16.8. 10

De Montag begann verdammt früh. Zwischen 8 und 16 Uhr hatte sich im Nestchen ein Telefonfritze angekündigt, um den neuen 50.000er-Anschluß mit Rundum-Flatrate zu legen. So richtig glaubte ich nicht dran, daß er wirklich kommt, aber ich fuhr grantelnd durch den Regen nach Schöneberg und nutzte den frühen Morgen, um mein Bett aufzustellen, daß mich prompt verführerisch anlächelte. Ich war von diser Migränesache immer noch recht müde, obwohl ich die Nacht über gepannt hatte wie ein Stein. – Aber ich zeigte dem Bett die kalte Schulter und sichtete statt dessen die Mails des Wochenendes.
Später sägte ich nun endlich die Aussparungen für die Heizung in den Küchenschrank, in dem mein Herd steht, um ihn an die Wand schieben zu können. Diese Küche ist eine fehlkonstruierte Hölle. Sie ist nun mal für ausgebombte Kriegswitwen konstruiert, die zwei Töpfe und einen Rest Geschirr ihr eigen nennen. Deshalb hängt an der einzigen durchgehenden Wand eine Heizung (wer bitte heizt einen 5qm-Raum, wenn es nicht gerade das Bad ist?), paßt keine Normspüle in die Nische mit dem Wasseranschluß, weil die Scheuerleisten zu breit sind und die nächste Wand, an die man etwas stellen könnte, hat ein Fenster.
Um die Mittagszeit kam der Mann, um mich beim Warten abzulösen, denn ich hatte einen Außentermin. Prompt kam der Telefonfritze und wir diskutierten dann am Handy aus, was er mit dem Arcor-Anschluß auf der Dose machen soll, dessen Vertrag erst im September ausläuft.
Zurückgekehrt, werkelten wir noch ein wenig zu zweit am Schrank, bis er paßte und dann machte ich mich an das Einrichten der neuen Fritzbox. Ich liebe diese Teile! Ich habe selten, so ein nettes, liebevoll ausgestattetes und gut funktionierendes Stück Technik erlebt. Als ich mittendrin war und schon wieder immer müder wurde, rief ein Freundin an, die gerade in Berlin zu Besuch ist. Mist, ich hatte völlig vergessen, daß ich ihr am Vormittag geschrieben hatte, daß wir uns gern nach der Arbeit auf einen Kaffee treffen könnten. Die Arme, ich grantelte müde vor mich hin und sagte ihr, daß ich es nicht packe.
Nachdem die Box lief, fuhr ich stracks nach Hause, haute mich aufs Bett und nur große Motivation brachte mich um acht Uhr zum Aufstehen. Auch an den Satz, daß ich eventuell noch in die Muckibude gehen wolle, mochte ich auf keinen Fall mehr erinnert werden.
So verlief der Abend mit gebremstem Schaum. Ich hoffe, ich komme aus dieser verfrühten Winterschlafphase lebend wieder raus.

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15.8. 10

… und ich wachte am nächsten Morgen mit Kopfschmerzen auf. Ich habe das nicht so oft, aber wenn Hormonpegel und blödes Wetter zusammenkommen, dann krachts unter meiner Schädeldecke.
Ich grisselte mich so durch den Regentag. Ein bißchen putzen, ein bißchen räumen, Betten abziehen, Wäsche waschen…
Als der Mann aufs Fahrrad stieg um seine beliebte Grunewald-Nachdemregen-Schlammtour zu fahren, stellte ich noch mit großer Geste das Bügelbrett auf, um mich nach einem Leberwurstbrot aufs Sofa unter die Kuscheldecke zu trollen. Dort schlief ich, bis der Mann zurück war.
Dann folgte ein seltenes Nachmittagsidyll. Ich bügelte, der Mann lümmelte auf dem Sofa und im Fernsehen lief „Der Schatz im Silbersee“. Hach.
Nebenbei briet ich ein paar Maishühnerbeine mit etwas Gemüse und als wir dann am Tisch saßen, war ich von Kopf bis Fuß naßgeschwitzt und hatte immer noch Kopfschmerzen.
Nach dem Essen hübschte ich mich auf. Es ging ins Edelweiss im Görlitzer Park zum Jazz. Kreuzberg kann so cool sein. Wir kamen ohnehin schon zu spät und bekamen zur Auskunft, es ginge dann irgendwann los, die Künstler würden noch essen. Eine halbe Stunde später tranken die Künstler noch einen Espresso und es wurden schon Karten verkauft.
In eine Sofaecke neben einen hübschen jungen Studenten geklemmt, verbrachten wir den Abend. Die Musik war sehr cool. Die Beleuchtung der Location auch (vor allem mit Migräne-Halo)und das heißeste war dieser Deckenventilator mit dem kleinen Hau, der drehte sich so, als würde er jeden Moment durch den Raum abfliegen. (An dieser Stelle wird dann ein kleiner Film stehen, den ich erst von der Kamera ziehen muß.)
Dem jungen Mann neben mir fiel irgendwann ein heißes Windlicht von einem Wandbord in den Nacken, ich las ihm das Wachs von der Haut und er bekam von der Bedienung ein Glas Eis für seine verbrannte Hand. Dazu die Musik und ein entspanntes Publikum. Ich war happy, nur mein Zustand war fragil. In einer Musikpause brach das Kopfgewitter dann los. Ich wußte, jetzt muß ich nach Hause, ganz schnell, bevor ich kotzend vor Migräne aufm Klo hänge. Zu meinem großen Bedauern, denn ich hatte mich lange nicht mehr so gut amüsiert.

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14.8. 10

Samstage sind ja immer so eine Sache. Denn obwohl der Mann und ich Freiberufler sind, gehen wir natürlich dann auf den Markt, wenn es alle tun. Aber an diesem Morgen war ohnehin schon alles besorgt und es regnete in Strömen. Ich wollte am liebsten im Bett bleiben ud zog den Moment des Austehens mit Kaffee und Zeitung noch etwas in die Länge.
Nach dem Frühstück tat ich diese fiese, längst ausstehende Sache. Ich kaufte mir zwei Hosen in der nächstgrößeren Weite. Grmpf.
Als wäre es nicht genug, daß ich derzeit aus den Umzugskisten Kleidung zutage förderte, die jetzt vielleicht meiner Tochter paßt.
Dann fuhr ich nach Schöneberg und packte und räumte wieder ein wenig. Nach einer Stunde kam der Ranger. Der Ranger ist Rheinländer und war mit mir in der Klinik. Er hatte sich die herzensbeste Rheinländerin geschnappt, die sich dort aufhielt und so sind nun zwei Menschen Mitte 50, die aus Einsamkeit und Arbeitsüberforderung depressiv wurden, ziemlich glücklich – und ich wünsche mir für die beiden, daß es lange so bleibt.
Der Ranger hatte mir eine Leiter und ein Tapetenabweichgerät geborgt, die nun wieder selbst brauchte, weil er mit der herzensguten Rheinländerin zusammenzieht.
Wir saßen noch auf einen Kaffee zusammen ud er hatte sehr viel zu erzählen. Unter anderem davon, daß er bei einer Stippvisite in der Klinik vier unserer Mitpatienten traf, die es draußen nicht geschafft hatten und wieder retour kamen. Bis auf einen, dem Überarbeitung (und Fitmach-Drogen?) heftig aufs Hirn geschlagen sind, waren es die üblichen Verdächtigen: Allein lebend, ohne Arbeit.
Die Zeit verging wie im Flug. Ich machte noch ein paar Handgriffe im Nestchen und fuhr zurück nach C-Burg. Am Abend gab es ein Treffen mit Freunden, die arbeitshalber in Moskau leben und ihren Urlaub in Deutschland machen. Sie berichteten, daß in Moskau die Luft unerträglich sei, wenn der Wind den Rauch der Brände heranträgt. Alle haben Angst vor Vergiftungen. Der Mann hat in der Firma, die er leitet, den Mitarbeitern freigestellt, ob sie zur Arbeit kommen oder die Stadt verlassen, da er die Verantwortung für Schäden nicht tragen will.
Der Abend verging mit viel Geblödel und Spaß, denn der Freundeskreis um dese Leute sieht sich nicht mehr so oft. Die zwei Kinder, die mit von der Partie waren, spielten geduldig bis nach Mitternacht mit Pokemon-Karten.
Ich war mit Kopfschmerzen aufgewacht und fiel, trotz Alkoholvermeidung, wieder mit Kopfschmerzen ins Bett.

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13.8. 10

Auch die Hirne von Menschen mit dem Makel analytischen Denkens können Spuren von Aberglauben aufweisen. Daher war ich ganz froh, daß ich gar nicht realisierte, daß Freitag der Dreizehnte war. Wer weiß, was mir sonst passiert wäre.

Und dann handelte es sich auch noch um den 13. August. Ein Tag, den Menschen in meinem Leben im Jahr 1961 völlig unterschiedlich erlebten.
Die Eltern meines Ehemanns faßte sich an den Kopf: das ging doch garnicht. Man kann durch einen Stadtkörper doch keine Mauer ziehen! Da hängt doch alles miteinander zusammen, die Bahn, die Straßen, die Kanalisation, der Strom, das kollabiert bei Trennung. Mein Schwiegervater wollte am nächsten Morgen wie immer in einem der Westsektoren auf den Bau fahren (er war einer derjenigen, die gutes Westgeld verdienten und das billige Leben der DDR mitnahmen, wie man diesem Menschen vorwarf) und kam nicht mehr durch. Meine Schwiegermutter war froh, daß er nicht womöglich von Mauerbau im Westen überrascht wurde und „drüben“ geblieben wäre.
Meine Eltern dagegen wurden vorfristig und minderjährig in die SED aufgenommen. Sie patroullierten in dieser Nacht im Auftrag der Partei durch Leipzig. Die Regierung hatte Angst vor Unruhen. In den Jahren vorher waren sie auf Deutschlandtreffen, in denen es um den Erhalt der Einheit ging. (Man erinnere sich: Deutschland, einig Vaterland, die Zeile der Nationalhymne, wegen der der Text irgendwann garnicht mehr gesungen wurde)
Ich bin froh, daß ich den Fall der Mauer in einer Lebensphase erleben konnte, in der ich mit den völlig neuen Perspektiven und Möglichkeiten nur gewinnen und nicht verlieren konnte.

Ich wiederum beschäftigte mich am 13. August damit, endlich das Umzugskistengebirge im Nestchen abzubauen. Was nicht so einfach war. Der geübte Umzieher packt in die Kartons eine Schicht Bücher und dann in Wäsche oder Klamotten gewickeltes Geschirr. Da aber die Küche noch in Arbeit ist (meine Stichsäge war verschollen und ausgerechnet sie stand nicht auf meiner akribischen Liste, die alle Gegenstände der Kistennummerierung zuordnet), gestaltete sich das Auspacken sehr umständlich. Die Klamotten und die Wäsche mußten extrahiert und anschließend die Bücher von unten herausoperiert werden. Dann wurden die Küchenutensilien in wenige Kisten eingedampft und unter Beachtung erhöhter Zerbrechlichkeit wiederum gestapelt. Aus fünfundzwanzig Kisten wurden am Schluß fünf und ein Sack Textilien, von denen ich mich endgütig trennte. Die zarten Weißnähereien mit der handgeklöppelten Spitze hatte noch immer Bleiberecht. Wer allerdings einmal auf einem Kopfkissen mit Biesen und Spitze geschlafen hat, weiß, das das bleibende Muster i Gesicht erzeugt.
Immer wieder kamen Bücher zum Vorschein, meine Regale waren aber schon voll. Ich beschloß, alle Literatur, die ich im Netz finden konnte, nur noch in der Festplattenbibliothek zu führen, es sei denn, es handelte sich um bibliophile Ausgaben. – Nebenbei, der Bellamy war immer noch nicht aufgetaucht. Ich hatte eine wunderschöne leinengebundene Ausgabe mit Illustrationen.
Dann lasierte ich nochmals das Bett. Dessen Terpentingeruch mich den ganzen Tag über völlig dösig machte. Es handelte sich zwar um sehr angenehm riechende Öle, nicht dieses fiese flachdeutsche Kiefernzeug, aber es reichte trotzdem.

Um sechs Uhr abends hatte ich mein absolutes Freitagsdown erreicht und fuhr nach C-Burg. Ich schlief eine halbe Stunde, dann aßen wir ene Kleinigkeit und machten uns auf ins Kino, um Das Konzert zu sehen.
Dicke Empfehlung, den Film muß man gesehen haben, weil Lachen, Weinen und Gänsehaut ganz dich nebeneinander liegen. Nebenbei bemerkt, man hätte aus diesem Thema auch einen fürchterlich dramatischen Befindlichkeitsfilm machen können, nach dem man sich nur noch erschießen will, so gefiel er mir wesentlich besser.
Vielleicht sehe ich ihn mir noch einmal im Original an. Er sollte eine schöne Mischung Russisch und Fränzösisch haben, der ich folgen kann.
Den anschließende Rotwein im schwarzen Café hätte ich mir sparen sollen, er machte mir schon beim ersten Schluck Kopfschmerzen.

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