WMDEDGT Dezember 2015 & Sonntagsmäander zusammen

Irgendwann nach Mitternacht und vor dem Schlafengehen bemerkte ich, dass gestern der 5. war. Der Tag, an dem Frau Brüllen fragt, was man denn die ganze Zeit gemacht hat.
Da ich von morgens bis abends zu tun hatte, hatte ich das komplett vergessen. Also wird es heute nachgeholt.

Gestern schlief ich aus, was heißt, ich sagte meinem inneren Faulpelz beim Aufwachen um 9:30 Uhr, dass wir jetzt nicht mehr weiter schlafen.
Dann frühstückte ich Joghurt mit Banane und Datteln, trank zwei große Tassen Kaffee und las ganz in Ruhe ein paar Neuigkeiten im Internet.

Inzwischen war der Graf aufgestanden, der wenn die Umstände es erlauben, ein Nachtmensch ist und wir machten unverzüglich eine kleine Gegenstände-Fotosession. Diese Gegenstände-Fotos brauchen Tageslicht und mit Licht wurden wir letzte Woche nicht so richtig verwöhnt und nun schien die Sonne.
Also bügelte ich zwei Hintergründe, der Graf richtete das Licht aus und fotografierte, ich zupfte und drapierte und schnell waren 200 Fotos gemacht. Gott sei Dank wähle ich das nicht aus, mir läuft von zu vielen Fotos gern der Arbeitsspeicher über. (Worum es geht, das steht später im Text.)

Kurz nach Mittag tauschte ich die Rumwusel-Schlumpersachen mit etwas Stadtfeinem, bürstete mir die Haare, malte mir Farbe ins Gesicht und wir machten eine Spazierengeh-Runde in den Prenzlauer Berg, zum Kollwitzmarkt. Das ist nicht unbedingt unsere Go-Area, weil die Leute auch in Eppendorf und am Viktualienmarkt so aussehen (und glauben, das jeweilige Gegenüber sei authentisches Berlin). Aber wir wollten schauen, was der Markt kurz vor Weihnachten so anbietet und ich brauchte ein Kilo Boskop-Äpfel.
Wir liefen von Stand zu Stand, es roch nach Bratwurst und buttrigem Blechkuchen und wir bekamen auf der Stelle schrecklichen Hunger. (Also der Graf wirklichen, weil er nie frühstückt und ich Solidaritätshunger.) Wir nahmen ein knuspriges Ciabatta mit Spanferkelbraten und einen Glühwein zum Aufwärmen, denn mittlerweile war die Sonne weg und es wurde kühl.

Meine Entdeckung dieses Tages war ein Händler, der wunderschöne bespielbare Kinderbücher aus Stoff anbot. Das schönste war eines mit einer Schlafengeh-Geschichte, in der ein kleine Teddy-Figur in den Pop-up-Seiten in Räume gehen konnte.

Mit anderthalb Kilo Äpfeln machten wir uns auf den Rückweg. Inzwischen wurde es dunkel und es war gegen halb vier. Der Graf ging zum Aufwärmen in die Badewanne und ich machte einen Mürbeteigboden, den ich in die Tiefkühlung stellte und testete meinen Grundschnitt für einen schmalen Rock, den ich lange nicht mehr benutzt hatte. Durch den Arbeitsstreß im Sommer trage ich ein paar Kilo mehr mit mir herum, die nur langsam gehen, deshalb nähte ich den Nesselschnitt als erstes zusammen, um die Passform zu testen. Mein Plan ist es, eine Art Tournürenrock zu nähen. Ich hatte auf dem Markt am Maybachufer einen mit Blumen bedruckten Fischgrat-Tweed erbeutet, den zu ich so etwas ähnlichem wie dem Rock in diesem Blogpost verarbeiten wollte.
Mit einer kleinen Korrektur in der Taillenbalance funktionierte der Rockschnitt auch noch. Ob ich dann nicht wie ein monströses Tweed-Sofa aussehen werde, wird die Nähpraxis entscheiden.

Gegen halb 7 begann ich, eine Tarte Tatin zu backen. Am zweiten Advent ist das traditionelle Treffen der Mieter unseres Hauses, zu dem jeder etwas zu Essen beisteuert. Diesmal wollte ich etwas Fruchtiges mitbringen und keinen Stollen oder Kekse.

Als der Kuchen im Ofen war, bereitete ich das Abendbrot vor. Ich packte den Kartoffelbrei mit Buletten und Möhrchen in eine Auflaufform, die in den Ofen kommen sollte, wenn der Kuchen fertig war. Dann widmete ich mich wieder dem Rock. Ein Meter rosa Baumwollsatin kam in die Wäsche, daraus werden das Futter, Paspeln und Schrägstreifen zum Versäubern der Innennähte und vielleicht Rüschen gemacht.

Um Viertel nach 8 aßen wir und danach nahmen wir wieder den Gegenstand in die Hand, den wir am Mittag liegen gelassen hatten. Der Gegenstand ist ein Stiftetui, beziehungsweise mehrere und hat eine Geschichte.
Stiftetui
Der Graf sitzt oft in Kaffeehäusern und schreibt und plant, er hat dort und auch bei anderen Terminen gern sein kleines Büro dabei – Stifte, ein Tablet, einen Touchpen, ein Notizbuch und Zettel. Und er nimmt, wie viele andere Männer, nicht gern eine große Tasche, um alles unterzubringen. Deshalb sind die Dinge, die er auf seine Gänge mitnimmt, in kommode Stoff-Etuis in schlichtem, reduziertem Design verpackt, die er sich unter den Arm klemmt oder in die Jackentasche steckt und oft selbst entworfen hat.
Ich begleite diese Ideenumsetzung in guter Arbeitsteilung an der Nähmaschine. Die Suche nach einer schönen Anmutung, der idealen Größe für die Hüllen, nach passenden Klappen und Schließen und dem Stand, den das Material bekommen soll, das sind die Dinge des Grafen. Ich habe keine Geduld für solche Details und kümmere mich lieber um scharfe Ecken und knappkantige Steppnähte. Für die Stoffe gingen wir gemeinsam auf die Suche, der Graf arbeitet bei Entwürfen gern mit edleren Materialien.
Letzte Woche entstand nach einigen Testexemplaren das roll- oder faltbare Stiftetui aus japanischem Kimonostoff mit traditionellem Seigaiha-Muster mit verschiedenen Verschlußbändern. Ich wollte auch unbedingt eines haben und damit es nicht bei den beiden Exemplaren bleibt, bestimmt noch andere Teile folgen und wir alle im Weihnachtsgeschenkerausch sind, setzten wir uns gestern um 21 Uhr hin und eröffneten endlich den Shop Schöne Klare Dinge, von dem wir seit gut anderthalb Jahren redeten.
Das beschäftigte uns bis weit nach Mitternacht, denn einfach ist das nicht. Texten und Fotos einstellen geht noch, die Paypal-Anbindung ist ein wenig trickreich, aber die Preiskalkulation beschäftigte uns ziemlich. Bei recht teuren Materialien (die japanische Stoffe kosten um 17€ der Meter und liegen nur 1,10m breit) läuft man schnell über die üblichen DIY-Artikel-Preise hinaus. Und im Freizeitbereich vergisst man dann auch ganz gern, dass in dem Preis noch die Mehrwertsteuer inkludiert ist, die wir beide, die wir sonst immer im B2B gearbeitet haben, sonst als durchlaufenden Posten kalkulieren konnten. Wir sind dann als Startpreis glücklich unter 20 € gelandet.

Das war dann schon um nachts um halb 1 und ich schwächelte zusehends. Momentan pendele ich immer noch zwischen vom Sommer ausruhen, den Winterdepri in Schach halten und in Struktur und Disziplin bleiben, da kommen mir solche Arbeiten als Ergotherapie sehr entgegen.
Aber der Tag hatte es schon in sich, wenn auch mit Ergebnissen, die sich sehen lassen können. Und so ging ich gegen 1 Uhr zu Bett.

Ach so, der Kuchen. Den habe ich natürlich nicht im Ofen vergessen und rechtzeitig auf einen großen Teller gestürzt. Da der Rand etwas bröselte, habe ich sogar schon einen Löffel voll davon kosten können. Denn wenn der heute Nachmittag auf dem großen Tisch steht, ist er sehr schnell alle.

Das wars mit dem letzten WMDEDGT für 2015, die anderen Blogposts sind hier verlinkt.

Düsterer erster Advent

Mit diesen kürzer und dunkler werdenden Tagen habe ich schon immer so meine Probleme. Ich verwandele mich in einen Höhlenbewohner und werfe binnen kurzem alle Vorhaben, die ermöglichen könnten, dieses Jahr mal nicht komplett mental durchzurauschen, über Bord.
Eigentlich bin ich ein Bär und brauche Winterschlaf.
Im übrigen: Wer Bären mag, kann hier *Tusch! Werbesendung* bei Kiki Thaerigen Bärendinge bestellen. Das sind Regenbären und hier ist das Making of – paßt ja zum gestrigen Schneeregen – Schneebären sollen folgen heißt es.

Ich beschäftige mich auch mit Feuchtigkeit, aber nicht von oben, sondern mit dem tiefen Ozean

  Ein von @kittykoma gepostetes Video am

und seinen Kreaturen.

Der Graf ist wiederum dabei, unseren nicht vorhandenen Adventskranz (ich bin ja schließlich der komplette Heimdeko-Ausfall) zu kompensieren und hat seine Weihnachtslieder-App aufpoliert. Sie ist mit neuem Notensatz  und weiteren Liedern versehen. Natürlich ist sie wie immer nach dem Download der Inhalte offline benutzbar und ermöglicht, es auch in Funklöchern Weihnachtslieder zu singen.

Was sonst noch interessant ist? Isabella Donnerhalls Artikel über unsere technischen Möglichkeiten, auch Terror live und ohne unbeeinflußbare Filterinstanzen wie Redaktionen und Pressestellen zu erleben und die Auswirkungen, die das auf die Millenial-Generation haben könnte.
Es ist ohnehin interessant, was aus Kindern wird, deren Eltern (wenn sie sich den als aktive und gute Erziehende begreifen) ihnen jede Frustration vermeiden und sie ständig unter Aufsicht haben. Denn nicht mal Mamas Bauch ist ein idealer safe space für Menschen, die alles gesehen, aber meist wenig erlebt haben.

Mir bleibt nur noch, einen schönen ersten Advent zu wünschen. Als es in alten Zeiten immer dunkler wurde, hat man Feuer angezündet und alles das aufgegessen, was nicht über den Winter gebracht werden konnte.
Kaufen Sie Tücher, Kissen und Decken, das hilft gegen die Kälte und wenn Sie zu viel davon haben, geben Sie sie Menschen, die sie brauchen.

Gehäutet

Mittlerweile verschwimmen die Lebensphasen der Menschen etwas. Wer jeden Tag ein neues weißes Blatt vor sich legen kann, um es zu füllen (oder das zumindest glaubt), hat scheinbar sieben Leben und nicht nur eines aus verschiedenen Reifestadien oder, wie ich gern sage, Häutungen.
Als das Kind und ich auseinander zogen – auf meinen Wunsch übrigens, weil ich mir nicht vorstellen konnte, wie man nach dem Abitur noch freiwillig mit Mama wohnen möchte – fiel ich in ein ziemliches Loch, weil ein ganzer Nähe-, Emotions- und Verantwortungsblock plötzlich aus meinem Leben verschwand, die neue Haut war glänzend, wie neu und sehr empfindlich.
Letzte Woche riss die nächste Haut. „Jetzt hast du das Kind verheiratet“, sagten die Verwandten, ein Schritt der früher tiefgreifende Konsequenzen hatte, trat eine Tochter doch von einem in den anderen familiären Schutz- und Verfügungsbereich. Nichts, was heute noch von Bedeutung ist, aber die Schatten der Tradition sind lang.

Es ist ja nicht unkompliziert, die Familien mit ihren Macken, Marotten und alten internen Grabenkämpfen durch so einen Tag zu bekommen. Wir tüftelten eine knappe Stunde an der Sitzordnung für 20 Leute, wer mit größeren Gesellschaften feiert, kommt ganz schnell auf solche Sitzordnungen. Heute sind die Ost- West-Gräben nicht mehr so tief und selbst die politisch sehr korrekte Sozialarbeiter*innenfraktion musste nicht von potentiellen „Man wird doch wohl noch sagen dürfen!“s separiert werden.
Es gab 14 Tage Intensiv-Kleidungsstreß der Mitmenschen, den ich am Nachmittag vorher dann auch nur noch entnervt abwies, weil es mir zu viel wurde. Ich bekam 2 Tage vorher mal kurz den Anfall „OMG, du kannst doch als Brautmutter nicht mit nem schwarzen 9€ Shirt von Hasi und Mausi und ner Strickjacke zum eisvogelblauen Rock unterwegs sein!“ Der Graf ging mit mir tapfer durch Geschäfte und sponsorte mir eine Seidenweste und eine weite Viskose-Bluse, die ich aber dann doch wegen zu bunt doch nicht trug und die späterer Verwendung zukommen. Aus Kraft- und Gesundheitsgründen hatte ich auf Nähstreß verzichtet, obwohl in meinem Stofflager noch die passende blaugraue Dupionseide für ein Schößchenoberteil lag.
Dann kam der große Morgen, das Kind hatte hier geschlafen, und um halb 8 schlug die Visagistin hier auf, zwei Stunden später stand die Limousine vor der Tür, um eine zarte, in weißen Tüll und Seide gewandete und mit Feinstrahlastern geschmückte Braut mit schwarzen Lederboots an den Füßen abzuholen.
Es war ein schöner Tag. Es sahen sich Menschen aus vielen Lebensphasen wieder – oder trafen sich überhaupt erst mal. Es war warm und herzlich. Die drei Brautväter – er leibliche, der soziale und der Graf – hielten eine Rede, ein 8-Wochen-Baby wurde immer mal schreiend eine Runde getragen und alle strahlten vor sich hin.
Danach war ich zwei Tage platt, ich hatte den schwarzen Hund ja nur mal eine Runde um den Block geschickt, und das junge Paar fuhr nach Usedom.

Hachseufzja… In der Hoffnung, dass das Paar eine lange Zeit zusammen vor sich hat und die neue Haut eine Drachenhaut wird.

Veröffentlicht unter Leben

Jenseits des Blutregens

Vorgestern Abend. Von „Huch im Spiegel steht, im Fußballstadion im Paris gab es eine Explosion, bestimmt ein Vollhonk mit Silvesterknallern“ zu „Gute Güte!“ und Entsetzen zwei Stunden später, als ich durch die Twitter-Timeline scollte.
Ich gebe jetzt bestimmt nicht den Couch Coach. Ich bin zutiefst verunsichert und getroffen. Und trotz dem, diese verhinderten Jediritter nehmen mir bestimmt nicht mein Leben weg, durch die Angst, weil sie gestern so vielen das Leben genommen haben. Denn Wirkung über den eigentlichen Ort des Geschehens hinaus, das wollen sie.
Es geht weiter, anders, bewusster. Es gibt viele Dinge in Europa, die zu verlieren ein großer Verlust wäre. Weiterleben, aufrecht, auch für die, die nun nicht mehr leben. Hölderlin und Molière lesen. Und vielleicht auch wieder Heiner Müller. Anatomie Titus Fall of Rome. Nicht das stärkste seiner Stücke, aber es passt.

Die Woche bestand aus Arztterminen und Rekonvaleszenzbemühungen. Nichts, worüber zu reden lohnt, bevor man 60 wird.

Neuigkeiten aus der Welt der Nähnerds gibt es in einem separate Blogpost nächste Woche, denn ich habe Nählust statt Shoppingfrust gelesen und mir langsam auch eine Meinung zu Geschickt eingefädelt gebildet.

Andere Dinge wollte ich schon lange einmal aufschreiben. Meine absurde Gesellschaftsunfähigkeit, was Essengehen anbelangt zum Beispiel. Zum Brunch gehe ich und habe vorher zumindest schon eine Kleinigkeit gegessen und zwei Tassen Kaffee getrunken, sonst Blutdruck im schwärzesten Keller. Ganz, ganz schlimm ist es, wenn dann noch gar keine Entscheidung darüber gefallen ist, wo denn der Brunch stattfindet und man überfüllte Lokale abklappern muss. (Überhaupt muss es in meinen Augen einen sehr guten Grund geben, morgens das Haus zu verlassen, um in einer vollen, lauten, mit Kleinkindern kontaminierten Kneipe für teuer Geld viel zu viel Essen vom Büffet auf den Teller zu schaufeln – statt in Ruhe ein Stündchen Kaffee zu trinken, morgenzumuffeln, eine Kleinigkeit zu essen und langsam hochzufahren.)
Abends essen gehen heißt bei mir in 80% der Fälle, dass ich eine Viertelstunde nach dem Essen todmüde werde und kaum in der Lage bin, mit einigermaßen intelligenter Miene der Tischkonversation zu folgen und einen Horror vorm Nachhauseweg habe.
Klagen auf hohem Niveau, aber es ist alles nicht so einfach.

Über ein anderes Thema bin ich eher zufällig gestolpert. Seit Monaten höre ich von Leuten, die irgend etwas auf dem Bürgeramt brauchen, dass es keine freien Termine gibt. Das Bezirksamt Pankow gibt mittlerweile den Rat, zur Terminvergabe besser anzurufen. Der Grund: Ein Bot bucht alle Termine kurz nach Freischaltung weg, damit sie verkauft werden können. Von so einer Firma wie es scheint. Jerk-Tech, oder Arschloch-Tech und rechtlich gibt es keine Handhabe. Kannste dir nicht ausdenken.

Veröffentlicht unter Leben