WMDEDGT Februar 2016

Frau Brüllen fragt wieder, was ich den ganzen Tag gemacht habe, aber heute ist einer dieser Tage, an denen nichts passiert.

Der Graf und ich sind immer noch angeschlagen. Für mich ist es Tag 9 der Virusgrippe, für ihn Tag 11. Wenn es nach uns beiden ginge, wären wir längst wieder normal unterwegs, aber das dauert.

Um 7:30 Uhr morgens klingelte es, die Biokiste wurde geliefert. Ich öffnete die Haustür, ließ die Kisten aber erst einmal vor der Wohnungstür stehen und legte mich noch einmal hin.
Natürlich schlief ich noch einmal ein, um 9 Uhr stand ich auf und machte mir Joghurt mit Mango und Banane und Kaffee und frühstückte im Bett.

Dann duschte ich und zog mich straßenfein an. Ich mußte dringend eine Stunde spazieren gehen, von der tagelangen Liegerei und Schlaferei baut mein Kreislauf immer mehr ab.
Als ich dem Grafen den Kaffee ans Bett brachte, bat er mich, auf ihn zu warten, er will mitkommen. Da er erst gegen Morgen schlafen gegangen ist, dauerte das noch etwas. Ich räumte erst einmal die Biokiste aus, las erst das Internet quer und fotografierte den Stamp Quilt, der 8 Tage auf die letzten Handgriffe gewartet hatte.
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Ich habe wieder einen Schlafplatz gemacht, mit Kissen und Tragegurt. Ich hatte so eine transportable Nickerchen-Picknickdecke vor langer Zeit mal im KaDeWe gesehen, natürlich war sie englisch und unglaublich teuer. Seitdem wollte ich so etwas selbst machen.

Gegen 12 Uhr liefen wir eine Runde durch Mitte. Erst zur Bibliothek, einen Stapel dicke Krimis abgeben und neue einpacken (auf das Internet und vor allem Twitter habe ich derzeit gar keine Lust), dann – mit kurzen Stops bei Ocelot und in einem Möbelladen – gingen wir zur Post, ein Päckchen abholen.
Ich war schon müde und setzte mich kurz, aber der Graf war bald dran und nahm ein sehr schönes altes Schreibmaschinenreinigungsset von Primavera in Empfang. Wir liefen den Weinbergsweg hoch, der Graf kaufte bei Soda Books ein DIY-Magazin und ich hatte schon wieder dringend das Bedürfnis nach meiner Sofakuhle. Ich war völlig nassgeschwitzt, aber mir war eiskalt.

Der Graf lieferte mich zu Hause ab und brach noch einmal zu einer Runde auf und ich legte mich hin.
Gegen 14 Uhr machte ich mir etwas zu essen, die Reste vom Vortag, Kartoffelbrei und Sauerkraut mit einem Spiegelei.
Dann musste ich erst einmal dringend schlafen und als ich aufwachte, war es kurz vor 18 Uhr.

Ich las etwas und mein Vater rief an. Die Mutter ist jetzt eine Woche im Krankenhaus und bisher ist die Ursache für Anämie und Eisenmangel nicht gefunden. Es stehen noch zwei Ergebnisse aus, aber die könne auch immer noch ganz blöde Nachrichten bringen.

Ich las weiter, inzwischen war es 20 Uhr. Zeit, sich ein Leberwurstbrot und den Rest vom Sauerkraut zu machen. Der Graf schlief ein Stündchen. Vorhin gab es noch ein Telefonat mit La Primavera und schon ist wieder Schlafenszeit. Ein völlig ereignisloser Rekonvaleszenztag.

Die anderen Einträge stehen hier.

Sonntagsmäander im kalten Matsch

[TW: Bin heute völlig grundlos etwas grummelig und schwafelig. Der Text könnte daher zu lang sein und Spuren von Zynismus enthalten.]

Während in New York jede Menge Schnee Ausgangsperren und Gesundheitswarnungen fürs Schneeschippen bringt, machen sich die Polizei und Snowboarder einen Spaß:

Was mich an eine Erinnerung erinnert – als ich zwischen den Jahren „Zurück in die Zukunft“ sah, dachte ich an die Skateboarder, die sich in den 90ern auf dem Kudamm an Bussen und LKWs festhielten.

Zum Thema „Die Polizei tut wilde Dinge“. Berliner Polizei hat mit 500 Leuten ein besetztes Haus umgekrempelt, nachdem ein Beamter beim Autos kontrollieren geschlagen wurde und die Schläger in diesem Haus verschwanden. Große Empörung. Nee, nett ist das nicht. Aber ich habe das Gefühl, dass die, die sich so empört haben, diese Geschichte im sonntäglichen Tatort oder einer amerikanischen Serie ziemlich geil gefunden hätten.

Der Stamp Quilt hat einen Abnehmer gefunden, was mich sehr, sehr freut. Ich bin mit dem Steppen fast fertig. Natürlich frage ich mich mittendrin wie immer, warum ich auf schöne Steppmuster Wert lege. Es ist nämlich eine brachiale Arbeit, so ein Monster durch die Maschine zu trecken.
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Er hat Wellen bekommen
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und kleine gestickte Fische. Das Kissen und das Tragegeschirr fehlen noch, damit es ein richtiger Schlafplatz wird.

Wenn wir beim Wasser bleiben. Dirk Franke bloggt bei Iberty.net (unter anderem) über Schwimmbäder.
Ich war am Montag wieder in der Gartenstraße. Von der Zeit her habe ich mich immer noch nicht wesentlich verbessert, was mich kreppt. Aber ich bin mit Brustschwimmen genauso schnell wie junge dünne Männer beim Kraulen. Ich habe mich noch mal ein bisschen auf Technik konzentriert. Es ist wunderbar, mit langen, spannweiten, enorm Kraft sparenden Zügen unterwegs zu sein. Es gab am Montag Momente, als die Sonne schräg durch Wasser schien, da fühlte ich mich wie ein großer alter Rochen. (Das Gefühl des Altsein kommt vielleicht daher, weil ich solche Dinge zum zweiten, dritten, vierten Mal erlebe und mich freue, wenn ich sie wieder erringe.)

Für die Nähnerdessen könnte das, was Frau Indica schreibt, interessant sein. Sie war nämlich auf der Curvy  (Insgesamt 3 Blogposts). Die Curvy ist eine Messe für Kleidung für Frauen jenseits von Normgröße. Warum das nun Curvy is Sexy heißen muss, weiß ich nicht. Mir kommt das wie „ich bin fett, aber trotzdem f…ckbar“ daher, gemeint ist es aber sicher als „wir wollen keine Säcke tragen“. Ja nun.
Vor allem bei Anna Scholz schaue ich sehr aufmerksam hin, wie die Schnitte konstruiert sind – wo ist die Taille, was macht sie mit Abnähern etc. Wobei mir die Konstruktionen nicht hundertprozentig passen. Ihre imaginierte Frau hat viel mehr Busen und Hintern als ich. (Aber der Skater-Rock aus blümchenbedrucktem schwarzen Neopren!)
Kaufen würde ich das nicht mehr. Es ist Konfektion, ich habe weder Einfluss auf die richtige Passform, noch auf Innenverarbeitung und Material.

Für andere Menschen, die die Welt der Nähnerds interessieren könnte: Muriel von Nahtzugabe 5cm hat mittlerweile 14 Podcasts über nähende Frauen auf ihrer Seite stehen. Wer die hört, dem sollte endgültig klar sein, dass das Klischee des nähenden Hausmütterchens nicht stimmt.

A propos Haushalt. Ich habe jahrelang einen Ersatz für die De Longhi-Vaporiera aus den 80ern gesucht, mit der ich bei Heman gekocht habe und bin endlich fündig geworden. WMF hat eine Serie kleine kompakte Haushaltsgeräte aufgelegt. Mit dabei ist ein knuffiger zweistöckiger, getrennt programmierbarer Dampfgarer, den ich nun zum Geburtstag bekomme. Beim Internet-Großkaufhaus gibt es ihn momentan auch recht günstig. (WMF Küchenminis Dampfgarer – Affiliate-Link)

Machen wir einen Sprung zu Männern. In meiner Filterblase scheinen sie momentan europaweit so etwas wie unkontrollierbare, triebgesteuerte Affen zu sein, denen frau mit Mühe etwas angezogen hat.
Bei Edition F beklagt sich eine anonyme Autorin bei ihrem Vater, warum er die alltägliche sexualisierte Gewalt (die url spricht sogar von Missbrauch) gegen Frauen ignoriert und belegt das mit vielen eigenen Erlebnissen. Sie verlangt von ihrem Vater, sich damit auseinanderzusetzen, was es für sie bedeutet, eine Frau zu sein. Er habe Verantwortung übernommen, als er sie in die Welt gesetzt habe.
Nun ist diese Frau, dem Schreibstil nach zu schließen, längst erwachsen und für sich selbst verantwortlich. Ok., der Vater scheint selbst zu bloggen und vor allem über „Genderwahn“.
Sehr dramatischer Post, der mir  – was – sagt? Dass in Frieden, intakten Bindungen und Wohlstand aufzuwachsen nicht unbedingt die eigene Verantwortungsfähigkeit und Resilienz stärkt? Dass um mich herum Sodom und Gormorrha herrscht, ich habe es nur noch nicht gemerkt? Warum leben wir Frauen dann noch nicht zusammen wie die Amazonen und benutzen Männer nur noch zu Botengängen und zum Kinderzeugen? Warum ist für die meisten Frauen die Hochzeit trotzdem der größte Tag im Leben? Warum leben dann Frauen nach der Geburt der Kinder in finanzieller Abhängigkeit vom Mann? Warum tun sich Frauen freiwillig mit unzivilisierten, brutalen Monstern zusammen?
Da ist mir im Moment ein bisschen zu viel Larmoyanz unterwegs.

Bleiben wir bei Männern und Frauen. In einem Prozess wird Mutter und Tochter vorgeworfen, dass sie durch Vernachlässigung den ungeliebten Familienvater an Suff und Folgeschäden krepieren ließen wie einen Hund. Die beiden waren über den Tod des Familienoberhauptes sehr erleichtert, endlich waren sie aus der Falle der Co-Dependenz entronnen.
Doch ihr Handeln wird von der Staatsanwaltschaft als Mord durch Unterlassen interpretiert. Ihnen drohen langjährige Haftstrafen.
Nein, es ist umgekehrt.

Widmen wir uns nun differenzierteren Betrachtungen. Es gab in Europa eine Zeit, in der Männer beim Anblick eines versehentlich entblößten weiblichen Knöchels der Angebeteten hyperventilierten und Frauen in sonderbaren Spasmen in Ohnmacht fielen. Alles Sexuelle außerhalb der Ehe war verboten – zumindest für normale, gläubige Christen. Vorbei die Zeit der losen Sitten in Badehäusern, vorbei die Zeit der Ausschweifungen an Fürstenhöfen. Die Bürger der sich industrialisierenden Vormoderne sollten keusch sein und sich beherrschen. Die Frau, die ihren Weg kreuzte, auch wenn sie nicht mit einem Beschützer unterwegs war, war unantastbar. (Das galt nicht unbedingt für Dienstmädchen, Wäscherinnen und Bauernmädchen. Da konnte man sein Glück probieren. Die standen außerhalb der Respektswelt.)
Als ich letztens endlich einmal Stolz und Vorurteil las, gruselte es mich. Die dumme Schwester der Heldin brennt mit dem falschen Mann durch und lebt mit ihm ehelos zusammen. Fazit der Familie: Das ist der gesellschaftliche Ruin. Sie wäre besser tot. Der Vater reist dem Paar hinterher, was die zurückbleibenden Frauen der Familie seinen Tod befürchten ließ, denn um die Ehre der Familie zu retten, muss er den jungen Mann zum Duell fordern. Aber es gibt aber eine Ehrenrettung in Form von viel Geld und einer hastigen Trauung.
In der Erfolgszeit dieses Buches unternimmt Napoleon seine ägyptische Expedition und das gebildete bürgerliche Europa phantasiert von den wunderschönen, leicht bekleideten Frauen des Orients. Das Verhältnis der Osmanen zum Sex im Vergleich zu den Europäern verhielt sich vor reichlich 200 Jahren umgekehrt zu dem, wie wir es heute erleben.

Wenn es nur nicht so verdammt zwiespältig wäre. Natürlich haben die herzhaft zugreifenden Herren vom Kölner Bahnhofsvorplatz Respekt vor Frauen. Vor denen, die es wert sind, dass sie sie einmal heiraten. Und diese Frauen halten ihren Körper bedeckt, achten auf ihre Jungfräulichkeit und schauen Männern nicht einfach so in die Augen. Das ist eine völlig andere Definition des Werts einer Frau.
Bisher haben die Konsequenzen dieser kulturellen Kluft vor allem selbstbewußte junge Frauen aus nichteuropäischen Migrantenfamilien getragen. Im Moment schwappt es über, wird aber auch überzeichnet. Fremde, die sich an Frauen ver-greifen, das ist eines der archaischsten Konflikt-Motive. Das triggert jeden und jede.
Ich bin sonst keine Freundin von Frauenbewegungs-Feministinnen, aber ich finde einige Fragen Fragen, die Eva Quistorp stellt und die über die Silvesternacht in Köln hinausgehen, ziemlich berechtigt. Auch wenn sie die Zahl von 80% junger Männer unter den Flüchtlingen wiederholt. Sie fragt, wer eigentlich diesen jungen Männern Partnerin sein soll.
Klar, man könnte genauso abwiegeln, wie man das abwiegelte, als es um Gastarbeiter ging. – Ist doch deren Sache. Ist es nicht, wenn wir nicht demnächst wieder victorianische Verhältnisse haben wollen.

Veröffentlicht unter Leben

Sonntagsmäander im Winterwunderland

So mag ich den Winter in Berlin. Ein klein bisschen Schnee, so dass die Kinder ein, zwei Tage den Weinberg um die Ecke runterrodeln können, weiße Verzauberung auf den Platanen vor dem Fenster, Hundekacke und Sperrmüll gnädig zugedeckt. Bloß nicht zu viel, damit die selten geräumten Trottoirs keine Eispanzer bekommen und die schneeungewohnten Autofahrer nicht auf den Straßen rumschusseln und alles lahmlegen (BTW. neuestes Berliner Straßenverkehrsfeature sind Radfahrer mit Kindern, die auf vereisten Straßenrändern jeden Moment in den Autoverkehr zu stürzen drohen.)
Wenn dann noch wie gerade eben kurz die Sonne rauskommt, wie ist für ein paar Stunden alles paradiesisch und die Kugel vom Fernsehturm ist oben wirklich mit Schnee bedeckt.
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Die Woche begann für mich nicht so paradiesisch. Ich stand am Montag auf, freute mich darauf, schwimmen zu gehen, horchte aber in mich rein und stellte fest: „Oh, das wird wohl eine Erkältung, geh besser nicht schwimmen!“ Ein längerer Spaziergang würde es auch tun. Eine Stunde später legte ich mich mit Fieber ins Bett.
Ich hatte für den Dienstag vor einem halben Jahr etwas vollkommen Unaufschiebbares zugesagt, für das ich 7 Stunden fit sein musste. Diesen Tag stand ich dann auch durch, um danach wieder im Bett zu verschwinden. Seit Donnerstag bin ich wieder halbwegs auf den Beinen, aber weder die AnNäherung Bielefeld (für Nicht-Nähnerds: ein Wochenende, an dem 30-40 Menschen an Nähmaschinen sitzen), wo ich relativ weit oben auf der Warteliste stand, noch eine Fahrt zu Primaveras Geburtstag waren denkbar. Es zieht mich immer noch aufs Sofa unter die Kuscheldecke und die Nebenhöhlen brauen Bakteriencocktails und draußen attackieren mich die eigentlich gar nicht so zahlreichen Haselpollen heftig. Aber es gibt Schlimmeres.

Die Echokammer Twitter ist mir seit Silvester verleidet. Zu schrill, zu laut, zu viel Agitprop und allgegenwärtige Couch Coaches.
Als mir ein Tweet in die Timeline gespült wurde, in dem eine Freu meinte, die Flüchtlinge hätten sich schnell integriert, sie hätten sogar gelernt, wie in Deutschland sexuelle Belästigung ginge und das definitiv nicht ironisch meinte, war ich dort weg. (Mal ganz abgesehen von den ganzen Deutschmenschen, die es immer wieder von Facebook dorthin zieht, weil sich da noch besser verbal zuhauen lässt, aber die gehören nicht zu meiner Filterblase.) Das ist mir einfach zu blöd.
Natürlich kann ich jetzt öffentlich Meinung haben. Hab ja nicht umsonst eine Menge Kulturgeschichte studiert. Muss ich aber nicht.
Statt dessen erzähle ich eine kleine Geschichte. Ich hatte eine Freundin, die in Zittau völlig ohne Westfernsehen aufwuchs. Sie kannte den Westen aus Erzählungen, aus politischer Propaganda über den faulenden, sterbenden, dekadenten Kapitalismus (diese Propaganda war voll von aggressiven und sexualisierten Projektionen) und der einen oder anderen bunten Zeitung – Anfang 80er, die Zeit der Tittentitelblätter. Als sie dann ins Oderkaff kam, sah sie erst einmal jede Menge Westfernsehen und war enttäuscht. Sie hatte erwartet, dass dort Pornos laufen und nicht ganz normale Filme und dass in den Nachrichten ganz normale Straßenbilder zu sehen waren und nicht Menschen, die nackt unterwegs waren und es an jeder Ecke bunt durcheinander miteinander trieben, wunderte sie noch mehr.
Mir ging es nicht ganz so. Aber auch ich war nach dem Mauerfall erstaunt, dass der Westen so extrem sexualisiert war, dass Sex und objektifizierte Gespielen ständig durch die Luft schwirrten, aber das meiste in den Köpfen oder mit Worten stattfand und nicht getan wurde.
Irrtümer und Kollisionen über intime Themen passieren immer, wenn sich Menschen aus unterschiedlichen Kulturen vermischen. Siehe die gern kolportierte Geschichte über die schnell knutschenden Amerikaner, die die Engländer ob der überfallartigen Intimität völlig schockierten, wohingegen die Amerikaner die Engländer für die totalen Schlampen hielten, weil bei denen nach dem Knutschen sofort Sex kam.
Wenn für die obere Eskalationsstufe zu sexuellen Handlungen nicht bedeckende Kleidung reicht, dazu öffentliches Auftreten ohne aggressive Begleiter und Beschützer – plus Alkohol, plus Gruppen-Macker-Weristdercoolstetyp-Verhalten, plus nicht vorhandene (aber in der Kultur der Täter übliche) drastisch strafende Korrektive und Autoritäten, passiert so etwas wie zu Silvester.
So leid mir die betroffenen Frauen tun, besser es fliegt uns allen so unübersehbar und nicht bagatellisierbar ins Gesicht, damit sich eine Gesellschaft damit auseinandersetzen kann, als wenn Gerüchte über Gerüchte sich in sozialen Netzwerken ins Groteske verzerren und nur den reaktionären Hinterwäldlern in die Hand spielen. (Von den sich tagelang die Ohren zuhaltenden, Lalala singenden Leuten und von vollkommen deplatzierten Derailingaktionen wie: Wir leben doch schon immer in einer Rape Culture! ganz zu schweigen.)

Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich die Spracheuphemismen der Netzaktivisten und im letzten Jahr auch der klassischen Medien für gefährlich hielt (darüber schrieb ich dann nicht mehr, weil mir die Rechthaber zu aggressiv geworden waren, ich las monatelang fast keine Zeitung mehr, weil sie alle klangen wie die Staatsberichterstattung der DDR, null substanzielle Information und jede Menge Hype).
Wer Angst davor hat, über kurzzeitiges taktisches Schweigen hinaus, öffentlich über ein Thema zu sprechen, hat die Macht darüber verloren.
Ich bin in einer Gesellschaft aufgewachsen, deren offizielle Kommunikation jahrzehntelang eine Camouflageaktion war. Bis zum Zusammenklappen der DDR schrieben die Zeitungen und berichtete das Fernsehen in einem Stil, der in jedem Wort die Wunschgesellschaft beschwor und beschrieb. In der Hoffnung, dass dies das Denken der dummen, trägen Masse beeinflussen möge und in der Angst, dass unliebsame Wahrheiten dem politischen Gegner in die Hände spielen. Das funktionierte nicht.
Auch in meinem familiären Umfeld wurden unliebsame, nicht ins fortschrittliche Weltbild der Sieger der Geschichte passende Ereignisse beschwiegen oder verdreht. Es gab ausgedehnte Tabuzonen und Redeverbote. Die Sowjetarmee bestand da aus freundlichen, kultivierten Offizieren und folgsamen, netten Soldaten. Trotzdem warnte mich meine Mutter davor, zusammen mit den Jungen des Viertels zu den Wachposten an der Kaserne zu gehen und Zigaretten gegen Munition zu tauschen. Die jungen Männer könnten durch mich pubertierndes Mädchen sexuell aufgereizt und zu Untaten gebracht werden, die drastischen Strafen dafür wollte man ihnen ersparen.
In der DDR lebende Afrikaner waren durchweg „wissbegierig und natürlich intelligent“. Nebenher erzählten sich die Genossn die (urbane Legende?) Geschichte von der empörten Frau, die ein Parteiverfahren wegen sexuellem Mißbrauch anstieß, nachdem sie in der Partynacht auf einer Partei-Weiterbildungsfahrt mit dreimal einem netten afrikanischen Studenten geschlafen hatte und am nächsten Morgen mitbekam, dass es nicht einer dreimal hintereinander sondern drei verschiedene Männer waren, die die Verwechslung sehr goutierten. (Höhöhö! Unverhofft kommt oft! Schenkelklopfer!)
Ich erzählte meiner Mutter von einem Ereignis, das sich 40km vom Oderkaff entfernt abgespielt hatte. Die Sowjetische Armee hatte an einem Sonntag ihre Übung vom nahen Truppenübungsplatz ausgeweitet und Luftangriffe auf eine Wochenendsiedlung daneben geflogen. Meine Jugendliebe und seine Familie waren wie alle anderen schreiend in die Häuser gerannt. Meine Mutter drehte sich weg und sagte: „Das kann nicht passiert sein!“
Wo und wie so eine Gesellschaft endete, als die Realität in ihre offiziellen Legenden einbrach, wissen zumindest alle Deutschen über 40. Nur gibt es diesmal kein Fallback in Form eines wirtschaftlich stärkeren Nachbarstaates.
Analysieren und handeln, wo handeln funktionieren kann, ist allemal besser als schwafeln und mit Mimimi in Schutzräume flüchten. Ich glaube, die Fluchtbewegung nach Europa ist auch durch Grenzschließungen nicht aufzuhalten. Die Ereignisse des letzten Jahres und des nächsten werden Europa wahrscheinlich nachhaltiger ändern als der Fall des Eisernen Vorhangs.
Und vielleicht wird Angela Merkel in der Geschichte eine ähnliche Funktion haben wie Michail Gorbatschow. Eine angesehene, aber nicht von allen geliebte Person, die einen Hebel umgelegt hat und unumkehrbare Veränderungen veranlasste.
(Edit: Harmoniesüchtiges Schweigen und Nebelkerzen werfen rächt sich jetzt schon. Die Fortschritte, die Flüchtlingssituation zu ordnen, werden über dem Thema Köln nicht mehr gesehen.)

Das soll es dazu gewesen sein. Ich bin über ein paar Artikel gestolpert, die ich interessant finde:
Sybille Berg über Frauen und ihre selbsternannten Beschützer
Eine Besprechung von Daniele Gigliolis Essay „Die Opferfalle“, den ich daraufhin für ziemlich lesenswert halte.
Und ein aktueller Artikel von Bernd Ulrich in der Zeit zu Köln und den Folgen.

Weiter gehts mit Handarbeit. Vor Weihnachten scheitere ich mehrmals. 1. an einem Burda-Modell für üppigere Frauen, weil entweder das Probeteil zu weit oder zu eng war. 2. weil ich nicht in der Lage war, das schöne Fake-Wickelkleid, dass Frau Crafteln in „Geschickt eingefädelt“ nähte, von Größe 42 (nenn es Schlankmacherkleid und setze es in die Promotion-Beilage zur Burda in den Größen 38-42, kannste dir nicht ausdenken) auf meine Maße zu gradieren und einen beulenden Sack produzierte.
Ich habe null Bock, mich um Passformprobleme zu mogeln, indem ich Jerseysäcke zu nähe oder mich womöglich damit beschäftige, meinen Körper auf Konfektionsmaße zu optimieren.
In den letzten 2 Wochen habe ich deshalb in freien Stunden Schnittkonstruktion gelernt. Aber bis ich das anwenden kann, wird es noch viele Probeteile geben.
Deshalb gibt es nun erst einmal eine Erfolgserlebnis-Zäsur. Ein Stamp-Quilt in vielen Blautönen, der mit Kissen und Tragebändern wieder einen transportablen Schlafplatz ergeben soll.
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Ach so und die Baustelle Internet gibt es immer noch, da der Wechsel zu einem anderen Anbieter oder in einen anderen Vertrag sich schwierig gestaltet. Nun sind es nicht mehr die Probleme mit der DSL-Synchronisation, sondern das Netz wird (je nach Tagesform) binnen Stunden immer langsamer, bis gar nichts mehr geht. Nachdem der Router neu gestartet wurde – was heißt, neue IP-Adresse, neuer Port in dem Schaltkasten unten auf der Straße – läuft es wieder einige Zeit. (Das wird sicher auch nicht anders, wenn der Vertragspartner jemand ist, der die Leitungen von der Telekom mietet.)
Nervend. Aber vielleicht bin ich da auch zu anspruchsvoll. Der Graf kann immer noch auf seine LTE-Devices ausweichen. Mein mobiles Datenvolumen war immer sehr knapp gehalten, weil ich vor allem zu Hause im Internet war. Die Nachbarn hingegen meinten, dass das WLAN manchmal nicht ginge und dann nähmen sie sich ein Netzwerkkabel oder warteten ab… Alle anderen haben auch schon eine Vertragskündigung bekommen und sind auf IP-Telefonie umgestellt worden. Was wir noch abwarten wollen, da es derzeit immer wieder lange Ausfälle im überlasteten Netz gibt. Könnte durchaus sein, dass ich demnächst einen Homeoffice-Job mit viel telefonieren mache, dann muss das funktionieren.

Das wars. Jetzt geht es hier weiter mit Kaffee und einem Rest Weihnachtsstollen.

Veröffentlicht unter Leben

Sonntagsmäander mit Abschied vom Weihnachtsbaum

Wir haben ihn heute im Regen auf die Straße gelegt. Eine stramme Rügener Tanne, den Kind & Schwiegersohn und wir zusammen für Weihnachten gekauft hatten. Die arme Tanne, sie hatte noch keine Nadel verloren. Hoffentlich frisst sie ein Elefant zum Frühstück.

Die Heizung heizt und die Bügelstation macht es auch wieder. Erstere hält den Druck, letztere hat zwar nicht mehr so viel Druck wie früher, weil das Einstellen des Druckventils etwas tricky ist, aber sie funktioniert zur Zufriedenheit. Statt das Gerät für über 200€ zur Reparatur einzuschicken (der europaweite Support für die Schweizer Herstellerfirma ist mittlerweile in Ungarn, die kleinen Werkstätten gehen leer aus, Ersatzteile sind offiziell nicht zu bekommen) hat der Graf selbst geschraubt, wie so viele, die keine Lust haben, die knappe Hälfte des Geldes für den Kauf einer neuen Bügelstation für Einschicken und Diagnose zu zu zahlen. Die Firma hatte wohl das Problem, dass ihre Produkte zu langlebig waren. Die Vorgängerin der jetzigen Bügelstation funktionierte über 20 Jahre. Es gibt mittlerweile einen (halblegalen) Ersatzteilhandel, der DIY unterstützt und jede Menge Foreneinträge dazu. Der Aufbau des Gerätes ist simpel, die Teile sind in jedem Kaffeevollautomaten verbaut und haben unter 30 € gekostet.
Das kann man sich alles nicht ausdenken.

Die Eltern waren am Freitag noch einmal da, wir gingen in die Botticelli-Ausstellung. Manchmal haben Ausstellungen, so gut so gemeint sind, entzaubernde Wirkung. Die Werkstatt-Technik Botticellis wurde minutiös erläutert und es waren viele zweit- bis viertrangige Werke mit gleichem Motiv zu sehen, die nach Schablonen gefertigt und ausgemalt wurden. Für mich ist der Zauber dieser Bilder erst mal weg.

Ich habe gerade eine fürchterliche Allergie. Tränende Augen, pfeifende Bronchien, laufende Nase, verstopfte Nebenhöhlen. Es fliegen ein paar Haselpollen und als es so kalt war, wirbelten auch noch die letzten Staubkörner hinter der heißen Heizung vor. Aber das kann doch alles nicht so eine üble Wirkung haben. Was soll das erst werden, wenn die Birken blühen?

Heute Abend seit langer Zeit wieder einmal Tatort. Zum Bodensee-Tatort habe ich ein sehr gespaltenes Verhältnis, aber diesmal war ich zufrieden. (Mal abgesehen von diesen fürchterlichen Informationsübermittlungs-Dialogen immer mal wieder. Gestelzte-Schrift-Sätze, die ein Mensch so nie sagen würde.) Die Geschichte wurde klar, logisch, prägnant und sparsam erzählt, mit gut gesetzten Handlungsdrehpunkten (das Mädchen reagiert nur auf den Polizisten, der Polizist hat dadurch große Ermittlungserfolge, ihm gefällt die exorbitante Vertrauensstellung unterschwellig durchaus, die vorgesetzten Frauen beenden diese Konstellation, die Gefahr besteht, dass sich das Mädchen wiederum an eine Meister-Figur bindet, die Geschichte endet mit der Gewissheit, dass sie immer wieder reflexartig auf diesem Männertyp reagieren wird). Schauspielerischer Höhepunkt war für mich die Szene in der Klara Blum den Vater des Toten verhörte. Da treffen mit Eva Matthes und Klaus Manchen zwei altgediente und ruhmvolle Theaterschauspieler zusammen. Der Hass, den der selbstgefällige starre alte Mann in seinem Gegenüber erzeugt. Selbst diese Frau versucht er jovial anzutatschen. Und wie die Kommissarin ihren Hass bezähmt und ihn mit Scheinfreundlichkeit beschwatzt, Informationen herauszugeben. Das alles ganz sparsam. Nur mit Blicken, Körperhaltungen, Sprache. Das ist groß.
Es freute mich auch, dass der Assistent eine große Geschichte bekam, bevor dann dieses Jahr mit dem Bodensee-Tatort Schluß ist.

Ich habe ja noch eine Geschichte aus dem Nähkästchen. Besser gesagt, sind es zwei Geschichten, die sich über den gleichen Sachverhalt erzählen lassen.
Geschichte Nummer eins ist ein Klassiker. Schauspieler, die Ermittler-Duos spielen, haben manchmal Konkurrenz-Probleme, egal, ob die Konstellation gleichberechtigt oder Ermittler-Assistent ist.  Manche teilen sich die Sätze gleichberechtigt zu. Andere haben sich mit der Zeit zusammengerauft. Die nächsten hält man wie Raubtiere getrennt und lässt sie nur vor der Kamera zusammen.
Von 2002-2004 gab es dieses Problem beim Bodensee-Tatort. Der Assistent kam mit der dramaturgischen Zurücksetzung hinter die Hauptfigur nicht zurecht und schied nach drei oder vier Folgen aus.
Geschichte Nummer zwei ist anders. Das Ermittlerduo sind eine ältere deutsche Frau (eine sehr bekannte Theaterschauspielerin mit einigem Einfluss auf die Produktion) und ein jüngerer türkischer Mann (Autodidakt von Format, etwas private Schauspielschule, mit einigen guten Filmen in der Vita, aus einem kurdischen Bergdorf, dessen Einwohner mittlerweile in die ganze Welt verstreut sind).
In der Geschichte ist die Frau die Heroine, der Mann supportet sie. Die Hauptdarstellerin kennt die Entscheider sehr gut und war Wunschkandidatin und die Besetzung ihres Assistenten hat sie mitbestimmt. Am Set gibt es schon nach ein paar Tagen den ersten Dominanzhickhack. Dem Assistenten ist sein Platz in der Dramaturgie, auf den er nachdrücklich verwiesen wird, nicht recht.
In der ersten Folge wird der Schluss, in der die Kommissarin im Finale von ihrem Assistenten aus Lebensgefahr gerettet wird, im Schnitt geändert. Sie befreit sich nun selbst, bevor der Assistent kommt. Auch den Täter fasst sie nun allein.
Danach ist Krieg in der Produktion. Das Konzept heldische deutsche Frau mit domestiziertem türkischem Assistenten scheiterte auf der ganzen Linie. Ein kultureller Irrtum.
Das waren ziemlich üble Krisengespräche.

Veröffentlicht unter Leben