The Diary of Kitty Koma

05/08/2015
von kitty
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WMDEDGT August 2015

Frau Brüllen möchte wieder wissen, was wir den ganze Tag getan haben. Nun:

Um 5:50 Uhr klingelte der Wecker. Diesmal erlaubte ich mir, zweimal auf die snooze-Taste zu drücken. Dann stand ich fix auf, zog mich an und hübschte mich. Da gab es nicht viel zu tun, im Sommer ist es leicht. Ich zog das schwarze Kleid mit dem gestickten Drachen an (zur Zeit ist eher aufpimpen statt Kleider nähen möglich) und es gab Farbe ins Gesicht und striegelte die Mähne.

Um 7:00 Uhr setzte ich mich mit einem Joghurt mit Ananas und Banane und einem Kaffee aufs Sofa und verspielte mich etwas am Laptop. Deshalb packte ich mich den größten Teil meines Joghurt ein, machte mir noch ein Käsebrot für den Arbeitstag und nahm ein paar Tomaten mit.
Dann fuhr ich mit dem Rad zur Arbeit.

Im Büro bin ich um 8 Uhr fast die Erste, die meisten kommen erst um 9 Uhr. Die Arbeit lief gut, es ist gerade ruhig. Was zu dem sonderbaren Effekt führt, mangels Adrenalinkicks müde und schusselig zu werden, was ich mit Espresso bekämpfte.
Ich ging pünktlich um 17 Uhr und fuhr zum Alexanderplatz (grauenvolles Gedränge!), besser gesagt zur Dircksenstraße, wo sich die Brillenwerkstatt befindet.
Meine schöne Lindberg-Lesebrille war vom Auf- und Absetzen etwas schief geworden und dann hatte sie noch einen dieser Nasennupsies verloren. Und meinen Stammoptiker in der Mommsenstraße gibt es nicht mehr. Deshalb suchte ich die Alternative auf. Der Verkäufer richtete mir innerhalb fünf Minuten die Brille und gab ihr einen neuen Nupsi. Da die Optiker für so etwas nie Geld wollen, konnte ich zumindest ideell etwas zurückgeben – er verkuckte sich schwer in meinen Stetson-Fahrradhelm, den ich auf dem Ladentisch abgelegt hatte und ich konnte ihm ein paar Bezugsquellen nennen.

Dann fuhr ich heim und war recht hungrig. Ich hielt bei Süße Sünde und holte mir Eis, das ich im Weinbergspark sitzend aß, dann saß ich noch etwas im Schatten rum, bis ich das Rad den Berg hochschob.
Zu Hause erwarteten mich der Graf und ein kleines Päckchen. Ich herzte den Gatten, legte erstmal die Füße hoch und nach einer Ruhepause und einem Telefonat mit dem Kind, das Unmengen Zucchini aus eigener Ernte avisierte, öffnete ich das Päckchen mit Ohrringen von Konplott. Ich probierte alle an, war aber doch etwas ernüchtert. Ich liebe die Ketten und Kolliers, aber die einfachen Ohrringe sind durch die Plastiksteine einen Tick zu leicht und zu fipsig. Die Frau Hühnerschreck hatte mir mal Perlen geschenkt, die waren besser.

Dann strickte ich noch ein halbes Stündchen und gegen 20 Uhr gingen der Graf und ich zu Esra in der Kastanienallee, einen Schwarmateller essen. Als wir zurückgingen, stocken wir noch die Eisvorräte auf und ich ging wieder hoch ins Wokenkuckucksheim und der Graf auf einen Wein in den Rebkeller.

Ich verarbeitete noch schnell den Mangold aus der Biokiste – mit Cashewkernen und Rosinen geschmort – und kochte ein paar Pellkartoffeln (kann ich morgen mit zur Arbeit nehmen), wusch mein Kleid und bestellte die neue Biokistenlieferung.

Und nun geht es dringend ins Bett…

Die anderen Einträge stehen wie immer hier.

02/08/2015
von kitty
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Sonntagmäänder in steigender Hitze

Diese Woche brachte eine Premiere im Job. 21 Riesenverträge. Leider nicht in Umsatz, sondern nur in Aufwand und Papier. Ich meldete mich am Dienstag für anderthalb Stunden vom Telefon ab, um die Dinger zu schreiben. Ich habe drei Tage gebraucht, bin aber noch lange nicht fertig, denn nun müssen diese Monster noch in Papier raus, mit Anschreiben versteht sich.
Proudly presented by Deutscher Ämterwahnsinn, denn man glaubt, mit der extremen Kontrolle dieser Vertragsform den Arbeitsmarkt zu regulieren. Statt dessen ist es nur Ärger für alle Beteiligten.

Ansonsten tat ich, was in der letzten Woche wohl alle taten: Ich kramte kopfschüttend die warmen Hoodies aus dem Schrank und ging zur Arbeit. Immer noch besser, als in diesem mistigen Wetter den Jahresurlaub zu absolvieren. Am Freitag trug ich sogar Kniestrümpfe zum Kleid (Feinkniestrümpfe, seit ich das mal bei einer Schauspielerin sah, mache ich das auch) und kapitulierte so nur teilweise, denn zwischen Mai und September trage ich prinzipiell keine Strumpfhosen.

Überhaupt der Freitagabend. Im Freundeskreis, mit sehr gutem Essen und fettem Vollmond über der Kaserne des Wachregimentes. (Wo wir, als sie leer stand, 1990 einen fürchterlich schlechten Studentenfilm auf umatic drehten, in dem der jetzige Chefdramaturg einer großen Filmproduktionsfirma ein ganzkörpergrün angemaltes Alien spielt.)
Dann kamen wir nach Hause und ich las, dass Bert Neumann tot ist. Es ist lange her, dass ich mit ihm zu tun hatte, 25 Jahre, in der Vorbereitung auf Castorfs Volksbühnenzeit. Aber verdammt noch mal, der war drei Jahre älter als ich.
So langsam macht sich in mir die Erkenntnis breit, dass die 50er ein gefährliches Alter sind. Freunde, Weggefährten und Bekannte sitzen plötzlich beim Tod auf der Schippe und haben arg Mühe, heil wieder runterzukommen.
Wobei es sein kann, dass das Leben in den folgenden Jahren nicht ungefährlicher wird und die Zeit, in der wir uns für unsterblich hielten, definitiv vorbei ist.

Auf Twitter gab es dieser Tage eine Diskussion, ob Fotos für den Empfänger einer Bewerbung wichtig sind oder nicht. Das ist in 140 Zeichen schwierig zu diskutieren, aber ich habe einiges dazu zu sagen.

Bewerbungschreiben mit oder ohne Foto?

Eine schriftliche Bewerbung kann sehr viel über eine Person sagen, ohne dass die Entscheider diese je gesehen haben. Aber eigentlich ist sie ein Trick. Sie beinhaltet die Aufgabe, Informationen zu organisieren und sich selbst und sein Können möglichst kommunikativ und technisch korrekt, in die Kultur der Branche und auf die Anforderungen der Stelle passend und nicht zuletzt noch die eigene Person merkfähig darzustellen.
Eine Bewerbung kann keine Passung herstellen, denn entweder es passt oder es passt nicht. Sie ist das erste Level im Bewerbungsprozess, das man absolvieren muss, um ins nächste zu kommen.
Das Ziel einer schriftlichen Bewerbung ist, nicht aussortiert zu werden und die Möglichkeit für ein (Video-)Telefonat, eine Einladung in ein Assessment-Center oder gleich für ein Vorstellungsgespräch zu bekommen. Mehr nicht.

Die purste Form der Bewerbung wird in manchen Orchestern zelebriert. Die Kandidaten spielen hinter einer Wand, damit ausschließlich die musikalische Leistung zählt. Da Orchester verbeamtete Zwangsgemeinschaften von kreativen Individualisten sind, die zudem noch großes Mitbestimmungsrecht haben, ist das sehr nötig, ansonsten würde nichts entschieden werden.

In anderen Ländern ist eine Bewerbung mit Foto (teils auch mit Angaben über Alter, Kinder und Familienstand) nicht erwünscht. In Deutschland gibt es Experimente zu anonymisierten Bewerbungsverfahren, die den Fokus völlig auf Bildungs- und Berufsbiografie und Beurteilungen legen. Mal schauen, ob sich das durchsetzt.

Ich komme aus einer Branche, in dem das Foto – zumindest bei Schauspielern –  die Produktverpackung war und einen kleinen Ausblick auf das zu erwartende Potential bot.  Was mich verpflichtete, sehr genau hinzusehen und die vielen kleinen Mogeleien und Selbsteinschätzungsmängel zu erkennen*.
Jetzt wiederum arbeite ich für eine Branche, in der Fotos in Bewerbungen total nebensächlich sind, weil die Leute nicht in die Teams integriert werden und zum Teil Schutzkleidung oder genormte Arbeitskleidung tragen, mit der sie sowieso nicht richtig erkennbar sind. Da in dem Pool, auf den ich zugreife ca. 50% Migranten sind, sind auch die Nationalität und die ethnische Erscheinung weitgehend egal.
Das klassische 08/15-Foto in der Bewerbung bringt ohnehin nur die Information: Ok, ich bin über dieses Stöckchen gesprungen, habe mich in Klamotten gezwängt, die ich nur zum Bewerbungsgespräch anziehe und eine blöde Pose eingenommen, die überhaupt nichts über mich aussagt. Mehr als ein Haken an „ok., hat die Nase mitten im Gesicht und zwei Augen“ kommt da selten rüber.

Was bedeutet es, kein Foto in der Bewerbung mitzuschicken? Nun, es ist wie immer, wenn man etwas vermeidet, handelt man sich etwas anderes ein. Die instinktive Entscheidung, ob jemand in die Firma passt oder nicht, ist nur aufgeschoben.
Plötzlich kommt im Vorauswahlprozess der Textinformation viel mehr Bedeutung zu. Das kann gut sein, um zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, wenn diese Informationen ein ausreichendes Potential und gute fachliche Passung auf die Stelle verraten. Muss es aber nicht. Letztlich zählt Leistung im Job nur zum Teil. Der Rest ist Chemie, sowohl mit den Mitmenschen am Arbeitsplatz und als auch den Kunden und die Berufsrolle, die man spielen soll.
Fehlen Foto oder essentielle Angaben, die für manche Personalentscheidungen wichtig sind, haben Personalberater sehr schnell Hilfsmittel parat, anhand derer diese Informationen zwischen den Zeilen oder im Internet herausgefunden werden können. Oder man macht vorab, statt eine teuere Einladung auszusprechen, ein Videointerview.  – Was wiederum einen recht guten Blick in die Wohnung erlaubt. Das mag nicht jeder.
Letztlich müsste man so viel weglassen – Geburtsort, Studienorte, Beschäftigungsjahre, Namen -um wirklich keinen Aufschluss über Herkunft, Geschlecht, Intaktheit oder Alter zuzulassen. Dann kann man es auch gleich lassen, weil solche Bewerbungen, außer bei ganz jungen Leuten, keine wären.
Noch bitterer ist es, eine Projektion ausgelöst zu haben. Wir haben alle Stereotypen im Kopf, wie jemand mit einer bestimmten Berufsbiografie sein und aussehen soll. Diese Stereotypen ändern sich sehr langsam und meist erdrutschartig, wenn die Zeit reif ist.
Wer sich ungern mit direkter Ablehnung konfrontiert und dadurch sehr gekränkt und frustriert wird, sollte nicht zu solchen in Deutschland unorthodoxen Mitteln greifen. Das ist etwas für Steher und Kämpfernaturen.

Ich hatte das mal unfreiweillig getestet. Ich hatte als Studentin dem Nachrichtenchef eines Fernsehsenders einen Brief geschrieben, meinen Lebenslauf mitgesendet (ich war mit Bewerbungen immer gern informell)  und er rief mich an und lud mich zum Casting ein. Er mochte meinen Brief und er mochte meine sehr gute Telefonstimme.
Als ich dann kam und er mich sah, zuckte er zusammen. Ich war 5 cm größer als er und einen ganzen Tick breiter. Der Rest der Veranstaltung war Spießrutenlaufen. Er gab mich fix an gernervte Studiotechniker ab, die mich kleines, angststarres Greenhorn mit Wonne mit rotem Licht und Teleprompter quälten. Nichts, was ich noch mal haben müsste.

Bei welchen Gelegenheiten ist es möglich, kein Foto mitzusenden? Bei Stellen, die keinen visuellen Publikumskontakt haben, zum Beispiel im Callcenter und abgeschotteten Büros oder bei den Gelegenheiten, bei denen man eine gesuchte und rare Arbeitskraft ist. Bei jeglichen Gelegenheiten, wo die Berufsrolle Äußerlichkeiten nicht braucht, weil man sowieso nicht zu sehen ist oder womöglich eine Unternehmensbotschaft verkörpern muss.
Oder, wenn man sämtlichen Erwartungen an die Berufsrolle und das Äußere eines Bewerbers überhaupt nicht entspricht und trotzdem für die Stelle gut geeignet ist und keine andere Möglichkeit hat, als die direkte, trockene Bewerbung ohne weitere Kontaktmöglichkeit. Damit verschafft man sich die Chance, dass die Aufmerksamkeit am Text bleibt und nicht vom Foto abgelenkt wird. Denn dann hat man nichts zu verlieren, braucht aber ein dickes Fell.

Machen wir uns nichts vor. Jemand, der tiefe Vorurteile zu Hautfarbe, Nationalität, Alter oder Körpernorm pflegt oder Mitarbeiter als Objekt der sexuellen Begierde in Reichweite haben will, ist ohnehin nicht zu überzeugen.
Meist ist es günstiger als die harte Tour, einen anderen Weg zu wählen. Wer anders als erwartet, aber bereits bekannt ist oder Fürsprecher hat, hat mehr Chancen. Schließlich passiert unsere berufliche Entwicklung  nicht im luftleeren Raum. Ein bisschen Netzwerk gibt es immer und wer an den richtigen Stellen zupft, wird wohlwollende Aufmerksamkeit und Fürsprache bekommen. Wenn das nicht passiert, schätzt man sich vielleicht falsch ein oder hat andere Defizite, die einen wirklich nicht zum Wunschkandidaten machen.

In meiner Berufspraxis sehe ich eher Menschen Schwierigkeiten haben, die schlecht ausgebildet sind, keinen Bock haben, sich nicht gut organisieren und fokussieren können, sich überschätzen oder sichtliche Defizite im Sozialverhalten haben.

Ansonsten empfehle ich für solche Themen immer das Buch von Malclom Gladwell. Gladwell ist selbst jemand, der der Berufsrolle eines Universitätsprofessors überhaupt nicht entspricht, er weiß also, wovon er redet, wenn er über intuitive Entscheidungen spricht.

*Das hilft einem dann auch sehr beim Onlinedating.

26/07/2015
von kitty
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Sontagsmäander in der kühlen Ruhe nach dem Sturm

Unser Wolkenkuckucksheim ist an der Spitze eines Eckhauses, das hoch über dem in einer Senke liegenden Berlin Mitte thront. Hier oben tobte gestern der Sommersturm gegen die Fenster, so dass wir trotz Hitze und stickiger Luft nur eines im Hof öffnen konnten, das im Windschatten lag.
Ich musste trotzdem nach unten in diesen Kessel aus Touristenherden*, Staub, Sturm und Lärm. Mir waren nämlich essentielle Kleidungsstücke ausgegangen.
Jahrelang saß ich im Sommer nur mit Jerseykleidchen auf dem Leib im Homeoffice, die öfter gewaschen und immer mal ersetzt wurden.
Nun muss ich jeden Tag 8-9 Stunden in ziviler Kleidung in einem am Nachmittag recht warmen Büro sitzen. Was heißt, wieder täglich BH zu tragen und überhaupt Unterwäsche, möglichst ordentlich, denn man könnte ja überfahren und ins Krankenhaus… man kennt das ja.  Abends werfe ich alles von mir, weil es mindestens dreimal schweißnaß geworden ist und stecke es in die Waschmaschine. Besser werden die Sachen davon nicht, vor allem die BHs. (Und nein, ich werde meine Unterwäsche nicht selbst nähen, wie manche Nähnerds, ich bewundere das, aber das ist mir zu fummelig und unterm Strich sind die Zutaten für BHs zu teuer. Bzw. wenn ich den Dreh drauf habe, dass alles so aussieht wie die schlichte schwarze Satin-Unterwäsche von Dolce und Gabbana, in die ich nicht mehr reinpasse, dann nähe ich selbst)
Zu diesem Zweck musste ich zum Alexanderplatz. Eine Viertelstunde zu Fuß von uns gelegen, aber wenn wir es vermeiden können, gehen wir dort nicht hin. Gestern musste es sein, denn ich kann meine Unterwäsche Körper-Diversity-bedingt nur noch bei C&A und in den No-Name-Ecken beim Kaufhof beziehen. Die Marken, die ich früher trug, führen meine neue Größe nicht und ein Besuch in einem Spezialwäscheladen mit sensibler Beratung war mir und meiner Geldbörse nicht möglich, denn ich brauchte in diesem Fall Masse.

Ich rollte mit dem Rad bergab, an der Dircksenstraße wurde ich von einer Familie mit süddeutschem Dialekt gefragt, wie sie denn nach Kreuzberg kämen, ich schickte sie mit der U8 ans Kottbusser Tor, damit sie gleich die volle Breitseite bekommen. Dann wand ich mich zwischen der S-Bahn, der Straßenbahn, der Galleria Kaufhof und dem Berolinahaus durch und stand mitten drin.

Der Alexanderplatz ist der Vorhof zur Hölle.

Man nehme die Szenen, mit denen in Filmen mittelalterliche Märkte und Straßenszenen auf fremden Planten illustriert werden und versetze sie in die Jetztzeit.**
Die Mitte des Platzes ist übersät mit Brat- und Tinnefbuden wie mit fetten Pickeln, aus jeder Ecke brüllte andere Musik. Auf freien Arealen verteilten sich extra laute Straßenmusiker die mit Trompete und Dudelsack dagegen tröteten und die üblichen Ostblock-Militär-Devotionalien-Händler. In bekotzen Ecken hingen rastahaarige Drogies, die sich verfahren hatten und sicher an den Kotti wollten.
Menschenmassen, die scheinbar auf der anderen Seite des Platzes aus Bussen nach 18 Stunde Herfahrt von unaussprechlichen Orten Südosteuropas abgekippt wurden, walzten kaufwütig über den Platz, meist schon mit 5-8 Primark-Tüten versehen. Gestern kamen noch Minderjährige dazu, die sich so kostümiert hatten, wie man sich in der Provinz nach Lesen der Bravo Raver vorstellt, denn es war der Tag vom Zug der Liebe. Durch diese Menge rasten Bettler auf Elektrorollstühlen und mehrere Grillwalker brauchten auch noch Platz.
Also genau das Richtige für jemanden wie mich.

Ich floh zuerst zu C&A, wo man mittlerweile eine von Touristen stark freqentierte Dirndl- und Lederhosen-Ecke hat (kannste dir nicht ausdenken!). Ich fand in der Wäscheabteilung nach langem deprimierenden Probieren ein bisschen neutrale Baumwolle. Probierte auch die eine oder andere Bluse an, wandte mich mit schaudern, weil ich plötzlich aussah wie ein Mensch, der ich nie werden wollte und ging hinüber in die Galleria Kaufhof.
Das war besser. Ich finde die Architektur diese Kaufhauses nach wie vor sehr angenehm, weil sie komplett unsichtbar ist. Natürlich zog mich der erste Ausverkauf der Sommerkollektionen an. Ein schmales schwarzes Jerseykleid mit Raffung, zwei weiße, ein korallfarbenes und ein schwarzes T-Shirt wollten zu mir, denn aus mir wird nie eine richtige Jerseynäherin.
In der Wäscheabteilung fand ich dann zwei, drei Teile, die nicht für 80jährige designt waren und mir trotzdem passten.
Nach einem kurzen Abstecher in die Freßabteilung, in der jede Menge Damen um die 60 hinter Käse- und Salattheken wie in alten Zeiten auf Kunden warteten, fuhr ich vollkommen platt wieder nach Hause, brauchte erst einmal einen großen Kaffee und etwas Schokolade und schaute mir vom Sofa aus den Sturm in den Platanenwipfeln an.

Weiter gehts. Die Arbeit war heftig, aber ok. Im Moment hat sie ein Maß, wo ich nicht jeden Abend mit dem deprimierenden Gefühl, ein 30% liegen gelassen und 20% vergessen zu haben, raus gehe. (Was weniger an mir liegt als an der Arbeitsorganisation/der Personaldecke und meiner Routine.)
Ich habe immer Mal wieder die Begegnungen mit alternden Alphamännchen in der Krise. Früher habe ich darunter gelitten, weil ich ihre Spielchen mitmachte. Heute werde ich ziemlich knapp bei Wort und auch schnell sauer. (Wobei extrem zutexten und loben, dass sie so fein ins Töpfchen gemacht haben, mehr bringt. Das erinnert sie an ihre Mutter, da fliehen sie schnell und weit.) Es ist immer das Gleiche, sie blasen sich auf, erzählen uns Frauen, wie wir unsere Arbeit machen sollen, sind aber  – wenn wir sie denn irgendwohin vermitteln – nicht so der Bringer, was sie dazu bringt, sich bei uns noch mehr aufzublasen, denn schließlich sind die anderen (also unter anderem wir) daran schuld. Grau-en-voll! Allerdings sind die Typen tatsächlich eine aussterbende Spezies. Das löst sich biologisch.
Der vollkommen leergefegte Markt an Vertretungsingenieuren bringt die skurrilsten Leute aus dunklen Ecken. Aluhüte, die Mailadressen und Handynummern verweigern, 75jährige Pensionärinnen, die gern Angebote per Post möchten und einsame Windkraftwerker vom Lande, die das mit diesem Internet nicht mehr anfangen wollen, man hätte sich doch gerade ein Fax angeschafft.

Ja, hm, das war es dann für diese Woche. Esst fein ordentlich Eis, damit ihr groß und stark werdet.

*Freitag abend um 11 Uhr liefen gut 20 Minuten lang junge Menschen dicht an dicht den Fußweg an der Veteranenstraße hinauf, es sah aus wie eine Demo, war aber nur Touri-Abend-Verkehr.
**Ich hatte versucht ein Video zu drehen, aber irgendwie war ich zu blöd dazu.