Doch, das gibt es!

Bevor hier Gerüchte entstehen, mein Drehwurm hätte mich in ein menschliches Kettenkarussell verwandelt, arbeite ich hier mal gegen. Also, alles wieder gut, die Planung haute doch einigermaßen hin, bis auf einen 50. Geburtstag mit viel Spaß und Tanz, der abgesagt werden musste.
Und sonst? Wir waren im Paralleluniversum oder besser im Geburtsort des Grafen und das kam so: Die Frau Rosmarin lud nach Bielefeld ein und da einige Landesgrenzen überschritten und wir über die Zukunft des ins-Internet-schreibens sprachen, war das natürlich ein Internationales Bloggertreffen. Sogar die Zeitung berichtete über uns, re:publica, nimm das!
2014-03-31 Neue Westfälische
Neben der Erörterung von Fragen gegenseitigen Interesses (“Ich habe “laß es so”. – “An unserer Badtür hängt “gefällt mir”), vielfältigen vertrauensbildenden Maßnahmen (“Noch jemand Mai Tai oder Sekt?”) und Kontaktpflege (“Teilt sich jemand das Steak mit mir?”), war man künstlerisch tätig – eine Jam-Session mit Digeridoo und Baß, fand eine Stadtführung einhelligen Beifall und wurde der Abend mit einer Bielefelder Flaneurs-Kneipengala gekrönt, die unter dem Motto “Gutes Bier wohlfeil und gut Essen können Sie zu Hause” stand. Das ganze dann auch noch bei paradiesischem Frühlingssonnenglanz und Temperaturen um 18 Grad bzw. milder Nachtkühle.
Am Sonntag saßen wir dann im Garten der Frau Ro ermattet in der Sonne und plauderten, das einzig bedauerliche war, dass sich ab und zu jemand verabschieden musste, um den Timeslot ins Alltagsuniversum nicht zu verpassen. Sonst hätten wir wohl noch ewig so gesessen und ab und zu mal den Grill angemacht oder Mai Tais gemixt.
Für mich, als ständige Begleiterin eines Bielefeldgeborenen, ist es weniger schwierig die Dimension zu wechseln, und so machten der Graf und ich sogar noch eine kleine Reise in die Vergangenheit.
Zuerst ging es über die Bielefelder Stadtgrenze, zum äußersten Zipfel von Herford. Eine Gemarkung, die vor 100 Jahren von einer Gegend rückständiger, armer Landwirte, die mit einer Kuh und etwas Acker eine Hecke Kinder durchbrachten, zu einer Gegend wurde, in der die Eisenbahn und die nachziehende Industrie lohnenswertere Arbeit und Wohlstand brachten. Der Preis: Eine Bundesstraße vor der Tür und eine ICE-Trasse hinterm Garten.
Dann fuhren wir über ein paar Hügel auf eine wunderschöne grüne Hochebene. Hier ging es den Leuten vor 100 Jahren gut, sie hatten Ackerland, Pferde, Landarbeiter und immer genug zu essen. Bis es allen anderen viel besser ging und keiner mehr am Land schuften wollte. Da war der Hoferbe in den 50ern keine gute Partie mehr und die Tochter des Pächters heiratete lieber den Jungingenieur und zog an die Bahnstrecke. Was übrig blieb: Großzügige, unberührte Landschaft, fast original erhaltene große Bauernhäuser und eine Windmühle, die bis in die 70er keinen Stromanschluß hatte. (Voll öko also.)
Wir machten noch einen Abstecher ins Wiehengebirge, vorbei an hübschen westfälischen Fachwerkhäusern und gruseligen baumarktverklinkerten Sanierungsüberlebenden. Im Gepäck ein Bild von wahrscheinlich 1905, auf dem die Frauen Tracht und die Männer Stehkragen trugen, Grundfarbe Schwarz. Ernste, verarbeitete Menschen mit feierlichem Gesichtsausdruck.

Dann rutschten wir auf der Autobahn zurück und wie es so ist, wenn es allzu glatt geht, standen wir mit mächtigem Hunger im Bauch kurz vor Brandenburg eine Stunde im Stau, bis das verknotete Blech zwei Kilometer vor uns weggeräumt war. Doch Gott sei Dank war nichts Schlimmes passiert.

Sonntagspost

Das wird mal wieder ein Mäanderartikel, Sonntags geht nix anderes.
Leider werden ein oder zwei Links fehlen, Artikel, die ich eigentlich empfehlen wollte und nicht mehr finde. (Wie war das mit Read Later oder so? Das ist bei mir wie mit Kalendern, man sollte sie benutzen.)

Einen habe ich sofort parat, weil ich ihn gestern Abend las und ein Tränchen der Rührung verdrückte. Frau Modeste schreibt übers Prinzessin sein. Später fiel mir ein, dass die Prinzessinnenphase bei mir nur kurz war und ich mich nach langen Crossdressing-Jahren als Cowboy, Indianerhäuptling, Pirat und Kosmonaut für die Variante Größenwahn entschied und als griechische Göttin zum Fasching antrat.
Dann las ich den Artikel Das Putzgen der Frau Hausdrachen (die leider wenig bloggt) und weiß wieder, warum bloggen wichtig ist. Als Erinnerungsspeicher, als Sammlung kultureller Pattern. Im letzten Jahr konnte kaum jemand der Diskussion über Geschlechterrollen ausweichen. Mir stieß daran immer wieder auf, wie weit verbal formulierter Anspruch und auch selbst gelebte Realität auseinanderklafften. Was mir oft weh tut und ich letztlich auch nicht ernst nehmen kann, ist normal. Der fortschrittliche Politiker weigert sich, den Besen in die Hand zu nehmen und lässt das seine Frau, die Professorin oder seine Tochter, die Regisseurin, machen.
Wir reproduzieren unmerklich oft jahrhundertealte Handlungen und Haltungen, ohne uns dessen bewusst zu sein. Darauf zu verzichten fällt schwer und sehr gern erklärt man es mit biologistischen Thesen. Nicht wenige Frauen, die sich in einer Zeit, in der Arbeit mit körperlicher Kraft selten wird, ihren Lebensunterhalt selbst verdienen, daten nur Männer über 1,85m. Ein schneller Redner und Denker, recht feministisch, aber auf Grund seiner Lebensphilosophie arm wie eine Kirchenmaus, ist anhaltend und nicht selbst gewählt Single, dabei ist er nicht mal häßlich, heratswütig oder sehr wählerisch. So Sachen.
Frau Brüllen macht sich kluge Gedanken darüber, dass für eine Frau in einem Bewerbungsgespräch unsichtbar immer die Ehefrau des einstellenden Chefs mit am Tisch sitzt und deren beider Wertesystem als unsichtbarer Elefant dazu: Ich bin nicht deine Frau.
Was mich darauf bringt, dass ich 1994 Riesenglück hatte, als Mutter mit Kind und Lebensgefährten, der nicht der Vater war und damals noch relevanter Ostherkunft, im Einstellungsgespräch für den karrierebestimmenden Job einer zwanzig Jahre älteren Unternehmerin gegenüberzusitzen, die ein ähnliches Leben wie ich geführt hatte. Alleinerziehend, mit einem Kind von einem schwarzen Musiker, der sich als weitestgehend sorgeunfähig erwies, jüngerer Lebensgefährte, der sich gut kümmerte und sie dazu sehr ehrgeizig. Es passiert viel über Identifikation. Menschen, die uns ähnlich sind, bekommen einen Bonus.
Schon daher ist es Bullshit, ausschließlich an Männer zu appellieren, freiwillig auf Privilegien und tief geprägte Normen zu verzichten. Die Dynamik pflanzt sich auch (und wahrscheinlich wirkungsvoller) anders fort, Frauen geben automatisch Frauen, die eine ähnliche Entwicklung wie sie machen, die Chance. Nur dafür müssen Frauen überhaupt erstmal in die Position kommen (wollen), etwas zu entscheiden und Chancen vergeben zu können, die über das Einstellen einer Putzfrau hinaus gehen.
(Das Einstellen einer schönen jungen Frau als Marketingtool ist ein anderes Kapitel.)

Seit Wochen wälze ich an einem Text, dessen grundlegender Ansatz immer noch zu verwischt war. Jetzt war das Wort plötzlich da: Einstiegsbarrieren. Inwieweit überwinden wir mit unserer Ausbildung Einstiegsbarrieren in das Arbeitsleben, wie hoch setzen wir diese überhaupt oder wo steigen wir ein und was passiert, wenn wir plötzlich mit vielen mit gleichen Kenntnissen und Fertigkeiten, die auch diese Einstiegsbarrieren gewählt haben, auf einem Markt herumstehen und nach Interessenten suchen, die unsere Kenntnisse und Fertigkeiten bezahlenswert benötigen und was das ganze mit dem Satz “mach, woran du Spaß hast” zu tun hat. Ok., dann kann ich demnächst mal losschreiben.

Ach und dann haben der Graf uns seit Tagen und Wochen immer mal wieder Gedanken darüber gemacht, warum es Restaurants gibt, die die Teller so voll laden, dass selbst wir, die wir gut zulangen können, überfordert sind und warum das gerade in der Sorte Gastronomie der Fall ist, wo die Kunden sehr nach dem Preis schauen.