Im September 1999 haben wir uns zum ersten Mal getroffen. Nachdem wir über eine Flirtline viele eMails geschrieben und unser Leben voreinander aufgeblättert hatten.
Ich suchte eine kleine Sommeraffäre. Die ich dann mit einem anderen hatte und die – trotz ihres unglücklichen Verlaufs – meine immerhin zehn Jahre dauernde Beziehung kollabieren ließ.
Er suchte einen Ausweg aus einer Ehe mit zwei Kindern und einer Frau, die ihn offen betrog.
Jeder von uns hatte ein Bild vom anderen im Kopf, projiziert aus Selbstbeschreibung, den Geschichten aus den Mails und sehnlichen eigenen Wünschen. Denn damals hatte man es noch nicht so mit Fotos schicken.
Ich ging zu unserer ersten Verabredung. Es war um halb neun Uhr abends schon dunkel, ging auf den Herbst zu.
Und: Ich, das war damals eine Mischung aus Arroganz und Hype, schließlich boomte der Neue Markt und meine Firma lief unter Hochdruck, und Angst und Zweifel, denn ich hatte mit der Trennung meiner pubertierenden Tochter gerade den (Zieh-)Vater weggenommen und sie drohte an der Probezeit des Gymnasiums zu scheitern.
Er stand schon im Dunkeln, als ich auf die Schiffskneipe zulief, sprach mich von der Seite an, ich warf nur einen kurzen Blick auf die schemenhafte Gestalt und wußte, daß das alles ein großer Irrtum war.
Es hat Jahre gedauert, bis ich endlich formulieren konnte: Sorry, du bist einfach nicht mein Typ. Obwohl ich glaubte, es ihm wieder und wieder gezeigt zu haben. In diesen Jahren war ich mit einem anderen Mann auf einem Psycho-Horror-Trip, den wir Liebe nannten und er ließ sich scheiden und hatte zeitweise einen kleinen Harem.
Er blieb immer am Ball. Die Rose unterm Scheibenwischer, die jährliche Mail, als ich anderweitig verpflichtet war. Krankenhausbesuch, Lampen aufhängen, Whiskyabende. Das Geständnis, seine Firma nur gegründet zu haben, um mir zu imponieren… Ich war am Verzweifeln. Was sollte das? Wollte er warten, bis ich in einer völlig ausweglosen Situation und für sein Dasein dankbar war, um mich dann zu bekommen?
Ich mochte ihn sehr, aber nicht als Mann und potentiellen Partner. Für mich war er Verwandschaft. Unendlich näher und damit uninteressant.
Irgendwann hab ich es rausgeschrieen, per Mail: DU MACHST MICH NICHT AN! Dafür schäme ich mich noch heute. Aber dieser Bruch hat die aussichtlose Jagd zu einer tiefen Freundschaft verwandelt. Nach einer Schmollphase natürlich. Aber dann konnten wir plötzlich über unsere Berufs- und Beziehungsangelegenheiten reden und wir sind so manchen Sommerabend im See bei Körbiskrug baden gegangen.
Und wir watschen uns gegenseitig ab, wenn auch sehr achtungsvoll. Er mich für mein Beziehungsdramabedürfnis. Na, mal wieder ein bißchen prickelndes Chaos gefällig? Ein bißchen Leiden, verliebt fasten und schlaflose Nächte verbringen? Ich ihn für seien Hang zu unerreichbaren Frauen. Ah ja, sie ist verheiratet, hat drei Kinder, hat gerade mit ihrem Mann ein Haus fertig gebaut und du hast sie gesehen und ihr seid wie füreinander gemacht. Klar.
Wir sind jetzt im siebenten Jahr. Wenn wir ein Paar geworden wären, würden wir jetzt zu anderen Ufern aufbrechen. So haben wir noch alle Zeit der Welt.
Blogger Blind Date
Und nach einem reichlichen Jahr der Spurensuche, Wortwechsel und Linkmarkierungen habe ich zum ersten Mal einige Exemplare zu Gesicht bekommen.
Da hieß es plötzlich:
pst! he du da
wer, ich?
pst! ja,du
was denn?_
_pst! willst du heute mit dabei sein?
ja, gern!
pst! du kriegst ne sms!
ganz so geheimnisvoll war es nicht und hätte es nicht sein müssen, wenn ich meine Schwellenangst zu anderen Gelegenheiten überwunden hätte und zu einer der diversen Bloggerlesungen gegangen wäre.
So durfte ich mich freuen, den aufgehenden Vollmond des beginnenden 1. Juni mit Frau Wortschnittchen, Mr. Lucky, Mme Modeste und dem (offline gegangenen) Ereignishorizont zu verbringen. Geschart um Glam, der mit uns in einer Kaskade süffigem Schloß Schießmichtot in seinen Geburtstag rutschte. (Sekt in Kreuzberger Szenebars, ein Kapitel für sich!)
Und ich war scheiße aufgeregt, als ich in Richtung Schlesische Straße radelte. Hielt vorm vereinbarten Lokal, peinlich verspätet, weil ich es selbst noch nach einem Jahr Kreuzberg schaffe, mich zu verfahren und dachte angesichts einer Runde Studenten an einem Tisch: Oh Gott, wenn die das sind, dann bist du die Oma. Die sind ja alle Anfang 20, die Jungs haben ja noch Flaum im Gesicht! Aber das Rufus Wainwright-Shirt entdeckte ich zwei Tische weiter.
Klasse, plötzlich die Menschen zu den Worten. Ein Charakterbild, Andeutungen von Biografie, plötzlich werden Zusammenhänge klar. Für mich kontaktscheuen Menschen eine happyhappy-Situation. (Hab schließlich auch anderthalb Jahre Filmgruppentreffen gebraucht, um einigermaßen mit den Leuten warm zu werden.)
He, ja, prima, war schön und hat mich sehr gefreut!
Die Google-Sucher
Während er meine Frau fickt, passe ich auf die Kinder auf.
Mir kommen die Tränen Baby. Mach dir mal klar, daß es von einer Frau selbstverständlich erwartet wird, auf die Kinder aufzupassen. Egal ob der Alte gerade arbeiten geht oder eine andere fickt.
Und seit zwei Stunden
sitz ich in einem Kreuzberger Ecklokal und einen schwarze Lady spielt den Blues. Und ich kenne fast jede Zeile und singe mit in meinem Eckchen.
Und wenn der Text mal nicht nicht reicht, dann googele ich schnell unter lyrics.
So schön kann Karaoke sein,