Vigil 59

Heute Nachmittag im Kaisers hinter dem Hackeschen Markt. Das Regal mit dem Sekt ist fast leer. Als wir an die Kasse kommen, bezahlt dort gerade eine nette alte Omi, ganz in beige und mit Hackenporsche, ihren Korb voll Rotkäppchen-Sekt.

Was die wohl zu feiern hatte?

Übrigens hatte es vor genau 4 Jahren über 25 Grad.

Vigil 58

Bei Vorliebe für schwarze Kleidung ist abendliches Stricken und Nähen einfach die Pest.

– Mit ganz kleinen Augen gesendet.

Vigil 57

Als die Nachrichten über einen atomaren GAU irgendwo in der Sowjetunion im Westfernsehen berichteten, ging das Abwägen los. Ist es die Hysterie der Öko-Fredis? Ist halb Sibirien am Schmelzen? Ist denen eine Atombombe aus dem Flugzeug gefallen? Oder Plutonium ausgebüxt?
In diesen Zeiten war es nicht einfach, Informationen zu generieren. Die Medien im Sozialismus waren darauf trainiert, unliebsame Wahrheiten zu verschweigen oder so zu verdrehen, dass noch Jubelmeldungen oder Fehlmeldungen des Gegners der hehren großen Idee daraus wurden.

Am 26. April nachts, als der Reaktor in die Luft flog, wußte niemand etwas davon. Erst zwei Tage später ahnten die Schweden, dass etwas passiert sein musste, erst einen Tag später wurde es offiziell zugegeben. Erst 10 Tage nach der Explosion wurde kein strahlendes Material mehr in die Atmosphäre freigesetzt.

Ich war schwanger, besser, ich ahnte, dass es so war. Es war noch ganz früh, in der Phase, in dem atomare Strahlung schwerste Schäden an einem Fötus anrichtet.
Mein Vater wiegelte ab. Alles nicht so wild, ich solle mir keine Sorgen machen. Da wäre die Radonstrahlung in den alten Häusern im Erzgebirge höher oder die Strahlenbelastung auf einem Flug.

Ich starrte nachts die Decke an und fragte mich, was passiert war, was uns verschwiegen wurde und welche Konsequenzen das für das ungeborene Kind haben würde.

Vigil 56

Zum zweiten Mal innerhalb einiger Wochen kommt eine Postsendung aus England rasend schnell über den Ärmelkanal, um hier in der Nachbarschaft zu versacken.
Bei ersten Mal war ich noch entspannt und dachte: „Naja, Auslandspost, das dauert.“ Nach mehr als einer Woche wunderte ich mich, dass vom Versender eine Mail kam, ob ich denn mit dem Produkt zufrieden wäre.
Als ich die DHL-App konsultierte, sah ich, die Lieferung hatte keine zwei Tage gedauert, seitdem lag der Großbrief in einem Laden um die Ecke. Benachrichtigung gab es keine.
Diesmal brauchte die Sendung wieder nur eine Nacht von London bis Berlin, ging am Samstag trotzdem nicht mehr in die Auslieferung und war dafür heute, am Montag, mit dem Kurier unterwegs. Ich hielt die App im Auge. 9:23 Uhr: Angeblich vergeblicher Zustellversuch. Natürlich wurde nicht geklingelt. 11 Uhr: Die Sendung wurde in einem Laden in der Nachbarschaft abgegeben, keine Benachrichtigung. Es wurde nicht geklingelt. Wir waren beide da.
Da fällt dir echt nix mehr ein. Der englische Versender arbeitet wirklich schnell und in Deutschland humpelt die Zustellung.

Dass keine Benachrichtigung im Kasten ist, scheint an der Auslandspost zu liegen. Ich erinnere mich, dass ein Päckchen aus Dänemark auch mal 14 Tage beim Nachbarn lag und wir nichts davon wussten. Scheinbar kann die Benachrichtigung nicht einfach ausgedruckt so werden.

Das war übrigens in der Post:
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Ein großer Farb- und Mustertest für einen noch zu bedruckenden Seidenstoff. Aber davon demnächst mehr.