Ostersonntagsmäander

Am Mittwoch kam dann endlich und lange erwartet das Enkelkind auf die Welt. Eine Woche hat es sich noch Zeit gelassen und eine Fachkundige meinte, die hätte es auch noch gebraucht. Dem Kind gehts gut (Was heißt Kind, das Kind ist ja jetzt Mutter!), die kleine resolute Elfe und ihr Mann machen ihre Sache wirklich gut und das Kind vom Kind ist ein winziges mauzendes Mädchen mit eindrucksvoller Nase.
Ich bereite schon alles für die Fertigung von niedlichen Kleidchen vor. (Ich darf das. Großeltern sind ja die, wo wir als Kinder etwas Freiheit von zeitgenössischen Erziehungskonzepten genießen durften.)
Ich bin total beseelt von diesem kleinen Wesen und es wird sicher Gründe geben, einfach mal so bei Kind und Mann vorbeizugehen. Essen kochen oder vorbei bringen, andere Hilfe anbieten… Einfach um einen Blick auf diesen kleine, nach Milch riechende Wesen zu erhaschen.

Und sonst kommt hier immer nur ein Teil zur Aufzeichnung. Das Konzept Zukunft und Lebensfreude ist noch gänzlich unbeschrieben, weil nicht spruchreif und wird noch lange in der Vorbereitung verbleiben. Es dauert und braucht einen großen Teil unserer Ressourcen.

Aber der Technikpark ist seit dieser Woche aufgestockt. Es gibt eine Overlock- und eine Coverstichmaschine. Der Kauf war ein mittleres Drama. Die Familie kauft seit Jahren meist beim größten Nähmaschinenhändler der Stadt. Da stehen ältere Damen bereit, die einen die klassischen Nähmaschinen Probe nähe lassen. Stickmaschinen sind nur ihres, wenn es technisch nicht so anspruchsvoll ist und für Software lässt man eine junge Frau kommen. Man sieht also, wo die Kernkompetenz ausläuft.
Das Geschäft verlagert man gerade ins Netz, den großen Laden hat man aufgegeben und sitzt nur noch im Industriegebiet. Finde ich schlüssig. Es scheint auch zu laufen, auf dem Firmenparkplatz stehen drei fette Mercedes.
Am Wochenanfang wollte ich, lange geplant, die Bernina Aurora zur Durchsicht bringen und die Maschinen, die ich ins Auge gefasst hatte, Probe nähen. Die Sache mit der Durchsicht wurde kompliziert. Der Mechaniker ist nur noch einmal die Woche da. Die Maschinen stapeln sich und es kann vier bis sechs Wochen dauern. Einen Termin kann man mir nicht sagen, es gibt keine Warteliste, das ist nicht durchorganisiert.
Das Probe nähen funktionierte. Auch wenn man mir die niedrigpreisige Coverstitchmaschine der Premium-Marke nur widerwillig aufbaute. Aber ich brauchte den Vergleich noch einmal, um mich für die hochpreisige Maschine dieser Marke zu entscheiden.
Wenn wir über Preise redeten, sprachen wir nicht über die UVPs sondern über die Preise, die jeder Händler macht und die auch im Netz stehen. (Und die Händler im Netz sind auch alles alte Nähmaschinenhäuser, die ihr Geschäft umgestellt haben und doppelgleisig fahren, hier der klassische Laden mit Werkstatt, da der Onlineshop.)
Wir hatte uns zu Hause dann sehr schnell entschieden und ich rief an, um zuzusagen und den avisierten Paketpreis zu erfragen. Den musste erst der Chef machen und die Verkäuferin erklärte mir in einem zweiten Telefonat von Stöckchen, Hölzchen, Knöpfchen unter Verwendung der UVPs, dass man uns 50€ vom üblichen Preis nachlassen wolle und Giveaways dazugibt (die sowieso Bestandteil einer Aktion sind).
Hm. Das war nicht so prickelnd.
Wir machten einen Rundruf bei den anderen Händlern, um Verhandlungsargumente zu sammeln und in Bayern machte mir ein alter Herr, in seiner Werkstatt sitzend, seine Verkäuferinnen waren grade draußen mit den Kunden beschäftigt und der Sohn, der Geschäftsnachfolger sein wird, nicht da, ein Angebot, bei dem ich zunächst nachfragte, ob er sich in der Liste verschaut habe. Er rechnete noch mal nach und meinte: Nein, das wäre schon korrekt so. Und den Support habe man organisiert, es gäbe Freiporto zum Einschicken für die Reparatur und die Nachfolge in der Werkstatt sei auch geregelt, falls er nicht mehr könne. Aber Angesichts des Preises bitte man um Vorkasse, um die Paypal-Gebühren zu sparen.
So viel Nachlass in Bayern in einem genauso gewachsenen Geschäft vs. support your local dealer, der dagegen ein unstrukturierter Sauhaufen ist. Wir hatten beide ein scheiß schlechtes Gewissen, aber die Entscheidung war klar, das änderte auch die Intervention des Berliner Chefs nicht mehr, der noch mal etwas nachbesserte.
Geliefert wurde innerhalb von 2 Tagen  und ich arbeite jetzt wie an einem Mischpult an drei verschiedenen Nähmaschinen für die Fertigung eines Teils und ich mag es sehr.

Last, but not least: Dieser Tag ist ein guter und großer. Vor 6 Jahre sagten der Graf nur zwischen uns zueinander Ja und vor 4 Jahren gab es dann den amtlich und offiziell zelebrierten Tag. Ich bin schon ein Glückskind, hoffe, dass es noch ganz lange so bleibt und tue alles mögliche dafür. Es hätte auch alles ganz anders kommen können.

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Sonntagsmäander im zu warmen Frühling

Nach einer Landpartie ist man platt, vor allem, wenn es 23 bzw. 18 Grad hat und noch nicht mal ein Blatt am Baum hängt. Aber es hat schon Veilchen im Gras.

Das Leben schenkt mir gerade Geschichten, die noch nicht so richtig zu erzählen sind. Rührend, traurig oder lustig. Die schönste ist die von der unwürdigen schottischen Greisin. Aber später, später…

Um mein Thema Kleider von vor zwei Wochen fortzusetzen: Mir fällt es sehr auf, dass selbst auf konservative Kleiderhersteller kein Verlass mehr ist. Ich habe vor zwei oder drei Jahren einen ganzen Schwung Kleider zu Lands End zurückgeschickt mit der Bemerkung, das sei überhaupt nicht die Qualität, die ich von früher gewohnt sei. Es gibt sowieso kaum noch Supima-Baumwoll-Qualität, aber auch die Stoffe unverwüstlichen Klassiker wie Herren-T-Shirts, die immerhin 20€ kosten, sind oft in einer Bestellung von anderer Grammatur – mal von einer Dicke, wie erwartet, mal halb so dick.
Auch meine bevorzugte Schuhmarke Arcus (nicht billig) hat es aufgegeben, die Schuhe mit naturfarbenem Leder zu füttern und stabilisiert innen nur noch mit Belegen.
Mein bevorzugter Wäscheladen hat den Händler gewechselt und bietet jetzt Unterhosen aus dünnerem Stoff mit schlechter genähten Gummis an, die nach 8 Wochen anfangen, abzureißen. Als ich mich beschwerte, kam die Antwort, ich könne sie gern umtauschen. Nur, was soll ich mit dem gleichen Geraffel?

Irgendwie bin ich gerade etwas angegessen deshalb. Unterhosen werde ich mir in Zukunft selber nähen. An Schuhen muss ich noch üben.

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Sonntagsmäander danach

Der Lebensflussknoten hat sich gelöst. So wie es der beste Freund prophezeite: „Wenn man dem so viel Beachtung schenkt, löst es sich sowieso auf.“
Und so war es. Am Montag fällten wir in der Top- oder Hop-Situation eine vernünftige Entscheidung, die unsere Laune die ganze Woche sehr dämpfte. Es steckten 5 Wochen Vorbereitung, Recherche und Planung und viel Energie und Zukunftserwartung darin, die mit „da lassen wir unter diesen Bedingungen doch lieber die Finger von“ obsolet waren. Schade. Aber, wer weiß, wozu es gut war.
Am Dienstag sagte ich Nein. Nicht „na gut, ich kann es ja mal probieren“ oder „ok. ich schau mal, ob es klappt und äußere meine Bedenken erst mal nicht“, sondern „Nein, das kann ich nicht und das ist nicht gut für mich.“ Was die Konsequenz daraus ist, werde ich sehen.
Es hat sich alles sortiert und entspannt, wenn auch die Montags-Entscheidung gerne hätte anders ausgehen können. Da steckt man nicht drin.
Jetzt sehe ich nur noch dem einen unabwendbaren Ereignis freudig entgegen und alles andere hat mehr Zeit.

Das Kind bekommt jetzt die Bauchform, die darauf hindeutet, dass das Kindlein in ihr in Startposition rutscht. Ich muss mich mit dem Babyquilt schrecklich beeilen. Ich kann mich erinnern, dass die letzten zwei, drei Wochen der Schwangerschaft trotzdem endlos waren. Als würde man darauf warten, endlich abgeholt zu werden. Ich bin sehr gespannt, aber auch ein bisschen ängstlich, ob ich der neuen Rolle gewachsen bin.
Meine Mutter sprach mich heute schon mit „Oma“ an. I was not amused.

Überhaupt. Vor 6 Jahren lernten der Graf und uns kennen. Glückliche Ereignisse müssen gefeiert werden.
Mit Cremant und Törtchen im Du Bonheur.
Der Graf machte an diesem Tisch ein Foto von mir und es ist unübersehbar, das ich demnächst wieder alle Avatarfotos aktualisieren sollte. Das Leben vergeht und die Jahre ab Anfang 50 sind nicht nett zu Frauen. Ich bin in dem Alter, in dem frau sich spätestens liften lassen sollte. Ein gruseliger Gedanke, für straffe Haut nicht mehr wie man selbst auszusehen. Och nö. Lieber in angenehmer Gesellschaft faltig werden.

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Sonntagsmäander im falschen Frühling

Es ist Ende Februar und das Wetter macht den Anschein, als wäre der Winter vorbei. Wenn man ein paar Grad mehr herbeiphantasiert, ginge das Gespritze und Geplätscher vom Himmel als frischer Frühlingsregen durch.
Aber der gelernte Berliner weiß: Es wird noch mal richtig kalt. Vorzugsweise Ende März, wenn man die Winterklamotten schon auf den Speicher räumen wollte.

Das Leben an der Barnimkante spielt sich derzeit weitgehend im Vorbereitungs- und Planungsbereich ab. Es ist alles noch nicht spruchreif, weil kein Mensch weiß, wie und wann die Weichen springen, auf die wir gerade zufahren. Kann sein, dass das nächste halbe Jahr ganz easy und sortiert wird. Kann aber auch sein, dass nicht. Da der Graf ein großer Planer ist, was ich sehr schätze, da ich ja eher der Typ „schaun mer mal  …oh hoppla!“ bin, werden Dinge berücksichtigt, die mir noch nicht im Traum einfielen, weil ich noch nicht davor stehe. Diese Recherchen und Gespräche brauchen viel Zeit und Energie. Ich krache abends ins Bett und bin sofort im Traumland.

Dem Kind mit dem Kindlein im Bauch geht es gut und ich muss mich mit dem Babyquilt langsam sputen. Aber der Stoff ist zumindest schon gefärbt und zusammengeklebt sind die Schichten auch schon. Nun geht es an die Nähmaschine.

Ansonsten begegnen mir Dinge.
„Meh, Ermüdungsbrüche von zu viel Sport, ich würde ja kürzer treten, wenn ich wüsste, wie ich sonst 10 Kilo abnehmen und das Gewicht dann halten könnte“ von einer ganz normal schlanken Frau.
Behelfshäuser von wohnungslosen Menschen unter Brücken und im hinteren Eingang zum U-Bahnhof Rosenthaler Straße eine Feuerstelle mit einem davor schlafenden betrunkenen Mann. Meine Reflexreaktion ist „Ich möchte das nicht.“ Ich will nicht, dass diese Stadt noch mehr verkommt. Und ich will nicht, dass diese Menschen auf der Straße leben müssen. Aber da wird es schon kompliziert. Große Städte ziehen Menschen an, die aus der Gesellschaft herausfallen und nur eine Unterkunft hilft oft nicht.
Ein Kampf um 10 Arbeitsstunden mehr, die immer nur für 8 Monate befristet gewährt werden, um vom qualifizierten und verantwortungsvollen Beruf leben zu können. Keine Berufsanfängerin. Eine Frau, die auf Mitte 40 zugeht, seit dem 19. Lebensjahr im Job fleißig, bis auf 3 Jahre Unterbrechung durch ein Studium, das gute Jobchancen hat. Wechsel? Schwierig. Wer wechselt schon von unbefristet mit Tarifvertrag auf befristet ohne Tarif?
Einen 90jährigen nach einem Herzanfall und einer Lungenentzündung in eine Reha stecken, damit er nach dem Willen der 25 Jahr jüngeren Gattin wieder fit gemacht wird. Gehts noch?

Und damit nicht alles so schrecklich klingt, schreibe ich noch auf, was schön war. Gulasch mit Pilzen und Rotkohl gekocht. Das Kind nach dem Schwimmen mit Suppe gefüttert. Tiefes Glück empfunden, angesichts des Umstandes, dass es einem Mann gibt, der mich liebt und den ich lieben darf. Und zwar nicht nur in Entsagung und Distanz oder mit „komm her – geh weg“, sondern ganz und real, mit alles und schafe Soße. Respekt und Erwartungsglück angesichts dessen, was demnächst passieren wird. Die Aussicht darauf, dass ich aus einer Geschichte besser rausgehe als erwartet und die 7 schlimmen Jahre damit endgültig vorbei sind. Auf dem Stoffmarkt die Rot-Phase eingeläutet, auch wenn ich grade eine schlimme Nähblockade habe und nichts für mich zuschneiden mag. Nach dem Putzen und Ölen einen Test mit der neuen alten Nähmaschine genäht.

Das Leben ist schön.

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