Empfindlich uff die Wörter

Das ist wahrscheinlich der letzte und drölfzigtausendste Artikel zum Thema politisch korrekte Sprachbereinigung in Kinderbüchern, aber ich brauchte erst einmal ein paar Tage, um die Sache im Kopf zu bewegen und rauszubekommen, was mich an dieser Aktion so stört.

Als Kind habe ich alle Bücher von Jules Verne verschlungen, die ich kriegen konnte. Die Ausgaben waren meist bist zur Unkenntlichkeit „für die Jugend bearbeitet“. Als mir einmal ein Buch aus älteren Zeiten in die Hände fiel, waren dort unangenehme Szenen drin, in denen es um einen häßlichen, krummen, geldgierigen Juden ging. Das stieß mich ab. Die Figuren bei Verne waren doch ansonsten taffe Helden oder ebenbürtige Feinde.
Bei Jules Verne und Dumas kann ich die allfälligen Änderungen verstehen, schließlich handelte es sich um publikumsgefällige Nutzliteratur.
Nun habe ich weder Lindgren noch Preußler gelesen. Für mich wird keine Kindheitserinnerung planiert, wenn aus dem Neger ein Südseekönig wird.
Aber.

In dem Land, in dem ich aufwuchs, war es üblich, Sprachregelungen zu treffen, um gewisse kulturelle oder politische Reibungsflächen zu verbergen.
Es hieß nicht mehr „die Russen“, durfte es nicht heißen. Es hieß „Sowjetmenschen“ oder – noch euphemistischer – „die Freunde“.
Es hieß nicht „Heimat-Vertriebene“, nicht „Flüchtlinge“, sondern „Umsiedler“ (die sind halt in einer ordentlichen, friedlichen Aktion umgezogen).
Dies betraf den offiziellen Sprachgebrauch und auf dessen Einhaltung wurde peinlichst geachtet. Wem das falsche Wort entschlüpfte, galt als Ewiggestriger und war nicht für den Frieden.
Nicht nur das. In populären Weihnachtsliedern wurden die Worte „Christkind“ und „Heilige Nacht“ ersetzt, ganze Strophen wurden gestrichen.
Eine urbane Legende machte aus dem Weihnachtsengel die heute belachte „Jahresendfigur“.  Schließlich waren Christen die komischen Typen, die es immer noch nicht geschnallt hatten, wie die Welt besser wird.

Das ist der Grund, warum ich Sprachpolizei-Aktionen skeptisch betrachte.
Wir sollten nicht die Augen davor verschließen, daß wir uns vor allem mit den Problemen anderer Leute beschäftigen. Indianer, Aborigines und Eskimos werden hier selten gesichtet. Wieviel Prozent der Bevölkerung sind von so dunkler Haut, daß man sie mit dem N…-Wort benennen könnte? Maßgebliche Sklaverei gab es auch nicht in Deutschland.
Von Rechts wegen sollten wir uns dann auch Spracheuphemismen für unsere nächstliegende politische und kulturelle Reibungsfläche einfallen lassen.
Sind wir Ossis, Ostler? Brüder und Schwestern? Menschen mit friedlichem Revolutionshintergrund? Ostigene Bevölkerung, aus dem Prenzlauer Berg für eine Handvoll Glasperlen vertrieben?
Im Fernsehen sollte niemand aus dem Westen mit Schnauzbart und Bierbauch mehr einen Sachsen spielen, der nicht wirklich sächsisch redet, denn das ist wie dieser Opernskandal, in dem Othello ein schwarz gemaltes Gesicht hat.
Das Zonengabi-Bild müßte auf den Index kommen, denn hier wird sich schließlich über die Dummheit und Zurückgebliebenheit von Ureinwohnern lustig gemacht.
Klingelts?
Fasst euch mal an die eigene Nase!

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Träume

Der große Vorteil eines ruhigeren Lebens ist, wieder Träume zu haben. So ein Satz klingt wahrscheinlich absurd, aber in den Jahren, die ich im rasenden Hamsterrad verbrachte, waren meine Phantasie und Imaginationsvermögen auf Sandkorngröße geschrumpft.
So langsam erholt es sich wieder. Wenn ich aus dem Fenster auf den Schnee schaue, dann kann ich in Norwegen auf Skiern rumsausen. Blauer Himmel versetzt mich ans Meer. Ich reise mit dem Finger auf der Landkarte und komponiere große Menüs für Gäste. Das ist schön. Da baut sich wieder ein Archiv von Freuden auf, die peu a peu verwirklicht werden können.

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Mädchen!

Frau Casino, Hund Emma und Miz Kitty gingen heute nichtsahnend Richtung Monbijoupark durch den Wintertag. Plaudern, frische Luft schnappen und kurz auf einen Kaffee einkehren war ihre Absicht.
In der Auguststraße stellte sich ihnen ein fieser kleiner Flyer an einer Laterne in den Weg. Auf dem stand: Final Sale. Nur heute. Alle Teile von 5-30 €. Bei Sterling Gold.
Nun muss der geneigte Leser wissen, dass Sterling Gold ein Traumladen ist/war, an dessen Schaufenster ich mir immer die Nase plattdrückte. Ich ging besser nicht rein, ich hätte mich komplett ruiniert für die göttlichen Sachen, die meist zwischen 100 und 200 € kosteten. Schwebende Wolken von feinen Vintage-Festkleidern aus 50 Jahren. Hach!
Und nun der Ausverkauf. Wir mussten einfach reingehen. Auch wenn der wertvollste Teil der Sachen schon weg war, es waren immer noch göttliche Ballroben auf den Bügeln. Mit Größe 36/38 war frau im Paradies und auch ich hatte eine erkleckliche Ausbeute, weil Überbreite im Publikum auch nicht so gängig war. Frau Casino und ich reservierten eine Kabine und ich weigerte mich zuerst, überhaupt ein Kleid zu probieren, weil ich in diesem Monat schon Geld für Stiefel, Hosen und ein Kleid ausgegeben hatte – der Etat ist ja derzeit nicht so üppig – aber als ich hörte, zu welchen Preisen man die Sachen wirklich und wahrhaftig verschleuderte, schlug ich auch zu. Das eine oder andere werde ich noch anpassen müssen, weil zu groß oder an manchen Details nicht passend, aber ich bin selig. Korall-Lavendelgrau-Violett-Eisgrün.
Ich hörte nur mit halben Ohr, daß es wohl scheinbar keine Mietsteigerung war, wie sonst üblich, die den Laden vertrieb, sondern ein kurzentschlossenes „dann machen wir alles platt“ im Zusammenhang mit einem Zerwürfnis.

Alle, die auf Twitter die Beute schon sehen konnten, können jetzt wegschauen. Es gibt noch einmal eine kleine Galerie. Auf zum nächsten Ball!

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