Signal 2

Am ersten Tag meines wilden Nicht-Mehr-Pauschalurlaubs ist meine Uhr kaputtgegangen. Rationale Erklaerung: eine Rado vertraegt kein Salzwasser und ich bin eine Idiotin. Aber ich konnte es spirituell umwidmen in: ich lebe jetzt einfach nach dem Rhythmus meiner Seele. Nicht so ganz allerdings. Da mein Quartier in El Cotillo an der Hafenkante liegt, bestimmen vor allem die Gezeiten (bruellende Wellen um drei Uhr nachts bei Neumond) und eine Baustelle 20 Meter von meiner Eingangstuer meinen Schlaf-Wach-Wechsel. D.h. derzeit schreibe ich von 18 bis 22 Uhr und lese von zwei bis sechs Uhr morgens Trivialromane. Am Tag schlafe ich am Strand und um 10 Uhr abends krache ich vor Erschoepfung ins Bett. Bloederweise sind das die Zeiten, in denen es hier gesellschaftlich interessant werden und eine schuechterne Alleinreisende es schaffen koennte, den einen oder anderen Kontakt (vielleicht sogar zum anderen Geschlecht?!) zu knuepfen. Das sind aber auch die einzigen suboptimalen Momente.
Ansonsten fuehl ich mich Spitze. Sehe gut aus im Bikini. Bin mittlerweile schwarzbraun wie eine Haselnuss und optimal zerzaust blond fuer die Surferboys – wenn ich denn mal zur selben Zeit wie sie wach waere. Und schaffe es sogar, auf englisch dem Kellner beizubiegen, dass ich meine Gambas nicht pulen will. Einfach Naked Prawns odern, das wird verstanden.

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Urlaubsfreuden

Das ist Premiere. Ich bin zum ersten Mal im Winter nicht auf den Skiern sondern im Süden. Als hätte ich es geahnt, daß der Winter dieses Jahr ausfällt, hat mich schon Wochen vorher die Unlust bei dem Gedanken gepackt, etwas zu buchen, das mit Schnee zu tun hat.
Auf Fuerteventura hat es 22-26 Grad und das Meer ist erträglich zum Schwimmen. Ich freue mich darüber wie ein kleines Kind. Gott sei dank ist es einfach diesem Pauschalurlaubsknast zu entfliehen. Rein ins Autolein, weg und erst wieder aussteigen, wo es schön ist und keine rotgesichtigen Engländer mit ihrer trampeligen Brut unterwegs sind.
Die idyllischen Felsenküsten haben nur einen Makel: Sie sind von deutschen Althippies befallen, die sich die Kleider komplett vom Leibe reissen, sobald sie nur eines Stücks Strand ansichtig geworden sind. So viel gealterte Nacktheit habe ich in den letzten 10 Jahren nicht zu Gesicht bekommen. Hängende lederfarbene Haut über entfleischten Ärschen, ausgemergelte Brüste, dunkelrot gebrannte Plautzen und -oh Graus! – Geschlechtsteile jenseits erotischer Dimension.
Ähnlich grässlich sind die Ostdeutschen, schon immer der Freikörperkultur anhängend, die an Stränden, gesäumt von billigen Bettenburgen, ihr waberndes Fett spazieren tragen. Manchmal bedeckt sie noch ein Röckchen oder ein Shirt, zum Schutz gegen die Sonne aber was hängen lassen, ob oben oder unten, ist ein wichtiges Statement.
Es gab Zeiten, da war ich stolz darauf, daß ich kein Badedress besaß. Nackt sein, das hieß Freiheit. Heute bin ich stolz darauf, mich noch im speedo- oder O’Neill-Bikini sehen lassen zu können. Und ich schwöre, sobald mich die nächste Stufe des Verfalls erreicht, wickele ich mich in wallende weiße Tücher. Oder miete einen Privatstrand.

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Nur weg hier

Das war alles etwas etwas viel in der letzten Zeit. Natürlich sehne ich mich nach HeMan. Er ist eingeschrieben in mich, seit ich mich zum ersten Mal an seine Schulter gelehnt habe.
Und das Geschäft darf mich kreuzweise (mit UMTS-Karte und Handy als Sicherheitspaket).
Und ich will in die Sonne und schwimmen, lange und ausgiebig.
Also Pause bis 21.

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Lethe saufen

Irgendwann in einer Sommernacht 1998. La Primavera – damals noch in Berlin wohnend – ruft mich an. Kannst du helfen? Bei mir im Bett liegt eine Freundin mit einem Nervenzusammenbruch. Ihr geht gerade die Firma kaputt. Dann am anderen Ende der Leitung eine Frau in apokalyptischer Stimmung: Es ist alles vorbei. Ich kann keine Rechnungen mehr zahlen, die nächste Miete ist fällig, hohe, hoffnungslose Außenstände und die Bank grinst nur noch dreckig.
Ich weiß nicht, wie ich damals dazu gekommen bin, mit meinen zweieinhalb Jahren Geschäftspraxis. Ich habe ihr eine Checkliste diktiert, die sie am nächsten Morgen abarbeiten sollte: Die Karten bei den Gläubigern aufdecken, den Vermieter vertrösten, mit der Bank reden. Der Grundtenor war: alles halb so schlimm, das passiert jedem mal, im Grunde ist es eine wichtige Erfahrung.
Ich fühlte mich wie ein Fährmann, der mitten in der Nacht den Kahn über den reißenden Strom setzt. Zwei Gestalten im Boot, eine kraftlos liegend, die andere neben ihr sitzend. Auf der anderen Seite habe ich sie aussteigen lassen und sie gingen ihrer Wege, in ein neues Land. Und das Boot und der Fluß verschwanden wieder hinter mir, über Jahre.
Gestern. Ich stehe vor einer wichtigen geschäftlichen Entscheidung. Niemand da, der mir Rat geben kann. HeMan möchte ich im Grunde nicht bemühen, es ist Endzeit zwischen uns. Er kommt doch, hat gemerkt, daß ich ihn brauche. Das kann er mir geben. Anderes nicht. Die Zeit der Geschenke für die Seele ist vorbei. Der emotionale Reichtum wieder sorgfältig weggeräumt in seinem Schöner-Wohnen-Paradies, das keinen Platz für mich hat. Ich stehe da mit meinem kleinen Marktstand und die Früchte meiner Liebe, die ich ihm anbiete, verwelken und verfallen.
LaPrimavera sammelt mich auf in meiner Verlorenheit. Einmal im Jahr ist sie in Berlin. Ausgerechnet heute. Und spät am Abend treffen wir die Frau von damals. Mittlerweile ist sie in einem gänzlich anderen Leben. Hat noch drei Kinder bekommen von einem Mann, der nicht wunderbar und überirdisch sondern ganz normal da ist. Eines der Kinder ist behindert. Sie hat ihre Firma vergrößert. Sie hat eine umwerfende Energie. Herzenswärme und Lebensklugheit verbinden sich mit Kraft.
Sie erinnert sich sofort, wer ich bin. In dieser Nacht ist sie mein Fährmann. Setzt mich über den Fluß, der mir unüberwindlich schien. Jetzt stehe ich in einem neuen Land. Welchen Weg werde ich gehen? Wer werden meine Gefährten sein? Werde ich mich zurücksehnen?

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