Da habe ich grade eben in einem akuten Süß-Anfall nach dem Nutella-Glas gegriffen, das immer fürs Kind und HeMan bereit steht. Das passiert mir so einmal im Jahr, wenn ich zu faul bin, vor die Tür zu gehen und Schokolade zu holen, sonst mach ich mir nichts draus.
Ich beiß in das Schnittchen und spucke das Zeug gleich wieder aus: widerlicher Geschmack nach muffigem Fett. Ein Blick auf das Etikett verrät mir: drei Monate über Haltbarkeit.
Und HeMan hat heute morgen noch davon gegessen, ohne mit der Wimper zu zucken!
Instant Depression
Der gleichnamige Artikel war schon um die Mittagszeit geschrieben und beim Speichern ist er zu meiner Erleichterung wg. Abriß der Netzwerkverbindung verloren gegangen.
Es war einer von den düsteren Regen-Montags-Mittagen, wo nix mehr geht, außer ab ins Bett und Decke über den Kopf ziehen.
Absolut Endzeit, nicht mal mehr Kraft für Weltzschmerz. Ich entwarf Szenarien von vor die S-Bahn schmeißen (macht so eklig viel Dreck) bis vielleicht reichen die Schlaftabletten? (ich besitze leider keine). Als ich weiterspann, wie ich arrangieren könnte, im letzten Moment gefunden zu werden und dann sind alle gaaaaanz lieb zu mir, wußte ich, daß ich auf dem Weg der Besserung bin.
Sachen gibts.
Gleimkiez die zweite
In den letzten Wochen vor dem Auszug aus dem Flußhaus wachte ich nachts schreiend auf. Pavor nocturnus heißt das, so weiß ich mittlerweile. Ein Freund zitierte Heiner Müller: alles Neue kommt mit Schrecken. Was mir in diesem Fall nicht wirklich half.
Für die Firma war relativ schnell ein Büro im Prenzlauer Berg gefunden. Mit der Wohnungssuche tat ich mich schwerer. Alles, was so ungefähr meinen (bereits heruntergeschraubten) Vorstellungen entsprach, war allerhöchstens für Doppelverdiener bezahlbar. Und der Rest, den ich besichtigen durfte, war eine Frechheit. Zweizimmerwohnungen, ein Durchgangszimmer, das zweite nicht heizbar, auf deren Böden sich alter PVC-Belag wellte. Dustere Kopfschußbuden in unrenovierten Häusern, die vorn einen Blick auf die Eberwalder Straße und hinten einen auf eine Beton-Mauer hatten. Gehypte „Luxuswohnungen mit amerikanischer Küche“, wo ein großes Altbauzimmer mit einer Mauer getrennt und in einem der entstandenen Schläuche drei Küchenschränke und ein Herd an die Wand gestellt wurden, dazu ein marmorgefliestes, fensterloses Minibad.
Ich weiß nicht, was mich an diesem Augusttag geritten hatte, als das Kind und ich zusammen mit einer Herde Studenten auf einen Besichtigungstermin in einem Haus unweit des Mauerparks warteten. Die Wohnung war ok. Zwei separate große Zimmer, ein langer Flur mit Zwischenboden, Küche und Speisekammer, gefliestes Bad, Stuck an der Decke und abgezogene Dielen. Der Haken: Erdgeschoß im Hinterhof und Außenwandgasheizer. Ich sagte ja, nachdem ich mir und dem Kind die Wohnung kräftig schöngeredet hatte. Außerdem hatte ich bei Besichtigungen ab dem zweiten Stockwerk heftiges Unbehagen verspürt, denn ich hatte Angst davor, irgendwann aus dem Fenster zu springen.
Ich verbrachte vier Wochen Urlaub, die mir mein zeitweiliger Firmenpartner wegen völliger Überarbeitung gab, damit, das Bad neu zu fliesen und die Wasserleitungen zu verkleiden. Danach ging es mir gesundheitlich noch schlechter (was ich mir auch an allen vier Fingern hätte ausrechnen können).
Der Umzug im November war eine Trauerfeier. Ich lief herum wie ein Zombie. Nur einmal wurde ich wach, sehr wach. Wir räumten noch verbliebenen Sperrmüll aus dem Haus, während ein graziler, fast unterernährter Afrikaner, den uns die Tusma geschickt hatte, versuchte, die Wohnung zu streichen ohne zusammenzubrechen.
Ich vermißte in einer der Kommoden meine Steinsammlung, fossilie Seelilienstängel, die ich jahrelang zusammengetragen hatte. Der Mann mit dem ich diese hysterische on-off-Beziehung führte druckste herum und rückte wenig später doch damit heraus: er hätte diese phallischen Dinger nie leiden können und sie deshalb vom Steg herab ins Wasser entsorgt. Und so sprang ich an einem grauen Novembersonntag, es schneeregnete, mit einem Wutschrei und meinen Schuhen und Klamotten ins Wasser, um zu retten, was ging.
Unser Ghetto, wie das Kind den Gleimkiez nannte, war schön. Vorn an der Straße war einer der besten Bäcker Berlins, in zweihundert Meter Entfernung die Kleine Eiszeit, das Colosseum-Kino, Boutiquen, Schnuppi- und Schnulliäden und jede Menge coole junge Menschen.
Sofern die coolen jungen Menschen in unserem Haus wohnten, borgten sie bei uns Stühle für ihre lautstarken Parties und wenn sie im Morgengrauen gingen, legten sie gern noch eine Zigarettenpause vor meinem Fenster ein, um laut über ihre Mitgäste zu lästern. Das Kind war leider noch nicht in dem Alter, wo sie mitfeiern wollte. Und überhaupt waren wir dort unter „das Lesbenpaar aus dem Erdgeschoß“ registriert, was sie schwer beschämte.
Die Luxusprobleme der Menschen über uns krass, mein Alter will mir die Kohle streichen, wenn ich noch mal wechsele waren nicht unsere. Wir betreiben an einem Ende der Küche einen Wandgasheizer, der uns fast ersticken ließ und an der einzig möglichen Stelle, wo der Küchentisch stehen konnte, herrschten freundliche acht Grad. Ich kaufte einen Elektroheizer dazu, damit wir morgens nicht zitternd frühstückten. Die Gasheizungen in den Zimmern erzeugten Feuchtigkeit, die Wäsche wurde nicht trocken und zusammen mit der aus dem Keller aufsteigenden Kälte kam der Schimmel. Nach vier Wochen signalisierte mir der Geruch, daß meine Matratze an der Unterseite Stockflecken bekommen hatte. Natürlich hätten wir mehr heizen müssen. Doch wenn wir in kalten Nächten die Heizer anließen, rechnete ich morgens aus, daß wir gerade die für den halben Monat kalkulierten Heizkosten verbraucht hatten. Dazu kam die Dunkelheit. Die Wohnung sah nur in den Spätsommertagen, an denen wir sie besichtigt hatten, vereinzelte Sonnenstrahlen. Sobald ich zu Hause war, machte ich das Licht an und schloß die Gardinen, weil ich keine Lust hatte, mir ins Zimmer sehen zu lassen. Das mag zum Lachen klingen, aber in dieser Wohnung war ich nicht einmal in der Lage, heimlich, still und leise im Bett zu onanieren (von Sex ganz zu schweigen). Ich hatte das Gefühl, die Leute, die über den Hof laufen, gehen durch mein Zimmer. (Kein Wunder am Fluß hatten wir in 250 Meter Umkreis niemanden.)
Im Frühjahr kamen juckende Stiche auf meiner Haut dazu. Jeden Morgen hatte ich neue. Wutentbrannt rief ich bei der Hausverwaltung an. Meine Vermutung war: Wanzen. Doch der Kammerjäger beruhigte mich. Es waren „nur“ die Flöhe vom Hund meines daueralkoholisierten Nachbarn.
Der Sommer ging einigermaßen. Wir lagen im Mauerpark in der Sonne und das Kind war am Wochenende bei ihrem Freund, die Sommerferien verbrachte sie in Kanada. Aber wir wußten, daß wir nicht noch einen Winter hier bleiben wollten. Unsere Pläne waren diffus. Das Kind sprach davon, auszuziehen.Wir besichtigten sogar einige Einzimmerwohnungen in der Nähe. Finanziell war das kein Problem, wie wir später mitbekamen. Durch eine Lücke in den Hartz-Gesetzen wären ihr der Umzug und Unterkunft und Lebensunterhalt bezahlt worden. Aber so clever waren wir nicht. Außerdem wäre es für mich wirklich das Letzte gewesen, vom Amt zu leben. Mir war es peinlich genug, für diese billige Bude sechs Monate lang Wohngeld zu beziehen. Aber die Zeiten waren hart. (Erst jetzt packen die Medienleute aus, wie es ihnen in den letzten Jahren ergangen ist. Die Schauspielerin, die im Callcenter Lottoverträge vertickt hat, die Werbetexterin, die sich ein Jahr lang in ihrer Wohnung verschanzte und von Müsli lebte. – Diese Liste läßt sich sicher fortsetzen.)
Ich hatte nichts als Blasen im Kopf. Mal besichtigte ich einen Bauernhof in der Prignitz, um in Zukunft von Landwirtschaft und Ziegenkäse zu leben, mal wälzte ich Pläne, um auf dem Grundstück meiner Eltern oder meiner Oma ein Blockhaus selbst zu bauen bzw. zwei Wohn-Container aufzustellen. Außerdem hatte der neue Besitzer des Hauses eine Sanierung bei lebendigem Leib angekündigt. Umsetzwohnungen gäbe es nicht, wer gehen wolle, könne gehen. Ansonsten wären Dreck und abgestelltes Wasser hinzunehmen.
Wie in so vielen Fallen hatte das Leben eine Lösung parat. In diesem Fall in Form eines Problems. Aber wie heißt es so schön: Probleme sind Lösungen.
Auf dem Rückweg von einer Preisverleihung in Köln hatte ich mich so stark erkältet, daß ich freiwillig im Bett bleib und meinen Teil der Geschäfte von dort aus weiterführte. Zwei Tage später ging es mir immer noch nicht besser. Im Gegenteil. Ich wachte morgens auf und konnte mich nur noch unter Jammern umdrehen. In meinem Bauch war etwas gewachsen, das die Größe einer Viermonatsschwangerschaft hatte. Und das drückte so auf die Rückennerven, daß ich vor Schmerzen heulte. Eine Odysse zu Ärzten begann. Mein Gynäkologe am Stadtrand, zu dem ich mit letzter Kraft gefahren war, zuckte nur die Schultern. Er hätte mir schon seit fünf Jahren gesagt, daß diese Geschwulst raus müsse und daß sie irgendwann entzündlich explodiert, hatte er mir auch schon prophezeit.
Bis zum OP-Termin blieben mir fünf Wochen, in denen ich eine neue Wohnung finden und den Umzug organisieren mußte. Denn nach dem Eingriff konnte ich nicht einmal einen Schrubber halten, geschweige denn eine Wohnungsanierung durchstehen. Nebenbei kam eine wichtige Präsentation in der Firma in die Endphase. Eine Arbeit, die über den Gang der Geschäfte für die nächsten zwei Jahre entscheiden würde. Kurz und gut: Es war die Hölle.
Kurzentschlossen mietete ich eine Wohnung im Plattenbau. Groß genug für mich und das Kind, unproblematisch heizbar, ohne Fugen, aus denen die Kälte oder Tierchen krochen, bezahlbar, weil Genossenschaft, mit der richtigen Größe für Unterstützungswürdigkeit bei sozialem Absturz, denn ich hatte Angst, daß in diesem Fußball in meinem Bauch der Krebs nistete.
Am Tag instruierte ich die Praktikantin, wie sie mich vertreten konnte und tat am Telefon so, als wäre alles in Ordnung, am Abend packte ich Kisten, die ich eigentlich nicht einmal mehr heben durfte.
Ich begriff: Ich war ganz unten angekommen. Es konnte nur besser werden.
Gangbangs unter Enten
Jetzt wird es romantisch und sentimental.
Ich wollte aus dem Käsekästchen raus, wo wir in Ermangelung einer Couchzu dritt im Bett vor dem Fernseher saßen und unser sonntagabendliches Kartoffelgratin aßen. Die Berliner Wohnungskrise war 1996 noch nicht absehbar, allein in Potsdam gab es den einen oder anderen Leerstand. Den wir pflichtschuldigst besichtigten und uns dann gegen eine Residenz vor den Toren Berlins entschieden, Marmorbad hin oder her.
Am liebsten wäre mir eine der großen Altbauwohnungen am Schöneberger oder Wilmersdorfer Stadtpark gewesen. Aber die gingen zu dieser Zeit nur mit horrenden Abstandszahlungen über den Tisch.
Und so begann ich am Stadtrand zu suchen, auch mit dem Gedanken, daß es nicht schlecht wäre, wenn das Kind die Straße auch mal ohne Geleitschutz eines Elternteils betreten könnte.
Und dann fand ich Teilgewerbe auf Gewerbehof, Wasserlage, 150 qm.
Als ich anrief, versuchte die Verwalterin, mir die Sache auszureden. Das wäre ein verkommener Hof, viel zu weit draußen, warum ich denn von Schöneberg weg wolle, etc. pp.
Von der Straße liefen wir 250 Meter in einen Fabrikhof, ca. Mitte 19. Jhd., eine große Backsteinruine stand dort, aber die alten Ställe und Remisen waren ausgebaut. Zehn Meter vom Fluß entfernt war dann eine kleine, zweistöckige Villa. Das zweite Stockwerk sollte für die nächsten sechs Jahre unser Zuhause werden.
Meine Oma schüttelte den Kopf. Sie hatte zwei Jahre auf einem Wassergrundstück gelebt und meinte, das Wasser wäre irgendwann langweilig und der Dreck von Schwänen und Enten, die Wasserratten und der ständige Schiffsverkehr würden nerven.
Nichts von dem war der Fall. Das Haus am Fluß lag zwar am A… der Welt, aber der Blick nach draußen entschädigte für jede einstündige Fahr nach Charlottenburg (mittlerweile geht es über die neugebaute Stadtautobahn wesentlich schneller). Schien die Sonne auf das Wasser, tanzten Lichtkringel an der Decke. So bin ich morgens aufgewacht. Der Vollmond machte den Fluß zu geschmolzenem Silber. Im Herbst waren die Kastanienbätter vor dem Schlafzimmerfenster zwei Wochen lang goldgelb und wenn sie abfielen, gaben sie einen Panorama-Blick zwei Kilometer flußaufwärts frei, in dem sich an Wintermorgen auf dem Eis die Sonne spiegelte. Winters weckte mich um 6 Uhr der Eisbrecher, im Sommer kam die Ruderolympiaauswahl vorbei. Der Männer-Achter, verfolgt vom brüllenden Trainer, war schneller als der Wind.
Unsere Grillpartys dauerten bis tief in die Nacht. Wenn es windstill war, stellten wir manchmal die glühende Holzkohle auf den Steg, setzten uns daneben und schauten in die Sterne.
Morgens joggte ich eine halbe Stunde durch den Wald und im Sommer schwamm ich. Es kam ein Kajak dazu, mit dem ich viel unterwegs war.
Ich hätte nie gedacht, daß die Natur in einer Industriegegend so überwältigend sein konnte. Schließlich waren wir umlagert von Werften, Yachtclubs und Bootsheimen. Den Tieren war das egal.
Morgens, in der Dämmerung stand ein Graureiher auf dem Steg. Im Winter knackten die Krähen am Ufer Muscheln und wenn es ganz kalt war, kamen Bisamratten flußabwärts. Wenn die Schwäne Junge hatten, gab es manchmal Gartenverbot, weil sich eine Familie mit ihren drei Jungen zu gern unter dem großen Weidenbaum ausruhte. Schwaneneltern können übel aggressiv werden. Und ganz junge Schwanenkinder, die noch Flaum haben, sind wirklich unglaublich häßlich.
Wir merkten immer daß es Frühling wurde, wenn die Enten anfingen zu … vögeln. Entensex ist brutal. Wenn Weibchenmangel herrscht, kommt es zu Gangbangs. Eine Ente, die besprungen wird, wird gleichzeitig unter Wasser gedrückt. Nach drei oder vier Mal findet die Entendame das dann garnicht mehr geil, sondern haut ab, wenn ihr ihr Leben lieb ist.
Es gab wenig, was in dieser Gegend genervt hat. Im Sommer wurden in den Bootsheimen Partys gefeiert, wenn dann Livebands spielten, war das schon Horror. Die schafften es immer wieder, die totgespielten Popsongs der letzten 30 Jahre ein paar Töne daneben zu spielen. Außerdem verwandelte sich der Fluß, sobald es wärmer war, in eine stark befahrene Straße. Um auf die Berliner Außenseen zu kommen, mußte man bei uns vorbei. Segler, Paddler, Motorboote, Schubkähne.
Das Kind fühlte sich bis zum Ende der Pubertät sehr wohl. Die disziplin- und leistungsorientierte Ostschule mit ihren kompetenten und engagierten Lehrern bekam ihr besser als die „wenn du magst, kannst du ja ein bißchen mitlernen“-Philosophie in Schöneberg (Lesen, Schreiben und Rechnen durften wir ihr in den Ferien beibringen.). Das mag sicher Widerspruch erregen. Aber exemplarisch war, daß die Klassenlehrerin den Lebenskundeunterricht dazu verwendete, den Kindern ein bißchen Elektrotechnik beizubringen, damit sie wenigstens wissen, wie eine Taschenlampe funktioniert.
Das soziale Umfeld war zwiespältig. Obwohl ich mit den Leuten (sehr viele wohlhabende Rentner und Wendeverlierer aus Führungspositionen), die um uns herum wohnten, nicht viel zu tun hatte, rastete ich ein wie ein Legostein. Hier im Osten waren meine Wurzeln, hier wurde jede Geste, jedes Wort verstanden. Selbst mit meiner kleinen Klitsche war ich hier wohlhabend. Denn ich hatte Arbeit und kein Problem damit, mich auch „drüben“ zurecht zu finden. Mitte der 90er war das durchaus noch ein Thema. Ich glaube aber, daß mittlerweile tatsächlich ein starker Vermischungsprozeß stattgefunden hat.
Kleine Anekdote am Rande:
Der junge Banker kam zum ersten Mal mit zu Omas Geburtstag. Am Tisch saß verflossene DDR-Nomenklatura, mittlerweile hochbetagt. Eine der Damen eröffnete das Gespräch mit: Und sie sind also von drüben, junger Mann! und der junge Mann schloß es sofort wieder mit den Worten: Nee, sie sind doch von drüben!
Meine sozialen Kontakte waren fast Null. Was mich nicht störte, ich bin ohnehin nicht so umtriebig. Und mit den frustrierten, jammernden Menschen konnte ich so gut wie nichts teilen.
Natürlich war es hart. Und ich hatte Glück gehabt. Eine der Schulfreundinnen des Kinds war Halbwaise. Ihr Vater hatte Arbeit gefunden. Um nicht zum Arbeitsantritt zu fehlen, ging er mit einer schweren Grippe auf den Bau. Eine Woche später starb er an einer Herzmuskelentzündung. Die Mutter hat das nicht verwunden und fing an zu trinken.
Als meine Tochter auf ein wertkonservatives Privatgymnasium wechselte, wechselte auch ihr Umgang radikal. Die Kinder ostdeutscher Unternehmer gingen auf diese Schule. Leute, die sich wie die Schneekönige über ihren Erfolg und ihren Wohlstand freuten und das auch zeigten. Nicht immer mit erlesenem Geschmack. Ihr Lehrer sorgte dafür, daß aus ihnen keine elitären Schnösel wurden, sondern streitfreudige Menschen mit sozialer Kompetenz.
Nun bleibt zu fragen, warum ich nicht im Haus am Wasser geblieben bin. Ich habe zwei Jahre gewußt, daß eine Veränderung nötig ist und konnte mich nicht losreißen. Die Firma war einfach zu weit draußen, jeder Publikumsverkehr war kompliziert. Ich hätte mich gern dafür entschieden, dort nur noch zu wohnen und ein Büro in der Stadt zu betreiben. Doch dafür war die Wohnung zu teuer, es war die Zeit, in der der neue Markt in den Keller rauschte und die überhitzte Medienbranche kollabierte. Selbst wenn ich es mir damals hätte leisten können, hätte es letztlich bedeutet, täglich zwei Stunden auf der Straße zu verbringen und den Freizeitwert der Gegend dort draußen nur noch am Wochenende zu haben. Auch das Kind war mittlerweile in dem Alter, wo ihr etwas städtisches Ambiente gut tat. Mir war lieber, daß sie, wie andere, einen längeren Schulweg hatte, als sich nachts auf dem Nachhauseweg von einer Party mit einem Fahranfänger und dessen Auto um einen Laternenpfahl zu wickeln.
Außerdem war alles anders. Ich hatte mich getrennt. Leichtfertig, wie ich jetzt mit dem Abstand von acht Jahren sage. Diese Phase von Langeweile und Überdruß erlebt jede Beziehung. Ich gab auf.
Es gab eine neue Beziehung und – was ich nicht kannte – jede Menge Psychokrieg. Wir waren emotional völlig ineinander verbissen. Ich wollte und konnte mit diesem Mann nicht dauerhaft unter einem Dach leben. Damit war die Entscheidung getroffen: 150 qm für zwei Leute – und nur einem (wackeligen) Verdiener, das geht nicht.
Und so ging es nach mehr als 10 Jahren zurück in den Prenzlauer Berg. Und dort war inzwischen alles anders.