Boxenstop

Alles wie immer. Ich habe eine Zeit lang viel getan, die Tage waren eng durchgeplant, dann wurde die Freizeit mehr und mein Körper hörte scheinbar mit der Adrenalinproduktion nicht auf. Trotz normaler Medikamenteneinstellung entgleisten mir die Schilddrüsenwerte nach oben. Statt mich auszuruhen, denn ich war erschöpft, verbrachte ich Nächte und Morgen schlaflos.
Am Silvesterabend, nach dem Neujahrs-Walzer unterm Fernsehturm, saß ich bald in der Ecke und wollte nach Hause. Der Neujahrstag, den ich endlich mal komplett faul verbringen wollte, bescherte mir ein neues Gefühl, ein allumfassendes „Ich will nicht mehr, lass es doch endlich vorbei sein!“ Keine Pflicht, bei Sonne rauszugehen, kein Essen, das gekocht werden muss, keine geistvolle Unterhaltung, nichts lesen und schreiben (dabei drängt die Titelsuche fürs Buch!), am besten ein paar Wochen standby-Betrieb.
WTF? Das kannte ich noch nicht von mir. Das war neu.
Am nächsten Tag, nach dem Geburtstagsfrühstück mit dem Kind löste sich das. Da reicht dann auch ein Schnupfen mit verstopften Nebenhöhlen. Seitdem liege ich im Bett wie mit Beton ausgegossen, lese das Internet leer, leide grummelnd vor mich hin, lasse mich vom Gatten bepuscheln und weil ich ohnehin keinen klaren Gedanken fassen kann, träume ich irre Sachen.
Von den Kleidern des nächsten Jahres in Jadegrün und mattem Korallrot, von sandgewaschener Seide, leicht glänzendem Wolltuch und feinem Leinen. Von kreisförmigen, brennenden Ruinen und einem Aleph im Flur an der Wand. Von hohen, sonnenstrahlenden Wellen und warmen, schwarzen Steinen.

Wenn Kinder krank werden, dann sind sie hinterher ein Stück größer oder haben etwas gelernt. Das scheint gerade genauso zu sein.

 

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Weihnachten. Erledigt.

Weihnachten und icke, das ist ja nicht so die super funktionierende Partnerschaft. Dieses Jahr lief das ganz gut. Das Besinnlichkeitsmonster und ich arrangierten uns miteinander.
Das Größte, war, dass das Kindchen, die kleine, resolute Elfe, den Heiligabend ausrichtete. So, wie sie es schon immer wollte. Mit einem Essen am großen Tisch, allen Geschenken unterm Weihnachtsbaum, einem der sie verteilt, öffentlichem Auspacken und zum Schluss noch einem Familienfoto. Ich hatte den ganzem Abend blinkende Herzchen um den Kopf. Selbst die rasante Zusammenstellung von Eltern, Stiefgefährten und Schwiegereltern funktionierte hervorragend. (typische deutsche Bevölkerungspyramide – viele Leute 40+, wenige junge Menschen, keine Kinder)
Meine Eltern machten für eine Nacht Station an der Barnimkante, auch eine Premiere, und es war gut.

Was bei mir passierte, war ein typischer Kitty. Aus der Weihnachtskleinigkeit, ein kleines Patchworkplatzdeckchen für jeden Gast des Weihnachtsabends, wurde eine stundenzehrende Arbeit. Es sah super aus, aber ich wußte schon beim zweiten Arbeitsschritt, dass das zu frickelig ist und etwas erprobtes, unaufwändiges und trotzdem effektvolles besser gewesen wäre. So schaffte ich es schon vor Weihnachten mühelos, mich zu überfordern.
Aus des Kindes „Meh, wir haben gar keine Einladung zum Essen von den anderen!“ entwickelte sich in meinem Kopf „mach doch einen Weihnachtsbraten am ersten Feiertag“. Eigentlich nicht so schlimm, ich nahm ein Rezept, dass ich vor Jahren schon einmal mit Erfolg für 6 Leute gemacht hatte (sogar mit verbundener rechter Hand): Gegrillte Entenkeulen mit dreierlei Gemüsen und Rieslingsauce. Wunderbar vorzubereiten und am eigentlichen Tag gibt es nur noch ein Finish der einzelnen Elemente. Aber irgendwie…
Ich stand in der Küche wie auf dem Schlachtfeld und merkte, das war nicht zu gewinnen. Nicht, weil es nicht richtig geplant war, sondern weil ich den Puffer für Unvorhergesehenes vergessen hatte. Da war (mein klassischer Trigger) ein Zeitlimit eingebaut, weil meine Eltern nicht zu spät loswollten, machte ich zu viel zeitgleich und verlor den Überblick. Das Gemüse stand erkaltet auf dem Tisch, die Ente war noch zu hart, die Klöße schon zu fest und mit einem Tag Verspätung merke ich erst, dass ich einfach hätte sagen können: „Sorry, ich habe eine Dreiviertelstunde Verspätung!“, um das zu entzerren. (Auch die Hilfe meiner Mutter nutzte nichts.)
Und so haderte ich mit mir. Für meine Überhebung, mir so etwas zuzutrauen (das ich vor fünf Jahren fast nebenbei gemacht hatte), für meine mangelnde Leistung, für meinen Scheiß-Anspruch, dafür dass die anderen meinen Stress gesehen hatten… das lässt sich beliebig fortsetzen. Wie blödsinnig.
Nebenher lief mein Berufs-Belastungstest in die anspruchsvolle Phase, auch das hatte ich nicht auf dem Schirm, die Weihnachtstätigkeiten liefen parallel. Naja, dafür ist es auch da, es sollte mir zeigen ob und wie es laufen kann und worauf ich achten sollte – zum Beispiel die privaten und beruflichen Pläne gegeneinander zu gewichten.
Die innere Kitty kam mit in paar unübersehbaren Statements dazwischen. Einen Sonntagsdienst verdrängte ich ganz, da musste man mich erst anrufen, wo ich bliebe. Und meine Dämonen tanzen wieder. Ich wachte nach Luft schnappend aus einem Alptraum auf. Irgendjemand hatte mich in diesem Traum gefragt, was mit meiner Katze sei. Panisch suchte ich die Katze im ganzen Haus ohne sie zu finden, später nur noch nach ihren Spuren, einem Katzenklo, dass ich wohl nicht saubergemacht hatte, das ich aber nicht fand, scheinbar hatte ich es nicht aufgestellt, nach Katzenfutter dass ich nicht besaß, schienbar hatte ich vergessen, welches zu besorgen. Ich wand mich vor Schuldgefühlen, dass sie wahrscheinlich irgendwo eingesperrt und verhungert und verdurstet war, weil ich mich nicht gekümmert hatte. Erst Minuten nach dem Aufwachen wurde mir klar: Ich habe gar keine Katze.
Ich bin also die Idiotin, die sogar auf nichtexistente Probleme mit Aktionismus, Versagenspanik und Schuldgefühlen reagieren kann. Sauber.

Aber nun reden wir über etwas anderes. Das Kind und ihr Liebster haben mir Gretchen Hirschs „Rock a Bella“-Buch geschenkt. Auch wenn es wahrscheinlich für mich nicht immer der Fifties-Style sein kann, weil zu taillienbetont und es geht ja eher in Richtung victorianische Zitate, aber ich liebe dieses Buch. Ich brauche kein Slow-Sewing-Manifest zu schreiben, die Frau trifft es. Warum sollten wir mit viel Liebe Kleidung für uns schneidern, die in Materialanspruch und Verarbeitung genauso billig, optimiert und auf schnelle Masse orientiert ist wie das, was wir in Discountklamottenläden bekommen können? Da hat sich jemand mit Konstruktionstechniken auseinandergesetzt, schaut auch in und unter ein Kleid oder ein Jackett und muss nicht an einem Tag einen Fummel fertig machen. Das gefällt mir.

Montags

Der graue, feuchte Tag begann nicht uncool. Am Wochenende eingetrudelte Mails sammeln, ordnen und beantworten, ein bisschen was in das Internetz schreiben – übrigens ist der Artikel Meine Fernbeziehung zum Netz-Feminismus von Isabella Donnerhall sehr, sehr lesenswert. Es gibt noch eine Welt jenseits des Schulhofs.

Koninzidenz des Wochendes: Ich stolperte dreimal über den Begriff Drama-Dreieck. Interessante Sache. Hat gerade mit vielem, das mir begegnet, zu tun.

Dann ein Twitter-Gespräch, das dann leider die Grenzen des Mediums sprengte. Wenn 140 Zeichen fast für die Nennung der Beteiligten draufgehen, wird es schwierig, auch wenn es interessant ist. Aber vielleicht schreibe ich demnächst mal was über den Umgang mit sehr, sehr schwierigen Vorgesetzten, Kunden und Klienten. (Nicht dass ich dafür ein Patentrezept hätte, ich kann mich auch nur annähern.)

Am schnell heraufgezogenen dunklen Winternachmittag färbte ich einen Kaschmirpullover. Ein altes, kamelfarbenes Teil, das HeMan vor Jahren weggeben wollte und kamelfarben steht mir so garnicht, weil es zu gelb ist. Wenn mans richtig anstellt – ohne Temperaturschocks und zuviel Bewegung, kann man sogar Kaschmir auf 80 Grad bringen, ohne Filz zu produzieren. Schwarz sollte er werden, dunkelbraun wurde er, das reicht.

Später trudelte noch eine Workshop-Teilnahme-Empfehlung ein. Früher habe ich einmal im Jahr etwas völlig Neues gemacht. Damit sollte ich wieder beginnen.

Am Abend gingen der Graf und ich ins Kino in die Kulturbrauerei. Natürlich machten wir vorher noch eine Runde über den Lucia-Markt, aber der Graf mag Weihnachtsmärkte so gar nicht, weil sie ihn immer daran erinnern, dass er derzeit lieber auf Mallorca oder einer anderen südlichen Insel wäre. Mir wanderte zumindest ein Tütchen gebrannte Mandeln in die Tasche.

Kino. Irgendwie wirkt sich das mangelnde Angebot wirklich guter Filme auch auf die Arbeitsmoral der (schlecht bezahlten) Kinomitarbeiter aus. Eine Einlasskontrolle fand nicht statt. Wir saßen im Hauptsaal. Der Saal war 3/4 voll, für Montag Abend ziemlich viel. Die halbe Werbung lief ohne Ton (nicht, dass das ein Verlust wäre…), es gab ohnehin kaum Werbung. Das kleine Saal-Licht blieb in den ersten Minuten des Films an und in den letzten Minuten schaltete irgendein Spacken etwas im Vorführraum um oder ein, so dass von hinten immer wieder störende, knallweiße Lichtreflexe übers Publikum gingen.
Ich habe mir ein Herz gegriffen und heute den Kinoleiter angerufen und ihm ein Feedback gegeben, im Blog rumgrummeln reicht wohl kaum.

So, nun aber der Film. Inside Lllewyn Davies. Irgendwie schaffe ich es fast nur noch zu den Coen-Filmen ins große Kino. Auch wenn mir die Sixties-Retro-Optik manchmal fast zu viel war, ich mochte den Film sehr. Ähnlich wie True Grit funktioniert die Geschichte eher über die Bilder, die Synergien der kleinen Episoden untereinander und die Korrespondenz mit dem Bilderreservoir in unseren Köpfen.
Ich versuchte nachher im Gespräch mit dem Grafen die Dramaturgie zu klassifizieren. Episches Kino würde ich es nennen. So eine Anti-Helden-Geschichte hat kaum große dramatische Bögen, der Held verweigert das Drama-machen oder vergeigt es immer wieder. Dafür aber finden viele kleine Dramen in den Episoden statt.
(Vor Jahren fehlten mir mal diese Worte, als ich mit jemandem nach einem Film-dramaturgischen Ansatz für Aller Welt Freund suchte.)
Über die Geschichte wird nur erzählt, dass es keine Geschichte ist: LLewyn Davies bekommt auf die Fresse, hat plötzlich eine Katze auf dem Arm, hat einen Gig den er zu einer Mugge macht, versucht aus dem Folksänger-Job auszusteigen, kann nicht einmal das, fährt nach Chicago, kommt wieder zurück, pöbelt ein paar Leute an, hat einen Auftritt und dann weiß man, weshalb er auf die Fresse kriegt.
Aber das ist alles so… Das Leben ist so. Es hat keine Happy Ends und keine Dramabögen. Alles hängt von allem ab und entweder es läuft oder das Menschlein verhakelt sich immer wieder in den Fallstricken alter Entscheidungen.
Die Fahrt nach Chicago. Eine von diesen völlig entrückten atmosphärischen Schilderungen. In True Grit war es der nächtliche Ritt durch die Prärie unterm Sternenhimmel. Hier ist es die übermüdete Fahrt ins Schneegestöber.
Die Katze. Dass da scheinbar noch keiner drauf gekommen ist. Die ist ein Truman-Capote-Zitat. Holly Golightlys namenloser roter Kater, den sie in strömendem Regen irgendwo in New York aus dem Taxi schmeißt, als sie ihr Leben ändern will und den sie dann, nach Scheitern der lateinamerikanischen Heirat, stundenlang vergeblich mit Paul sucht. (Im Film findet sie ihn, im Roman nicht.)
Die Katze und das Unbehaustsein der New Yorker Boheme, das geht so gar nicht zusammen. Ein wunderbares Symbol für etwas nicht halten können, das Stabilität braucht.
Die Musik, wunderbar. Justin Timerlake so, dass es mir nicht auffiel, dass es Justin Timerlake ist. Das Gespräch mit dem Chicagoer Impresario. So, wie ich es im Beruf dutzende Male miterlebt habe.
Ich mag diesen Film. Und ich werde als nächstes Another Country und Frühstück bei Tiffany noch einmal lesen. Es wird Zeit.

Monsterwoche

Diese Woche hatte es so in sich, dass ich heute nur noch auf den Sofa rumhängen werde und morgen gehts dann weiter im (Buch-)Text. Es sind drei, vier längere Texte hier in der Pipeline, zu denen komme ich erst mal gar nicht.
Es ging ganz langsam los. Am Dienstag war die Generalprobe Vorhof der Völker. Mir erfüllte sich ein Wunschtraum: Nachts im Museum. Dazu viele Freunde aus alten Zeiten, die mittelbar oder unmittelbar mit dem Projekt zu tun hatten oder nur zum Schauen da waren, wie der Graf und ich.
Dann am Mittwoch ein Vortrag zum Thema familiäre Gewalt. Das ist nun nicht unbedingt etwas, wovon ich mich betroffen fühle. Das Referat über die Ergebnisse von aktuellen Studien (diese z.B. ) haute mich allerdings um. Heirat, Zusammenziehen, Schwangerschaft sind die häufigsten Auslöser für familiäre Gewalt. Also vollkommen positiv konotierte Vorgänge, aber einschneidende Lebensveränderungen. Männer erleben genauso oft Gewalt wie Frauen, nur hat körperliche Überlegenheit auch sichtbare körperliche Konsequenzen. (Fortsetzen lässt sich das mit finanzieller Überlegenheit, ungleich verteilter Selbstbestimmung etc.) Bindung ist gut, asymmetrische Abhängigkeit die Hölle.
Das war harter Tobak.
Zwischendurch war mal ausschlafen angesagt und gestern nahm ich zum ersten Mal seit zwanzig Jahren wieder an einer Firmenweihnachtsfeier teil, mit liebsten Menschen und trinken und umarmen und ganz viel Essen. Uff.

Und dann schickte die Frau Casino noch ein Stöckchen in meine Richtung. Das steht morgen auf dem Plan.

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