The Diary of Kitty Koma

05/11/2014
von kitty
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Mein Mauerfall

Jubiläum und kein Ende

Während um mich herum alles im Jubiläumsfieber ist und die Historisierung der Ereignisse mehr und mehr anläuft, bleibt mein Gefühl für die Zeit zwischen Oktober und November 1989 im Privaten zurück. Mir sind da grade zu viele Welterklärer unterwegs, die nur noch Informationen aus dritter und vierter Hand repetieren und in wohlfeile Form bringen. Ich habe 25 Jahre in der DDR gelebt und nun 25 Jahre im vereinten Deutschland. Mir muss keiner mehr was erklären. Aber auch ich muss mich nicht erklären.
Es ist alles schon aufgeschrieben:

Wie es wirklich war
Wiedermal
Auch 20 Jahre I
Auch 20 Jahre II
Fünfundzwanzig
Die Leichen in unseren Kellern. Ein Lamento
War da was mit Mauer?
Einheitsbrei

Herkunft ist kein Verdienst

Ich fühle mich ok., aber ich habe nach wie vor einen feinen Sensus für kulturellen Kolonialismus. Für Menschen, die mir erklären wollen, dass meine Prägung nichts wert ist. Die glauben, dass ihre Art zu leben und zu denken die einzig richtige ist.
Von hochintellektuellem Gedöns bis hin zu “Ihr blöden Ossis seid so hinterm Mond, dass ihr sogar noch Scheuersand nehmt!”, garniert mit aggressivem, hämischem Lachen. Von einer Frau aus einer asozialen Stahlarbeiterfamilie aus dem Pott. Es ist für ein armes Würstchen immer willkommen, jemanden zu finden, der einem das Gefühl vermittelt, doch ein bisschen mehr wert zu sein.

Es hat sich so viel verändert. Die Menschen, die vor 25 Jahren aus dem Arbeitsleben gerissen wurden, ihre gesellschaftliche Position verloren, die Kurve nicht bekamen und zu Jammerossis mutierten, sind heute recht gut versorgte Rentner.
Ich habe eher das Gefühl, dass der westdeutsche way of life nicht hinterhergekommen ist. Dieses archaische Frauen- und Familienbild passt nicht mehr in diese Gesellschaft, die aus dem Osten genügend Frauen bekommen hat, die in der Regel ohne großes Geschrei ihren eigenen Weg gehen. Vielleicht, weil sie kein Fallback hatten oder andere Rollenvorbilder, aber das ist ok. so.

Ich lebe heute in dem Viertel um den Rosenthaler Platz in Berlin, diese Gegend ist kaum noch einheitsdeutsch, sie ist international. Hier hat beides, sich genuin westdeutsch oder ostdeutsch gebärden, den Status von possierlicher Brauchtumspflege.

Was vom Tage übrig blieb

Sandmännchenpastete. Ostdeutsches Kindheitssymbol meets Westdeutsches Formfleisch.

 

Edit: Lesenwert

Ich habe den Herbst ’89 noch im Körper

Die Tagebücher von Frische Brise

29/10/2014
von kitty
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MMM – Snow White

Die Nähnerds sind schuld, dass ich nach fast 30 Jahren Pause wieder unvermittelt zu stricken begonnen habe. Erst dachte ich: Oh nee! Das war doch alles gruselig in den 80ern, entweder ich musste mir Modelle selbst zusammenstückeln, das sah auch meist so aus oder es gab Anleitungen in piefigen Zeitschriften, die sahen dann auch so aus, nur anders. Mal abgesehen von Acrylwolle, von der man nehmen musste, was es grad gab, richtige Wolle war für mein Theateranfängerinnensalär zu teuer. Dann war da noch die Sache mit der Geduld… (Weshalb ich dann irgendwann auf die Strickmaschine wechselte, aber das ist eine andere Geschichte.)
Nun gibt es heute das Internet, ziemlich gute Anleitungen, noch bessere Wolle und Hörbücher. Also stricke ich wieder. Den Anfang machten Tücher und Socken und dann wagte ich mich an einen Pullover.
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Auf der Suche nach dem, was mir gefällt – tailliert sollte es sein und mit einem hübschen Ausschnitt, stieß ich auf Snow White, ein Entwurf von Ysolda Teague (von der ich schon das Marin in hummerfarbener Seide gemacht hatte), den ich sofort mochte, weil er nicht wie alle anderen Pullover aussah und durchdacht konstruiert war, aus einem Stück ohne Nähte. So sieht das aus, wenn niemand drinsteckt:
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So sieht der Rücken mit Inhalt aus:
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Ich hatte einen ganzen Berg Drops Karisma in preußischblau, ein wenig mußte ich rechnen, denn das Originalgarn war dicker. Außerdem war ich skeptisch, ob ich mich in dem Rippenmuster, das eigentlich sehr eng sitzen sollte, wohlfühlen würde und war in der Berechnung etwas großzügiger. Ein Fehler, wie ich merkte, denn das ganze Stück gibt heftig nach.
Ich habe den Rücken gekürzt und das Vorderteil verlängert, die Balance beträgt 6 cm. Aber der Rücken ist zu weit und macht ziemliche Beulen. Hm, vielleicht mache ich ihn doch noch mal auf und ändere das, mal schauen.
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Was ich auf jeden Fall geändert habe, war der für meine breiten Schultern zu großzügige Ausschnitt, ich habe noch die Andeutung eines Raglanschnitts hineingenommen. Es ist mir sonst zu kalt, zu unproportioniert und es hängt einem ständig der BH raus. (Im übrigen sieht das Ganze mit einer weißen Bluse drunter sehr gut aus.)
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Das Stricken hat auf jeden Fall viel Spaß gemacht, die Anleitung ist hervorragend und weil noch Wolle übrig war, habe ich mir noch ein Mützchen spendiert.

Hier geht es zu den anderen Damen vom Me Made Mittwoch.

29/10/2014
von kitty
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Fluch

Ich bin nachtragend. Selten, aber gründlich. Ich verfluche Menschen, die mir wissentlich ernsthaft Probleme bereitet haben. Verrückterweise funktioniert das.
Der Mann, dem ich eine radikale Abreibung von bösen großen Menschen gewünscht habe, tauchte drei Wochen später mit Veilchen und genähten Platzwunden auf. Der psychotische Nachbar hatte plötzlich ein Problem mit ihm.
Dem Boß, der mich nicht mal zum Vorstellungsgespräch einlud, weil das Kind vor mir ans Telefon ging “Sie haben ein Kind? Wie stellen Sie sich das vor?”, wünschte ich die Pest an den Hals und er erkrankte recht plötzlich an Leukämie uns starb bald darauf.
Bei jemand anders weiß ich, dass seine Leiche ziemlich bald an mir vorüber treiben wird, er sieht aus wie ein eigener Schatten. Er hat es verdient, ich bin halbwegs ungeschoren aus der Sache rausgekommen, die Dritte im Bunde hat es nicht so unverletzt überstanden.
Es gibt noch eine Frau, die ich kürzlich gründlich und sorgsam bedacht habe. Eine, der ich eine angesehene bürgerliche Existenz verschafft habe. Die mir sagte, ich sei, für sie wie eine Mutter. (Ich mag ja solchen Gefühlsüberschwang nicht.) Die, weil ich mich weigerte, auf ein mir vertraglich zustehendes Recht zu verzichten, unangemessene Dinge tat und dabei wichtige Teile meines Lebensplanes vernichtete.
Aber ich bin mir sicher, diese Frau wird ihres Lebens nicht mehr glücklich. Sehr sicher.

PS. Vergessen Sie übermorgen nicht, das Lämpchen in den Halloweenkürbis zu stellen.

23/10/2014
von kitty
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Kalte Eier

Bleiben wir bei Eiern. Das hatte ich noch im Entwurfsordner.

Es wird derzeit zwar heftig über eingefrorene Eier gesprochen. Zum Aufreger “Social Freezing” nur so viel:
Es wird immer nur über Frauen geredet, die entweder selbstbestimmt handeln oder unter Annahme des Angebots, ihre Eizellen einfrieren zu lassen, Opfer ihrer Arbeitgeber werden.
Ich habe das Gefühl, das ist nur die Hälfte der Angelegenheit. Zum Machen eines Kindes gehören immer zwei. Und zu dem Fakt, beruflich erfolgreiche Frauen immer seltener, später und damit schwieriger Kinder bekommen, gehören auch Männer, die ihre eigene Meinung zum Zeugungsprozeß haben. Ein Gebärstreik ist zuallererst ein Zeugungsstreik eines oder beider Beteiligten. Komischerweise wird öffentlich nur über die sich verweigernden Frauen geredet.
Mir sind nur in den seltensten Fällen Männer begegnet, die wirklich darauf scharf sind, Kinder zu machen. Bis auf die eher proletarisch daher kommende Kategorie “Bezirksbefruchter”, die überall Kinder laufen haben und meist aber kein Geld, ihren Unterhalt zu bezahlen und nicht grade die vertrauenswürdigste Sorte Erzieher darstellen, wollten in meiner Umgebung nicht viele Männer Kinder. Zumindest nicht mit den Frauen, mit denen sie gerade aktuell zusammen sind. “Später” und “das ist nicht die Richtige” waren Standardauskünfte zu dem Thema.
Insofern war ich ganz froh, dass dieser Kelch qua früher Mutterschaft an mir vorübergegangen war und ich die Problemfront paarungsbereiter Großstädter nur von Ferne beobachten durfte. Müsste ich heute noch mal jung sein, studieren und wäre ähnlich karriereorientiert wie früher, würde ich spätestens mit Mitte 20 Eizellen einfrieren lassen, um wenigstens einen Beitrag zur Problemminimierung in späteren Zeiten getan zu haben.

Nebenher: Dass eine Russin, Polin, Ukrainerin oder Tschechin mir nach einer körperlich hoch belastenden Behandlung ihre Eizellen verkauft, ist mir … nach drei Versuchen, das richtige Wort einzusetzen: Ich würde das nicht wollen.