The Diary of Kitty Koma

14/02/2016
von kitty
1 Kommentar

Sonntagsmäander im Nebel

Noch eine Woche mit angezogener Handbremse. Wir gingen brav jeden Tag nach draußen, um eine große Runde in Mitte zu drehen und nach anderthalb Stunden kam ich grade noch die Treppe hoch, um mich hinzulegen.
Komische Sache. Als kleines Kind hasste ich Mittagsschlaf. Seit ich über 35 bin, ist er mein treuer Gefährte in allen energiearmen Zeiten. Von „Och, mach doch mal 10 Minuten die Augen zu!“ bis zu zombiehaftem Wanken in Richtung Sofa „Muss. Schlafen. Muss. Schlafen.“ und zweieinhalbstündigem Komaschlaf™, dem eine längere Nebensichsteh-Phase folgt.
Im Moment ist der Zustand mit eiskaltem Schweiß bedeckte bleiche Gestalt, die es grade noch unter die Decke schafft.
Meinem Selbstbild als aktive Macherin ist das nicht zuträglich. Aber so ist das Leben.
Wenn man den Zeitungsmeldungen über die derzeitige Grippewelle glaubt, dann war es wohl das Schweinegrippevirus, das den Grafen und mich erwischt hat.

Ein wenig Papierkram ist doch erledigt und der schwarzbunte Babycord, den der Graf der jungen Frau, die einen Einkaufstaschen- und Kapuzen-Kellerladen zwei Häuser weiter betreibt, preiswert abgeschwatzt hatte, verwandelt sich gerade in einen schlichten Glockenrock.
rock2 rock2
Nachdem ich jahrelang in üppigen Säumen schwelgte, mag ich es gerade schmaler. Mal davon abgesehen, dass es preiswerter und dezenter ist, ich damit auch hochwertige und auffällige Stoffe verwenden kann, es ist praktischer, wenn einem nicht ständig der Rock im Staub hängt.
Meinen Grundschnitt für den schmalen Rock habe ich nach Hofenbitzer Band 1 (Affiliate-Link) in einen Glockenrock-Grundschnitt verwandelt, die weiteren Einzelheiten und die Fotos vom fertigen Teil an der Frau gibt es in drei Tagen beim Me Made Mittwoch.

Bei unseren Gängen durch Berlin Mitte entdecken wir gerade immer wieder neue Läden. Kein Wunder, hier schließen die Ladengeschäfte und Restaurants auch mal ganz schnell nach ein paar Monaten. Meist haben die Schnupsi- und Schnulli-Läden ein ähnliches Sortiment (derzeit sind es grade handgequiltete indische Decken und Sofakissen aus japanische Stoffen, gefolgt von handgemachten Seifen, Duftkerzen, ein paar exotischen Bleistiften und den unvermeidlichen Washi-Tapes), als wären die Anbieter einmal die Straße lang gezogen. Aber in einem Laden mit französischen Schreibwaren habe ich Broschen und Aufnäher aus moderner Metallstickerei entdeckt, die hinreißend schön sind. Nächste Woche muss ich mich trauen, sie zu fotografieren.

Ich hab noch ein Thema. Ich bin aus dem Babygeschäft seit einer finalen OP raus. Das ist jetzt fast 12 Jahre her. Ich war nie mit Leib und Seele Mama, dafür fehlte mir wohl ein Gen. Ich habe nach 20 Jahren in einem alten Buch ein paar mit Nadeldrucker bedruckte Seiten wiedergefunden. Ein Text von mir zum Thema Vereinbarkeit meiner beruflichen Ambitionen mit Kindererziehung und Familienfürsorge, der mir ins Gedächtnis zurückrief, wie sehr mich die ganze Sache gequält hat und wie sehr ich Ängste und Wut an das Kind weitergegeben habe. Angst vor Armut oder finanzieller Abhängigkeit, ein enges kleines Leben und dass mit jeden Jahr des nur-Mutter-Daseins eine größere berufliche Abgehängtheit drohte, beherrschte meine Gedanken.
Ich weiß nicht, was es war. Ich wollte nicht in die Falle der Doppelbelastung laufen wie meine Mutter, die einen anspruchsvollen Beruf, einen Haushalt, zwei Kinder und einen Mann, der kam und ging und tat und ließ, was er wollte, vereinbaren musste und immer am Rande des Zusammenbruchs war. Natürlich ging das in jedem Moment schief. (Im Nachhinein war das egal, eine perfekte Familie hätte uns wahrscheinlich zu blasierten Weicheiern gemacht.) Was mich so ärgerte, war der Umstand, dass meine Mutter im häuslichen Bereich jede Verantwortung trug und dass das niemandem etwas wert war. Mein Vater konnte unangekündigt erst mitten in der Nacht nach Hause kommen, er interessierte sich nur für die Versorgung der Familie, wenn er nichts mehr zu essen im Kühlschrank fand oder wenn meine Mutter todmüde das falsche Waschprogramm eingestellt hatte und seine Hemden verfärbt waren. Nicht, dass er seine Zeit in Zukunft verlässlich so einteilte, dass er meine Mutter unterstützen konnte. Er beschwerte sich lautstark über den „Sauhaufen“, machte ein paar rhetorische Schleifen über seine fleißige Frau und verpisste sich wieder in den Job und seine Männerbünde. Und so etwas wollte ich nie erleben.
Ich wollte es anders machen und fand einen Mann, an den ich Haushalt (zum Teil, den anderen Teil machte die Putzfrau) und Kinderbetreuung delegieren konnte, während ich mich um Geld verdienen und Karriere kümmerte. Ich hätte ein Hausfrauenleben nur attraktiv gefunden, wenn es auf einem hohen finanziellen Level stattgefunden hätte und die gesellschaftliche Reputation eines Partners auch für mich gereicht hätte. Aber selbst dann, nein, ich glaube, selbst dann hätte mich der Bovarysmus gepackt.
Das fiel mir ein, als ich diesen Artikel las. Auch wenn meine Gedanken am Thema des Blogposts vorbeigingen. Es geht darum, Nein zu sagen und die Erwartungen anderer und die eigenen immer wieder auf Realisierbarkeit zu prüfen. Und das ist schwer.

07/02/2016
von kitty
Keine Kommentare

Sonntagsmäander in tiefer Langeweile

Ich fühle mich wie ein krankes Kleinkind, ausgeschlafen und gelangweilt. Aber für das normale Leben bin ich noch nicht gesund genug, selbst stricken strengt an. Es wird wohl noch ein paar Tage dauern, da muss ich durch. Die Spaziergänge werden von Tag zu Tag länger, aber hinterher muss ich stundenlang schlafen. Gestern fühlte ich mich halbwegs fit, heute waren meine Knie aus Gummi, es dauert. Ich habe überhaupt keinen Appetit und vergesse zu essen, das ist keine Katastrophe, weil ich gut zuzusetzen habe, aber nachts liege ich vor Hunger wach. Und es ist nicht mal mit dem Gedanken „Ich will das alles nicht, ich reiße mich jetzt einfach zusammen.“ zu lösen.

Social Media. Twitter. Es kommt alles zusammen. @schlenzalot ist gestorben. Ich bin sehr traurig darüber, obwohl ich ihn nicht persönlich kannte, wir liefen uns halt immer mal über den Weg. Es ist nicht gut, so jung zu sterben.
Es scheint mir wie das Ende einer Ära. Vielleicht ist das viel zu pathetisch, vielleicht versöhne ich mich wieder. Aber so, wie es war, als ich zu twittern begann, als er die Leute unterhielt, wird es nicht wieder. Es ist vorbei.
Ich habe schon lange keinen Bock mehr auf Aufkreisch, Missionierung und Agit Prop. Ich will nicht am laufenden Band Pseudo-Nachrichten um die Ohren geschlagen bekommen, bei denen es nebensächlich ist, ob sie wahr sind, Hauptsache, sie treiben in hohem Tonus die aktuelle Sau durchs Dorf. Ich möchte nicht mehr Teil dieser toxischen Kommunikation sein.
Natürlich wird mir etwas fehlen, der schnelle, unkomplizierte Kontakt, die schnelle Information. Aber die Inhalte versotten zusehends und die Nachteile überwiegen gerade die Vorteile bei weitem. Und der, der das alles mal so leicht und heiter machte, ist tot.

Und ansonsten wieder einmal Sybille Berg – zum Helfersyndrom der Deutschen.
Gedanke dieses Tages: Wenn man akzeptiert, dass alle Dinge, die uns umgeben, miteinander zusammenhängen, so bedingen moralisierende urbane Eliten und haßerfüllte, zu kurz gekommene Provinz-Kleinbürger einander. Jede Nation hat die extremen Ränder, die sie verdient und die Mitte lebt derzeit schweigend und den Kopf einziehend vor sich hin. (In dem verlinkten Artikel scheint aber auch eine Art Lösung verborgen. Sie heißt Distanz zu Extremen. Wenn ich mich recht erinnere, waren die wahren Akteure der gesellschaftlichen Umwälzungen 1989 nicht diejenigen, die der Normalität und den Mühen der Ebenen gewachsen waren. Es waren notorisch wütende, nörgelnde, allem und allen quer liegende Menschen, ein Konglomerat aus Aufmerksamkeitshuren – erinnert sich noch jemand an Ibrahim Böhme? – und Elementen, die sich nur in der Masse stark fühlten, die diese Zeit für ein Jahr vorantrieben. Danach war der Spuk vorbei und andere Menschen übernahmen.)

Edit: Passend zum Tag und zum Thema. Eminem lief heute im libanesischen Imbiß in der Kastanienallee und alle ruckten, Schwarama und Falafel essend, mit den Gliedern und Köpfen.

Eminem – Just Don’t Give a Fuck – CZ překlad /Uncensored/ from petr psygma on Vimeo.

Die nächste Woche wird mit sehr ekligem Papierkram angefüllt sein. Ein dritter Anlauf für einen Antrag, der bescheinigen soll, dass ich eingeschränkt arbeitsfähig bin. Arbeitsfähigkeit definiert sich noch immer an den Kriterien körperlicher Arbeit – Heben, Stehen, Greifen, Laufen. Denken ist nebensächlich. Die Steuer. Obwohl ich alles vorbereitet habe und es einiges an Geld zurück gibt, ist das immer ein Akt der Überwindung.

Auf in eine neue Woche. In der Hoffnung, dass diese saugende Schwäche verschwindet.

05/02/2016
von kitty
Keine Kommentare

WMDEDGT Februar 2016

Frau Brüllen fragt wieder, was ich den ganzen Tag gemacht habe, aber heute ist einer dieser Tage, an denen nichts passiert.

Der Graf und ich sind immer noch angeschlagen. Für mich ist es Tag 9 der Virusgrippe, für ihn Tag 11. Wenn es nach uns beiden ginge, wären wir längst wieder normal unterwegs, aber das dauert.

Um 7:30 Uhr morgens klingelte es, die Biokiste wurde geliefert. Ich öffnete die Haustür, ließ die Kisten aber erst einmal vor der Wohnungstür stehen und legte mich noch einmal hin.
Natürlich schlief ich noch einmal ein, um 9 Uhr stand ich auf und machte mir Joghurt mit Mango und Banane und Kaffee und frühstückte im Bett.

Dann duschte ich und zog mich straßenfein an. Ich mußte dringend eine Stunde spazieren gehen, von der tagelangen Liegerei und Schlaferei baut mein Kreislauf immer mehr ab.
Als ich dem Grafen den Kaffee ans Bett brachte, bat er mich, auf ihn zu warten, er will mitkommen. Da er erst gegen Morgen schlafen gegangen ist, dauerte das noch etwas. Ich räumte erst einmal die Biokiste aus, las erst das Internet quer und fotografierte den Stamp Quilt, der 8 Tage auf die letzten Handgriffe gewartet hatte.
12558813_1070908049635012_1547525760_n
Ich habe wieder einen Schlafplatz gemacht, mit Kissen und Tragegurt. Ich hatte so eine transportable Nickerchen-Picknickdecke vor langer Zeit mal im KaDeWe gesehen, natürlich war sie englisch und unglaublich teuer. Seitdem wollte ich so etwas selbst machen.

Gegen 12 Uhr liefen wir eine Runde durch Mitte. Erst zur Bibliothek, einen Stapel dicke Krimis abgeben und neue einpacken (auf das Internet und vor allem Twitter habe ich derzeit gar keine Lust), dann – mit kurzen Stops bei Ocelot und in einem Möbelladen – gingen wir zur Post, ein Päckchen abholen.
Ich war schon müde und setzte mich kurz, aber der Graf war bald dran und nahm ein sehr schönes altes Schreibmaschinenreinigungsset von Primavera in Empfang. Wir liefen den Weinbergsweg hoch, der Graf kaufte bei Soda Books ein DIY-Magazin und ich hatte schon wieder dringend das Bedürfnis nach meiner Sofakuhle. Ich war völlig nassgeschwitzt, aber mir war eiskalt.

Der Graf lieferte mich zu Hause ab und brach noch einmal zu einer Runde auf und ich legte mich hin.
Gegen 14 Uhr machte ich mir etwas zu essen, die Reste vom Vortag, Kartoffelbrei und Sauerkraut mit einem Spiegelei.
Dann musste ich erst einmal dringend schlafen und als ich aufwachte, war es kurz vor 18 Uhr.

Ich las etwas und mein Vater rief an. Die Mutter ist jetzt eine Woche im Krankenhaus und bisher ist die Ursache für Anämie und Eisenmangel nicht gefunden. Es stehen noch zwei Ergebnisse aus, aber die könne auch immer noch ganz blöde Nachrichten bringen.

Ich las weiter, inzwischen war es 20 Uhr. Zeit, sich ein Leberwurstbrot und den Rest vom Sauerkraut zu machen. Der Graf schlief ein Stündchen. Vorhin gab es noch ein Telefonat mit La Primavera und schon ist wieder Schlafenszeit. Ein völlig ereignisloser Rekonvaleszenztag.

Die anderen Einträge stehen hier.

31/01/2016
von kitty
6 Kommentare

Sonntagsmäander aus dem Plumeau

(tl;nr Alle krank hier.)

Das war alles ganz anders geplant. Es sollte heute ein Kaffeetrinken mit Kind und Mann geben, abends ein Diner in schönen Kleidern und anschließend Champagner.

Ist aber nicht. Am Mittwoch legte sich der Graf morgens nach dem Aufstehen wieder ins Bett. Ihm war nicht so. Ich darf ja da nie viel machen, nicht anfassen, kaum mit ihm reden, vielleicht mal Tee hinstellen. Ich schielte immer mal zu ihm ins Zimmer, wo ein zitterndes, hustendes Bündel unter den Decken lag und schlief, und schwankte zwischen „Nun übertreibt er aber wirklich!“ und „O-o! Vielleicht doch besser einen Arzt?“.
Am Donnerstag morgen ging es auch bei mir los. Nur hatte ich erst einmal einen Termin in Charlottenburg. Den wollte ich hinter mich bringen, danach etwas einkaufen und dann ab ins Bett. Aus einer Fahrt nach Charlottenburg wurden zwei, denn der Mensch von dem Termin hatte auf einem Formular ein ungeheuer wichtiges Kreuz vergessen.
Ich nahm am Hackeschen Markt, beim Umsteigen von der S-Bahn in die Straßenbahn, noch die Notwendigkeiten mit, die uns fehlten: Kaffee, Klopapier, eine Familienpackung Taschentücher für empfindliche Nasen und ein Großpack Hustentee.
Dann stellte ich mich noch 20 Minuten in der Post in der Torstraße an, um das Formular mit dem ungeheuer wichtigen Kreuz wegzuschicken.

BTW, die Post in der Torstraße ist noch eines der wenigen klassischen Postämter in Berlin. Außen graue preußische Repräsentationsarchitektur, innen die letzten Beamten, die sich dem goldenen Handschlag der Frühpensionierung verweigert haben. Ihre Kunden sind mittlerweile die internationalen Mitte-Menschen, die selten deutsch sprechen. Als ich hierher zog, gab es noch Genervtheiten, mittlerweile haben sich die vier oder fünf älteren Herrschaften, die dort arbeiten, darauf eingestellt und sprechen Post-Fachenglisch.

Zu Hause angekommen, warf ich die Einkäufe in die Küche, kochte auch für mich eine Thermoskanne Hustentee und legte mich hin. Dann drehte es mich durch den Wolf. Mit Schüttelfrost, Glühen und Schwitzen.
Am Abend wärmte ich etwas auf, der Graf hatte den zweiten Tag fast nichts gegessen. Wir saßen uns am Tisch gegenüber, stocherten im Essen, wollten lieber den Kopf auf den Tisch legen, ließen die fast vollen Teller stehen und gingen wieder ins Bett.
Ich hatte noch vor, mir die Haare zu waschen, weil ich am nächsten Tag ein Vorstellgespräch hatte, aber ich hatte kaum noch die Kraft aufs Klo zu gehen, an Kopf unter die Dusche und nasse Mähne striegeln war nicht zu denken. Ich verbrachte die Nacht zähneklappernd unter drei Decken, nebenan hatte der Graf Fieberträume.

Am Freitag Morgen nahm ich Aspirin Complex, das lässt einen ja für ein paar Stunden ganz normal in der Spur laufen, man muss nur hinterher Regenerationszeit haben, denn die Energie kommt vom inneren Dispokonto. Ich malte ich mir irgendwie ein Gesicht auf, machte mir so was wie eine Frisur, zog etwas Bürgerliches an, ging den Weinberg herunter und absolvierte vollkommen neben mir, aber halbwegs korrekt (unter Vermeidung von Klinken anfassen, Hände schütteln und Distanzunterschreitung) das Gespräch. Ich wollte es nicht absagen, die Firma hatte ohnehin viele Wochen gebraucht, um sich zu melden, dann wäre die Luft ganz raus gewesen. Ich sah es auch eher als Infogespräch, denn es ging nicht um eine Anstellung, sondern um eine freiberufliche Tätigkeit auf Provisionsbasis. Ich wollte wissen, ob das für mich mit dem Zeitrahmen, den ich mir gesetzt hatte, funktionieren könnte. Alle um mich herum sind ohnehin skeptisch, denn das würde mir die Möhre komplett erfolgsbasierte Bezahlung mit (wenn auch geringen) Betriebskosten vor die Nase hängen. Ich kann das, ich bin eine sehr gute Vermittlerin, aber das hatte ich 2010 nicht umsonst aufgegeben.
Wir verblieben so, dass ich mal einen Vormittag zuhöre, wie das Callcenter dort arbeitet.
Ich habe in dem Gespräch natürlich den Burnout und meine Einschränkungen, eine volle Arbeitszeit betreffend, nicht erwähnt. So mies wie es mir gerade ging und wie ich auch aussah, wäre ein Gespräch zum Thema allgemeine gesundheitliche Einschränkungen vollkommen in die Hose gegangen. Die Frau (sehr interessante Lady übrigens, diese Geschäftsführerin, man kann mit einem Soziologiestudium auch erfolgreiche Unternehmerin werden) hätte mich wahrscheinlich für eine lebende Leiche gehalten, so was verstärkt sich ja gegenseitig.
So ging sie durch die Biografie, die nun mal keine klassische Arbeitnehmerbiografie ist und pickte sich hier und da etwas raus. Was ich ihr nur sagen konnte war: Ich habe für alles, was ich mache, einen Grund. Kohle verdienen und von der Straße weg sein, ist in der Regel nicht der einzige. Ich will etwas mitnehmen und lernen. Da kam natürlich dann auch irgendwann der klassische „Und was machen Sie dann eigentlich hier?“-Ausdruck in ihr Gesicht.
Naja, egal.
Ich ging auf dem Rückweg nach Hause noch in die Bibliothek und holte mir drei fette Schmöker.

Wieder im Bett und nach einigen Stunden Schlaf kurz aufgewacht, googelte ich. So schlecht ging es mir zum letzten Mal vor 12 Jahren, als ich mir etwas im Flieger aufgeschnappt hatte. So, wie sich diese Erkältung anfühlte, mit dem komischen Husten, den starken migräneartigen Kopfschmerzen und dem sehr hohen Fieber war das wohl eine klassische Virusgrippe. Was man halt so beim U-Bahn fahren aufschnappt. Hrmpf. Hoffentlich hatte ich niemanden angesteckt.
Dem Grafen ging es an Tag drei wieder besser und er saß zumindest für ein paar Stunden im Sessel, sah allerdings immer noch sehr elend aus. Ich konnte nichts essen und nicht lesen, sondern schlief nur, das ist ein Zeichen, dass es wirklich ziemlich ernst ist.

Am Freitag nachmittag rief mein Vater an. Leider konnte ich ihm nur begrenzt die Ohren volljammern, um bemitleidet zu werden, denn er berichtete mir, dass er die Mutter vor ein paar Stunden ins Krankenhaus gebracht hatte.
Mist. Ihr ging es schon seit Wochen nicht gut, sie fühlte sich schwach und elend und brachte das mit den Betablockern in Zusammenhang, die man ihr verschrieben hatte.
Nun muss man wissen, dass meine Mutter aus irgendeinem Grund von Ärzten nie ernst genommen wird. Sie hat nicht das sehr präsente Krankheitsdrama-Auftreten ihrer Mutter Charlotte, sondern wird, je schlechter es ihr geht, immer leiser. In der Regel bekommt sie ein beherztes „Ham sie sich nicht so und nehmse ihre Tabletten, wir fühlen uns alle mal nicht gut!“ zu hören.
In den letzten Jahren wurden ihr zweimal sofort nach dem Messen des Blutdrucks Betablocker verschrieben. Ältere Frau, hoher Blutdruck, Standardtherapie, kann nicht schaden. Nur hat meine Mutter bis auf einige wenige Ausnahmen, wenn sie beim Arzt aufgeregt ist, wenn es zu heiß ist oder so, gar keinen hohen Blutdruck. Von den Betablockern geht es ihr scheinbar nur extrem Scheiße. Es gab weder eine 24-Stunden-Blutdruck-Kontrolle noch irgendeine andere Maßnahme, mal zu schauen, was ihr Körper da überhaupt macht.
Nachdem sie in den letzten zwei Wochen dreimal beim Arzt war, wegen extremer Schwäche und Schmerzen in der linken Schulter, wurde beim dritten Mal(!) ein Blutbild gemacht . Mit dem Ergebnis, dass sie am nächsten Tag morgens um 7 Uhr angerufen und dringend einbestellt wurde und drei Stunden später im Krankenhaus war. Sie ist schwer anämisch und bisher weiß man nicht, warum.
Verdammter Mist.

Hier ging das Krankenlager weiter. Zumindest konnte ich gestern wieder etwas essen. Der Graf hatte Chicken Madras vom Inder an der Ecke geholt. Aber einfach so rausgehen ist noch tierisch anstrengend.
Ich verbrachte den Tag mit Lesen und mal kurz die Augen zumachen, worauf meist wieder drei Stunden vergangen waren. Auch der Graf schlief fast den ganzen Tag.
Man kann sich dem einfach nur ergeben, vor sich hin jammern und warten, dass es wieder aufwärts geht.
Frühstück mit den Kindern, Diner und Champagner sind nur verschoben, aber nicht aufgehoben.