Vor fremden Türen gekehrt

Im Grunde habe ich wenig Lust, mich an der allgemeinen Männer-Frauen-Schimpfe zu beteiligen. Manchmal gerate ich nur ins Nachdenken.

Im letzten Jahr hat mir der Mann mit dem B viel von seiner gerade laufenden Beziehung erzählt. Eine patente, gebildete, attraktive Frau, drei, vier Jahre älter als er. Er wollte nicht so recht, aber aufgeben wollte er sie auch nicht. Es war schließlich angenehm, nicht allein zu sein. Durch sie hat sein Leben neue Aspekte bekommen: Wein, italienische Küche, Outfitberatung, kleine Stilkunde. Nein, der Mann mit dem B ist kein Troglodyt. Er ist ein sensibler und sehr geerdeter Mensch, der auf gewisse Äußerlichkeiten eben bis dato keinen Wert gelegt hatte. Und so lief die Liaison vor sich hin: Kurzurlaube, gemeinsame Abende und Wochenenden, Oper, Kino, Essen gehen.
Perspektive hat er der Frau in seinem Leben nicht gegeben. Das wußte zumindest ich. „Blockiere ich sie?“, hat er sich gefragt. Nur, daß das für ihn ein Thema war, hat sie so klar nie erfahren.
Sie war offen. Das mußte sie auch. Denn ihr Problem war banal. Auf ihrer biologischen Uhr war es fünf Sekunden vor Zwölf. Nachdem sie die letzten acht Jahre mit einem Mann verbracht hatte, der für viel Spaß, aber weniger für eine Familie geeignet war, war sie unter Druck. Sie wollte ein Kind und sie wollte es von dem Mann mit dem B.
Seine Antwort war: Nein, das kann ich mir nicht vorstellen (und er ist keiner von denen, der Angst hat, nicht mehr im Mittelpunkt einer Beziehung zu stehen, denn er hat schon zwei Kinder). Sie reagierte versöhnlich und gab ihm Bedenkzeit.
Mir gegenüber wurde er konkreter: Er kann sie sich mit einem Baby im Arm nicht vorstellen, sie sei einfach zu alt. Kinder mit einer anderen Frau zu haben, das könne er sich durchaus denken. Und nach der Frau für das Große, Echte, Richtige, für LIEBE und nicht nur so eine Beziehung wie jetzt, suche er noch immer.
Irgendwann ging es natürlich schief. Da hatte er bereits ein halbes Jahr Nebelkerzen geworfen und sich nebenbei diskret nach dem Großen, Echten, Richtigen umgesehen. Und sie hatte nett und brav stillgehalten und gehofft und natürlich ziemlich hinterv… auf jegliche Verhütung verzichtet.
Nein, schwanger ist sie nicht geworden. Die Beziehung implodierte an einem winzigen Konflikt. Und so suchen sie heute noch. Er nach dem kosmischen Gefühl von LIEBE und der Frau, mit der er noch einmal Kinder haben will. Sie nach dem Vater für ihr Kind.

Zweiter Schauplatz. Ein Paar, das zweieinhalb Jahre zusammen ist. Es war euphorische große Liebe. Es war einfach und unkompliziert. Es paßte, trotz oder grade wegen 20 Jahren Altersunterschied. Und nun ist es schwierig.
Auch mit diesem Mann bin ich befreundet, hier fehlt mir allerdings die Innensicht, wir reden wenig über solche Sachen. Aber ich habe die Außensicht. Er ist wie immer, ein wenig schrullig und eigenbrötlerisch, aber inspririerend und vielleicht derzeit ein wenig gedrückt/unter Druck. Sie ist auch wie vor zweieinhalb Jahren. Süß, nett, sehr weiblich und immer ein klein wenig overdressed, megasexy und bereit, sich von ihm abschleppen zu lassen. In einem permanenten Werbungsverhalten ihm gegenüber. Ein paar Mißtöne sind dazugekommen. Plakatives Erwähnen von Ex-Typen in einer großen Runde, heftiges Tanzen mit anderen und die Forderung, daß er mehr und planbare Zeit mit ihr verbringen soll.
Die Sache tritt auf der Stelle. Aus ihrer Sicht gehört sicher mittlerweile etwas Butter bei die Fische: Zusammenziehen und weitere gemeinsame Projekte. (Vielleicht auch Kinder. Obwohl er nie einen Hehl daraus gemacht hat, daß er Kinder haßt.) Er wundert sich wahrscheinlich, warum sie plötzlich so einen Streß macht. Es ist doch alles so wie immer. Und es sollte doch auch so bleiben. Und warum will sie etwas von einem Mann, was sie von ihm wahrscheinlich nie bekommen wird?
Ich glaube, sie hat eine Affäre, ich ahne sogar, mit wem. Aus Trotz, um zu beweisen, daß sie ihn und vor allem seine Ignoranz gegenüber ihren Wünschen nicht braucht.
Warum ist ein Mann so oberflächlich? Warum verliert eine Frau so ihre Würde?

Manchmal habe ich das Gefühl, solche Beziehungen laufen wie die Konversation auf einer dieser unsäglichen Giraffenpartys. Jeder braucht seinen Gesprächspartner, allein herumstehen ist peinlich. Man sagt sich ein paar Nettigkeiten, bleibt rücksichtsvoll auf der Konsensebene, denn es geht ja um nichts anderes als ein angenehmes Gefühl. Und nebenbei reckt man den Hals wie eine Giraffe, um dem Gegenüber über die Schulter zu schauen, wer da noch so interessant wäre. Auf der Suche nach dem großen, sorgenfrei machenden Deal.

Aber warum verlieren wir plötzlich unseren gestalterischen Mut und unsere Kreativität? Warum bleiben wir in der Beziehungsgestaltung passiv? Hoffen, daß wir von Emotion, vom Schicksal überwältigt und quasi willenlos werden. Sind der festen Meinung, daß das auch irgendwann passieren wird, wenn nur der oder die Richtige endlich da ist. Warum nehmen wir in dieser Hinsicht das Schicksal nicht einfach in die Hand? Wenn wir so arbeiten würden, wie wir lieben, nämlich faul, ängstlich, drückebergerisch und vermeidend, wären wir Sozialhilfeempfänger.

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Aus der Asche

In meiner heiligen Halle riecht es heute wie in Bitterfeld 1985 im Februar bei Nebel. Wieder mal eine Sache, die ich bei meiner Wohnungsuche im letzten Jahr nicht beachtet habe. Daß mein Hof an zwei Seiten von Straßen umgeben ist, die ihren billigen Wohnraum Kachelöfen verdanken. Und vorzugsweise wird stinkende Schwefelbraunkohle verfeuert. Ich dachte, die gibts gar nicht mehr.
Was mich in der Assoziationskette weiterspringen läßt nach Leipzig.
Ich war nämlich am Wochende zum ersten Mal seit den 80ern wieder in Leipzig. Die weisen Geschichten von früher laß ich jetzt mal stecken. Die würden ungefähr so anfangen: „Leipziger Schule? Pah, als ich damals mit Judy in Leipzig auf der Party von Soundso, das war noch Kunst!“ Also, vergeßt es, Babys.
Leipzig ist eine wunderschöne, saubere, sensibel restaurierte Stadt geworden und hat nichts mehr zu tun mit dem nur noch unter Vorbehalt bewohnbaren Dreckloch von früher. An den Rändern gibt es Subkultur und auch die Pfeffersäcke fühlen sich wohl, wenn sie auch nicht so zahlreich wie erwartet mit Frau und Kind eingeritten sind.
Auch für mich wäre eine Firmenadresse in Leipzig oder Dresden problematisch, wenn nicht sogar geschäftsschädigend. Schade eigentlich. Gegen eine 190 qm-Wohnung im Waldstraßenviertel hätte ich nichts oder ein Gartenhaus in erinem Hinterhof in der Südstadt.
Was mir wieder eine Erinnerung beschert: Die Gartenhausbesetzung in der Südstadt. Es wurde aufgebrochen, die Wände gestrichen, eine riesige Einweihungsparty gefeiert. Dann waren Semesterferien. Und als die Besetzer wieder da waren, war das Gartenhaus fast leer. Die Nachbarn hatten geschaut, was sie gebrauchen konnten. Und als Klaus, die Maus dann auch noch einen Stromschlag bekam beim Anfassen der Wand, da waren die Besetzerträume ausgeträumt und die vier Studenten gingen in ihr Wohnheim im Plattenbau zurück. Das, wo im Hausflur noch die Ulbrichtbilder von der Einweihung hingen.
So, das wars aber für heute mit den alten Geschichten.

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Sehenden Auges

Was will ein Fotograf? Warum bringt er eine technische Apparatur zwischen sich und die Welt? Warum friert er den Augenblick ein? Warum bleibt er doch so nah an der Realität?
Als Kind bin ich fast totfotogafiert worden. Mein Großvater hat in meinen ersten fünf Lebensjahren hunderte Bilder von mir gemacht.
Heute sehe ich im Jahr tausende Fotos von anderen Menschen und bin darauf trainiert, Menschen anhand ihrer Fotos ein-zu-schätzen, im Wortsinn. Mehr und mehr beginnen mich nicht die Motive selbst, sondern die Geschichte des Augenblicks zu interessieren.
Klar, jetzt winken die ersten abgeklärt ab: „Maler und Modell, kenn wir doch, Amphytrion, sach ich nur…“ Und ich wage zu behaupten, das ist es gerade nicht. Der Maler malt seine innere Welt. Der Fotograf begibt sich in Stimmungen, Intimitäten, Menschengruppen. Er ist ein Voyeur und Zeuge. Er zeigt uns das, was er gesehen hat, was ihm gezeigt wurde.
Die Beziehung zwischen den Menschen vor und hinter der Kamera ist fragil. Wer meint wen? Und wer meint es ehrlich? Wer nimmt Anteil? Wer holt sich nur sein Bild ab und verschwindet dann? Was sucht ein Fotograf bei seinem Gegenüber?
Ich merke, daß ich mehr Fragen formuliere, als ich Antworten zu geben vermag. Ich muß zu Beispielen übergehen.

Freundliche, exotische Menschen. Ganz nah. Die Schönheit des Andersartigen, des Fremden. Ein Tagebuch mehrerer langer Reisen, vor allen durch Asien. Wunderschöne Fotos und das Postulat einer Gegenwelt. Schön ist es woanders. Menschlich auch. Was würde die Fotografin hier sehen? Eine Fronleichnamsprozession in Schwaben. Betende alte Menschen in der Dresdener Hofkirche in der Nacht des 13. Februar. Aufgekratzte Türken in Kreuzberg zum Zuckerfest. Menschen, die ihren Weihnachtsbaum schmücken.

Porträts von Günter Linke. Was für ein Kampf mit ihm. Ich wollte schöne Menschen sehen. Starke Männer und begehrenswerte Frauen. Er hat diesen Dienst widerwillig geleistet und dann seine eigenen Fotos gemacht. Er hat so lange gewartet, bis alle Posen aufgegeben, alle Masken gefallen waren. Er hat auf die Essenz gewartet, den Charakter, den wirklichen Zustand. Das war nicht immer schmeichelhaft. Wenn ein junger Mann mit unverwirklichten Höhenflügen plötzlich als kleiner Junge dasteht, der glaubt, zu kurz zu kommen. Manchmal war es auch eine Entdeckung. Wenn in den Augen eines schönen, aber ewig zu braven Mädchens plötzlich unverholene Aggressivität auftaucht und sie endlich zu einer interessanten Frau wird. Oder das Foto eines Prominentenpaares in seinem Garten. Sie strahlen nicht, sondern stehen nebeneinander, als würden sie sich gestört fühlen. Wenige Tage später wird der Mann sich umbringen.

Die Bilder, die mein Großvater von mir gemacht hat. Erst war mir die Kamera nicht bewußt. Ich kleines Kerlchen wurde von ihm beobachtet. Dann war es selbstverständlich und lustig, fotografiert zu werden. Ein kleines Kind hält sich sowieso für den Mittelpunkt der Welt. Je älter ich wurde, desto anstrengender wurde es. Ich wurde aufgebaut und mußte minutenlang mit aufgerissenen Augen in die Sonne starren. Er war mit diesen Bildern von einem trampligen, frustruierten Teenager nie zufrieden. Er hat in mir etwas gesucht, das ich nicht geworden war. Jahre später, er war schon sehr alt und hatte das Fotografieren aufgegeben, habe ich ihm noch einmal die Kamera in die Hand gedrückt. Das Ergebnis war eine Serie biestiger, ambitionierter Modelposen einer schönen jungen Frau. In jedem Bild meine Frage: gefalle ich dir jetzt wieder?

Ein Geschäftsleute-Paar vor der Kamera. Der Mann frontal, mit hängenden Armen und einem fast verzückten, wenig professionellen Lächeln. Die Frau steht seitlich, riegelt den Raum zwischen dem Mann und der Fotografin mit ihrem Körper ab. Ihre Arme sind verschränkt und Ihr Blick ist freundlich, aber beobachtend. Dies ist der Beginn einer Dreiecksbeziehung.
Das Porträt eines Mannes. Der Bildausschnitt ist sehr nah. Er liegt irgendwo in der Sonne, am Strand vielleicht und wird in dem Moment, als er lächelnd die Augen öffnet, fotografiert. Die Falten zwischen seinen Augenbrauen verraten, daß er sonst ein harter, strenger Mensch ist. Für einen Moment hatte ich mich in dieses Bild verliebt. Bis ich begriffen hatte, daß Blick und Lächeln der Fotografin galten.

Menschen, die Fotografie nicht in ihrer Kultur kannten, wollten oft nicht vor die Kamera. Der Fotograf würde ein Stück Seele mitnehmen. Vielleicht ist das auch so.

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