The Diary of Kitty Koma

lace-test

01/03/2015
von kitty
14 Kommentare

Auf dem Crosstrainer strickt es sich schlecht

Zum Verständnis dieses Artikels muß man zuvor Suschnas Post lesen, der eine wichtige Diskussion weiterführt. Warum haben Handarbeiten und die Frauen, die sie machen, in Deutschland so ein schlechtes Image?

Vielleicht ist es die Verstärkung dieses Idealbildes in der Nazizeit (wieder von der Realität kaum gedeckt), oder es ist der Rückfall in den 50er Jahren, gegen den sich dann die Jugend in den 60er Jahren auflehnte?  (Suschna)

Das war auch mein erster Gedanke.
Als ich mich vor ein paar Wochen mit traditionellen Strickmustern befasste, fielen mir mehrere Sachen auf:
1. Meine Kenntnisse im Strickvokabular sind fast nur englisch, weil die Tutorials im Netz auf die ich zurückgriff, alle englisch sind.
2. Ich beschäftigte mich fast nur mit Techniken, die nicht aus Deutschland kamen.
3. Als ich dann auf deutsche Quellen aus den 70ern und 80ern zurückging, merkte ich, dass es viele dieser Techniken – in regionalen Abwandlungen – auch in Deutschland gab. (Zum Beispiel hat die irische Cable-Technik der ein ebenbürtiges Pendant in der süddeutschen Modelstrickerei.)

Ich schreibe ungeordnet mal ein paar Vermutungen und Stichworte auf:

  • Moderne. Die weltweit prägende deutsche Moderne machte mit Ornamenten und Verzierungen radikal Schluss. Somit verzichtete sie auch auf die Technik, Textilien reich zu verzieren (Stickerei) oder kleinteilig strukturierte Textilien herzustellen (Stricken, Häkeln, Weben).
    Gleichzeitig dekonstruierte die Moderne gern den vorindustriellen Formenkanon
    (Hedwig Bollhagen zum Beispiel adaptierte die Karo-Muster der leinenen Küchentücher) oder orientierte sich gleich an den radikal reduzierten asiatischen Formen.
    Wenn ein Designer häusliches Klein-Klein adelt, wird es plötzlich groß. – Oder andersherum gesprochen: Das erwählt schön Gestaltete kann sich nun jeder leisten. Damit kommen wir zum nächsten Punkt.
  • Geniekult.* In der Kommunikation industrieller Produkte überleben das gesichtslose Massenprodukt und die Marke. Egal was es ist, macht es ein Designer oder eine Designerin, wird es wahrnehmbar, auch wenn es von deren Oma auf dem Dachboden stammt.
    Deutsche sind sehr anfällig für Genialität und Virtuosität und groß im Zweifeln an ihrem eigenen Können. (Grassroot-Bewegungen hatten es in Deutschland immer schwer, schon weil sie ganz fix zur Orientierung an Führern streben und das Ergebnis kennen wir alle.)
  • Industrialisierung. Wenn wir genau hinschauen, überleben alte Handarbeitstechniken vor allem in Regionen, die abgelegen, archaisch und für die Industrie nicht interessant sind. Windgebeutelte Inseln, Bergtäler, Bauerngegenden mit Familienclans.
    Aber gerade diese ländlichen Gegenden (Bayern, Baden-Württemberg) wurden nach der deutschen Teilung industrialisiert und wohlhabend, weil ihr die aus die Ostzone flüchtenden Unternehmen Arbeitskräfte und Platz fanden.
    Außerdem sind Bewegungen, die sich für vorindustrielles Leben und Schaffen interessierten, in Deutschland stark diskreditiert. Die Reformbewegung**, der Wandervogel, die Suche nach authentisch deutschen Wurzeln der Kultur Ende des 19. Jahrhunderts ging nach wenigen Jahrzehnten in die nationalsozialistische Bewegung ein.
    Dass unser gesamter deutsch-regionaler Formenkanon, bis hin zu archaisch religiösen Wurzeln und Brauchtum als kulturelle Grundlage des Nationalsozialismus diente, hat viele Adaptionsmöglichkeiten extrem schwierig gemacht.***
    Nicht umsonst ist die Orientierung an anderen Kulturen, vor allem der amerikanischen, die ihre Traditions-Impulse immer wieder aus den Einwandererkulturen erhält, so stark. Das bringt mich zum nächsten Punkt:
  • Globalisierung. Deutschland hat keine produzierende Textil- und Porzellanindustrie mehr und auch kaum Luxusmanufakturen für Gebrauchsgegenstände. (Dafür werden in Deutschland die besten Autos der Welt gebaut, man kann halt nicht alles haben.) Das kann man erst mal mit Schulterzucken abtun. Es schneidet uns aber vollkommen von Gestaltungswissen und -fertigkeiten ab. Was wir als Textiltechniken wahrnehmen, ist irgendwo auf der Welt gestaltet und in Fabriken in Asien produziert. Wir haben das Gefühl für den Wert der Arbeit und das Können für die Fertigkeiten, der in einem Alltagsgegenstand steckt, weitgehend verloren. Nicht umsonst können viele der jungen DIY-Frauen, die sehr gut mit der Nähmaschine umgehen können, nicht mal eine ordentliche Handnaht.
    Das bringt mich thematisch weiter, auf den deutschen Weg der
  • Emanzipation. Textile Handarbeiten wurden früher von Frauen und Männern gemacht, genauso wie Landarbeit. Die Männer gingen früh zur körperlich sehr anstrengenden Erwerbsarbeit über. Die Frauen taten es ihnen oft in der Textil- und Porzellanindustrie nach, weil hier ihre Feinmotorik gefragt war. Wer zu Hause blieb, war die halb blinde, Socken und Topflappen strickende Oma. – Ganz verkürzt dargestellt.
    Junge Frauen wollten Geld verdienen und sich die Dinge leisten, auf die sie Lust hatten. Waschkleider, Seidenstrümpfe, leichte Schuhe, jede Saison neue und nichts, was fürs Leben gemacht, grob, schwer, mit beschränkten Ressourcen gefertigt, dreimal aufgeräufelt, geflickt oder umgearbeitet war. Sie wollten unkomplizierte Einrichtungsgegenstände, die nicht schon drei Generationen als Staubfänger dienten oder ein von der Arbeit freigestelltes Familienmitglied zur Pflege brauchten.
    Machen wir uns nichts vor. Das, was wir als handgefertigt verehren, weil es uns überliefert wurde, sind die ausnehmend schönen Dinge, die meist “für gut” aufgehoben und nicht benutzt wurden. Die Mehrzahl der anderen Alltagsgegenstände war schäbig, ärmlich, grob und weit weg von bewusster gestalterischer Schönheit.
    Der Aufbruch der Frauen in eine anderes, selbstbestimmtes Leben, weg von traditionellen Familienstrukturen und -aufgaben: Aussteuer sticken, Handarbeiten machen, um Fertigkeit und Fleiß zu demonstrieren und sich züchtig als Heiratskandidatin zu profilieren, wurde zweimal unterbrochen. Einmal durch das Dritte Reich, das die Frau als gut sorgende Mutter vieler Kinder aufwertete, später durch die Zeit des Wirtschaftswunders, wo auf ähnliche Muster zurückgegriffen wurde und die Frau in die Rolle Mutter, Hausarbeiterin und attraktives Statusobjekt des hart arbeitenden Mannes drängte. Da die Idee des Wirtschaftswunders verbunden war mit dem Stolz auf Industrialisierung, Ingenieurkunst und Traditionsbrüche (man ging idealerweise mit weißem Kragen zur Arbeit, nicht im Blaumann, machte sich nicht mehr die Hände schmutzig oder arbeitete sich blind und krumm), passten mit unterschiedlicher Kunstfertigkeit selbst handgefertigte Dinge einfach nicht mehr in die Welt. Außerdem kümmert sich eine Frau, die Handarbeiten macht, in dieser Zeit weder um die Kinder oder den Mann, noch um die mit Haushaltsgeräten ausgestattete blitzblanke Wohnung oder um ihre Attraktivität. War früher eine Frau das Ideal, die in jeder freien Minute Handarbeiten macht, ist jetzt das Ideal, eine Frau zu haben, die immer für einen da oder bereit ist und – aus Sicht der Frau – die nicht ständig arbeiten und schaffen muss, sondern Erholung hat wie früher eine reiche Dame.
    Außerdem verlagerten sich die Zeitpensen. Vor dem Fernseher kann man nicht Sticken und Spitzen häkeln/stricken, sondern nur noch mittlere bis grobe Maschen machen. Auch die Zeit, in der in der bäuerlichen Gesellschaft bei längeren Fußmärschen gestrickt wurde (vor allem Strümpfe), gibt es nicht mehr, denn man fährt Auto. (mal abgesehen davon, dass die ganz feinen Maschen von Maschinen schneller und präziser gemacht werden können)
    In Ostdeutschland sah das anders aus. Es wurde jede Arbeitskraft gebraucht, die Arbeitsdichte war vielerorts nicht hoch, es herrschte Mangel und die Produkte wurden immer primitiver. Deshalb hatten die Frauen (und Männer) einerseits die Energie für Handarbeiten, andererseits mussten sie die Techniken beherrschen um fehlende oder individuelle (oder westliche Industrieprodukte nachahmende) Dinge herstellen zu können, damit ihre Welt nicht im Viskose- und Synthetik-Einheitslook bestand.
    Da die industrielle Arbeitsproduktivität stagnierte und sank und Geld nichts mehr wert war, weil man davon immer weniger kaufen konnte, entwickelte sich eine Zweitwirtschaft die auf DIY und nicht kontrollierten Preisen oder Tauschhandel basierte. Außerdem waren alte Berufe eine Nische, in der der staatliche und ideologische Einmischung nicht so stark war, alte Handwerksberufe, die regionale Ressourcen verarbeiteten, hatten daher Zulauf. – Also auch hier, vorindustrielle Techniken erhalten sich in deindustrialisierten, abgeschotteten Zonen. Mit dem Fall der Mauer verabschiedeten sich die meisten Ostdeutschen von ihren Fertigkeiten, denn nun konnten sie die ersehnten Produkte kaufen.
  • Entwicklung pulsiert.****
    Wir bekommen meist nur eine, vielleicht die aktuelle Richtung und das “Früher” mit. Die Impulse gehen zwischen Handarbeit und Industrieprodukten hin und her.
    Design und Herstellung von Alltagsgegenständen ist zur Zeit so beliebig und anonym, dass jede sichtbare Verbindung mit Menschenwerk einen Gegenstand adelt. Wenn wir in ein paar Jahren wieder die Schränke voller Granny Squares in fürchterlichen Farben haben, reicht das dann auch.
  • Bescheidenheit, eine protestantische Tugend und Angst vor dem Internet.
    Die typische deutsche Häkeloma macht nicht viel Aufsehens um sich und bleibt in ihren Damenkränzchen. Sie hält sich und ihr Tun nur für sich und einige wenige wichtig und wertvoll, wenn überhaupt. Alles andere wäre ihr peinlich. Die aktuelle DYI-Bewegung ist vor allem eine Internet-Bewegung. Ältere deutsche Frauen, die die traditionellen Techniken noch beherrschen, sind aber gerade die Bevölkerungsschicht, die sich dem Internet verweigert. Daher fehlen im kollektiven Wissen über Handarbeiten die deutschen Wurzeln und Traditionen.
    (Notiz: Sabine Barber. Sie hat sich Jahrelang von alten Frauen Sticktechniken beibringen lassen. Kriegt man das irgendwie außerhalb der “das ist Kunst!”-Konotation ins Netz?)

Das sind meine Gedanken dazu. Mit DIY ist es wie mit amerikanischen Fernsehserien. Wir nehmen aus der Entfernung nur das Erwählte und Schöne wahr. Das aber kommt aus einem nicht immer schönen Wildwuchs von Tun und Schaffen.
Außerdem: Frauen, die in Deutschland Zeit für Handarbeiten haben, sind nicht gerade die mit dem größten Selbstbewußtsein und Standing. Sie definieren sich oft über konservative Lebensweise und über ihre Männer, die die (finanziell) wertvolle Arbeit tun, weniger über ein selbstbewusstes Verhältnis zum eigenen Tun. Die sich für modern haltende Frau verbringt die Zeit, die sie zum Stricken und Häkeln haben würde, bei der Arbeit und im Fitnessstudio. Da ist im Diskurs sicher zwischen den Polen auch einiges an Neid dabei.
Außerdem: Vielleicht hören wir die Häkeltrutschenbeschimpfungen aus England und Amerika nur nicht. Könnte das sein?

 

*Gegen den sich Bollhagen wehrte. Sie mache nur Töpfe. Sie ist aber als Designerin ein Begriff.
**der wir immer noch das Wort Reformhaus verdanken
***kleines Detail am Rande: in der DDR waren Sonnenwendfeiern offiziell nicht erlaubt, weil Nazitradition, Sport- und Kleingartenvereine machte sie trotzdem
****Siehe Norbert Elias “Über den Prozeß der Zivilisation” Er schreibt, es gäbe immer wieder Peripetal- und Zentrifugalkräfte in der gesellschaftlichen Entwicklung. Entgrenzung bedingt Ausgrenzung, Ausweitung bedingt Fokussierung. Eine Gesellschaft atmet – weiten um Luft einströmen zu lassen, pressen, um die Luft auszustoßen. Der isoliert betrachtete Vorgang ist zu klein, um den gesamten Prozess zu begreifen.

21/02/2015
von kitty
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Auf der Startrampe

Letzte Woche klingelte das Telefon. “Sag mal, warum meldest du dich nicht? Ich habe dir gestern schon auf die Mailbox gesprochen.”
Ich stammelte etwas von “Oh! Ähm! Garnicht gemerkt!”, tatsächlich hatte ich das Handy beim Seminar zwei Tage vorher leise gestellt und die Display-Nachricht vom ins Leere gegangenen Anruf war von Messages vom Kind verdeckt worden.
“Ich habe dir doch die Nachricht hinterlassen, dass wir uns für dich entschieden haben. Wir wollen gerne mit dir arbeiten.”
Hölle, Hölle, Hölle, Kitty. Erst kommst du mit dem Eindruck aus dem Vorstellungsgespräch, dass sie dich komplett bescheuert und verzickt fanden mit deinem “ich kann mich nur langsam und vorsichtig einarbeiten!” und jetzt müssen sie dir auch noch hinterherrennen.

Vor zwei Tagen trabte ich dann zum Vertragsgespräch. Ich war auf alles eingestellt, aber nicht, dass mir einer der Chefs, mit dem Telefonhörer am Ohr und ein paar Gesten, die “ich hab grad Streß, sorry!” bedeuteten, einen Vertrag zum Durchlesen auf den Tisch packt. Beim Lesen rieb ich mir die Augen und kniff mich ab und zu. Ick meene, dit is hier Berlin, Hometown of prekäre Beschäftigungsverhältnisse! Anspruchsvoll, unbefristet, ordentlich bezahlt, viel Urlaub. Krass. Ich habe das an Ort und Stelle unterschrieben, ohne Wenn und Aber.

Irgendwann vor ein paar Wochen, als ich wirklich ganz verzweifelt überlegte, ob mich jetzt markenmäßig zur Kunststrickomi und Lebenshilfebuchautorin im Selbstverlag aufbaue, hatte ich mir als letzten Versuch die Vision ausgemalt, wie meine berufliche Zukunft aussehen soll:
Nicht mehr selbst Strukturen bauen müssen, nicht mehr das ganze Risiko allein tragen, eigenständig in einem Team agieren. Ok., aber nicht übermäßig verdienen, um nicht unter Druck zu kommen. Meine Kenntnisse und Erfahrungen aus 7 Jahren Theater, 20 Jahren Arbeitsvermittlung und Karriereberatung nicht nur in der Medienbranche und einigen Jährchen Internetkommunikation nutzen können. Einen eigenen Schreibtisch haben, wenig/keinen Publikumsverkehr und keine Reisetätigkeit. Rückkehr ins soziale Netz.* Und – als Sahnehäubchen – keine Projektarbeit, ich mag es, wenn die Arbeit ein langer Fluss ist.

Dann seufzte ich und schrieb weiter meine Bewerbungen für Assistenzstellen in der Geschäftsleitung, bei denen schon die Arbeitsbeschreibung offenbarte, dass da eine mies bezahlte Halbtagskraft anderthalb Jobs machen sollte.
Für eine Magazinredakteurinnenstelle im Hochschulbereich, ebenfalls halbtags, Schwerbehinderte bevorzugt, die (sagte man mir über eine Freundin) ein 50-Stunden-Pensum bedeutete, ohne die Chance, die Überstunden jemals abzubummeln.**
Als Stoffladenverkäuferin und Näherin zum Mindestlohn. Als Bookerin für Taxis und Bundestagsfahrten oder technische Hotline-Betreuerin für ein Maschinenbauspezialprodukt, wo ich einfach nicht hinpasste, was mir auch gespiegelt wurde. Für eine Stelle als Filmarchivarin, bei der tiefe Kenntnisse in Filmgeschichte erforderlich, aber maximal ein Berufsabschluss als Medienarchivfachangestellte erlaubt waren. Für eine weitere Assistentin der Geschäftsleitung, bei der die Altersrange mit 21-35 angegeben war (Medienbranche eben). Als Vertretungslehrerin, wo offenkundig wurde, dass Berlin offiziell händeringend Leute sucht, ich aber (wie wahrscheinlich viele) vom Schulamt als falsch qualifiziert abgelehnt wurde.*** Als Abendsekretärin im Bundestag (wobei ich da überlegte, ob das nicht ein spezielles Girl Friday sein sollte) und als persönliche Mitarbeiterin eines Politikers, der seine Suchkriterien per Tweet konkretisierte: Er wolle Bewerbungen von netten jungen Mädels. Als Kostümassistentin beim Musical, eine Stelle die ich schon gemacht hatte, die mittlerweile so verdichtet ist, dass die Arbeit von 10 Stunden in 5 1/4 gequetscht wird, Bezahlung hart am Mindestlohn, halbtags ausgeschrieben, mit Überstunden, Flexibilitätserfordernis und selbst zu finanzierender Arbeitsschutzkleidung.
Ich habe genau den Rundumschlag gemacht, den ich auch in Beratungen empfehle, wenn es hakt, um sich auf dem Arbeitsmarkt neu zu kalibrieren (und ich habe noch nicht mal in die ganz tiefen Abgründe geschaut). Da war meine Überlastungserfahrung hilfreich. Mir wurde beim Lesen mancher Stellenanzeigen einfach übel und ich fing an zu zittern.

Das zu bekommen, was ich nun machen werde, war ein Klassiker an Netzwerk-Verbindungen. Ich kannte einen der Geschäftsführer ganz flüchtig über einen Freund und Kollegen, der dort auch einmal kurzzeitig gearbeitet hatte. Diesen Freund wiederum sprach ich irgendwann bei einem Telefonat an, ob diese Firma Leute sucht und erzählte ihm von meinen Jobsucheerlebnissen. Der traf sich Wochen später mit dem Geschäftsführer, mit dem er befreundet ist, zum Essen und sprach ihn ganz nebenher auf mich an… Man suchte dort nicht explizit, aber ich passe gut rein, mit dem, was ich kann.

Anfang März geht es los und es war erst mal viel zu organisieren. Erste Reaktion wie immer “AAAAAAH! Was zieh ich an?”(Die andere Belegschaft ist wesentlich jünger und sehr sportlich.) Madame braucht für den Start ein paar gut aussehende, bequeme und nicht zu abgeranzte Klamotten. Die vielen Jahre Homeoffice und die DIY-Projekte haben in meinem Schrank eine Mischung aus Auffälligem, Sommerlichem und Schlumpsigem hinterlassen. Selber nähen bleibt unbedingt, aber ich werde mich wohl auch mit Jersey beschäftigen müssen. Die Haare sind schon gebändigt, entgraut und um 20 cm gekürzt. Die leeren Schminktöpfchen sind aufgefüllt. – Bei manchen Sachen hatte ich mir geschworen, dass ich sie erst neu kaufe, wenn ich wieder einen Job habe.
Dann folgten Telefonate mit Krankenkassen, die Absagen der anderen Bewerbungen (die zweite Kandidatin für die Redakteurinnenstelle hat sich sicher gestern gefreut) und diverse steuerrechtliche Recherchen.

Jetzt ist alles bereit und dann gehe ich nächste Woche (also eigentlich übernächste) los und benutze meine panischen Ängste als persönliche Assistenten. Die sind nämlich schon ganz aktiv und halluzinieren von Komaschlafanfällen am Schreibtisch, einfach umfallen oder Panikattacken, die sich in dominanter Biestigkeit äußern. Die dürfen mir jetzt helfen und mir Signale geben, wenn es tatsächlich an die Substanz geht, ich mich übernehme oder zu weit aufdrehe.

Haltet mir die Daumen. Ich hätte wirklich Spaß an der Arbeit.

*nachdem ich meine Alterssicherung verloren hatte und die private Krankenversicherung mich regelmäßig im Regen stehen ließ, aber immer teurer wurde

**Wobei ich da jemanden wohl schwer in die Bredouille gebracht hatte und mir der Job deshalb so horrormäßig beschrieben wurde. Das war eine interne Ausschreibung und es gab nur zwei Bewerbungen. Diejenige, die sie sich schon ausgekuckt hatten und ich. Und nun kam ich mit meinem Schwerbehindertenbonus daher…

***Eine Freundin von mir macht so etwas jetzt. Sie hat eine Entertainment-Ausbildung in England gemacht. Allerdings war der Türöffner ein Institut, dass das Sonderbildungsprogramm personalmäßig bestückt.

12/02/2015
von kitty
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Spitzen stricken

ist auch nicht wesentlich anders als Pixel schubsen. Nur das es keine Undo-Taste gibt, was ich mitunter sehr bedauere.
Aus meinem Flohmarktfund an weißem Häkelgarn wurde dieser Schal mit einfachen floralen Mustern. Erstmal nur zum Üben, keine Ahnung, was ich damit mache.

Estonian Lace Shawl

Jetzt bin ich auf der Suche nach der Form. Dieses hinreißende eisvogelblaue Seidengarn will verarbeitet werden. Da funktionieren keine floralen Formen. Das soll nach Wasser und Eiskristallen, in denen sich kalte Wintersonne spiegelt, aussehen.
silk-yarn
Mal schauen, worauf ich komme, das hier sind erst mal nur Annäherungen, ein traditionelles Muster, das ich irgendwo fand und ausgezählt habe und das verändert werden muss.
lace-test
Das Material ist übrigens rumänisches Garn, Leinen oder mercesiertes Baumwollgarn, mit dem der Trödler die Kiste tschechisches Schulgarn aufgefüllt hatte. Ist das nicht ein schönes Label?
cat-yarn

08/02/2015
von kitty
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Vier Tage in Polen

Der Graf hatte diese Woche frei und wir planten schon lange eine kurze Auszeit in einem netten Refugium auf dem Land. Wie immer mit den Grundbedingungen: Doppelbett, WiFi, Badewanne.  Aber vorher musste er sich aber erst mal zu seinem großen Ärger mit Kranksein beschäftigen. Deshalb fuhren wir erst am Mittwoch los. Wir hatten eine Suite in einem kleinen Herrenhaus in Großpolen herausgepickt, am nördlichen Rand von Poznan.
Mir war der Dwór Wierzenica ob seines kargen Klassizismus aufgefallen. Ausnahmsweise kein fetter Portikus, der sonst in Polen an jede Hütte gebaut wird, als Symbol von Autarkie und Status, und wenn die Säulen aus Rohren oder Bäumen gemacht sind…
Das Gebäude ist großes regionales Bauernhaus, das durch eine Art zweistöckige Diele geteilt wird, die nur durch Mauerkanten ein Säulenportal andeutet. Eine Mischung aus Wurzelsuche und Himmelstürmen, das interessierte mich.

Als wir im Dunkeln ankamen war netterweise die Zufahrtsstraße dick mit Sand gestreut, denn das Haus liegt auf einem kleinen Hügel. Wir wurden als einzige Gäste nett empfangen und es war wie immer in diesen stadtnahen Schlößchen in der Nebensaison. Man nutzt sie in der warmen Jahreszeit als Partylocation für Hochzeiten und im Winter ist da niemand außer den Besitzern oder ein, zwei Helfern. Wobei ich in dieser irre schönen und modernen Küche gern selbst gekocht hätte, eine Karpfenzucht war in Laufnähe.
Unsere Zimmer hatten hohe Decken, schöne, wenn auch etwas hilflos gestellte antike Möbel und ein Riesenfenster mit meterbreitem Fensterbrett mit Blick auf eine moorige Niederung und einen Waldhang an ihrem Ende.
Dwór Wierzenica
Als wir Bescheid gaben, am ersten Abend nichts essen zu wollen, aber an den zwei darauf folgenden Abenden (das Haus wirbt auf Booking schließlich mit frischer, regionaler Küche, man könne aus einem Angebot wählen), gab es leicht erstaunt hochgezogene Brauen. Öhm ja, man hätte Piroggen mit Fleisch oder Obst da. Nun muss man wissen, dass Pierogi in Polen Fast Food sind, die gibt es an jeder regionalen Imbissbude. Das war so, als hätte man uns Currywurst mit Pommes offeriert.
Wir hatten aber keine Lust, mehr als 10 km in ein vernünftiges Restaurant zum Essen zu fahren, vor allem weil es abends auf den Straßen glatt wurde, deshalb nickten wir das ab und tauchten in Badewanne und Bett ab. Nachts gab es wunderbaren Vollmond über Schnee und kahlen Bäumen und dazu heulende Hunde.

Der nächste Tag war strahlend klar. Wir gingen nach dem Frühstück (selbstgemachte Erdbeermarmelade!) nach draußen, um die Umgebung zu erkunden. Ich habe ja bei solchen Reisen immer Wanderschuhe und dicke Socken mit. Also tobte ich glücklich wie ein kleiner Hund über die gefrorenen Feuchtwiesen, der Graf hatschte mit den Stadtschuhen hinterher. Später dann schritt der Graf glücklich mit mir eine glänzend weiße Straße (Marathonläufer eben) entlang und ich eierte mit leisem “Meh, langweilig!” nebenher.
Im Nebenort deckten wir uns mit wichtigen Lebensmitteln ein, als da wären Bier, Chips, Schmelzkäse – in Ermangelung von Würsten – und Schokolade. Es gibt übrigens Erdnußflips mit Karamellgeschmack. Ganz perverse Dinger.
Den Rest des Tages verbrachten wir damit, uns Gutes zu tun, zu stricken, Pixel zu schubsen, was man so macht. Das WLAN war im Zimmer ohnehin erbärmlich bis nicht vorhanden, am stärksten war es in der Wanne, wo der Graf dann auch so manche Stunde zubrachte. Den angekündigten Flachbildfernseher gab es gar nicht, aber den vermissten wir auch nicht.

Das Abendbrot waren dann tatsächlich ein Teller Piroggen aus dem Frost, Tee und eine kurze, nette Konversation mit dem Hausherrn, einem Mittdreißiger aus der IT-Branche, Sohn eines Poznaner Professors, wie uns Google verriet.

Den nächsten Tag, grau und trüb, verbrachten wir in unseren Räumen. Ich strickte meinen estnischen Spitzenschal zu Ende, der Graf arbeitete an einem eBook und so verging die Zeit viel zu schnell. Danach wieder Piroggen, die Gattin des Hausherrn war am zweiten Abend auch anwesend und ein Abend in der Badewanne, vom Vollmond durch das Dachfenster beschienen.
Kleiner Exkurs zu den guten alten Zeiten. Wir preisen die klare Luft auf dem Land. Aber der Berliner Stadtmief ist wohlriechend gegen die Wolke teerig-holzig-schwefligen Hausbrands, die über diesem kleinen Dörfchen hing.

Gestern mittag reisten wir ab und machten noch einen kurzen Abstecher nach Poznan. Das Wetter schwankte zwischen Schneeregen und scharfem kaltem Ostwind. Wir machten eine Runde durch die Altstadt. Um den Markt waren sehr teure Boutiquen und Antiquitätenläden mit Unmengen edler Dinge und schränkeweise Silberkannen, sie zeigten, dass man hier Geld und vor allem Repräsentationsbedürfnis hat.
Zwei Straßen weiter sah es schon anders aus. Die Läden schlossen um 14 Uhr und bald würden sie den Weg aller anderen Innenstadtgeschäfte gehen, die wir in polnischen Altstädten sahen Wer nicht in teuren Boutiquen kaufen kann, der fährt an den Stadtrand in die Einkaufszentren.
Um ein Hüngerchen zu stillen, landeten wir im Bistro La Cocotte. Von ein paar jungen Hipstern geführt, gibt es hier sehr gutes Essen.

Dann ging es zurück nach Berlin, mit Zwischenstopps in Slubice für Weißkäse, Würste, Piroggen, Bier und in Frankfurt (Oder) für Kaffee und Kuchen mit den Eltern.

Hier schreibt der Graf und hat jede Menge gute Fotos parat, von denen er  mir eines zur Verfügung stellte.

Aber für ein Fazit zurück nach Polen. Die gesellschaftlichen Schichten verändern sich, das sieht man von Jahr zu Jahr deutlicher. Der Kapitalismus hält Einzug, es bildet sich eine neue besitzende Oberschicht, auch die Mittelschicht baut sich Häuschen und kauft Autos.
In Poznan liegt die Arbeitslosenquote unter 3%. (Im Gegensatz zu den vollkommen abgehangenen ländlichen Gebieten mit einer Arbeitslosenquote von über 20%.) Überall stehen produzierende Betriebe, oft Ableger internationaler Konzerne.
Wer helle im Kopf, gut vernetzt ist und Wirtschafts-Subventionen zu nutzen weiß (denn altes, gewachsenes Kapital hat ja niemand), kann sich etwas schaffen. Das Haus, in dem wir waren, ist das beste Beispiel. Einst war es der Wohnort des polnischen Philosophen Graf August Cieszkowski, ein Mann, der alles an Projektionsfläche polnischer Identität in sich vereint: Katholizismus, polnischer Landadel (Szlachta), gesamteuropäische Kontakte.*
Mit knapp 1 Mio Euro Agrotourismusförderung und Regionalförderung von der EU wurde das baufällige Haus vollkommen entkernt und neu hergerichtet. Was in Booking als Hotel angeboten wird, ist auch eine großzügige Wohnung/Landhaus für die Besitzer, mit steuerlich absetzbarem Hauspersonal. (Das hatten wir im Sommer ein paar Kilometer weiter schon einmal erlebt.) Auch wenn der Hausherr sagte, er wohne nicht hier, es lief in den hinteren Räumen jeden Abend der Fernseher und er war immer da…
In 30 Jahren sind das die Kapitalbesitzer und in 50 Jahren werden ihre Kinder behaupten, das wäre schon immer so gewesen. Das scheint der Lauf der Welt.

 

* Es gibt nicht so viele. Polen war über viele Jahrhunderte ein imaginäres Land, ländlich wirtschaftende Adelsclans hatten einen hohen politischen Einfluss. Polen zerfällt für mich immer wieder in winzige Partikel, wenn ich es ansehen will. Geredet wird aber immer von einer riesigen monolithischen Macht durch die Jahrhunderte. Das ist ein sehr eigenes Phänomen.
(Nebenbei, ich stoße grade auf so wirre Websites.)