Mahlzeit!

Donnerstags mittag bin ich entweder mit einem guten Freund zum Biofutter fassen in der Kantine der Kreuzberger Regenbogenfabrik oder aber ich verbringe die Stunde, in der die Putzfrau durchs Loft wirbelt, beim Deutsch-Spanier an der nächsten Ecke.
Seit das Rauchverbot gilt, ist die Atmosphäre dort sonderbar. Es herrscht plötzlich ein hoher Frauenanteil, vor allem salat- und gemüseorientierte Spätstudentinnen klappen dort ihren Laptop auf, um Hausaufgaben zu machen. Der eine oder andere Softie-Mann verirrt sich auch. Die kettenrauchenden Lehrer, die sich ab Mittag vom anstrengenden Schulbetrieb erholen, sind weggeblieben.
Aber einer war wie immer da: Der Schmatzer. Der Typ hat das Gesicht eines kleinen Jungen und dazu angegraute Haare, die verraten, daß er mindestens Mitte 40 ist. Er bestellt sich überbackenes Gemüse und schmatzt drauflos, es klingt so ein bißchen wie eine Katze beim Feuchtfutterfressen. Mittlerweile setze ich mich ein bis zwei Tische weiter weg, wenn er vor mir da ist. Nur manchmal läßt es sich nicht vermeiden. Vor vier Wochen war ich eingekeilt zwischen ihm und einem Tisch, an dem grade eine lautstarke, tränenreiche Lebensberatung stattfand. Ich steckte die Nase in meine Zeitung und versuchte die Ohren zuzuklappen. Es ging nicht. Es war wie bei einem Unfall, wo man hinschauen muß, nicht als hinschauen. Links von mir redete ein fetter Ossi-Funktionärstyp mit schlecht verborgenem sächsischem Dialekt auf eine gestrandete Aussteigermutter ein: Sie ham alles Reschd dr Weld, Hortz vio zu böandragn. Und wenn’r sie schläschd, gehn se äbn ins Fraunhaus. Die rausgewaschene Dauerwelle der Frau wippt und zuckt. Sie bricht in Tränen aus und fängt an ihre Lebensgeschichte zu erzählen. …nicht immer nur Leistungsprinzip …endlich jemand gefunden, der das auch so sieht …wußte nicht, daß der Drogen nimmt …zahlt nicht fürs Kind …heuljammer! Der Funktionärstyp ordert sich das dritte Bier. Versucht, aus seiner Ehe zu erzählen, daß da auch nicht alles Zucker war. Aber wenn man sich nicht mehr versteht…
Und rechts dazu: möpfmöpfmöpfmüpfmüpf.

Veröffentlicht unter Leben

Haltung, Madame

Ja, der Sprung von KKM zum iPhone ist haarsträubend.
Ich hatte was gebosselt über Whitmans Halcyon Days und die Valium Days der Realität und das fiel dem allgemeinen Fehler, der gestern grassierte, anheim.
Außerdem habe ich das dringende Bedürfnis, mich wieder in den Bereich der Normalität zu bewegen. Samstag ein Gespräch mit meinem Vater über KKMs Transport ins Pflegeheim, danach stundenlang ein Zustand, den ich eigentlich nicht kenne. Heulkrämpfe, Tunnelblick, Übelkeit, Schwindel, Herzrasen, Schweißausbrüche, Frieren. Das alles in Bremen in einem Hotelzimmer. Eigentlich hätte ich auf der Geburtstagsparty von HeMans Bruder stehen wollen.
Da ich Mutters kleine chemische Helferlein gegen weibliche Nervosität nicht ständig bei mir trage (Korrektur: nie), hab mich dann per Taxi in die psychatrische Notaufnahme eingeliefert. Nach kaum einer Dreiviertelstunde Warten inmitten von Stimmenhörern, Brüllmonologisierern und hyperaktiven, alles demontierenden Bepinkelten lehnte ich das freundliche Ansinnen einer jungen Ärztin, mich über Nacht stationär zu behalten, ab und bat sie nur um eines: Ich möchte für eine Stunde auf dieses Familienfest, vielleicht etwas blaß und mit einem matten Lächeln, aber ohne Angst, Tränen und Panik. Egal wie. Den Wunsch hat sie mir erfüllt.
In den 48 Stunden der Valiumruhe habe ich zumindest eine Vorstellung von mir ausgebrütet. Ich habe mich gefragt, was KKM getan hätte. Keine Frage, sie hätte Haltung bewahrt und sich auf das Wesentliche konzentriert.
Und das tue ich jetzt. Sicher in ihrem Sinne. Die da so klein wie ein Kind in ihrem Pflegeheimbett liegt.