
Normale Frau mit Vintage-Handy, Rock’n’Roll-Haaren im Lieblingshoodie. Sorry,ab Herbst gibts nicht mehr viel Klamotten fürs Foto.
1 Tagebuch-Beginn
Zweimal in Jahr gibt es hier Tagebuch. Wie auch in diesem Monat, vielleicht auch länger, mal schauen, ob mein Leben so interessant ist.
Auf jeden Fall habe ich wieder Zeit dafür, denn ich habe mein Engagement für die Moderation eines großen (voll moderierten) Forums fast aufs Unmerkliche verkleinert. Ein halbes Jahr lang fand ich es sehr sehr spannend, zu sehen, wie Meinungsströme gelenkt werden können. Oder auch einfach runterprasseln. – vor allem bei emotionalen Anlässen, wo der nächste Rant schon um die Ecke lauert und die Anonymität schützt.
Manchmal war es erschütternd, wenn ich – mich sinusmillieumäßig zu den Modernen Performern zählend – kapieren musste, dass das Gros da draußen ganz andere Meinungen hat, die aus dem letzten Drittel des letzten Jahrhunderts zu stammen scheinen. Oder Migranten. In Sachen soziale Kultur eine ganz andere Welt, ca. ländliches Deutschland 1920. Feminismus. Wir führen wohlfeile Debatten, dort sammeln sich die traumatisierten Männer. Die innige Verknüpfung von Sex und Geld. Immer noch.
Wie Leute drauf sind, je nach Wetter, Tages- und Jahreszeit oder Mondstand. Früher habe ich mit dem Ex immer das Stimmungsbarometer abgeglichen: Was war an der Börse los? (Vor der Zeit der computergestützten Handelsprogamme.) Bei mir in meinem Telefonjob sah es meist nicht anders aus. Menschen entschließen sich einzeln und handeln im Schwarm. Rufen den Agenten an, dass etwas passieren muss oder verkaufen Aktien.
Oder die Leute mit der latenten Obsession, die immer nachts kommen. Der Typ, der selbstbewusste, sinnliche Frauen inquisitorisch mit Verderben und Einsamkeit bedroht. Der – wahrscheinlich – Mann, der sich als dauergeile verheiratete Nymphomanin geriert und sich detailreich darüber auslässt. Die Frau, die Männer geifernd zurechtweist, Sex sei nach Heirat und Kinderzeugung widerlich und unerwünscht.
Aber Details dazu zu einem anderen Zeitpunkt.
Gestern habe ich mir meine alljährliche Panikattacke beim Berlin-Marathon abgeholt. Es ist immer der gleiche Auslöser: Ein Strom Menschen, der gegen meine Blickrichtung auf mich zukommt. Sei es nun der Strom der Läufer oder, wie gestern zwischen Adlon und amerikanischer Botschaft, der Strom Passanten auf einem engen Weg. Wenn ich erst einmal mitten drin stecke, geht nichts mehr. Mein Ich zerbricht in Stücke, es existiert nur noch mein hyperventilierender, schwitzender, zitternder Körper. Aber. Die Freundin ist eine bessere Zeit gelaufen als im letzten Jahr.
Der Rest des Tages war angenehmer. Frühstück mit dem Grafen im Bravo im KW. Gleich anschließend Kaffee und Kuchen 30m weiter im Victoria. Es ist immer ein bißchen schwierig, unsere Tagesabläufe anzugleichen. Er frühstückt um 3 Uhr nachmittags, ich um 10 Uhr vormittags.
Abends dann der Rostocker Polizeiruf. Überhaupt sollte ich wieder mehr fernsehen, aber die kleine Glotze verleidet es mir etwas und ein größerer Fernseher ist noch nicht gefunden. Also Polizeiruf. Ich kam etwas später dazu, als ich merkte, daß eine junge Frau mit der ich jahrelang gearbeitet habe, eine nicht kleine Rolle dort hatte. (Was ich von ihr zu sehen bekam, entsprach leider meiner Vorahnung. Schade. Overacted und das nur in Richtung Schwere und Drama, das übliche, wenn sich ungeübte Actressen profilieren wollen. Warum die Typen alle scharf waren auf diese Frau, das habe ich nicht gesehen. Oder das war die Botschaft. Die waren nicht scharf auf die Frau an sich sondern wolten die Frau vom Präsi f…en und damit ihn. Selbst wenn es das war, hätte ich von der Frau das Weibliche, wenigstens den Schatten der Trophäe, die der Präsi sich an Land gezogen hat, sehen wollen.)
Es gab ein paar heftig schöne Kinomomente. Tolle Bilder und dann wieder nur Fragezeichen in meinem Kopf. Der diskreditierte Bullenkollege schien mir ein halbtoter Erzählstrang zu sein, den man auch hätte ganz rausreißen können. Die Dialoge des Bullen mit der kleinen Nutte – das ist Regisseur Eoin Moore, wie ich ihn schätze. Und sonst kracht der Film ab und zu aus dem Genrekorsett, um hinterher wieder in Fernsehredakteursdialogen zu verflachen.
Ich hätte ja gern mal wieder einen Kinofilm von Eoin, nicht immer nur die Fernsehware von der Stange.
Universitäres Bullshit-Bingo
Im Computerzeitalter werden Kunst- und Kulturäußerungen miteinander verbunden. Signalverarbeitende Medien konvergieren in der universalen Maschine Computer. Dem trägt der Studiengang dadurch Rechnung, dass die gewonnenen Erkenntnisse auf dem Feld des Klanglichen akademisch und praktisch mittels der gegebenen technischen Voraussetzungen eines Signallabors und Medientheaters (Auditorium), sowie eines Videostudios (digitales Video, Mediathek) erprobt werden. Hier erhalten die Studierenden medienpraktische Ausbildung (mediale Dramaturgie, Kenntnisse der Programmierung), fokussiert auf das Feld von Musik, Klang, Akustik, doch im Kontext umfassender Medienkultur, -ökonomie und -systeme.
Kann mir das mal jemand übersetzen?
Wenn ich das lese, habe ich das Gefühl, daß in den 10 Jahren seit meinem Studienabschluß im mittlerweile abgewickelten Institut für Theaterwissenschaft und seinem Nachfolger Medienwissenschaft an der Humboldt-Universität die Zeit stehengeblieben. Das war nämlich damals schon Ziel der meisten Energien: Eine möglichst hermetische Geheimsprache dafür zu entwickeln, dass man sich mit Faxen beschäftigte. Mit ehrenwerten, seit immer schon gemachten Faxen.
Von Internet hat man noch nicht so richtig viel gehört, wie es scheint, aber man sammelt alte Computer (das heißt Medienarchäologie) und bringt den Studenten Basic bei, um Computergrafiken zu machen, die dann im schweineteuer eingerichteten Medientheater aufgeführt werden. Naja, den Elfenbeinturm haben sie sich auf jeden Fall erhalten.
Sahnepudding mit Baiser
