Vigil 79

Was für ein Abend. Es war immer noch etwas trübe, wenn auch wärmer und die Luft und die Straßen waren vom Regen reingewaschen. Dazu dufteten Holunder, Robinien und Heckenrosen.
Wir liefen durch Mitte, auf die Schlossbaustelle zu. Alles strahlte, war klar und scharfgezeichnet.
Solche Abende hat Berlin nicht oft. Da ist man für ein paar Stunden abgelenkt von Dreck, Sperrmüll und Hundescheiße.
Berlin

Auf dem Rückweg gab es eine Schrecksekunde. Am Rosenthaler Platz flog ein Mädchen, getroffen von einer unvermittelt geöffneten Autotür in hohem Bogen vom Fahrrad (natürlich ohne Helm).
Sie stand gleich wieder auf und diskutierte mit dem Fahrer, außer ein paar Schrammen war nichts schlimmes passiert. Als wir uns als Zeugen anboten, hatte man sich schon geeinigt. Oder besser, der Autofahrer hatte seinen Charme spielen lassen und sie hatte scheinbar in der Dämmerung kein Licht am Rad.
Bei dem Unfall, den mein Großvater kurz vor seiner Pensionierung hatte, bemerkte man die Gehirnblutung erst nach 14 Tagen. Vorher waren auch alle der Meinung, es wäre nichts passiert.
Das muss sie selbst wissen.

Vigil 78

Den Abend strickend in sehr angenehmer Gesellschaft verbracht. Über Eisen-Werner, den Vorläufer des Designer-Stuhl-Ladens im Haus und die Spandauer Vorstadt Geschichten aus den frühen 90ern gehört.
Das Babykamel-Seiden-Garn (*schnurr*) vermittelst Garnwickler-Unterstützung zu Yarn-Cakes gerollt.
Im Herzen wie seit Tagen sehr beim Kindchen gewesen. (Das ja gar nicht mehr Kindchen, sondern erwachsen ist.) Geschrieben. Am schmalen Rock gearbeitet. Fürs letzte Seminar wider erwarten gutes Feedback bekommen.
Guter Tag, wenn auch etwas trübe.

Vigil 77

Keine Ahnung, wie es passiert ist, aber irgendetwas hat leise *klick* gemacht. Mir geht es so gut, wie seit sechs oder sieben Jahren nicht mehr. Nicht dieses wütend-euphorische Wohlgefühl, dieser trotzig-triumphierende Boost, sondern ein leichter Fluss, mal langsamer, mal schneller.
Ich habe mir vor ein paar Wochen eine Zeit-Struktur gebaut, die zu funktionieren scheint. Ähnlich wie die, die ich früher hatte, nur kürzer. Mein Tag ist geteilt in konzentrierte Kopf- und lockere Handarbeit. Plötzlich ist er lang und es gibt Zeit für Pausen. Ich verzögere weniger und schaffe mehr, weil ich auf dem Weg dahin nicht herumtrödele. Ich habe kaum noch Durchhänger und wenn ich müde bin, schlafe ich eine Viertelstunde, so viel Zeit muss sein.
Allerdings hat das auch einen Preis. Ich kommuniziere weniger und bin sehr zurückgezogen. Social Media rauscht irgendwie vorbei und Twitter und Facebook interessieren mich kaum noch. Wenn ich jemanden im RL treffe, ist das intensiv und danach brauche ich eine Pause.
Wie weit das beruflich tragen wird, wird die Zeit zeigen. Aber ich fühle mich damit sehr wohl.
Mein Kopf ist irritiert über die Abwesenheit von Drama. In mir geistert eine olle Kassandra herum, die in leisem, nörgelndem Ton schlimme Dinge prophezeit. Krankheiten, Katastrophen und und Strafen.
Das geht doch alles so nicht. Mir kann es doch so einfach ohne übermäßige Anstrengung gut gehen.

Wie bescheuert ist das denn?

Vigil 76

Das Wetter darf so bleiben. Zwischen 18 und 25 Grad und wenn es mal einen Tag wärmer ist, kommt nachts ein Gewitter und kühlt und befeuchtet.
Mittags sollten ein paar Wölkchen kommen, damit es nicht zu sonnig ist und abends gibt es einen klaren Strahlehimmel für den Sonnenuntergang.

Machen wir das so? Wer schreibt denn dafür eine Online-Petition?