Verkehrte Welt

Auf dem knallgrünen Rasen vor meinem Balkon baut der Hausmeister einen Weihnachtsbaum auf. Auf dem Kurfürstendamm steht Rudi, das rotnasige Rentier unter Platanen, die noch alle Blätter haben. Und ich war am Sonntag noch im Schlachtensee schwimmen. Wobei das dann doch schon ziemlich kalt war.

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Vitamin N

Heute öffne ich eine geschäftliche Mail und mir springt der Satz mir geht es nicht ums Geld, ich will Nähe in die Augen.
Panik. Das passiert mir innerhalb von drei Tagen zum zweiten Mal. Was habe ich falsch gemacht? Passiert Übertragung nicht nur in der Analyse sondern auch im Dienstleistungsbereich? Welche Position bekomme ich in einem anderen Leben, wenn ich mich um bestimmte Bereiche kümmere? Vor Jahren ist mir etwas ähnliches passiert. Ich bekam in einer Auseinandersetzung den Satz Und ich dachte, wir sind befreundet. zu hören. Meine Antwort: Nein. Wie auch? Ich arbeite mit dir und ich schätze dich sehr. Aber Freundschaft ist für mich etwas anderes.
Trotzdem sind meine Freunde zum größten Teil aus der Branche, in der ich arbeite. Das sind jahrelang gewachsene Verbindungen, in denen erst der letzte Schritt das eine oder andere gemeinsame Projekt war, in dem es dann auch um Geld und Verantwortung ging.
Im Grunde geht es uns allen darum, akzeptiert und wahrgenommen zu werden. Schon wenn ich diesen Satz aufschreibe, merke ich, wie abgedroschen solche Worte sind. Einfach zu oft gesagt.
Bin ich zu dünnhäutig und damit wieder zu dick gepanzert? Oder ist das einfach ein krummer Deal? Denn letztlich geht es um Geld. Natürlich will ich Nähe. Aber die Menschen dafür würde ich mir schon gern selbst aussuchen.
Für meinen inneren Kreis bin ich in fast jeder Lebenslage da. Für HeMan ohne Ausnahme in guten wie in schlechten Zeiten.
Verdammt.

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googeln

Die Firmenadressen durchwühlend wie ein Trüffelschwein muß ich feststellen, daß die Konzentrations- und Schrumpfungsprozesse in der Medienbranche spürbar sind. Abgesehen von der Generation, die im Namen des Jugendwahns schon um die Jahrtausendwende aus dem Markt flog (und im Internet kaum vorkam), kommen jetzt Leute dazu, die im Grunde genommen noch zu jung sind.
Ihre Spuren verlieren sich. Plötzlich sind die letzten Fundstellen 2-3 Jahre alt. Dann tauchen als Dozenten auf, dann als Consulter, dann gar nicht mehr.
Oder die Ausgebrannten. Oft jünger als ich. Hier eine Förderung, dort ein Projekt, da ein Leitungsjob, über Jahre. Und dann nichts mehr. Nicht einmal eine Erfolgsmeldung für ein Literaturstipendium. Auch nicht in anderen Städten. Schreiben die jetzt alle unter Pseudonym?
In Google nicht gefunden zu werden, gleicht einer Todeserklärung.
Mich gibt es Gott sei Dank noch.

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Schubert im November

Gestern abend Premiere von Winterreise. So ein Gefühl habe ich lange nicht mehr im Kino gehabt. Zwischen ich geh gleich raus, das halt ich nicht aus und Wahnsinn und nee, das meint ihr doch jetzt nicht ernst oder? und ziemlich großes Kino.
Ein hammergeiles Buch, ein phantastischer Hauptdarsteller, Regie und Kamera kippen den ganzen etwas älteren Stoff dann noch jugendlich-ambitioniert auf die Seite und dann haben wir den Salat. Zu Tränen rührende Details und doch will das alles nicht zueinander. Immer wieder zerspritzelt alles wie ein Kaleidoskopbild. Aufnahmen von Himmel, Bergen und Städten in Kenia. Winter in Bayern dagegengesetzt und dazu Schubert Fremd bin ich eingezogen. Und Bierbichler singt, ich könnte mitheulen wie ein Wolf und es schneit. Und dann schreit er wieder rum, wie den halben Film durch und ich habe das Gefühl, ich bin in einer schlechten Theaterinszenierung. Lieber junger Regisseur, einem Schauspieler von dieser Stärke darfst du einfach nicht solche Freiheit geben. Der spült doch alles weg. Stell dich dagegen. Das hast du nicht geschafft.
Was ist geblieben?
Im Kopf setzt sich die Story neu zusammen. Die Geschichte eines sich in Saft und Kraft wähnenden Erfolgsmannes an dem die Zeit gnadenlos vorbeigegangen ist. Seine Welt und die Welt da draußen sind nicht mehr deckungsgleich. An dieser Bruchlinie existiert eine Zwischenwelt aus Aggression, Verzweiflung und panischer Zuversicht.
Einen der schönsten Schlüsse der jüngeren Filmgeschichte haben sie gewagt. Sie erzählen die Geschichte eines Mannes, der sich in Kenia gefunden hat. Er ist … – ansehen, kann ich da nur sagen, ich verrate nichts.
Schubert ist geblieben. Ich habe heute meinen Mezzosopran geölt, ihn ein bißchen runtertouren lassen, damit ich die Tenorlage kriege und habe gesungen, was ich aus der Winterreise kenne. Und als Zugabe An die Musik mit allen hysterisch-elysischen hohen Tönen. Und dafür mußte ich nicht mal unter die Dusche steigen.

httpv://youtu.be/Bm_AKMV0ME0