The Diary of Kitty Koma

14/06/2016
von kitty
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Vigil 88

Das letzte Wochenende führte mich und einen Tag später auch den Grafen ins Paradies.
Primavera nahm wie jedes Jahr mit dichterGarten an Offene Gärten Mecklenburg-Vorpommern teil. Was hieß, dass bei gutem Wetter um die 400 Besucher erwartet wurden.

Primaveras Garten ist in den 10 Jahren, in denen sie an seiner Gestaltung arbeitet (meist allein übrigens) eindrucksvoll schön geworden. Mit Blickachsen in die Landschaft und verwinkelten kleinen Plätzen und manchmal beidem zugleich – verborgenen Winkeln, von denen aus weit übers Land geschaut werden kann. Dann wieder gibt es verrückte und liebevolle Details – Wer kommt schon sonst auf die Idee, in eine efeubewachsene Mauer einen Spiegel zu hängen, neben der Waschschüssel aus grünem Glas und einer eichnen Badewanne?
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An Ruheorten waren Texte zu entdecken und jeder dieser Orte hatte seine eigenen Farben in Möbeln, Decken, Kissen, Geschirr und Getränken.

Was aber zunächst hieß, dem Garten am Freitag den letzten Schliff zu verpassen. Ich kam zu spät und machte nur noch ein wenig Workout mit dem Rasenmäher. Primavera hatte einige Tage vorher so lange es hell war gearbeitet. Dann kochte ich zwei riesige Töpfe Kartoffelsuppe, denn die Bewirtung der Besucher ist selbstverständlich.
Drei plaudernde Frauen in der Küche. Es war eine liebe Jugendfreundin dabei, G., die ich 15 Jahre nicht gesehen hatte.

Am Samstag ging es früh los, wir richtete die Plätze her und machten Melissen- und Pfefferminztee, Ayran, Fruchtbowle und Apfelsaft fertig. Verteilten Karaffen, Gläser, Servietten und seitenweise Gedichte und Prosa über 4000 qm. Ein kleines Buffet mit Kaffee, Kuchen und Suppe wurde aufgebaut und kurz nach 10, wir waren gerade fertig, standen die ersten Leute auf der Wiese.
Gegen 11 Uhr fuhren G. und ich erst los, um die Wegweiser aufzustellen, schwere hölzerne Riesentrümmer. Als wir sie festbanden, wiesen wir Leuten schon winkend den Weg.

Es waren ganze Heerscharen gekommen und der Graf brachte bei seiner Anreise noch weitere Kartoffelsuppenzutaten mit. Wir sammelten Geschirr ein, spülten ab und stellten es wieder hin. Einige saßen stundenlang auf Lieblingsplätzen. Um 18 Uhr war erst einmal Schluss.
Wir zündeten ein Feuer an, nahmen uns Bockwürste und Tomaten, spießten sie auf Zweige und hielten sie in die Glut. Dazu gab es Rosmarinkartoffeln.
Es wurde kalt und windig, wir gingen bald schlafen.

Am Sonntag morgen trockneten wir erst einmal verregnete Lyrikblätter und feuchte Kissen.
Bei diesem Wetter war es der Tag der hartgesottenen Garteninteressenten, meist weißhaarig und in Wetterjacke. Es regnete immer wieder, sitzen und lesen war nicht so angesagt. Eher Garten anschauen, etwas fachsimpeln und sich anschließend mit Kaffee und Suppe aufwärmen.
Ich kochte eine Kartoffelsuppenvariante mit viel Lauch und dann noch ganz schnell, denn die Töpfe waren fast leer, eine mit Selleriegrün.

Wir stießen am Abend mit Sekt auf die doch recht gut gelaufene Sache an, denn G. und ich waren zwei noch nicht eingearbeitete Helferinnen. Dann backten wir Kartoffeln, Fenchel, Schoten und Lachs mit gedünsteten Zwiebeln und Beurre Blanc übergossen im Ofen. Dazu lief das Deutschlandspiel im Radio und wir arbeiteten weiter daran, uns leicht zu betrinken.
Ich widmete mich der übriggebliebenen alkoholfreien Bowle und pimpte sie mit Wodka.
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Beim Versuch, mich über einem Kartenspiel wach zu halten, gewann ich versehentlich haushoch. Obwohl ich ganz mies spielen und verlieren wollte, um einen Grund zu haben, ins Bett zu gehen.

Am nächsten Morgen war es wieder etwas freundlicher und wärmer. Wir spazierten eine große Runde über die Wiesen, um vom Paradies Abschied zu nehmen und sprachen – aus Gründen – über die 3. Generation der RAF und ihr Ende in Bad Kleinen, gleich um die Ecke.

Dann ging es aus Holunder und Heckenrosenduft zurück ins olle, kalte, müffelige Berlin.

10/06/2016
von kitty
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Vigil 87

Lieber Tagesspiegel, lange habe ich deine Online-Ausgabe ohne Adblocker besucht. Ich dachte mir, irgendwie muss das Geld für die Zeitung ja reinkommen. Mein Papier-Abo, das ich ewig hatte, habe ich vor mittlerweile auch schon wieder 8 Jahren gekündigt.
Seit ich nun deine Website kaum noch aufrufen konnte – Ladezeiten von zwei bis drei Minuten waren keine Seltenheit – wobei der Lüfter hochdrehte und der Rechner trotzdem sehr heiß wurde (das Flash-Plugin crashte auch immer mal, wie man mich informierte), habe ich überlegt, ob ich es wohl ganz lasse. Denn auf dem alten iPad geht es auch nicht mehr, da stürzt deine Website schon beim Laden ab. Eine Chance wollte ich dir noch geben.
Jetzt also mit Adblocker. Und es funktioniert wieder.

Was für eine dusslige Idee, eine Seite so mit Code-Scheiß vollzupacken, dass sie nicht mehr benutzbar ist.

08/06/2016
von kitty
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Vereinbarkeit – Alles auf einmal, geht das?

Triggerwarung: Ich meine mal wieder rum. Ich bin keine Soziologin, keine Politologin. Ich habe Augen im Kopf und ein Hirn und kann graben, wo ich stehe. Deshalb sind die Dinge, die ich aufschreibe, wie immer sehr subjektiv.

Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Geht gar nicht, sagen die einen. Natürlich geht das, habt euch nicht so, sagen die anderen, wer will findet Wege.

Ich bin bei diesem Thema tief gespalten, darüber hatte ich hier und da auch schon geschrieben.

Zum einen verstand ich die westdeutschen Frauenbiografien nicht. Was ist so attraktiv daran, sich in einer Wohnung oder einem Haus festzuzuzeln, als Mittelpunkt des Universums 1-2 Kinder und einen Mann zu haben, knappes Geld zu verwalten und immer nur über Kinder, Kochen und von Dritten gehörtes zu reden? Ausbildung? Ja, da war mal was, aber das diente nur dazu, mal rauszukommen, um jemanden kennenzulernen und ein Fallback zu haben, falls man niemanden abkriegt wird alles überschrieben, wenn er endlich da ist und der normale Lebensplan beginnt. (Das ist jetzt etwas polemisch formuliert, aber ich habe das zu meiner großen Befremdung genauso ansehen können. Ein halbes Germanistikstudium mit Ziel Lehramt, dann Ehe und Aufgabe aller eigenen Lebenspläne, von da ab ist das größte Thema, was man ihm kocht, wenn er mittags nach Hause kommt. Frauen, die genauso alt waren wie ich, Anfang der 90er.)

Die ostdeutschen Frauenbiografien sah ich aber genauso kritisch. Als ich das Abitur hatte, wollte ich auf gar keinen Fall eine dieser todmüden, abgearbeiteten Frauen werden, die zwar große berufliche Aufgaben übernehmen konnten, wenn sie nur wollten, aber immer nur hinterher rannten. Selbst die Chefärztin hatte abends den Haushalt und die Kinderbetreuung zu erledigen.
Auch wenn die Kinderbetreuung tagsüber sehr gut war – wer gab sein Kind wirklich gern morgens um 6 in der Krippe ab und hoffte, dass es nicht im Laufe des Tages Fieber bekommt und abgeholt werden musste (von der Mutter selbstverständlich), um es nach 6 Uhr abends erst wieder zu sehen?
Es war ja nicht nur die Familienarbeit selbst. Es war die Energie und Hirnkapazität, die in Verantwortung, Organisation, Planung und Aufmerksamkeit ging. Ist genug Milch im Haus? Ist die Wurst noch gut? Was stelle ich auf den Tisch, damit alle davon essen? Gibt es gerade etwas, für das es sich anzustellen lohnt? Der Staubsauger ist schon wieder kaputt und muss zur Reparatur-Annahmestelle drei Straßenbahnstationen vom Haus entfernt gebracht werden. Bügeln, Wäsche schleudern, irgendwann zum Friseur, für den frau sich aus dem Betrieb schleicht. Von schönen Kleidern träumen, die immer nur die anderen kaufen, weil sie die Zeit haben, sich mitten am Tag in der Jugendmode anzustellen.

Die Männer lebten ihr Männerleben. Taten beruflich sehr wichtige Dinge. (Oft die selben, wie die Frauen. Aber eben wichtig!) Kamen und gingen, wann sie wollten, waren niemand Rechenschaft pflichtig. Besorgen gespundete Bretter und Betonbohrer. Wussten, wo es Zement gab und wie man den Trabbi noch mal zum Laufen bekam, obwohl der Keilriemen ständig riss. Gingen auf Dienstreisen, hingen noch einen Tag Freizeit irgendwo ran und warfen nach der Rückkehr ihre Schmutzwäsche ab. Brüllten mal kurz rum, weil die Wohnung dreckig und unaufgeräumt war. Kontrollierten die Schulhefte der Kinder. Sagten der Frau, dass da was passieren müsse, das ginge so nicht. Erwarteten Begehren und Sex und keine ungekämmte, verschwitzte Mutti in der Kittelschürze, die um 9 Uhr ins Bett fällt und einschläft.

Das war oft von beiden Seiten aus anders gedacht und geplant. Aber für den Rückfall in die alten Rollen reichte es, als Mann in Sachen Kinder und Haushalt ein wenig ungebildet, desinteressiert, aber proaktiv zu sein.
Keine Zeit für den eigenen Putzanteil haben (wichtige Dinge!). Mit dem Kind, das Bronchitis hat, im kalten März mit dem Fahrrad durch die halbe Stadt zum Kinderarzt zu fahren (das muss Rad fahren lernen!) und für die anschließende Lungenentzündung bleibt die Frau zu Hause. Komisches Essen (Aber das ist leckere Würfelbrühe!) auf den Tisch stellen, wenn die Frau auf Dienstreise ist. Alle Wäsche in die Maschine schmeißen (das geht doch ganz schnell!) und das 60 Grad-Programm anstellen.
Was tut frau mit solchen Heldentaten? Ausrasten? Dann macht sie in Zukunft alles allein und ist noch die blöde Zicke. Erziehen? Dann hat sie noch ein zusätzliches Kind. Das Gespräch suchen? Wann bitte?
Außerdem kann sie das Auto nicht reparieren, vor der Schlagbohrmaschine hat sie Angst und die ganze Organisation rund um Handwerkliches ist ihr ein Rätsel. Und überhaupt wofür? Um noch mehr tun zu müssen?

(Fun Fact: Männer, die ganz selbstverständlich ihre Wäsche machten, bügelten, einkauften und kochten lernte ich erst nach der Wende kennen. Der ostdeutsche Normalo-Mann hatte bis auf Aufenthalte in Kasernen, Studenten- und Ledigenwohnheimen nie allein gelebt und wechselte von den Eltern zur Ehefrau.)

Ich hatte in der DDR panische Angst, in diese Doppellast-Falle zu laufen. Ich wollte Filme machen oder Theaterstücke inszenieren. Dafür hätte ich aber entweder mein Kind vernachlässigen oder aber Zeitkonto und Rückzugsmöglichkeiten eines Mannes haben müssen.
(Vernachlässigen heißt in diesem Fall, nicht unbedingt, im Kindergarten abgeben. Ein heute sehr bekannter Theaterregisseur war plötzlich alleinerziehender Vater. Der Deal mit der Mutter war von Anfang an: Du willst das Kind, du übernimmst es, wenn wir uns trennen sollten. Die Frau hat das durchgezogen. Er suchte fortan händeringend nach einer neuen Partnerin, die die Sorge um das Kind übernimmt und ernährte derweil eine Zweijährige ausschließlich von Vanillepudding, legte sie um 18:30 Uhr ins Bett, schloss die Tür zu und ging bis 23 Uhr zur Abendprobe.)
Ich hatte das große Glück, nach dem Fall der Mauer auf einen Mann zu treffen, dem Arbeiten nicht so wichtig war, der finanziell auf Karriere nicht angewiesen war und mit Kindern sehr gut konnte. Aber selbst in dieser Situation habe ich mich vorzeitig kaputtgearbeitet. Es war zu viel. (Kann man aber auch als individuelle Konditionierungs- oder Organisationsschwäche betrachten. Besseres Zeitmanagement, andere Prioritäten, was auch immer…)

Ich hatte noch andere Vorbilder, auch wenn ich ahnte und wußte, dass ich so ein Leben nicht würde leben können. Die Großmutter hatte nie (erwerbs-)gearbeitet, hatte Lyzeumsbildung und mit 17 geheiratet. Sie konnte einen großen Haushalt und wichtiges Gesellschaftsleben organisieren und war die starke Frau hinter einem erfolgreichen Mann. (Das war nicht so nicht abzusehen, aber es kam so.)
Die Mutter der Jugendliebe war eine etwas anstrengende, aber wunderschöne Frau mit künstlerischen Ambitionen, die dafür sorgte, dass die genormte Plattenbau-Wohnung schick eingerichtet und sauber war und dass es ihrem Mann und den Kindern gut ging, dass es gutes, gesundes Essen gab, die richtige Literatur im Regal stand und alle gut angezogen waren. Der Deal war: Er konzentrierte sich aufs Geld verdienen, sie musste nicht irgendwo als technische Zeichnerin am Brett stehen, sondern konnte malen und Mode entwerfen, wenn die Hausarbeit erledigt war.
Ich sah sehr genau hin. Das war nicht nur eine Frage des Geldes.
Bei uns wurden Unmengen an verdorbenen Lebensmitteln und schlecht gepflegten Klamotten weggeworfen, es gab teure Fehlkäufe und die stressige Situation für alle Beteiligten verleitete zu Kompensation an anderer Stelle.

Für schlecht ausgebildete Frauen in einfachen Berufen konnte das Teilzeit- und Hausfrau-Konzept auch in der DDR ganz gut funktionierten, wenn der Mann regelmäßig arbeiten ging. Für gut ausgebildete Frauen lohnte es sich nicht, weil sie genauso viel oder oft sogar mehr Geld als ihr Mann verdienten. Das gab wenig Anreiz, plötzlich nur noch zu Hause zu bleiben. Trotzdem war die Situation unbefriedigend, weil – trotz niedrigerer Produktivität und weniger anstrengender Arbeit als heute – die Frauen am Abend und Wochenende ihre zweite Schicht leisteten.

Edit: Der Mann war in der DDR nicht mehr der Familienpatriarch. Aber warum sollte er seine Komfortzone verlassen und sich neben Arbeiten und Handwerken nun noch den Haushalt zu einem Teil anhängen?
Mein Eheratgeber aus dem Jahr 1968 aus dem Verlag für die Frau hat ein Kapitel zu Vereinbarkeit. Der große Tenor ist: Es ist alles eine Frage der Organisation, auch Männer können Hausarbeit lernen, die Frau braucht die Freiheit, sich im Beruf zu verwirklichen und der Haushalt und die Kindererziehung können auch tiefer gehängt und an andere Strukturen delegiert werden. – Argumente, wie sie auch heute aktuell sind
Das Buch ist der Hinsicht sehr weit vorn, aber theoretisch. Andere Publikationen zeigen die klassische Rollenverteilung. Der Mann „hilft mit“.

Im übrigen gab es in Zeiten der politischen Wende in der DDR eine Bewegung aus jungen Familien, denen wichtig war, dass sie sich ihr familiäres Lebenskonzept allein aussuchten. Die Selbstverständlichkeit „Mann und Frau gehen arbeiten, die Kinder werden fremdbetreut“ erschien ihnen kritikwürdig. Das war zum Teil bedingt, weil diese – oft religiösen Menschen – keine ideologische Einflussnahme auf die Kinder wünschten, aber ihnen war auch der Gedanke zuwider, dass alle Familienmitglieder in einem entfremdeten Apparat verschwanden – die Eltern in ihren Betrieben und die Kinder in der Fremdbetreuung – und sich der familiäre Kontakt auf das Wochenende und kurze Abende beschränkte.

Ich verfalle jetzt nicht in „früher war alles besser“. Handwerker- und Bauernfamilien, deren Arbeit in die Großfamilie integriert war, waren bei weitem nicht so produktiv und nur selten auskömmlich wohlhabend. Entfremdete Erwerbsarbeit und Spezialisierung ermöglichten die hohe Produktivität der modernen Industriegesellschaft und damit den heutigen gesellschaftlichen Wohlstand.
Aber ich habe den Eindruck, dass dieser Effekt in Europa weitgehend ausgereizt ist. Wir profitieren heute zusätzlich von der Ausbeutung von Menschen in ärmeren Ländern. (Nur so können wir uns leisten, Menschen, die die hohen Ansprüche an Erwerbsarbeit hierzulande nicht (mehr) erfüllen können oder die gerade nicht benötigt werden, ohne Arbeit zu lassen und knapp zu alimentieren. Bei Hartz IV ist die Ausbeutung in Ländern wie Bangladesh und China Bestandteil der Kalkulation.)

Die Freistellung der Frauen von der Erwerbsarbeit war lange Zeit Ausdruck von individuellem und gesellschaftlichen Wohlstand. Eine Menge Bestandteile unserer Kultur zeugen noch davon – Gesetze, die die Hausfrauenehe stützen und das populäre Bild der „guten Mutter“ wie auch des „Erfolgsmannes“.
Das hat sich überlebt, weil Potentiale brachliegen. Arbeitskräfte mit Potential (Bildung, Verhalten, Konditionierung, Sprachbeherrschung) für Arbeit in modernen Industriegesellschaften sind angesichts niedriger Geburtenraten scheinbar knapp.
Dass Frauen arbeiten gehen, ist also nicht nur im Interesse ihrer Selbstverwirklichung. Diese Gesellschaft kann sich nicht mehr leisten, Frauen teuer gut auszubilden und dann als Arbeitskraft zu verlieren. Als in Leistungsfähigkeit und Verhalten dem Mann gleichwertige Arbeitskraft wohlgemerkt, denn die Arbeitswelt, wie wir sie kennen, ist männlich codiert. Sie erfordert lange Abwesenheit von der Familie, Fokussierung auf die Sache und flexible Verfügbarkeit und hat kaum Platz für Menschen, die im Zweitjob nach Feierabend noch als Hausfrau und Mutter arbeiten.
Das klingt alles ganz fürchterlich. Als wären wir eine Armee, die zur Rekrutierung für die Arbeitswelt bereit steht. Aber unsere Kultur ist dominiert durch entfremdete Erwerbsarbeit und Konsum durch Kaufen. Dann ist das halt so.
(Das Argument „das Geld eines Alleinverdieners reicht nicht mehr für eine Familie“ würde ich hingegen nicht unbedingt akzeptieren. Unsere Großelterngeneration war wesentlich anspruchsloser und sparsamer. Wer in der Großstadt wohnen und einen schichtenadäquaten Lebensstil führen will, kommt halt mit dem Geld einer Verdienerin nicht mehr aus.)

Es gibt eine ganze Menge Ansätze, das Problem zu lösen:

  1. Verzicht auf Kinder, Konzentration auf Leistung und Karriere. Damit wird der Mangel an optimalen Arbeitskräften aber auf die nächste Generation verschoben.
  2. Delegierung des Problems an das Individuum: Frauen und Männer sollen sich über die Verteilung der Familienarbeit einigen. Das führt zu verbaler Aufgeschlossenheit bei gleichzeitiger Verhaltensstarre und ändert das auf männliche Bedürfnisse und Potentiale eingerichtete Arbeitsleben nicht.
  3. Vergesellschaftung familiärer Strukturen. Die Gesellschaft schafft Organisationen, um den Anteil der Familienarbeit zu verringern, wie Kindergärten, Ganztagsschulen, praktische, leicht zu pflegende Wohnungen, der Haushalt wird aufgelöst, Arbeiten wie Essen kochen und Hausarbeit werden genormt, optimiert und nach außen delegiert. Das ist das Modell der (kommunistischen) Moderne und funktioniert in individualisierten Gesellschaften schlecht.
  4. Das Konzept Dienstpersonal wird neu aufgelegt. Die sonst kostenlose Familien-Arbeit erledigen bezahlte Helfer, deren Qualifikation ihnen keine Chancen bei moderner Industriearbeit ermöglicht, deren Kenntnisse in Familienarbeit aber wertvoll sind. Diese Kosten werden steuerlich berücksichtigt. Das ist in Europa derzeit nicht bezahlbar, organisierbar und ich denke, auch nicht politisch gewollt.
  5. Ältere, aber nicht zu alte Familienmitglieder übernehmen die Familienarbeit. Das wäre die Rückkehr der Großfamilie. Das funktioniert im ländlichen Raum, in Bayern und Baden-Württemberg recht gut. Für Städter, die zudem örtlich flexibel sein müssen, ist es schwierig.
  6. Alles wie gehabt, aber ohne Geschlechterfixierung. Der für die Erwerbsarbeit erfolgversprechendste Partner geht arbeiten und erwirtschaftet so viel, dass der andere Partner  für die Familienarbeit freigestellt werden kann. Bleibt das Problem, den unbezahlt arbeitenden Partner ausreichend finanziell abzusichern, auch über den Bestand der Partnerschaft hinaus. – Oder ihn einfach für die Arbeit zu bezahlen.
  7. Beide Partner arbeiten Teilzeit. Dafür müsste sich die Arbeitswelt enorm ändern, die in großen Bereichen so organisiert ist, dass Arbeitnehmer mental und körperlich 100%ig zu Verfügung stehen muss, wenn dies nötig ist.
    Bis hin zu Umzügen und Ortswechseln der Arbeit hinterher, die dann auch beide machen müssen. Ich habe starke Zweifel, dass sich der Aufwand wirklich lohnt. Das mag in Ausnahmen funktionieren, in der Masse könnte das schwierig werden.

Was meiner Meinung nach überhaupt nicht geht: Dass ein Mensch in einer Partnerschaft ganz entspannt sein Tun hat, während der andere fast zusammenbricht oder sich kaputtarbeitet. Oder beide sich kaputt arbeiten, weil sie die gesamte Organisation nicht hinbekommen.
Das Ergebnis der Versuche von Vereinbarkeit von Kindern und Familie sehen wir ja nicht sofort. Es kann sein, dass die Gesellschaft entspannter wird, weil eh keiner mehr den Nerv hat, über Gebühr Arbeitsleistung zu erbringen. Kann auch sein, wir versacken irgendwo in Mittelmaß und Chaos. Oder es hängt eine ganze Generation ausgebrannt und fertig 10 Jahre vor der Rente zu Hause, weil man doch nicht alles haben konnte.

Ich weiß es nicht. (edit: Die meisten Veränderungen passieren aus Not oder Komfortgewinn, nicht aus „man müßte mal“. Bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist aus Sicht der Partner gerade beides nicht unmittelbar gegeben. Es gibt nur die mittelbare Not, dass Frauen beruflich weit abgeschlagen und finanziell verelendet sind, wenn die Ehe zerbricht. Aber das ist komischerweise selten öffentliches Argument. Über die Reform des Ehegattenunterhaltes von 2008 wird selten gesprochen. Die Zahlen sprechen für sich, 39% der Alleinerziehenden bekommen Hartz IV.)

 

07/06/2016
von kitty
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Vigil 86

Heute schlug ich über Dietrich Mühlberg nach, meinen Kulturwissenschafts-Prof, bei dem ich die interessantesten Vorlesungen über Alltagskultur hörte. Natürlich haben sie ihn in den frühen 90ern abserviert. Es geierten genug andere Leute nach den Professuren, die, die im Westen zu kurz gekommen waren. Die Assistentin, bei der ich Seminare in Kultur der Arbeiterklasse hatte und die die seine langjährige Co-Autorin war, traf ich in der Bibliothek der Theaterwissenschaft als Bibliothekarin wieder.
(Und: Nein, die Lehrveranstaltungen waren keine Rotlichtbestrahlung. Sie waren für die Leute aus dem Westen nur einfach nicht hip genug, da benutzt man grade andere akademische Buzzwords.)

Mit kam eine Erinnerung an das erste Seminar mit einem Dozenten aus dem Westen hoch. Keine Ahnung mehr, wie der Typ hieß. Er machte irgendwas zu Geschichte (Theorie?) der Wahrnehmung. Er war ein smarter blonder Surfertyp. Es gab keine Leselisten, es gab kopierte Buchauszüge und es gab kopierte Bilder. Alles musste illustriert werden. Ständig sprang er in den Themen hin und her. Es war alles recht flach, ein netter kleiner flacher Teich Wissen. Wir sahen ihn stumm an, beobachteten ihn wie eine Laborratte.
Irgendwann meinte er, wir müssten keine Angst haben, etwas zu sagen und wunderte sich, dass wir lachten. Es war einfach uninteressant und wir blieben nur aus Höflichkeit nicht weg. Wir waren nur 15 Leute. Das wäre einfach aufgefallen.