetterInnen rumänischer Straßenhunde waren zwar zahlenmäßig unterlegen, aber wesentlich lauter als die nachfolgende politische Demonstration mit roten Fahnen, gelben Sternen und Menschen mit Kopftüchern.

Mäandern wir mal zurück. Der Herr Schneck hatte am Freitag abend gemeinsam mit Klaus Mellenthin zur Vernissage eingeladen und wir verlebten ein paar nette Stunden, im tiefen, noch nicht gentrifizierten Neukölln. Ich mochte des Herrn Schneck Bildkommentare zu kundenorientierter und sehr schöner Modefotografie sehr. Bitte gehen Sie unbedingt hin, es lohnt sich.
Überhaupt der Freitag. Ich bretterte wie blöde mit dem Grafen per Fahrrad die Straßen entlang in Richtung Emser Straße. Ich musste erst mal runterkommen, nach diesem Brückentag im Büro, der sich zumindest bis 3 Uhr nachmittags, bis die Kundenseite ins Wochenende ging, als ziemlicher Höllentag erwies. (und ich habe davon nur die Hälfte mitbekommen, der Chef hatte schon am Himmelfahrtstag 10 Stunden lang Notfälle abgearbeitet)

Kurzer Kommentar zum Stand des Arbeitslebens: Ich kann sicher mit steigenden Branchenkenntnissen noch effizienter werden. Das kann mich bei sehr hoher Arbeitsdichte retten, wo alles Schlag auf Schlag kommt, die neuen Vorgänge kein Ende nehmen und man ständig Vorgänge priorisieren und diese Priorisierung meist noch gut kommunizieren muss. So ein bisschen wie in der Notaufnahme im Krankenhaus. Wer bewusstlos ist und/oder blutet bzw. nicht atmet, hat Vorrang. Und trotzdem ist Gemecker über zu wenig Zuwendung und zu lange Wartezeiten grade von den Leuten, die noch in der Lage sind, sich aufzuregen, vorprogrammiert.
Dieses Multitasking ist einfach vorbei, früher konnte ich das souverän und es machte mir sogar Spaß. Ab einem bestimmten Punkt arbeite ich heute mit einer ganz üblen Fehlerquote, da kann ich das Grundrauschen des: Und DAS noch und vergiss DAS nicht! nicht mehr ausblenden und das macht mich fertig. Zumindest bin ich gegenüber dem letzten Volllast-Test am Gründonnerstag souveräner und schneller geworden.
Aber dominierende Gefühl ist, ich habe das, was ich da mache, alles schon mal durchgespielt. Auch wenn ich gut bezahlt und behandelt werde und das Team sehr angenehm ist. – Die zeitweise extrem hohe Arbeitsdichte, womöglich sogar demnächst Homeoffice abends und am Wochenende (was ich Idiot selbst angeregt habe, ein großer Teil von mir denkt immer noch unternehmerisch), dafür ist selbst die gute Bezahlung, die ich bekomme, nichts, was mich motivieren würde. Vielleicht, wenn ich das Doppelte bekäme,  zwei Drittel vom Netto sparen könnte und die Aussicht hätte, das alles wäre endlich. (Aber ich komme in Genöle auf hohem Niveau…)

Sprung nach Berlin. Hier ist die Antwort auf meine Frage, warum in Berlin immer mehr internationale Verrückte unterwegs sind: Sie bewegen sich außerhalb ihrer sozialen Kontrollmechanismen und die Stadt kann sie (noch) veratmen.
Interessant fand ich in dem Zusammenhang auch, dass die Psychiatrie zunehmend soziale Probleme eingeliefert bekommt und damit ist nicht der klassische aus der Bahn geratene Penner gemeint, sondern Menschen, die Wohnung und Arbeit verloren haben. Lebenskrisen werden pathologisiert, weil das fast der einzige Weg ist, Unterstützung zu bekommen und dem Überlebens-Druck zu entrinnen.
Natürlich frage ich mich dabei, ob ich nicht in einem anderen sozialen Umfeld, als dem, das ich mir gewählt hatte, anders hätte mit meiner Überarbeitung, dem sich schon lange nähernden Ziel meines Jobs und den nötigen Veränderungen in meinem Leben hätte umgehen können. Diese Gemengelage zu pathologisieren war damals die entpflichtendste Lösung, sonst wäre ich in der Spirale von “selbst schuld” erstickt. Ich bin wie viele andere so konditioniert, dass Krankheit die einzige Entschuldigung ist.

Damit springe ich zum nächsten Thema, das mich seit einer Begegnung Ende der Woche bewegt. Wir haben irgendwann mal unsere sozialen Bindungen effektiviert und modernisiert. Weg von der schwerfälligen, energiefressenden Familie und langfristigen Paarbindung, die kaum Fehlerkorrektur und Entwicklung erlaubt und Kursänderungsgeschwindigkeiten hat wie ein Öltanker. Hin zu Lebensabschnittsbeziehungen oder gleich nur Freunden, Affären und einem “sozialen Netz”, das flexibel ist und sich den Lebensumständen anpasst. Sich den Lebensumständen anpaßt…
Was, wenn sich die Lebensumstände so ändern, auf einen Schlag, dass das Umfeld nicht mehr dazu passt? Wenn es zum Besseren geschieht, kein Problem. Was wenn dem Großstadtsingle, der Dauerfreundin, einer der zahlreichen Bekannten plötzlich etwas passiert, das alle bestehenden sozialen Rituale unmöglich macht und andere Anforderungen an den Kontakt stellt? Krankenhausbesuche. Viele, nicht nur der Anstandsbesuch. Dreckige Wäsche waschen, Jammern, Wut und Todesängste anhören. Sich jemandem widmen, der plötzlich verfällt, unattraktiv und kraftlos ist, verkommt und schlecht riecht. Nach dem Ende eines Krankenhausaufenthaltes mit einwohnen oder jemandem ein Gästezimmer bereit stellen. Zur Krankenpflege bereit sein, finanzielle und materielle Unterstützung geben, ohne zu wissen, ob da etwas zurückkommen kann. Familie und “in guten wie in schlechten Zeiten”-Beziehungen können und sollen das leisten. Können das wirklich die Freundinnen und Freunde? Können wir das von ihnen verlangen?
Klar gibt es die plakativen Heldentaten. “Ich war im Hospiz und habe mich um einen alten Menschen gekümmert und habe soooo viel zurückbekommen!” Sich um jemanden mit dramatischer Krebserkrankung kümmern, vor allem verbal über Twitter. Sich bei der Freundin ablösen, die schon in frühen Jahren erkrankt, weil man selbst noch in der Überzahl und fit ist und weil es das erste Mal ist, das so etwas in diesem Umfeld passiert.

Als es mich damals erwischt hatte, war ich glücklich über die Unterstützung und die vielen kleinen Gesten. Das “Wenn du Rückzug brauchst, komm her”, dass ich einfach mit Blumen versorgt und zu unterhaltsamen Nachmittagen abgeholt wurde, Besuch bekam…
Aber ich musste nie über eine Grenze gehen, wo es anstrengend und verpflichtend geworden wäre. Glaube ich zumindest. Eine kleine Idee bekam ich davon, als ich drei Wochen mit Magen-Darm-Grippe allein in meiner Wohnung lag und es nicht besser wurde oder ein paar Jahre vorher, als Nachwirkungen einer OP übler waren, als ich erwartet hatte. Hätte ich jemanden in diesem Zustand wirklich in meine Nähe lasse wollen? Hätten das Menschen gekonnt, die mich nie wirklich nah kennengelernt haben? Hätte ich mich überwinden können, für kleine Handlungen jemanden durch mehrere Stadtviertel zu mir zu rufen? Es geht ja oft um kleine Dinge. Essen kochen, Wäsche waschen, ein Bett beziehen, einen Reißverschluss zumachen, etwas hinterm Schrank vorholen, den Rücken zu kratzen. Wo ein Mensch, der mit einem lebt, einfach kurz rüberlangt oder eine halbe Stunde erübrigt und damit auch für sich selbst sorgt.
Das ist den Lebensplänen der flexiblen Großstadtsingles nicht so richtig vorgesehen. Noch nicht.
Klar kann man diese Versorgung auch einkaufen, wenn man genug bezahlt, sicher auch mit der liebevollen Note im Stil von Hausfrauenputz und Girlfriendsex. Man kann alles kaufen. Wenn man das Geld hat und ausblendet, dass es eine Dienstleistung ist.

Edit: Wir stellen je gern Liebe auf so einen hohen Sockel und meinen damit meist den Hormon-Rausch der Anfangszeit, wo man sowieso immer einer Meinung ist und aneinanderklebt. Aber ganz eigentlich ist Liebe eben auch das Aushalten eines unerträglichen Zustandes, in dem man trotzdem in der Nähe bleibt und nicht wegrennt, weil es grade keinen Spaß macht.

09/05/2015
von kitty
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WMDEDGT Mai 2015

Frau Brüllen hat das schon am Dienstag gefragt, weil da der 5. war und ich muss meinen Tag nachtragen, weil ich trotz knapp gehaltener re:publica-Begegnungen noch nicht zum Schreiben kam.

Dienstag der 5. Mai war Seminartag. Ich hatte einen Tag Urlaub genommen und durfte eine Dreiviertelstunde länger schlafen. Gegen 8 Uhr frühstückte ich wie immer Joghurt mit Datteln und Banane, trank zwei Tassen Kaffee, malte mir ein Gesicht auf und schnappte meine Tasche. In die hatte ich schon am Abend vorher 3 gelbe Papierquadrate, 4 Skatspiele, Zettel mit Spielanweisungen, einen Märchentext und meinen Laptop samt Adapternupsi für den Beamer gepackt.
Mein Weg führte an den Stadtrand, dort ist eine Fachhochschule, die Erzieherinnen, Gesundheitsmanagerinnen, Sozialarbeiterinnen und so exotische Berufe wie Kindheitspädagoginnen ausbildet. Ich mache dort einmal im Semester ein ganztägiges Seminar zu Gehaltsverhandlungen. Aber erstmal fuhr ich zwei U-Bahnstationen zu weit. Ich war im Kopf eine Sache noch einmal durchgegangen, die immer die Tendenz hatte schief zu gehen und darüber verpasste ich das Aussteigen und stand plötzlich irgendwo an der Endstation am A… der Welt.
typohoelle
Aber die Zeit reichte noch, zurückzufahren und fünf Minuten vor Beginn einen großen Auftritt zu haben. Ich habe sonst immer gern Zeit für das Einrichten der Präsentation, aber das war eh für die Katz, der Beamer war zu dunkel, ich würde also alles rhetorisch rüberbringen müssen. Für Tafelbilder malen ist meine Schrift zu schlecht.

Trotz der Ankündigung, es wäre wie immer ausgebucht, saß diesmal wegen des Bahnstreiks ein sehr übersichtliches Häufchen vor mir. Nach fünf Minuten Einführung kamen dann die Wortmeldungen, wann denn Pause wäre, das bräuchte man für die persönliche Planung und man müsse dringend eher gehen, wegen Weil, worauf sich eilig noch vier Leute anschlossen. Interessant, wenn 16 Leute statt 8 vor mir saßen, hatte es das nicht gegeben. Aber das buche ich ich unter “geh du erstmal arbeiten” ab und lasse solche gruppendynamischen Prozesse laufen, die dabei endeten, dass in der Evaluation die Bemerkung stand, man hätte zwar eher gehen müssen, aber ich hätte mich nicht ausreichend um ganz persönliche Fragestellungen gekümmert sondern die in die Fragerunde nach hinten terminiert. Kopf->Tisch

Es ist ein Phänomen der Bologna-Bildung, dass in Deutschland nun viele Leute auf einen Arbeitsmarkt kommen, dessen Stellen für Menschen mit Lehrberuf kalkuliert sind. Kaum ein Arbeitgeber legt Geld drauf für einen Bachelor- oder gar Masterabschluß, wenn er diese Expertise gar nicht braucht.
Irgendwann hatte auch mal jemand in der Politik die Milchmädchenrechnung aufgemacht, die lautete Akademiker=guter Verdienst+geringe Arbeitslosenquote und daraus geschlussfolgert, dass man mit einer höheren Akademikerquote das Einkommensniveau heben und die Arbeitslosenquote senken könne. Was für ein einfältiger Bullshit.
Das geht dann Hand in Hand mit der Auffassung von Menschen, dass man nach einem fleißig absolvierten Studium doch wieder nur in die klassischen sorgenden Berufe einsteigt und hofft, dass das gute Zeugnis wie ein Zauberamulett höhere Bezahlung bewirkt.* Viele kommen in mein Seminar und glauben, sie bekommen bei mir Zahlen gesagt, die sie nur auswendig lernen müssen und wenn sie die im Bewerbungsgespräch richtig aufsagen, geht das schon klar mit dem Geld. Und dann enttäusche ich sie, wenn ich ihnen sage, es ginge um Lebensplanung und Empowerment und richtige Zahlen gäbe es nicht.
Der nächste kleine Schock sind die Bedarfsrechnungen. Einmal für Berufsanfängerinnen, das kriegt man schon hin mit dem Gehalt eines sozialen Berufes. Aber der Bedarf für eine kleine Familie und ein Leben jenseits von WG, Elternzuschüssen und bescheidener Lebensführung ist aus so einem Gehalt selbst mit Steigerungsstufen nicht zu decken. In flachen Hierarchien gibt es kaum lukrative Aufstiege und wer sein Leben lang im gleichen Beruf arbeiten will, ist auf ein besser verdienende Partnerin angewiesen. Peng. Mit Mitte/Ende 20 ist das keine angenehme Erkenntnis. Da bin ich bei Stunde 2 des Seminars meist bei der Ernüchterung “das hätte ich vor dem Studium wissen müssen” angekommen.
Dann gehen wir, neben dem Aufbau des Gefühls für den eigenen Wert und dem ersten Trainieren von sich etwas selbstverständlich erwarten bzw. nehmen statt darauf warten, dass einem gegeben wird**, auf den Parcours, der die Teilnehmer über den Tellerrand hinausblicken lässt. Muss es denn wirklich dieser Beruf für den Rest des Leben sein? Was ist so schlimm daran, Verantwortung für Budget und Personal zu übernehmen? Warum sich von einem freien Träger ausbeuten lassen, wenn man selbst Projekte verwirklichen kann? Wie lässt sich ein Leben mit weniger Geld gestalten?
Das Bild des lebenslang nährenden Arbeitgebers, der Vater und Mutter zugleich ist, steckt scheinbar in Ost wie West tief in den Köpfen der Menschen und die Realität sieht ganz anders aus.
Schöner Gag am Rande: Ein junger Mann, der sich bitter darüber beschwerte, wie er denn ein berufliches Netzwerk aufbauen solle, wenn alle, die er kennt und kennenlernt, über Facebook netzwerken und er doch aber Facebook vehement ablehnt. Da war ich dann kurz vor dem Satz “Tja, keine Ärmchen, keine Kekschen.”

Ich war dann schon anderthalb Stunden eher fertig, um halb vier, denn die Studierenden zog es nach draußen und ich war darüber nicht böse. Schließlich erwartete mich am nächsten Tag wieder meine Arbeit in der Elektrobranche. Die Mittagspause hatte ich mit einer lieben Freundin in einer Einkaufspassage bei Tchibo verbracht und in diese zog es mich nach getaner Arbeit auch zurück. Ich brauchte Strümpfe, Strumpfhosen und Unterwäsche. Da ich keinen Bock habe, für so etwas extra loszugehen, machte ich die Runde bei Läden, für deren Publikum H&M ein teurer Designerladen ist. Das Schöne ist, dass ich in solchen Geschäften nie Angst haben muss, dass es meine Größe nicht gibt, mein Volumen zählte dort als mittlere Größenklasse. Zu meiner großen Freunde konnte ich einen ganzen Schwung T-Shirts mit V-Ausschnitt erstehen, die weder einen schwachsinnigen Aufdruck hatten, noch in die Kategorie “farbenfrohes Oberteil für starke Frauen mit Pfiff” fielen.
Dann ging es heim. Fun fact: Berlin-Hellersdorf riecht nach Bier und Zigaretten. Neukölln erinnere ich olfaktorisch als eine Mischung aus Kotze und Dope-Schwaden. Charlottenburg riecht nach zu viel Parfüm. Wonach riecht eigentlich Berlin Mitte?

In der U-Bahn verabredete ich mit dem Grafen, dass ich bei Rosenburger etwas zu essen mitbringen würde. Bio-Chili-Cheese-Burger mit Pommes, wie immer.
Wir aßen und der Graf zog gegen 18:30 Uhr noch einmal los, zu irgendeiner Veranstaltung am Rande der re:publica. Ich beschäftigte mich damit, die Waschmaschine zu überwachen und ein paar Reihen an einem Spitzentuch aus eisvogelblauer Seide zu stricken. Gegen 21:30 Uhr tränten mir vor Müdigkeit die Augen und ich fiel ins Bett.

Das war mein 5. Mai und hier sind die anderen Texte.

 

* Ich wehre mich auch gegen das Mantra “Sozialberufe müssen höher bezahlt werden”, wenn nicht klar ist, wo das Geld herkommen soll. Vom Staat? In Deutschland werden schon Unsummen Geldes vom Gehalt abgezogen, damit der Staat das irgendwie verteilt.
In den Köpfen der Nutzer von Leistungen sorgender Berufe (und damit von uns allen) sitzt, dass es eine Kaste Menschen  gibt, die sich ohne Wenn und Aber um uns und unsere Angehörigen kümmern muss, wenn es den Bedarf gibt und das möglichst für umsonst oder ganz wenig Geld für den Nutzer oder die Angehörigen.
Mafiöse Strukturen in Pflege und sozialer Fürsorge, wo das Geld nicht bei denen ankommt, die die unmittelbare Arbeit machen, entstehen meiner Meinung nach auch dadurch, dass die Nutzer von Leistungen oft weder wissen was sie kosten, noch Einfluss auf ihre Kalkulation und Struktur nehmen können. Aber das ist ein sehr weites Feld.
**schwierige Sache für diese Berufsgruppe