Der zweite Tag

meiner gesellschaftlichen Invalidität bringt bereits leichte Besserung. Ich kann bereits ohne Schweißausbrüche das KaDeWe betreten (besser ein Ort, wo ich keine Bekannten treffe) um Romannachschub zu holen. Und diesmal hab ich nicht ganz so unterirdisch hingegriffen, der letzte Roman von Batya Gur ist dabei und endlich, nach so vielen Jahren wieder „Das Herz ist ein einsamer Jäger“.
Meine Matratzengruft habe ich von X-Berg nach C-Burg verlegt. HeMan sieht mich zwar skeptisch von der Seite an, aber da muß er durch.

Jetzt hat sie mich,

die Spätwinterdepression. Mit allem. Mit dem unsichtbaren Fuß auf der Brust, dem Totsein im Kopf („du bringst es nicht“ steht da in staubiger, flackernder Leuchtschrift), der Empfindlichkeit uff die Wörter, von denen jedes unverfängliche wirken kann wie ein Tritt in den Bauch, dem Essenschlingen ohne zu riechen und zu schmecken, der Scheu, anderen Menschen zu begegnen und dem dringenden Bedürfnis, in warme Betten verpackt, ohne übergroße Beachtung versorgt zu werden.
Das letzte Mal ist Gott sei Dank lange her. Fünf Jahre bestimmt.

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Schöne Geschichte

Es begab sich einmal in einem idyllischen Dienstleistungsbetrieb, daß ein sehr geschätzter Freelancer eine Liaison mit einer ziemlich wichtigen Mitarbeiterin anfing. Die ziemlich wichtige Mitarbeiterin war schon in den Jahren, wo man mit Kindern schnell machen muß und machte vor dem geschätzten Freelancer keinen Hehl daraus, daß es ihr mit ihm und ihrem Fortpflanzungsbedürfnis wichtig war.
Sie waren drei Jahre zusammen und an dem Tag, an dem die ziemlich wichtige Mitarbeiterin dem geschätzten Freelancer glücklich eröffnete, daß sie schwanger sei, verließ er sie.
Das ist eigentlich eine alltägliche Geschichte, dieses „ich oder das Kind“. Nur waren die Arbeitsabläufe in dem idyllischen Dienstleistungsbetrieb plötzlich sehr beeinträchtigt. Es mußte viel für die Zeit der späteren Schwangerschaft umorganisiert werden, was Geld kostete. Und auch aktuell ging es der ziemlich wichtigen Mitarbeiterin nicht gut. Eine Spät/Erstgebärende mit Heulkrämpfen, Wutanfällen und dem Unvermögen, fürderhin mit dem geschätzten Freelancer zusammenzuarbeiten, ist ein Problem.
Das kam der ganz großen Chefin zu Ohren. Die ganz große Chefin handelte schnell. Sie entband den geschätzten Freelancer mit sofortiger Wirkung von seiner Tätigkeit. Wenn die ziemlich wichtige Mitarbeiterin im Mutterschutz sei, könnte er noch einmal für sechs Wochen zu einer Trostarbeit antreten, um seinen Vertrag endgültig zu erfüllen.
Und die Moral von der Geschicht? Lieber mit Gummi.

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Gesellschaftsnachrichten

  • Frau P., formerly known as Fräulein F. zeigt sich an strategisch wichtigen Orten. Wahrscheinlich Akquisetour, nachdem der Männe das Geld in den Sand gesetzt hat. Und wahrscheinlich nicht nur sein Geld.
  • Mann trägt wieder Trophäenfrau. Wenn es für die Trophäenfrau nicht gereicht hat (zu sehen am Last-Season-Anzugschnitt und dem grau aus der Färbung herausgewachsenden Haupthaar) macht es auch ein ehrgeiziges kleines Dumbo. Die scheints heuer im Sonderangebot zu geben.
  • Die kleinen Bitches in den Hasi&Mausi-Spaghettiträger-Sommerkleidchen sind weg. Haben die jetzt alle fertig studiert, einen Referendar geheiratet und kriegen im Prenzlauer Berg Kinder?
  • Mann trägt nur noch selten Gel im Haar. Wenn ja, dann ist er Kellner.
  • Diese schwarzen Existenzialistenbrillen werden seltener. Der Trend scheint zum Augenlasern zu gehen.
  • Weniger Silikon, dafür mehr Botox. Solange sie noch die Augen und den Mund auf und zu kriegen, mags gehen.
  • Fettabsaugen ist auch nicht mehr der letzte Schrei. Kann mir mal jemand den Kontakt zu diesem Diätpillenhändler machen?
  • Grill Royal: Blonde Frauen mit wild gemusterten Wickelkleidchen und Stiefeln haben kleine Hunde an der Leine (Bäh! Im Steakhaus!) Koksschwitzige junge Business-Männer bieten sich vor der Tür gepflegt auf die Fresse an, wenn die Kohle nicht bald rüberkommt.
  • Die Promis werden auch nicht jünger.
  • James-Bond-Neben-Neben-Darsteller steht eingekeilt zwischen zwei labernden Produzenten und versucht ein kompetentes Gesicht zu machen. (Nicht mißverstehen, ich mag den Mann sehr!)
  • Kostenlose Imageberatung am Abend. Das Paar am Stehtisch, (sie Anfang 20, dünn, groß, weißhäutig, blond, Chanel-Vintage, geschminkt wie ein Clown, er Anfang 50, Ingenieur, Unternehmer, vom Abend überfordert, aber sehr nett und ein lieber Kerl) erklärt mir das Markenkonzept, mit dem sich die junge Dame vermarkten will. Sie will sein wie diese Burlesktänzerin, die jetzt überall in der Presse steht. Deshalb die absurde Schminke, der alte Fummel, die Jackie-O.-Kette. Ob sie denn strippt, frage ich sie. Nein natürlich nicht, sie sei Studentin, Mathe. Zweitbestes Abi im Landesmaßstab schiebt ihr Begleiter nach. Sie ist schön, eine Taille, die zwei Hände umfassen können, süße kleine Brüste, schlanke Arme mit vielen Narben vom Ritzen. Er erzählt mir ein paar Gläser später von seiner aktuellen Scheidung und daß sie nun auch schon wieder sofort heiraten will. Den Vorschlag, das Geld und die Zeit in eine Therapie zu investieren, verkneife ich mir.