bin ich Puristin und deshalb verirrt sich auch nur ab und zu ein Foto in das Textpattern-Blog. No-Go-Area für Videos.
Aber so langsam gerate ich in Versuchung, denn ich habe auf Youtube Videoclips von The Tea Party entdeckt.
Das zu Messenger ist gruselig. Aber das Lied ist noch immer Spitze.
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Ham se übahaupt jedient?
Setzen wir doch einmal den Reigen der peinlichen Geständnisse fort.
Ich mag Uniformen. Nicht das nach Schweiß, Stiefelwichse und Tabak riechende filzige Feldgrau. Nein. Maßgeschneiderte Stiefelhosen mit roten Generalsstreifen, silberne oder goldene geflochtene Schulterstücke und Interrimsspangen, die die Kurzform der Orden codieren. Barette, Kampfanzug und Schnürstiefel inclusive.
Ich kann mich auf eine frühkindliche Prägung herausreden, ich bin quasi beim Militär großgeworden.
Komischerweise sind meine sonderbare Fixierung und mein Schwerter-zu-Pflugscharen-Pazifismus nie miteinander kollidiert.
Uniformen in denen ein passabler Kerl mit adäquatem Dienstrang steckt (was hieße von Oberst aufwärts), sind relativ selten. Sie werden entweder von Studienrätinnen in den Schrank gehangen, die ein verbeamtetes Pendant suchten, das nicht ebenfalls ab Mittag im Haus rumhängt. Oder aber sie liegen in Beziehungskisten mit grünen Abgeordetinnen auf der Stuhlkante.
Mangels anzuschmachtendem Material habe ich einen Ersatz gefunden: Mann im Anzug. Also nicht der C*A-Knautschke für Versicherungsvertreter. K*ton, Z*gna, Nadelstreifen, dunkelblau, dunkelgrau, schlammfarben. Dazu italienische Hemden mit handgenähten Ärmeln und Knöpfen, am liebsten die hellblauen. Krawatten, die immer auf der Kante des farblichen Wagnisses sind und in der nächsten Saison gar nicht mehr gehen. Pferdelederschuhe und -gürtel, kein Unterhemd.
Also im Grunde ganz schlicht, mit wenig Chi Chi und nur wenigen zu variierenden Details. Und wenn ich in meinem nächsten Leben ein Mann werde (ich habe es bereits beantragt) trage ich genau solche Anzüge. (Es sei denn er beamt mich ins 18. Jahrhundert, dann wird es eine Husarenuniform.)
Unwiderstehlich. Freitag abend. Heman und ich kommen aus einem Konzert. Ich schraube an meinen Ohrringen. Er knibbelt an den Manschettenknöpfen, das Hemd aufgeknöpft und schon halb von den Schultern gezogen. Wir haben es dann nicht mehr geschafft, die Schuhe auszuziehen.
Antonioni
mein Regisseur. Während meines Studiums, bei dem ich mich nicht gerade mit Ruhm bekleckert habe, lieferte ich eine 20-seitige Arbeit zu Zabriskie Point ab, die meinen Lehrkörper in unerwartete Euphorie versetzte. Was ich garnicht verstand. Ich hatte nur in die Tasten gehackt. Etwas über die Dramaturgie der Distanz geschrieben. Darüber, daß ein Regisseur die Härte und die Konsequenz besitzt, dem Zuschauer seine kühnsten Wunschträume zu zeigen und sie langsam, aber sicher zu sezieren und zu demontieren. In Blow up war es Swinging London und die Modeszene. Das letzte Bild des Films ist das umgekehrte blow up: eine lange Kranfahrt, die den Fotografen als kleinen, verlorenen Punkt auf einer Wiese enden läßt. In Zabriskie Point waren es die Hippie- und Aussteiger-Träume, die in jenem grandiosen Schlußbild der explodierenden Villa zerbarsten.
Antonioni ist am Ende seines Lebens in die absolute Distanz gegangen. Nach einem Schlaganfall konnte er nicht mehr sprechen, in seinem letzten Film, eine Episode in Eros, den im Grunde genommen Wim Wenders für ihn drehte, verständigte er sich am Set mit zu erahnenden Gesten.
Ein großer, aber kein leicht zu konsumierender Künstler. Weil er uns immer wieder an unseren Erwartungen gepackt und sie unterlaufen hat. Kein Menschenfreund. Nicht der verständnisvolle Empathiker wie Fellini. Ein Analyst.
Und nun der Nachtrag aus der Spökenkieker-Abteilung. Letzte Woche, es muß Donnerstag oder Freitag gewesen sein, bin ich hektisch durch durch den spon-newsletter gescrollt, keine Zeit, länger zu lesen. Ich überflog nur die Headlines, Antonioni gestorben las ich. Am Wochenende schlug ich die Zeitungen auf und ärgerte mich, daß er scheinbar so vergessen war, daß keine Nachrufe abgedruckt waren. Für Montag nahm ich mir vor, den spon-Artikel zu lesen, kam aber nicht dazu, weil sich die Meldungen zum Tod von Ingmar Bergman stapelten. Wieder nur der Gedanke: Das kann doch nicht sein! Ist Antonioni denn völlig vergessen? Gestern abend, schon im Bett liegend, bastelte ich an einem kleinen Nachruf für ihn. Heute morgen dann der Zeitungsartikel. Er ist Montag nacht gestorben. Ich war wohl zu früh dran.
Vielleicht sollte ich diese Gabe zu Geld machen. Zweitberuf Medium.
Ich breche eine Lanze für
Franz Josef Wagner . Ja, für den kettenrauchenden, immer schmierig und verlebt wirkenden Bild-Chefkolumnisten. Der in den letzen Jahren nur noch mit seinen Volksseelen-Artikeln auf Messers Schneide vor den mißmutig gerunzelten Augenbrauen des Feuilletons tanzt.
Anfang der 90er brauchte ich in meiner ostdeutschen Sucht nach bunten Bildern ab und zu MAX, auch wenn es teuer war. Dort schrieb er 80 oder 100 Zeilen. Über Nachtschwärmer in Berlin. Darüber, daß sie an der Currywurstbude stehen, die übriggebliebenen, enttäuschten Frauen, für die er wieder nicht dabei war und die druckbetankten, träumenden Männer, denen ihr Beuteschema wieder einmal die kalte Schulter gezeigt hat. Darüber, daß sie einsam nach Hause gehen und allen außer Selbstekel und Träumen nicht viel geblieben ist.
Dieser brachiale, ziemlich anachronistische Existenzialismus der Texte traf mich immer wieder wie ein Schlag in die Magengrube. Das war pur, im Gegensatz zu Maxim Billers distanzierten Zynismen, seinem kindischen épater les bourgeois in Tempo.
Der Stil erinnerte mich an Kisch, Tucholski und Kerouac.
Und Headlines konnte er. Nach längeren Texten zu recherieren, war mir nicht so wichtig. Ich las, wenn ich Bild in der Hand hatte, seine Kolumne, blendete meist den Inhalt aus und berauschte mich an den Sätzen.
Und heute lese ich etwas verspätet im Spiegel Nr. 29 seinen Artikel zum 20. Todetag von Jörg Fauser. (Leider nicht zu verlinken, da im kostenpflichtigen Archiv.) Ich weiß wenig über Literatur der Bundesrepublik, mich haben andere geprägt. Heiner Müller, Volker Braun, Irmtraud Morgner, Christa Wolf (widerstrebende Rezeption) und die selbstgedruckten Künstlerheftchen der Berliner und Leipziger Szene.
Wagners Erinnerungen an Fauser sagen mir eines: es gibt die anderen 68er. Sie schreiben für Bild, haben Aktiengesellschaften, sind Millionäre und/oder sind verkommene Alkoholiker. Revolte war für sie genauso wichtig. Aber hat sie die Überformung durch die hehre Lehre interessiert? Rausch war wichtig und Bewegung und Unkonventionalität und Weiber. Die Rechtfertigung durch Ideologie war scheinbar nicht nötig. Ich muß das ganz naiv fragen. 68er sind für mich eigentlich Althippies, Studienräte, Grünen-Funktionäre, Öffi-Fernsehredakteure, Terroristen und deren Unterstützer oder schlicht die weißhaarigen Kiffer im Görlitzer Park. Die öffentliche Darstellung sagt immer: die (linken) Nicht-Spießer gegen die (rechten) Spießer.
Das scheint nicht zu stimmen.