The Diary of Kitty Koma

23/06/2016
von kitty
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Gina-Lisa Lohfink, Celebrity

Zum Thema Gina-Lisa ist eigentlich alles gesagt.
Aber daran, dass Celebrity ein Job ist und nicht alles so ist wie es scheint, denken wenige. Der Fall Gina-Lisa Lohfink ist auch ein Lehrstück von gegenseitiger Benutzung zu PR-Zwecken. Die Allianz Celebrity-Frau – Fem-Aktivistinnen/Politikerinnen ist im besten Fall ein win-win-Geschäft.

Saßen vor acht Jahren auch langgediente und zukünftige Feministinnen bei GNTM vor der Glotze und ereiferten sich über diese unmögliche Person Gina-Lisa, sind sie jetzt Team #teamginalisa. Das sind gut öffentlich in den sozialen Medien zu sehende Veränderungsprozesse.
Die im Fall der Falschaussage agierende Richterin und Staatsanwältin scheinen noch zur denen zu gehören, die Frauen, die im Geruch stehen, eine Schlampe zu sein, hart bestrafen.
(Für Details und Hintergründe von Rechtssprechung in diesem Fall lesen Sie bitte diesen Text, Fischer ist wie immer nach meinem Geschmack zu wortreich und natürlich ganz böse politisch inkorrekt, aber er erklärt die Fakten besser als Journalisten.)

Jetzt noch meine Selbstpositionierung, nicht dass jemand flott schreibt, die Koma sei wasauchimmerfeindlich und der Text tauge darum nix.
Niemand hat das Recht, Sex mit einer Frau zu haben, die sagt „hör auf“ und wenn sie dreimal vollkommen bedrogt und benommen ist. Und dass diese rammelnden Karnickel das dann auch noch dokumentieren, öffentlich machen und nicht für ihren Übergriff bestraft werden, ist der eigentliche Skandal. (Ja, ich habe mir das Video angesehen, die Körpersprache ist für eine Frau, die immer auf ihre Wirkung bedacht ist, ziemlich eindeutig, aber ich habe darüber nicht zu befinden.) Es ist oft viel Grauzone von Aussage gegen Aussage in solchen Dingen. Hier gibt es sogar einen Beleg und es passiert – nichts! Es passiert noch mehr als nichts, die betroffene Frau wird der Falschbeschuldigung bezichtigt.
Ob eine Veränderung des Sexualstrafrechts ein anderes Urteil gebracht hätte, das kann ich nicht beurteilen, davon habe ich keine Ahnung.

Wenden wir uns nun dem Phänomen Celebrity zu. Das sind Menschen, die in der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen und Projektionsfläche für viele sind. Sie selbst sind ein Produkt, sie müssen meist nicht viel mehr leisten und können, als sie selbst zu sein  – oder das Bild, dass sie von sich in der Öffentlichkeit erzeugen. (Ausführlicher steht das in diesem Text, den ich vor einigen Jahren schrieb.)
Für uns Publikum sind solche Menschen Projektionsfläche. Sie haben all das, was wir nicht (glauben zu) haben. Sie sind dünn, schön und immer gut zurechtgemacht (zumindest, wenn die Kamera dabei ist), sie arbeiten scheinbar nicht für ihr Geld, müssen sich nicht mühen, sondern werden geliebt, gesehen und versorgt, weil sie einfach da sind. Ein tiefes, kindliches Bedürfnis zeigt sich dabei in uns, wenn wir das bewundern.

Was für Profit schlagen Celebrities aus ihrem Job? Sagen wir mal so, für jemanden mit einem guter Bildung und gutem Beruf gibt es genug besser bezahlte Alternativen. Wer das nicht hat, aber eine gute Portion Narzissmus und sich in der Öffentlichkeit sehr wohl fühlt, kann sein Aufmerksamkeitsbedürfnis stillen, wird als Testimonial, Fotomodell und Partystargast bezahlt, bekommt Werbe- und TV-Jobs, rutscht auf der Rechnung reicher Leute mit und erhält in der Regel eine ganze Menge Dinge umsonst – Hotelzimmer, Klamotten, Transfers, Urlaub, vielleicht sogar Schönheits-OPs. Dafür ist man zwar immer unterwegs, wie der Hamster im Laufrad, aber in der Regel fällt das in die Lebensphase, wo das auch passt.

Nicht selten kommen Celebrities aus dem Nichts, aus den Regionen zwischen Provinz und Gosse. Das ist das Fazinosum: Du bist nichts und du wirst alles.
Die Celebrity-Selfe-Made-Woman ist keine deutsche Figur. Sie ist amerikanisch oder im tiefen Grund höfisch-französisch. Für die deutsche Kultur, die auf schmucklose Wahrhaftigkeit pocht, ist diese glitzernde Selbstinszenierung zu lügenhaft.
Gina-Lisa Lohfink hat einige Vorläuferinnen. Deren Storytelling ist zum Beispiel:
„Eigentlich nicht dünne oder schöne, aber blonde Heidekönigin hat einen Komparsenauftritt ohne Unterhöschen, der sie intern bei der Presse bekannt macht und danach ein weitgehend öffentliches Privatleben (mit Dünnwerden und berühmtem Freund) mit heißem Draht zur Bildzeitung, seriös geworden dreht sie ein paar Filme, säuft aber.“
oder
„Für das deutsche Standardpublikum zu unblonde hübsche Frau mit alberner Stimmführung hat Kurzzeitehe mit reichem, blondem deutschem Star und macht danach doof aber clever zur Marke, muss aber die Pleite ihres zweiten Ehemannes kommunizieren.“
Gina-Lisa Lohfinks Geschichte ist etwas anders:
„Frech und unangepaßt kommt weit, zeigt Fräulein Rottenmeier-Klum den Mittelfinger und hat die große Klappe und danach jede Menge Aufmerksamkeit mit optimierten Tits, Lips and Ass, sagt, sie wurde vergewaltigt, aber man bezichtigt sie der Lüge.“

Die beruflichen Biografiealternativen all dieser Frauen wären etwa Einzelhandelskauffrau, MTA oder Hotelfachfrau gewesen. Oder Hausfrau mit ein paar minderbegabten Blagen und einem zu viel Bier trinkenden Ronny oder Steve auf dem Sofa. Also wenig Geld und niedriger Status.
Celebrities erzählen Erfolgsgeschichten, die tiefe Wünsche in vielen von uns ansprechen: Öffentlich sprechen, obwohl die Stimme klingt, als ob man auf ein Meerschweinchen tritt. Moppelig die Freundin eines Fernsehstars werden und plötzlich (scheinbar ohne große Mühe) dünn sein und bleiben. Ne geile Schnitte sein, mit großen Brüsten und allem drum und dran, die tollen Typen abkriegen und trotz großer Klappe nicht als böses, lüsternes Mädchen bestraft werden.

Diese Erfolgsgeschichten eint ein Fakt, der von außen nicht zu sehen ist: Diese Menschen müssen die Kontrolle über ihr Leben und über ihr Produkt (also sich selbst) behalten, selbst bei Problemen und Irritationen.
Ob nun der Alkoholausfall vor laufender Fernsehkamera, die nicht ganz lupenreine Insolvenz des schwächlichen Ehemanns oder die chemische Absenz, an deren Ende ein Video mit nicht nach Einvernehmen aussehendem Sex steht – all das muss schnell und klug in die Story integriert werden, bevor die Eigendynamik des „die Leute reden darüber“ die Kontrolle über die Geschichte zerstört.

Menschen, die den Vergewaltigungsvorwurf kritisch sehen, fragen warum Lohfink sich einen Tag später wieder mit dem Mann traf, der sie in der Nacht zuvor vergewaltigt haben soll. Welche Frage! – Sie machte ihren Job, denn durch diesen Mann, den VIP-Betreuer eines Clubs, konnte sie den Fußballer Jerome Boateng treffen und an ihrer Geschichte weiterspinnen. (TW für zart Besaitete: Link geht zur Bildzeitung)
Für Celebrities, sie sich nicht als brav und keusch verkaufen, wie die Frau mit der schlimmen Stimme, sondern mit vollem Körpereinsatz arbeiten, ist es normal, dass Bettgeschichten mit berühmte Leuten – oder Spekulationen darüber – zur Story gehören, das erhöht die Sichtbarkeit und damit den Marktwert. (Man erinnere sich an die Heidekönigin und Thomas D., der nur konsterniert bekannt gab, er habe mit der Frau nix zu tun.)
Dass man ein paar Tage brauchte, um einzuschätzen, was in dem Hotelzimmer mit dem VIP-Betreuer und seinem Kumpel eigentlich passiert ist und was das an Konsequenzen haben kann und es vielleicht auch nicht unbedingt Einigkeit zwischen der Betroffenen und den Beraterinnen gab, halte ich für normal. Da war einfach die Scheiße richtig fett auf den Ventilator gefallen.
Eine ganze Menge Frauen kennen solche Erlebnisse, bei denen impulsives Vorpreschen mit so einer Geschichte ggf. mehr Probleme gebracht hätte, als das Erlebnis selbst, ich auch. Auch wenn diese Impulsivität einen zum lupenreineren Opfer macht. (Die Erwartung ist: Eine wirklich vergewaltigte Frau hat kopflos ihr Elend herausklagen, statt nachzudenken, wie sie jetzt vorgeht.)
Öffentlich klar zu machen, dass frau sich zwar körperbetont-sexualisiert darstellt und dass das Teil ihres Konzepts ist, aber dass niemand das Recht hat, sich an diesem Körper ohne Einverständnis der Besitzerin sexuell zu bedienen und damit selbst ein Geschäft zu machen, ist sehr schwer.

Damsel in Distress oder zu deutsch Verfolgte Unschuld ist ein starkes Narrativ – nicht nur in der Kunst, auch in der öffentlichen Kommunikation, siehe Köln/Silvester. Aber wenn die Rolle der Frau eben nicht die der Unschuld ist, ist sie kein einfach zu akzeptierendes Opfer. Es ist fast folgerichtig, dass sie bestraft wird. Böse Mädchen werden bestraft, um zu demonstrieren, dass brave Mädchen besser leben. Dagegen lässt sich anrennen, aber solche archaischen Werturteile sitzen tief. (Genauso tief, wie die landläufige Vorstellung, dass ein Mann größer als seine Frau sein und mehr Geld verdienen und die Frau erobern sollte, um spontan Beispiele zu nennen.)
In der klassischen Dramaturgie wird das Good Girl vom Helden gerettet und das Bad Girl, das den Helden kurzzeitig faszinierte, stirbt. Manchmal wird sie sogar für die Rettung des Good Girls geopfert.

Schon in Zeiten von GNTM war ich erstaunt, wie viel Hass und Häme das böse Mädchen Gina-Lisa bei Frauen auslöste. Selbst bei denen, die wissen mussten, dass Gina-Lisa eine Rolle von Frau Lohfink ist oder die selbst gern unangepasste Mädchen waren.
Das, was Gina-Lisa Lohfink passierte, ist wie eine selbsterfüllende Prophezeiung: Öffentlich geschändet von einem statusniedrigen Mann, der sie eigentlich nur beruflich etwas weiterbringen sollte. Da sie selbst solche Videos auch inszenierte, machte sie das nur noch unglaubhafter.
Sie kämpft bei den Widerspruch gegen die Verurteilung wegen Falschverdächtigung um Gerechtigkeit und das, was wir sehen, ist ein Stück sehr professionelle PR-Arbeit.

Die studierten Soziologinnen und Kulturwissenschaftlerinnen beklagen öffentlich, dass Gina-Lisa Lohfink boulevardesk auf ihre Äußerlichkeiten reduziert wird, nennen sie zwar im Hashtag #teamginalisa auch nur beim Vornamen, ja, nennen sie sogar ihre Heldin, aber verlieren keinen Gedanken daran, dass es um eine öffentliche Rolle geht.
Die wasserstoffblonde Gina-Lisa mit Silikonbrüsten und fettem Lippenimplantat ist der Job von Frau Lohfink. Zeitungen können nicht über Dinge schreiben, die außerhalb der Figur Gina-Lisa liegen und Frau Lohfink betreffen. Sie sind nicht bekannt. Oder besser, das, was bekannt ist, ist professionell und mit Kalkül gesetzt und das ist gut so. Wir begegnen nun Frau Lohfink, hinter großer Sonnenbrille, klar und zurückhaltend ihre Verletzungen benennend.
Das schlimmste, was dieser Frau passieren kann ist der Kontrollverlust – als hilfloses, zerbrochenes Opfer durch die Mühle der Öffentlichkeit gedreht zu werden (obwohl sich das auf dem Boulevard, unter Allys und in der Politik phantastisch verkaufen würde, weil dann keine Fragen offen wären) oder wenn Leute, egal wer, ob feministische Aktivistinnen, Politikerinnen, Stern- oder Bildzeitungsredakteure, die Deutungshoheit über ihr Sein bekommen und sie das nicht mehr beeinflussen kann.

Wir haben gerade einen vortrefflichen Kumulationspunkt von Interessen: Frau Lohfink will Gerechtigkeit, die feminististischen Aktivistinnen und viele Frauen, die in der Politik tätig sind, wollen eine Gesetzesänderung im Sexualstrafrecht.
Frau Lohfink und ihr Team lassen Menschen für sich fighten, die Gina-Lisa noch vor drei Monaten nicht mit der Feuerzange angefasst hätten, weil Schlampe oder männerbedienendes Sexualobjekt. Die sich engagierenden Frauen argumentieren mit einem Video, das sie in der Regel nicht einmal gesehen haben und einer Frauenfigur, die eigentlich kein klassisches Opfer, keine Damsel in Distress ist und die so gar nicht ihrem Frauenbild entspricht. Mal schauen, ob sich das Bad Girl für die Good Girls opfern muss.
Ich bin sehr gespannt, auf das Ergebnis und ob diese Allianz von gegenseitigem Nutzen ist.

21/06/2016
von kitty
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Vigil 90

Von der Reise zurückgekehrt. Der heutige Tag war ein Abstecher an den Ort, in dem die Urgroßeltern bis Anfang der 70er (?) einen Kurzwarenladen hatten.
Die kleine Stadt in der Lausitz hat sich gut entwickelt. Dass alles blitzeneu ist, das Trottoir, die Schilder und die öffentlichen Gebäude, ist ja Ergebnis des Aufbau Ost. Aber so langsam etablieren sich wieder funktionierende soziale Strukturen. Geschäfte und Büros, Kneipen und Eiscafés. Es gibt um den Markt herum Bäcker, Fleischer und Gemüsehändler. Der alte Taschen- und Kofferladen existiert immer noch und das Spirituosen- und Kolonialwarengeschäft geht mit einem beeindruckend diversen Angebot ins 200. Jahr. Der Enkel des Goldschmieds, aus dessen Modeschmuckabteilung ich einige schöne Erbstücke in der Schatulle habe, ist in das Ladengeschäft zurück gezogen. Der Großvater saß zu DDR-Zeiten im ersten Stock, weil seinen Laden der Konsum brauchte.
Das Städtchen hat an einem sonnigen Tag fast etwas italienisches. Große Portale mit Steinmetzarbeiten, steinerne Fensterstürze, enge Gassen mit Häuschen voller Blumenkästen, Gärtchen und Remisen. Angenehm.

Das Haus der Urgroßeltern, in dem sie nur Mieter waren – die Besitzerin, deren Mann im ersten Weltkrieg gefallen war, überließ ihnen den Laden und den größten Teil der Wohnfläche – ist allerdings in einem betrauernswerten Zustand. Es ist um 1815 gebaut, ein kleines, klasszistisches Stadthaus in Marktnähe, mit dicken Mauern, einem stollenartigen Keller, einem Granit-Treppenhaus und einem zweistöckigen Lager-Dachboden. Der Garten zieht sich lang in den Block hinein und in ihm standen dereinst zwei riesige, uralte Kirschbäume. Den ersten und zweiten Weltkrieg hat es überlebt. Die Zeit der DDR (als die Witwe es an die Wohnungswirtschaft wegschenkte, weil die Mieteinnahmen nicht den Unterhalt des Hauses deckten) auch so einigermaßen. Die letzten 25 Jahre haben ihm den Todesstoß gegeben. Ich hatte es 2001 noch einmal besichtigt, weil ich überlegt hatte, es zu kaufen. Ich wollte in das Städtchen ziehen und ein neues Business aufmachen. (Schon damals war ich meines Jobs müde.)
Ich weiß nicht, was sich der Chef der Wohnungswirtschaft dachte, als er über 100.000 Euro aufrief. Der Boden sei so viel wert und der größte Teil des Ensembles um das alte Brauhaus hinter dem Altmarkt sei denkmalgeschützt. Man habe hier nichts zu verschenken. Das Haus stand damals, bis auf eine vermietete Wohnung, schon seit Jahren leer. Im Seitenflügel wusch der Regen, der die Wand hinunterlief, schon den Lehmputz weg.
Ich verabschiedete mich angesichts des Preises sehr schnell von dem Gedanken.

Dann kamen ein Käufer, der wohl nicht einschätzen konnte, was ihn erwartete und ein geplatztes Wasserrohr, das monatelang unbemerkt blieb. Wenn man ins Schaufenster des Ladens schaut, sieht man Stempel, die Wände und Decken vor dem Einsturz bewahren.
Der Besitzer, der in Italien sitzt, möchte gern und bald verkaufen, aber seine Vorstellungen, was er bekommen könnte, seien wohl eher von Preisen des Münchner Immobilienmarktes geprägt, sagt man uns. Ja, es müsse etwas passieren, das alte Häuserensemble im Straßenzug hänge zusammen und das immer mehr zusammenrutschende Haus schädige die Nebenhäuser, die immer in Privatbesitz geblieben waren.
Es ist zum Heulen. Selbst wenn man den Herrn in Italien zu einem realistischen, sehr niedrigen Preis bekehren könnte, das ist nur was für Architekten oder Bauingenieure.
Wenn dieser Mensch mir vor 15 Jahren den Preis gemacht hätte, der heute durch den Raum flog, hätten sie heute dort keine halbe Ruine stehen.

16/06/2016
von kitty
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Vigil 89

Die ganz schlimme Mischung von aufgekratzt und sturzmüde. Vorher 7 Stunden lang 10 Studentx vor mir gehabt, die offen und bereit zum selbständigen Denken waren. Das ist oft nicht so und nun haben sie all meine Kraft und viel von meinem Wissen. (ob ich das noch professionalisieren kann? Das ist doch nicht normal, dass das so anstrengt!)

Und Sorgen. Der Vater ist seit einer Woche im Krankenhaus. Ohne dramatische Diagnose. Eher so „Maschina kaputt!“ Es wird nicht besser, sondern schleichend schlechter. Herzschwäche, später miese Nierenwerte, Luftnot. Den Hochleistungs-Herzschraubern fällt keine lukrative Behandlung ein. Das scheint mir kein gutes Zeichen.
Aber was weiß ich denn?

14/06/2016
von kitty
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Vigil 88

Das letzte Wochenende führte mich und einen Tag später auch den Grafen ins Paradies.
Primavera nahm wie jedes Jahr mit dichterGarten an Offene Gärten Mecklenburg-Vorpommern teil. Was hieß, dass bei gutem Wetter um die 400 Besucher erwartet wurden.

Primaveras Garten ist in den 10 Jahren, in denen sie an seiner Gestaltung arbeitet (meist allein übrigens) eindrucksvoll schön geworden. Mit Blickachsen in die Landschaft und verwinkelten kleinen Plätzen und manchmal beidem zugleich – verborgenen Winkeln, von denen aus weit übers Land geschaut werden kann. Dann wieder gibt es verrückte und liebevolle Details – Wer kommt schon sonst auf die Idee, in eine efeubewachsene Mauer einen Spiegel zu hängen, neben der Waschschüssel aus grünem Glas und einer eichnen Badewanne?
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An Ruheorten waren Texte zu entdecken und jeder dieser Orte hatte seine eigenen Farben in Möbeln, Decken, Kissen, Geschirr und Getränken.

Was aber zunächst hieß, dem Garten am Freitag den letzten Schliff zu verpassen. Ich kam zu spät und machte nur noch ein wenig Workout mit dem Rasenmäher. Primavera hatte einige Tage vorher so lange es hell war gearbeitet. Dann kochte ich zwei riesige Töpfe Kartoffelsuppe, denn die Bewirtung der Besucher ist selbstverständlich.
Drei plaudernde Frauen in der Küche. Es war eine liebe Jugendfreundin dabei, G., die ich 15 Jahre nicht gesehen hatte.

Am Samstag ging es früh los, wir richtete die Plätze her und machten Melissen- und Pfefferminztee, Ayran, Fruchtbowle und Apfelsaft fertig. Verteilten Karaffen, Gläser, Servietten und seitenweise Gedichte und Prosa über 4000 qm. Ein kleines Buffet mit Kaffee, Kuchen und Suppe wurde aufgebaut und kurz nach 10, wir waren gerade fertig, standen die ersten Leute auf der Wiese.
Gegen 11 Uhr fuhren G. und ich erst los, um die Wegweiser aufzustellen, schwere hölzerne Riesentrümmer. Als wir sie festbanden, wiesen wir Leuten schon winkend den Weg.

Es waren ganze Heerscharen gekommen und der Graf brachte bei seiner Anreise noch weitere Kartoffelsuppenzutaten mit. Wir sammelten Geschirr ein, spülten ab und stellten es wieder hin. Einige saßen stundenlang auf Lieblingsplätzen. Um 18 Uhr war erst einmal Schluss.
Wir zündeten ein Feuer an, nahmen uns Bockwürste und Tomaten, spießten sie auf Zweige und hielten sie in die Glut. Dazu gab es Rosmarinkartoffeln.
Es wurde kalt und windig, wir gingen bald schlafen.

Am Sonntag morgen trockneten wir erst einmal verregnete Lyrikblätter und feuchte Kissen.
Bei diesem Wetter war es der Tag der hartgesottenen Garteninteressenten, meist weißhaarig und in Wetterjacke. Es regnete immer wieder, sitzen und lesen war nicht so angesagt. Eher Garten anschauen, etwas fachsimpeln und sich anschließend mit Kaffee und Suppe aufwärmen.
Ich kochte eine Kartoffelsuppenvariante mit viel Lauch und dann noch ganz schnell, denn die Töpfe waren fast leer, eine mit Selleriegrün.

Wir stießen am Abend mit Sekt auf die doch recht gut gelaufene Sache an, denn G. und ich waren zwei noch nicht eingearbeitete Helferinnen. Dann backten wir Kartoffeln, Fenchel, Schoten und Lachs mit gedünsteten Zwiebeln und Beurre Blanc übergossen im Ofen. Dazu lief das Deutschlandspiel im Radio und wir arbeiteten weiter daran, uns leicht zu betrinken.
Ich widmete mich der übriggebliebenen alkoholfreien Bowle und pimpte sie mit Wodka.
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Beim Versuch, mich über einem Kartenspiel wach zu halten, gewann ich versehentlich haushoch. Obwohl ich ganz mies spielen und verlieren wollte, um einen Grund zu haben, ins Bett zu gehen.

Am nächsten Morgen war es wieder etwas freundlicher und wärmer. Wir spazierten eine große Runde über die Wiesen, um vom Paradies Abschied zu nehmen und sprachen – aus Gründen – über die 3. Generation der RAF und ihr Ende in Bad Kleinen, gleich um die Ecke.

Dann ging es aus Holunder und Heckenrosenduft zurück ins olle, kalte, müffelige Berlin.