Normal ist egal

Vor 5 Jahren, da verlor ich beim Laufen die Hose, wenn ich sie nicht festhielt. Damals sagt ein Mann zu mir „Wenn du jetzt noch 5 Kilo abnimmst und hart trainierst, damit du ein Sixpack bekommst, bist du perfekt.“ – „Nein, dann wäre ich tot!“, habe ich ihm geantwortet. Statt ihm seinen Pullover in die Hand zu drücken und ihn zu bitten, den wieder anzuziehen und zu gehen, war ich weitere zweieinhalb Jahre mit meinem Äußeren beschäftigt. Fotos aus der Zeit des Dialoges zeigen eine schmale Frau mit großem Kopf, deren Knochen irgendwie zu breit für die Bespannung und Polsterung waren. (Von allem anderen, schwer heilenden Wunden, bröselnden Fingernägeln, dünnen, nicht wachsenden Haaren, ständig Erkältungen und Nasennebenhöhlenentzündungen wollen wir mal garnicht reden.)
Jetzt bin ich durch zweieinhalb Jahre gegangen, in denen ich mich manchmal fühlte, als würde mich jemand täglich ein bißchen mehr aufblasen. Ich habe zweimal im Jahr neue Hosen gekauft, habe erbärmliche Phasen kneifender Klamotten und häßlich-erleichternder Zu-Hause-Jogginghosen hinter mir. Ich floh vor der Sommerhitze, die mir lebensbedrohlich erschien und mußte auf der Mitte der 4 Treppen die Barnimkante hinauf Pause machen.
Der Mann mag mich so, wie ich bin, sehr sogar. Würde ich mich in ein kalorienzählendes Bügelbrett verwandeln, das sofort nach dem Essen das Aufgenommene wieder abtrainieren muß, hätte er sich wahrscheinlich schon vom Acker gemacht.
Ich selbst hinke im Selbstbild die klassischen 5 Jahre hinterher. Wenn ich Fotos und Filmaufnahmen von mir sehe, in denen ich mich unbeobachtet bewege und mich nicht in Pose werfe, frage ich mich, ob ich das wirklich bin, diese üppige Matrone mit den entweder etwas zu engen Klamotten oder den Mogelblüschen.
Es sieht einfach komisch aus. Das bin doch nicht ich. Aber war ich denn das magere Mausi? Auch nicht so ganz.

Also insofern ist mir der ganze #609060 – Disput mit seinen Spitzfindigkeiten, ob das Wort „normal“ für diese Aktion – die mit „sondern einfach weil ich meinen normalen Körper eingepackt in Oberbekleidung sichtbar machen möchte“ begann – überhaupt verwendet werden sollte (angestoßen von Menschen, die sich nicht als normal bewerten) oder ob er für Personen, die aus der Normalverteilung rausfallen abschreckend wirkt… also Leute, kurz und knapp, mir ist das vollkommen Stulle.

Ob ich nun 59 Kilo wiege und mal wieder kurzzeitig in meinem Leben in eine Schmeichel-38 passe oder 83 und garnicht mehr so genau aufs Konfektionsgrößenschild schaue (46 wars wohl), aber weiß, es gibt in meinem Viertel Läden, die können mich garnicht mehr einkleiden, ich bin ich. Und wo ich bin, ist normal, dank meiner Egozentik und meines extrem hohen Ignoranzpotentials bzgl. „was die Leute wohl sagen“.

Mich freut es zwar, daß seit zwei Monaten die Hosen nicht mehr kneifen und die Portionen kleiner werden, weil ich scheinbar endlich aus der Streßfreß-Lebensrettungsphase des Burnouts, die Jahre anhielt, raus bin. Mich freut auch die Aussicht, demnächst vielleicht ehemalige Lieblingsklamotten wieder tragen zu können, die das Budget heute nicht mehr möglich macht. Aber ansonsten ist normal egal.

edit: Mir geht es ganz anders als Anke Gröner, die die Fotos kopfloser Frauen, die sich damit auf ihren Körper reduzieren, kritisch anmerkt. Ich bin so kopfig und habe lange Zeit mit meinem nett lächelnden Porträt für meine Dienstleistungen gestanden, daß ich heute gern kopflos bin und mir mal meinen Körper zu Gemüte führe.

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Wegen Trunkenheit

hatte ich ganz vergessen: Ich habe auf dem Schlachtensee tatsächlich einen Schwan aus der Hand gefüttert. Fühlt sich in etwa so an, wie bei einem Pferd, man ist sich nicht sicher, ob der Finger hinterher noch dran ist.

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Gestern war dann endlich Tag X. Ich hatte mit einer sehr akribischen Sprecherin schon seit Monaten für eine Hörbuch-Aufnahme, besser für einen Trailer dafür, geprobt. Erotische Literatur, naja, eher schon literarisch-pornografisch.
Es gab schon immer mal wieder den Moment, wo wir vor lauter aufgworfenen Lippen, störrischem Blondhaar (er), bzw. weichen, seidigen Haarvorhängen, rosa-bräunlichen Pigmentierungen (sie) und stehenden (er) bzw. hängenden (sie) Geschlechtsmerkmalen leichte Übersättigungserscheinungen hatten, ähnlich der von zuviel Süßkram.
Gestern saßen wir auch noch mit einem echten Sahneschnittchen im Studio und mußten über die per Tonspur transportierte Pornösität von Sätzen, wie … ach, sie wolln das garnicht wissen … diskutieren. Irgendwann hatte kein Begriff mehr jungfräuliche Bedeutung, ob sich nun die Sprecherin die Lippen befeuchten sollte, ich in eine saftige Pflaume biß oder der Ständer (fürs Buch) gerichtet werden mußte.
Zu Hause angekommen, hätte ich nur noch das Bügelbrett geben können. Die Produktion von Antörnendem ist sehr sehr abtörnend.
Statt dessen schaute ich mir mit dem Grafen lieber den Sonnenuntergang im Mauerpark an.

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Instagram hat mich jetzt auch und zwar mit #609060 (bitte einfach googeln oder in Instagram suchen), wo sich normale Frauen – es entspann sich auch gleich der Disput, was normal sei – also Frauen fotografieren sich in echt. Nicht weil sie grad so toll dünn sind, Model werden wollen oder mit Photoshop gebastelt haben, sondern so, wie sie am Tage herumlaufen. Zuerst nahm ich das als zu eng wahr, denn als Homeofficer gehe ich seltener vor die Tür und oft bin ich dann entweder nur Mülltonnen-fein oder richtig schick und furchtbar in Eile. Als sich dann aber die ersten Zu-Hause-Mütter-und -Arbeiterinnen fotografierten, sagte ich mir: Du solltest auch, Kitty!
Nun bin ich mittlerweile sehr schlecht darauf eingerichtet. Mein alter Silberrücken tuts noch, Geld für ein neues Schlau-Telefon ist nicht da und Instagram, das sich dafür anbietet, war für mich immer uninteressant, weil da vornenehmlich Essensfotos, die aussahen wie aus dem Kochbuch meiner Mutter, gepostet wurden. (Und diesen „Hach! Entsättigte Farben!“-Hype kenne ich schon aus der Kunstfilmerei bis zum Abwinken.)
Ok., jetzt bin ich also auch dabei. Ich habe schon einen exklusiven optischen Filter im Telefon, seit mir vor 2 Jahren auf Sardinien dieser Salzschleier auf die Linse diffundiert ist und die App läuft auf meinem alten Betriebssystem auch nicht mehr. Ich knipse, sende ans iPad und poste von dort. Kompliziert, aber macht Spaß.
(Für alle, die sich noch nicht richtig wahrgenommen fühlen – ich muß  mich erstmal eingewöhnen.)

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Manchmal fällt man echt rein beim Restaurant-Testen. Der Graf lümmelt neben mir und gummelt in sich rein, daß er 40 Tacken für einmal richtig übel werden ausgegeben hat und ich habe noch immer das Odeur von leicht angegangenem Fleisch in den Sinnen.
Dabei sah das Foto einer Essensportion, das wir auf Twitter entdeckt hatten, verführerisch aus. Und uns war wieder mal nach Wiener Schnitzel. Also radelten der Graf und ich in die Fichtestraße ins Wirtshaus zum Mitterhofer. Die Karte sah sofort nach „Au ja, ich eß mich einmal durch!“ aus. Aber beim zweiten Bissen hätte ich das Fleisch reklamieren müssen. Nun ist das so, daß ich auf bestimmte Dinge sehr, sehr sensibel reagiere. Ich schmecke und rieche ranzige Butter, Kork im Wein oder leicht hinübernes Fleisch schon, wenn andere noch die Schultern zucken und verständnislos schauen. Ich wollte mich einfach nicht blamieren und den Abend nicht versauen, indem mir ein empörter Koch erklärt, das wäre spezielles Spezial-Biokalbfleisch, das müsse doch aber immer so usw. Es war auch nur die eine Seite des Schnitzels, die ziemlich angegangen war, die andere schmeckte halbwegs ok. Wer weiß, was war, vielleicht der Anschnitt des Stücks von gestern, denn es war erst am späten Nachmittag… Auch mir ist nicht wohl und ich habe eigentlich einen Pferdemagen. Selbst ein Schnaps half nicht.

Ich hab dann mal eine Mail hingeschickt, mal schauen, was passiert. Ärgerlich.

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