2 – Modus verloren

Noch bin ich nicht richtig im Tagebuchmodus, vielleicht liegt es auch daran, dass an Homeofficetagen nichts anderes passiert, als dass ich etwas ins Internet schreibe (in dem Fall die Homepage von LaPrimavera fülle), zwischendurch etwas koche (Broccoli, Reis, Hähnchen) und ne Stunde schlafe (zzzz). Bums, dann ist der Tag auch schon weder vorbei und ich habe die zwei Tischdecken immer noch nicht gebügelt (Sehnsucht nach einer Wäschei mit Heißmangel, in der Leibnizstrasse gab es das!).

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1- Zeit für Tagebuch

Ich mache das seit ein paar Jahren im Frühjahr und Herbst. Jetzt habe ich doch den Märzanfang dafür verpeilt… egal.
Seit Montag liegt ein langer Blogartikel in der Pipeline und bin bin mal wieder hin- und hergerissen. Mal sage ich mir: Kitty, schieß die Texte nicht so schnell in die Welt, denke mal drüber nach und redigiere, dann werden sie besser! Und was passiert? Ich frage mich drei Tage später, ob der Text denn sooo wichtig ist, daß ich ihn veröffentlichen will. So geht das nicht. Blogs leben schließlich von diesem schnellen, rohen Schreiben. (Ich hatte ein paar Sätze zu meiner Arbeitsmethode geschrieben. Jetzt bin ich mir aber nicht mehr sicher, ob ich über meine Arbeitsmethode reden schreiben will.)
Also Bahn frei für eine Menge Gedankenquark:

Themenwechsel. Nachlese.
Mein IM-Artikel von voriger Woche hat mich noch im Nachhinein sehr beschäftigt. Zum einen war ich mit meiner Familie im Auge des Tornados. Zu mir kam keiner und hat mir offeriert, daß ich das oder jenes nur erreichen kann, wenn ich kooperiere. Es war im Gegenteil leicht verpönt und mit den Bemerkungen „überleg dir, ob du das möchtest“ und „du kannst auch anders etwas erreichen“ verbunden. Und doch zogen sich Offerten durch meine Jugend wie die Versuchungen Jesu. Da kommt so eine Gestalt zu dir und macht dir Angebote. Provoziert dich ein bisschen, meint, man wolle doch das Gleiche und offeriert dir am Schluss so eine Art Weltkönigtum als kommunistischer James Bond. Dazu die Konditionierungen und die Zweifel. In so einem geschlossenen System bauen sich andere Wertmaßstäbe auf. Was ist gut, was ist richtig? Und was antwortest du, wenn dich einer fragt, ob du nicht für die Arbeiterklasse wärest, dein Großvater wäre schließlich auch Arbeiter gewesen und du und deine Eltern hätten diesem Land viel zu verdanken?
Ich habe mehr Schwein als Verstand gehabt.

Themenwechsel. Das Wetter und die Gesundheit.
Ich konnte diese unwirkliche Frühlingssonne gar nicht glauben, als ich gestern durch den Mauerpark stiefelte. Dabei ist sie soo nötig. Ich konnte zum ersten Mal seit Wochen die Rapunzelhaare wieder runterlassen. Sind sie doch im Winter immer strohtrockenes Gefissel. Ja, meine Haare können gleichzeitig fettig, trocken und elektrisch geladen sein. Der Hammer war, wie ich vor ein paar Wochen in einer Umkleidekabine stand und lose Strähnen, von einem vollsynthetischen Vorhang angezogen, mich in eine Gorgone verwandelten.
Der Haut geht es auch wieder besser, die Dunkelheit machte mich zum räudigen Schlafwesen. Ich hatte lange nicht mehr so schlimme Neurodermitis.
Am Abend schlief ich wie ein Stein. Vom Winterschlaf in die Frühjahrsmüdigkeit ohne Übergang, das kriege auch nur ich hin.

Themenwechsel. Die liebe Verwandtschaft.
Am Ende des Mauerparkes hat meine Tante ihr Büro. Ich schaute kurz bei ihr rein. Seit KKM tot ist, sehen wir uns nur noch selten. Sie wird mit 61 zum dritten Mal Oma und ist eine der schönsten 60jährigen Frauen, die ich kenne. Und das ohne Kriegsbemalung, Lifting und tägliches Frisurtuning.

Themenwechsel. Politik. Oder Gesellschaftliches.
Ich habe endlich herausbekommen, was mich bei #aufschrei so triggerte, dass ich mich – eigentlich unüblich für mich – so vehement äußerte.
Meine Mutter und ihre Mutter. Mama möge es mir verzeihen. Ich kenne es mittlerweile auch, daß ein Kind sein eigenes Verhalten aus Prägung herleitet. Da muß man durch, wenn man Kinder hat.
#aufschrei gab es nämlich schon in meiner Familie. Frauen, die seitab in kurzen Sätzen zu einem sprechen oder ins Leere, was „der“ wieder gemacht hat und ihnen widerfahren ist. Meine Oma hat das zur Meisterschaft gebracht, solche Zweizeiler ungerührt in die Runde zu trompeten. (Einziger Unterschied: Über Sexualität wurde in diesem Teil der Familie nicht geredet. Die wurde ertragen.)

Der war doch gestern schon wieder besoffen.
Der hat das Monatsgehalt jetzt schon aufgebraucht und das Kind weiß nicht, wovon es einkaufen soll.
Der Kowalski hat schon wieder seine Olle verprügelt.
Der Müller tut so, als wäre nichts, dabei kommt er von seiner Geliebten.

Darauf angesprochen, was das solle, war die Antwort: Ich sag das doch nur so. Der soll sich ärgern.

Meine Mutter war zurückhaltender. In der Regel war eines der Kinder der Zuhörer.

Der hat schon wieder X.
Der will nicht Y.
Der hat gesagt Z.
Der will, daß ich A.

Seit ich 9 oder 10 Jahre alt war, beklagte sich meine Mutter bei mir in diesen #aufschrei-ähnlichen Sätzen. Ich hatte Angst, ohnmächtige Wut und wollte meine Mutter schützen. Später, als ich älter wurde und die Handlungsoptionen anderer kennenlernte, fragte ich sie, warum sie nichts täte und machte ihr Vorschläge, was sie tun könnte. Ihre Antworten waren immer die gleichen:

Ach naja.
Kann ich nicht.
Will ich nicht.
Hat doch keinen Sinn.
Geht nicht, weil…
Der muss was ändern, der macht ja XY.
Ich halte das nur für euch durch. (!!!)

Das war eine studierte Frau, die zeitweise mehr verdiente und in höherer Position war als mein Vater und die anderen Menschen, über die sie sich beklagte. Die mir jahrelang erzählte, sie werde mehrmals die Woche von einem sexuellen Belästiger angerufen, nach der Stimme ihren direkten Untergebenen vermutete und nichts tat, nicht einmal die Trillerpfeife benutzte.
Heute beende ich jedes dieser Klagelieder ziemlich schnell. Ich sage ihr, dass sie es nun schon fast 50 Jahre durchhält, in solchen Verhältnissen zu leben und wenn sie es nicht ändere, könne ihr niemand helfen. Interfamiliäres victim blame, sicher. Aber anders weiß ich mir nicht mehr zu helfen.
Komischerweise hat sie mich gelehrt, nicht das Mädchen zu geben. Sie fand es ok., wenn ich mich mit Jungs geprügelt habe. Sie lehrte mich, mich zu wehren. Und tat es selbst nicht.

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